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Thesis (M.A.), 1999, 193 Pages
Author: Dr. Sabine Busch-Frank
Subject: Theater Studies
Details
Tags: Komponist, Siegfried, Wagner, Gralshüter, Bayreuth, Komponist, Märchenopern
Year: 1999
Pages: 193
Grade: 2
Bibliography: ~ 229 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-49275-1
ISBN (Book): 978-3-638-72699-3
File size: 1042 KB
die Magisterarbeit zum Thema "Die Märchenoper bei Siegfried Wagner" ist von Umfang wie Thematik her ziemlich ausgeufert, da sie versucht, verschiedene Aufgaben zu lösen: Die Untersuchung von 18 Opern des Sohnes von Richard Wagner, die Definition des Begriffes "Märchenoper" und eine Kategoriesierung sowie einen Kurz-Opernführer von heute überwiegend unbekannten Werken der Jahrhundertwende um 1900. Eine umfengreiche Bibliographie macht die Arbeit für die verschiedenen Themenbereiche interessant.
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Abstract
Diese Untersuchung ist als Magisterarbeit entstanden, vom Umfang her allerdings etwas ausgeartet: Sie unternimmt erstens den Versuch einer Klärung und Kategorisierung des wissenschaftlich nicht abgesicherten (wenn auch oft benutzten) Begriffs der „Märchenoper“, untersucht dann das gesamte Opernschaffen Siegfried Wagners anhand der so geschaffenen Kategorien und weist auf zahlreiche Parallelerscheinungen in zeitgenössischen wie thematisch verwandten Opern und Märchen hin. So entstand zwar keine umfassende Untersuchung (die hätte den Rahmen der Arbeit endgültig gesprengt), aber ein überraschender Blick auf die Vielfalt des Opernschaffens vor allem der Jahrhundertwende und des beginnenden 20. Jahrhunderts, welches sich mit Märchenstrukturen beschäftigt. Der Schwerpunkt liegt dabei überwiegend auf deutschsprachigen und heute vergessenen Werken. Zudem gibt die Untersuchung Einblick in das Schaffen Siegfried Wagners, des Sohnes Richard Wagners und langjährigen Festspielleiters in Bayreuth und ergänzt somit die dünn gesäte Fachliteratur über diesen Dichterkomponisten, wobei die Autorin die Archive des Hauses Wahnfrieds einbeziehen konnte.
Excerpt (computer-generated)
Uni München
Institut für Theaterwissenschaft
Der Komponist Siegfried Wagner -
Der Gralshüter von Bayreuth als Komponist von Märchenopern
Magisterarbeit
vorgelegt von: Sabine Busch-Frank
1999
Inhaltsverzeichnis
1. Siegfried Wagner – der unbekannte Komponist ... 1
2. Zielsetzung der Arbeit ... 3
2. 1. Die musikalischen Vorbilder, welche den Opern Siegfried Wagners von seinen Zeitgenossen zugeordnet wurden – Über die Gewohnheit, Siegfried Wagner immer von Richard Wagner aus zu begreifen ... 4
2. 1. 1. Siegfried Wagner - der Sohn und Wagnerianer? ... 5
2. 1. 1. 1. "Schwarzschwanenreich" versus "Lohengrin" – Schwäne und verfolgte Frauen ... 6
2. 1. 1. 2. Siegfried und Richard Wagner als Librettisten ... 10
2. 1. 2. Siegfried Wagner – der Spät- oder Neoromantiker? ... 15
Exkurs: Übernatürliches in der romantischen Oper und im Märchen ... 17
2. 1. 3. Siegfried Wagner - der Komponist von Volksopern? ... 18
2. 1. 4. Siegfried Wagner der Komponist von Märchenopern? ... 21
2. 2. Die Gattungszuordnung der Opern Siegfried Wagners in unserer Zeit ... 24
3. Der bekannte, aber undefinierte Begriff der "Märchenoper" ... 26
3. 1. Definition des Terminus "Märchenoper" durch Leopold Schmidt ... 27
3. 1. 1. Die Dissertation Leopold Schmidts aus heutiger Sicht ... 30
