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"Begriffe besetzen" - Der Kampf um Worte in der Politik

Termpaper, 2003, 16 Pages
Author: Annika Fischer
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V54099
ISBN (E-book): 978-3-638-49371-0
ISBN (Book): 978-3-638-80250-5
File size: 181 KB

Abstract

„Statt der Gebäude der Regierung werden die Begriffe besetzt.“ sagte der Politiker Kurt Biedenkopf in einer Rede (Hombach 1991, S. 36). In dieser Hausarbeit soll geklärt werden, wieso Begriffe in der politischen Sprache so wichtig sind und wie Begriffe „besetzt“ werden können. Auch die Metapher „Begriffe besetzen“ selbst, soll näher untersucht werden. Dabei soll geklärt werden, ob „Begriffe besetzen“ sprachwissenschaftlich überhaupt möglich ist. Hierzu wird der Forschungsstand der Sprachwissenschaft zu Rate gezogen. Allerdings handelt es sich bei der benutzten Literatur um Primär- und Sekundärliteratur aus den 70er Jahren. In dieser Zeit wurde sich in der Politik und in der Sprachwissenschaft sehr intensiv mit der Wirkung der Sprache und der Verknüpfung zur politischen erwünschten Wirkung beschäftigt. Gründe hierfür waren die Wahlniederlage der CDU 1972 mit den daraufhin folgenden (Sprach-)Analysen des Parteiprogramms und die Nachwirkungen des intellektuellen Klimas der 68er-Bewegungen sowohl im Bildungswesen als auch in den öffentlich-rechtlichen Medien (vgl. Klein 1991, S. 45). Um den Rahmen der Hausarbeit nicht zu sprengen, wird sich die Beschäftigung mit dem Vorgang des „Begriffe besetzen“ und den „Begriffsbesetzern“ auf theoretischen Überlegungen beschränken, die aber mitunter mit entsprechenden Beispielen aus der politischen Praxis belegt werden.


Excerpt (computer-generated)

TU Dresden, Lehrstuhl für Linguistik und Sprachgeschichte
Seminar III: Öffentlich-politischer Sprachgebrauch
„Begriffe besetzen“ – der Kampf um Worte in der Politik
3. Semester

"Begriffe besetzen" - Der Kampf um Worte in der Politik

von: Annika Fischer

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1 Begriffe in der politischen Sprache

1.1 Begriffe als Sprache der Politik
1.2 Begriffe besetzen im linguistischen Sinne

2 Funktion der Besetzung

2.1 Zweck des Begriffbesetzens
2.2 Begriffsmetaphorik in Biedenkopf-Zitaten
2.3 Strategien und linguistische Arten der Besetzung
2.4 Probleme bei den Strategien der Besetzung
2.5 Erfolgreiche Besetzung von Begriffen

II Schlusswort

III Literaturverzeichnis

 


 

Einleitung

„Statt der Gebäude der Regierung werden die Begriffe besetzt.“ sagte der Politiker Kurt Biedenkopf in einer Rede1 (Hombach 1991, S. 36). In dieser Hausarbeit soll geklärt werden, wieso Begriffe in der politischen Sprache so wichtig sind und wie Begriffe „besetzt“ werden können. Auch die Metapher „Begriffe besetzen“ selbst, soll näher untersucht werden. Dabei soll geklärt werden, ob „Begriffe besetzen“ sprachwissenschaftlich überhaupt möglich ist. Hierzu wird der Forschungsstand der Sprachwissenschaft zu Rate gezogen. Allerdings handelt es sich bei der benutzten Literatur um Primär- und Sekundärliteratur aus den 70er Jahren. In dieser Zeit wurde sich in der Politik und in der Sprachwissenschaft sehr intensiv mit der Wirkung der Sprache und der Verknüpfung zur politischen erwünschten Wirkung beschäftigt. Gründe hierfür waren die Wahlniederlage der CDU 1972 mit den daraufhin folgenden (Sprach-)Analysen des Parteiprogramms und die Nachwirkungen des intellektuellen Klimas der 68er-Bewegungen sowohl im Bildungswesen als auch in den öffentlich-rechtlichen Medien (vgl. Klein 1991, S. 45). Um den Rahmen der Hausarbeit nicht zu sprengen, wird sich die Beschäftigung mit dem Vorgang des „Begriffe besetzen“ und den „Begriffsbesetzern“ auf theoretischen Überlegungen beschränken, die aber mitunter mit entsprechenden Beispielen aus der politischen Praxis belegt werden.