3. 1. 2. Könnte Siegfried Wagner – wie Schmidt – von einer mythischen Märchen-definition ausgehen und somit nur einen Teil seiner Werke im Bannkreis der Märchenoper angesiedelt haben? ... 32
3. 2. Moderne Forschungsmeinungen zu Begriff und Geschichte der Märchenoper ... 33
3. 2. 1. Geschichtliche Aspekte der Märchenoper in der neueren Forschung – Ist die Märchenoper ein Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts? ... 33
Exkurs: Bedeutung des Märchens in der Kunst der Jahrhundertwende ... 34
Exkurs.1. Das literarische Märchen ... 35
Exkurs.2. Das Märchen in der bildenden Kunst ... 36
3. 2. 2. Das Märchen in der Oper ... 39
3. 2. 3. Die Definition der Märchenoper in der neueren Forschung ... 42
3. 3. Rahmen für Eingrenzung des Begriffs "Märchenoper" ... 43
4. Versuch der Unterteilung des Begriffs "Märchenoper" ... 45
4. 1. Die "reine Märchenoper" ... 47
4. 1. 1. Engelbert Humperdinck: "Dornröschen" ... 47
4. 1. 1. 1. "Dornröschen" – die Handlung ... 49
4. 1. 1. 2. "Dornröschen" und das Märchen ... 51
4. 1. 2. Kategorisierungsversuch ... 53
4. 2. Die "Kunstmärchenoper" ... 55
4. 2. 1. Alexander von Zemlinsky "Der Zwerg" ... 55
4. 2. 1. 1. "Der Zwerg" – die Handlung ... 58
4. 2. 1. 2. "Der Zwerg" und das Märchen ... 59
4. 2. 2. Kategorisierungsversuch ... 61
4. 3. Die "Oper nach Märchenmotiven" ... 62
4. 3. 1. Franz Schreker "Das Spielwerk" ... 63
4. 3. 1. 1. "Das Spielwerk" – die Handlung nach der Fassung letzter Hand ... 65
4. 3. 1. 2. "Das Spielwerk" und das Märchen ... 67
4. 3. 2. Kategorisierungsversuch ... 69
4. 4. Erstellung eines schematischen Überblicks ... 70
5. Siegfried Wagner und die Märchenoper ... 71
5. 1. "Der Bärenhäuter" ... 72
5. 1. 1. Hintergründe der Entstehung und der Rezeption ... 72
5. 1. 2. Inhalt – von Tränen, Teufel und der Erlöserin ohne Liebestod ... 75
5. 1. 3. Interpretationen: Hans Kraft als Sonnenheld oder Hitlerfigur? ... 76
5. 1. 3. 1. "Der Bärenhäuter" – eine Charakterstudie? ... 77
5. 1. 3. 2. "Der Bärenhäuter" – eine mythische Oper? ... 77
5. 1. 3. 3. "Der Bärenhäuter" – eine politische Oper? ... 77
5. 1. 4. "Der Bärenhäuter" und das Märchen ... 78
5. 1. 5. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 80
5. 2. "Herzog Wildfang" ... 81
5. 2. 1. Intrigen und Gerüchte. Zur Vorgeschichte der Münchener Uraufführung ... 81
5. 2. 2. Inhalt - zwischen Revolution und "Liebes-, Wett- und Werberennen" ... 82
5. 2. 3. "Herzog Wildfang" und das Märchen ... 85
5. 3. "Der Kobold" ... 89
5. 3. 1. Das "unverständliche" Stück – "Der Kobold" als harte Nuß für das Publikum ... 89
5. 3. 2. Inhalt – Erbsünde und Liebesverwirrung ... 90
5. 3. 3. "Der Kobold" und das Märchen ... 93
5. 3. 3. 1. Kobold Seelchen ... 93
5. 3. 3. 2. Spirifankerl, Zwerge und Galgenmännchen ... 94
5. 3. 3. 3. Ekhart und der Zauber des Steines ... 95
5. 3. 4. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 97
5. 4. "Bruder Lustig" ... 98
5. 4. 1. "Bruder Lustig" – eine volkskundliche Oper ... 98
5. 4. 2. Inhalt – Parapsychologie und Schelmenstreiche ... 99
5. 4. 3. "Bruder Lustig" und das Märchen ... 100
5. 4. 3. 1. Die Andreasnacht ... 101
5. 4. 3. 2. Heinrich von Kempten ... 102
5. 4. 3. 3. Heinrichs Marienvision ... 104
5. 4. 4. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 104
5. 5. "Sternengebot" ... 105
5. 5. 1. Inhalt – Ein Horoskop führt zu Mord und Liebeswirren. ... 106
5. 5. 2. "Sternengebot" und das Märchen ... 108
5. 5. 2. 1. Heinz – der auserkorene Herrscher ... 108
5. 5. 2. 2. Kurzbold – Hofnarr und Gegenspieler, Zyniker und freundlicher Helfer ... 109
5. 6. "Banadietrich" ... 111
5. 6. 1. Inhalt – ein dreigestaltiger Teufel, ein sagenhafter König und eine Nixe ... 111
5. 6. 2. "Banadietrich" und das Märchen ... 114
5. 6. 3. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 116
5. 7. "Schwarzschwanenreich" und das Märchen ... 117
5. 8. "Sonnenflammen" ... 117
5. 8. 1. Inhalt – der Tanz in den Weltuntergang ... 117
5. 8. 2. "Sonnenflammen" und das Märchen ... 119
5. 9. "Der Heidenkönig" ... 120
5. 9. 1. Inhalt – dekadentes Heidentum ... 121
5. 9. 2. "Der Heidenkönig" und das Märchen ... 123
5. 9. 3. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 124
5. 10. "Der Friedensengel" ... 125
5. 10. 1. Inhalt – die Folgen eines mißglückten Liebestodes ... 125
5. 10. 2. "Der Friedensengel" und das Märchen ... 127
5. 10. 2. 1. Das Graumännchen ... 128
5. 10. 2. 2. Der Friedensengel ... 128
5. 11. "An allem ist Hütchen schuld!" ... 129
5. 11. 1. Inhalt – Märchenmix und Liebeskummer ... 129
5. 11. 2. "An allem ist Hütchen schuld!" und das Märchen ... 131
5. 11. 3. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 133
5. 12. "Das Liebesopfer" oder "Wernhart" ... 134
5. 12. 1. Inhalt – Kampf um die Seligkeit ... 134
5. 12. 2. "Wernhart" und das Märchen ... 135
5. 12. 3. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 137
5. 13. "Der Schmied von Marienburg" ... 137
5. 13. 1. Inhalt – Meineid und Gewissensnot ... 137
5. 13. 2. "Der Schmied von Marienburg" und das Märchen ... 139
5. 14. "Rainulf und Adelasia" ... 140
5. 14. 1. Inhalt – (k)eine Liebesgeschichte ... 140
5. 14. 2. "Rainulf und Adelasia" und das Märchen ... 142
5. 15. "Die heilige Linde" ... 143
5. 15. 1. Inhalt – Germania contra Italia ... 143
5. 15. 2. "Die heilige Linde" und das Märchen ... 145
5. 16. "Wahnopfer" ... 147
5. 16. 1. Inhalt – Menschenopfer und Gottesgericht in aufgeklärten Zeiten ... 147
5. 16. 2. "Wahnopfer" und das Märchen ... 148
5. 17. "Walamund" ... 150
5. 17. 1. Inhalt – Lebenstragik eines Taugenichts ... 150
5. 17. 2. "Walamund" und das Märchen ... 151
5. 18. "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" ... 154
5. 18. 1. Inhalt –Liebeswirren im Märchenland ... 154
5. 18. 2. "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" und das Märchen ... 156
5. 18. 3. Einordnung in das Kategorisierungskonzept ... 158
6. Alles nur ein Märchen? Zusammenfassung der Ergebnisse ... 159
1. Literaturverzeichnis: ... 162
1. 1. Quellen der zitierten Operntexte ... 162
1. 2. Selbstzeugnisse und Literatur zu Siegfried Wagner ... 163
1. 3. Literatur zur Märchenoper ... 166
1. 4. Literatur zur Märchen- und Sagenforschung und zur Literatur der Jahrhundertwende ... 166
1. 4. 1. Primärliteratur ... 166
1. 4. 2. Sekundärliteratur: ... 167
1. 5. Literatur zum Märchen in der bildenden Kunst ... 168
1. 6. Literatur zur Theatergeschichte und zur Terminologie theaterwissenschaftlicher Begriffe ... 168
1. 7. Selbstzeugnisse und Literatur zu einzelnen Komponisten ... 170
1. 8. Lexika und Nachschlagewerke ... 172
2. Opernlexikon ... 173
3. Verzeichnis der Märchenopern ... 179
1. Siegfried Wagner – der unbekannte Komponist