1. Begriffe in der politischen Sprache

1.1. Begriffe als Sprache der Politik

Sprache und Politik hängen zusammen. Eine gewaltfreie Politik muss sich der Sprache bedienen, um ihre Absichten zu erläutern, um die konkurrierenden Ziele abzugrenzen und für die eigene Sache Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen (vgl. Bergsdorf 1991, S. 19). Durch die Sprache kommt es zur Meinungsbildung und –verbreitung, Erinnerung und Änderung von Ansichten. Mit Hilfe der Sprache können Standpunkte ausgetauscht werden, Entscheidungen getroffen und verteidigt werden. (vgl. Bachem 1979, S. 11). Um eine Gesellschaft handlungsfähig zu machen und eine politische Struktur zu erreichen, müssen politische Ziele gebündelt und wirksam werden. Gemeinsame Wert- und Zielvorstellungen gewährleisten die politische Integration. „Die Sprache leistet dieser für jedes politische System unabdingbaren Integration dadurch ihren Dienst, daß sie die Mittel anbietet, Werte und Ziele zu formulieren.“ (Bergsdorf 1991, S. 21).

Für den Erfolg eines Politikers ist die Verständlichkeit seiner Sprache wichtig. Ein Politiker soll von möglichst vielen Bürgern verstanden werden und somit ihre Unterstützung gewinnen (vgl. Bergsdorf 1991, S. 22). Zu beachten ist außerdem die Verbreitung durch die Medien (Zeitung, Rundfunk und Fernsehen)2. Da ein möglich großes Publikum erreicht werden soll, wird im Politikbereich versucht, möglichst vielen – verschiedenen – Gruppen gerecht zu werden. Dies wird umso besser erreicht, je allgemeiner und unbestimmter sich ausgedrückt wird (vgl. Dieckmann 1969, S. 103). Im Unterschied zur Alltagssprache ist die Vereinigung von Verständlichkeit und Genauigkeit ein wichtiges Merkmal der politischen Sprache. Allerdings bedeutet Verständlichkeit eine Vereinfachung, die zu Ungunsten der Genauigkeit geht. „Die Integrationsleistung der politischen Sprache erfordert einen hohen Preis: den Preis einer mangelnden Präzision ihrer Begriffe.“ (Bergsdorf 1991, S. 24).

Auffällig ist das Entweder-Oder-Prinzip in der politischen Sprache. „Man denke an Begriffsschemata wie Freiheit – Unfreiheit, Gerechtigkeit – Ungerechtigkeit und auch Frieden – Krieg.“ (Bergsdorf 1991, S. 22), welches mit gegensätzlichen Begriffen – ohne Zwischentöne – operiert. Es kann behauptet werden: „Die Sprache der Politik ist eine Sprache der Begriffe.“ (Bergsdorf 1991, S. 22). Zwar werden die Wörter aus der Alltagssprache entliehen, die dann in der Politik den Rang von Begriffen erhalten (vgl. Bergsdorf 1991, S. 22). „Begriffe sind verdichtete Symbole, die für Zusammenhänge stehen und durch sie bestimmt werden.“ (Bergsdorf 1991, S. 22).3 Politische Begriffe besitzen eine negative oder positive Bewertung und sind selbständig, das heißt sie wirken auch als „isolierte Wörter [...], nicht als Wörter im Kontext.“ (Dieckmann 1969, S. 105, 106). Die Begriffe „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ sind die drei wichtigsten Schlagworte der beiden Volksparteien CDU und SPD. Mit einem Wort wird ein politisches Programm suggeriert, ohne es deutlich zu explizieren (vgl. Bergsdorf 1991, S. 23).4

1.2. Begriffe besetzen im linguistischen Sinne

[...]


1 Zitat ist einer Rede auf dem Hamburger CDU-Parteitag im November 1973 entnommen (Hombach 1991, S. 36).

2 So sollen die Medien, durch ihren Einfluss beziehungsweise weil sie über Politik berichten, ebenso wie Politiker Verantwortung für die politische Sprachkultur tragen (vgl. Bergsdorf 1991, S. 21).

3 Nicht immer wird „Begriff“ für die politische Sprache extra definiert, sondern im umgangssprachlichen Sinne benutzt. „Ich verwende in diesem Aufsatz den Ausdruck Begriff in der Regel umgangssprachlich, jedenfalls solange, wie eine nähere linguistische Differenzierung nicht nötig erscheint.“ (Kuhn 1991, S. 90). Wobei andere Literatur deutlich den Begriff aus der Alltagssprache löst und auf die besondere Verwendung verweist: „Die Bedeutung von Wörtern wird durch den allgemeinen Sprachgebrauch geregelt, während Begriffe Sprachgebrauch mit normierter oder normierender Bedeutung sind.“ (Bergsdorf 1991, S. 22).

4 So suggeriert das Wort „Solidarität“ ein „Alle-für-jeden-und-jeder-für-alle-Gefühl“ ohne ausdrücklich zu sagen, wie das konkret aussehen und (durch die Partei) umgesetzt werden soll.


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