Der Versuch, in einer Magisterarbeit die Opern des heute nahezu ungespielten Komponisten Siegfried Wagner in bestimmte Gattungskategorien einzuordnen, mag auf den ersten Blick als theaterwissenschaftliche Orchideenforschung anmuten. So ist heute sogar für einen Opernfreund oft nicht einmal mehr der Name des Komponisten ein Begriff. Doch zu seiner Zeit gehörte der "andere" Wagner immerhin zu den am meisten beachteten Opernkomponisten der jüngeren Generation – und zu den acht produktivsten. Der Musikschriftsteller und Komponist Edgar Istel stellt jedenfalls für die Jahrhundertwende eine Statistik auf, an deren erster Stelle mit 13 Werken in 20 Jahren Eugène d´Albert, an zweiter Stelle (je sieben) Ignatz Brüll, Karl Goldmark und Leo Blech und an dritter (mit je sechs Werken) Wilhelm Kienzl, Richard Strauss, Siegfried Wagner1 und Heinrich Zoellner zu finden sind2. Dabei sind bereits die damals noch nicht uraufgeführten, aber fertiggestellten und gedruckten Werke Siegfried Wagners ("Schwarzschwanenreich" und "Sonnenflammen") abgezogen! Noch 1936 stellt der Musikwissenschaftler Paul Bekker fest, daß von den neuen Werken der Jahre nach Richard Wagners Tod nur ganze vier ihren Platz im Spielplan behaupten konnten: Humperdincks "Hänsel und Gretel", Pfitzners "Armer Heinrich", Kienzls "Evangelimann" und Siegfried Wagners "Bärenhäuter"3.
Der heute Unbekannte mit dem berühmten Nachnamen war also seinerzeit durchaus ein Begriff für jeden Opernbesucher. Auch die Zahl seiner Werke kann sich sehen lassen: Alleine 19 Opernlibretti sind von Siegfried Wagner erhalten. Bedenkt man, daß er erst mit 29 Jahren seine erste Oper vollendete und bereits mit 61 Jahren verstarb, ist das sicher eine imposante Leistung für einen Mann, der "nebenbei" noch die Bayreuther Festspiele zu leiten hatte. Sein Leben ist schon mehrfach beschrieben worden. Ich verweise vor allem auf die Erinnerungen Kurt Söhnleins4, die Lebensbeschreibung Ludwig Karpaths5, und natürlich die jüngste Biographie von Peter P. Pachl6.
Bezeichnenderweise ist die Autobiographie Siegfried Wagners wenig ergiebig. Sie erinnert über weite Strecken eher an eine Werbe- oder Dankschrift der Bayreuther Festspiele oder an Reisebeschreibungen als an die persönlichen Erinnerungen eines Komponisten. Nur wenig deutet darauf hin, daß er nicht nur reproduzierender, sondern auch schaffender Künstler war. Dies ist wohl das größte Problem bei der Einschätzung der Persönlichkeit Siegfried Wagners. Der Schatten des Hauses Wahnfried, die Ehrfurcht gegenüber dem verstorbenen Vater und die von seiner Mutter diktierte, sich ganz dem Denken und Willen des "Meisters" beugende Wahnfriedsche Gesinnung schweben lebenslang über ihm. Er präsentiert sich daher vorwiegend in der Rolle des Sohnes und Erben. Hinter dieser Fassade an den Menschen oder Komponisten Siegfried Wagner heranzukommen, stellt ein schwieriges Unterfangen dar.
Peter P. Pachl versucht es in seiner Biographie und stellt erstaunliche Thesen für das geheim gehaltene Leben Siegfried Wagners auf, welche sich von homoerotischen Neigungen des Komponisten bis hin zu einem unehelichen Sohn erstrecken. Hier zeigen sich Risse in der Fassade des leutseligen, stets korrekten Festspielleiters – wenn auch den Thesen sicherlich etwas Spekulatives anhaftet.
Siegfried Wagner bleibt die unbekannte Figur in der Festspielgeschichte Bayreuths – im Gegensatz zu Winifred Wagner, seiner Frau und Nachfolgerin in der Festspielleitung, sind seine künstlerische Potenz sowie seine politische Haltung offensichtlich schwer einzuschätzen. Dasselbe Problem stellt sich, wenn man sein Wirken als Opernkomponist betrachtet, wobei erschwerend hinzukommt, daß das Werk Siegfried Wagners heute nur in sehr begrenztem Maße zugänglich ist.
Die Partituren und Texte liegen zum großen Teil nur im wohl zuverlässigsten Archiv für Richard und Siegfried Wagner, der Richard Wagner-Gedenkstätte in Bayreuth vor. Die Opern aufgeführt zu sehen, ist sogar die absolute Ausnahmeerscheinung. Die Schwierigkeit, selbst an Primärquellen heranzukommen, ist der Grund für die in der vorliegenden Arbeit sehr ausführlichen Zitate und Inhaltsangaben.
Überhaupt ist die Rezeptionsgeschichte der Opern Siegfried Wagners ungewöhnlich. Nicht einmal der doch einst so populäre "Bärenhäuter"7 konnte sich letztlich auf der Bühne behaupten. Die Uraufführungen manch anderer Werke fanden sogar erst nach dem Tod des Komponisten statt. Pachl weiß zu berichten, daß es die Witwe gewesen sei, die geplante Aufführungen verhinderte8. Dank seiner Initiative, der von Siegfried Wagners älterer Tochter Friedelind und der Internationalen Siegfried Wagner- Gesellschaft (ISWG) kam es seit den siebziger Jahren immerhin zu vereinzelten konzertanten Aufführungen einiger Opern Siegfried Wagners9. Szenische Aufführungen fanden in Kiel ("Das Flüchlein, das jeder mitbekam"), in Wiesbaden ("An allem ist Hütchen schuld!") und vor allem in Rudolstadt statt. Dort werden seit 1992 Festspiele unter der Intendanz Pachls abgehalten, in deren Rahmen bereits "Der Bärenhäuter", "Schwarzschwanenreich", "Wahnopfer" und "Banadietrich" dem Publikum vorgestellt werden konnten. Die Reaktionen der Presse sind gespalten, doch die Werke haben sich inzwischen eine feste Gemeinde erobert, die dem unbekannten Wagner von Bayreuth die Stange hält. Da die Festspielproduktionen auf Tonträger veröffentlicht und somit dem interessierten Publikum zugänglich gemacht wurden, tritt also nun langsam die Situation ein, daß man über Siegfried Wagner wenigstens wieder diskutieren kann und sich nicht mangels Material mit ungenauen Begriffen für ihn – wie "Märchenopernkomponist" – abfinden muß.
2. Zielsetzung der Arbeit
Den Namen Siegfried Wagner assoziieren selbst Kenner der Musikgeschichte der Jahrhundertwende meist mit dem Begriff "Märchenoper". Dies gilt für die fremdsprachige Forschung genauso wie für die deutsche, wo man z. B. im "Musik- Lexikon" von Hans Joachim Moser10 lesen kann, daß es sich bei Siegfried Wagner um einen Komponisten von Märchenopern in der Nachfolge Lortzings und Webers handele. Als Beispiel wird von "Bärenhäuter" bis zur "Heiligen Linde" das gesamte Opernschaffen Siegfried Wagners aufgeführt – die völlig in Vergessenheit geratenen Werke wie "Das Liebesopfer" (d. i. in der zweiten Fassung "Wernhart"), das musikalisch unvollendet gebliebene "Wahnopfer", "Walamund" und das posthum als Libretto veröffentlichte, nicht völlig auskomponierte Märchenspiel (!) "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" ausgenommen. Ob sich solch ein Pauschalurteil überhaupt halten läßt, soll die vorliegende Arbeit überprüfen.
Die Untergattung "Märchenoper" wurde in der neueren Forschung bisher nicht einheitlich definiert, ist jedoch für die Opernproduktion der Jahrhundertwende von großer Wichtigkeit. Istel bemerkt in der bereits angeführten Statistik über die Uraufführungen jener Jahre: "Stofflich verteilen sich die 520 Opern derart, daß 271 ernsten (nicht immer tragischen) Inhalts sind, 176 einen heiteren Stoff haben und 73 der Märchenwelt entnommen sind. "11
Über 1/7 der Gesamtproduktion entfiel also damals auf einen Bereich, aus dem man heute wohl nur noch Humperdincks "Hänsel und Gretel" im Repertoire findet12. Dieses Werk ist aber auch – besonders in der Weihnachtszeit – immer noch eines der erfolgreichsten des Musiktheaters. Blickt man in die deutsche Bühnenstatistik13, so hatten in den Spielzeiten 1992/1993 und 1993/1994 jeweils vierzig Bühnen dieses Werk auf dem Spielplan. In beiden Jahren war die Oper nach der "Zauberflöte" das am häufigsten neuinszenierte Werk der deutschen Theaterwelt.
Da der gesamte Komplex der Märchenopern, die zur Zeit der Jahrhundertwende entstanden, bisher nicht definiert wurde, muß ein großer Teil der vorliegenden Arbeit den Versuch einer an Beispielen ausgeführten Begriffsbestimmung wagen, bevor dann eine neuerliche Überprüfung der Gattungszugehörigkeit von Siegfried Wagners Werk erfolgen soll. Zunächst aber wird anhand der zeitgenössischen Urteile und späterer Forschung zusammengestellt werden, welchen Operngattungen seine musikdramatischen Werke bisher zugeordnet wurden.
[...]
1 Es handelt sich hierbei um "Der Bärenhäuter" (1899), "Herzog Wildfang" (1901), "Der Kobold" (1904), "Bruder Lustig" (1905), "Sternengebot" (1908), "Banadietrich" (1910). Die Ziffern bezeichnen grundsätzlich das Jahr der Uraufführung.
2 Istel, Edgar "Eine deutsche Opernstatistik 1883-1913", in "Die Musik. Halbmonatsschrift mit Bildern und Noten", Schuster, Bernd (Hrsg.), Vierzehnter Jahrgang, Dritter Quartalsband, Band LV, Heft 18 im Juni 1915, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin 1915, S. 265
3 Beckers, Paul "Die nachwagner´sche Oper bis zum Ausgang des 19. Jhrt. im Spiegel der Münchener Presse", Dissertation, Buchdruckerei Beyer & Hausknecht, Bielefeld 1936, S. 5/6
4 Söhnlein, Kurt "Erinnerungen an Siegfried Wagner und an Bayreuth (Mit Anhang: Siegfried Wagners Briefe an Kurt Söhnlein)", Pachl, Peter P. (Hrsg.), Schriftenreihe der internationalen Siegfried Wagner-Gesellschaft, Band 1, Bayreuth 1980
5 Karpath, Ludwig "Siegfried Wagner als Mensch und Künstler", Verlag Hermann Seemann Nachfolger, Bayreuth 1902
6 Pachl, Peter P. "Siegfried Wagner. Genie im Schatten", Nymphenburger, München 1988
7 Bereits 1900 findet sich das Werk auf dem Spielplan von 8 Theatern bei 77 Aufführungen, im folgenden Jahr bestätigen noch weitere 25 Opernhäuser diesen Trend und "Der Bärenhäuter" ist somit 1900/1901 die meistaufgeführte Oper der Spielzeit. (Alle Angaben nach Pachl "Siegfried Wagner. Genie im Schatten", S. 153/154)
8 so z. B. zum hundertsten Geburtstag des Komponisten, vgl. Pachl "Siegfried Wagner. Genie im Schatten", S. 446
9 London "Der Friedensengel" und "Der Kobold", Wiesbaden "Sternengebot" und "Sonnenflammen", München "Herzog Wildfang" und Solingen "Schwarzschwanenreich", vgl. dazu Pachl "Siegfried Wagner. Genie im Schatten", S. 444 ff.
10 Moser, Hans Joachim "Musik-Lexikon", 2 Bände, Musikverlag Hans Sikorski, Hamburg 1955, S.1401, Sp. 2 - S. 1402, Sp. 1
11 Istel "Eine deutsche Opernstatistik 1883-1913", S. 266
12 Genau kann dies nicht überprüft werden, da Istel nur die Ziffern, nicht aber die Namen der Opern veröffentlicht. Daher ist auch die interessante Frage, was ein Komponist und Musikschriftsteller der Jahrhundertwende, wie es Istel war, genau dem Begriff "Märchenoper" zuordnete, mittels dieser Statistik nicht zu beantworten.
13 In der Spielzeit 1992/1993 befand es sich mit 355 Aufführungen mit mehr als 258 291 Zuschauern auf Platz 18 der meistgespielten Werke (nicht Opern!). Die Zahlen für die Spielzeit 1993/94 ergeben
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