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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 21 Pages
Author: Mathias Pfeiffer
Subject: Theology - Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Leipzig (Theologische Fakultät / Religionswissenschaftliches Institut)
Tags: Augustinus, Strukturwandel, Verhaltens, Mozart, Offenbarung, Gott, Erkundungen, Verhältnis, Musik, Religion, Mathias Pfeiffer, Max Weber
Year: 2006
Pages: 21
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 22 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-49458-8
ISBN (Book): 978-3-638-79204-2
File size: 236 KB
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Abstract
Zu spezifisch „okzidentalen Kulturerscheinungen“ zählt Max Weber neben rationalem Recht, Kapitalismus und Beamtentum auch die Kunst. Eigens zur Musik bemerkt er: „Das musikalische Gehör war bei anderen Völkern anscheinend feiner entwickelt als heute bei uns; jedenfalls nicht minder fein. [...] Aber rationale harmonische Musik [...] gab es nur im Okzident.“ An anderer Stelle fragt Weber „warum sich gerade an einem Punkt der Erde aus der immerhin ziemlich weitverbreiteten Mehrstimmigkeit sowohl die polyphone wie die harmonisch-homophone Musik und das moderne Tonsystem überhaupt entwickelt hat, im Gegensatz zu anderen Gebieten mit einer [...] mindenstens gleichen Intensität der musikalischen Kultur.“ Hieran anknüpfend untersucht die Arbeit das Verhältnis zwischen Christentum und Musik für die Zeit der Spätantike; eine Epoche, die auf besondere Weise die Bedingungen und die Eigenart der abendländischen Musikentwicklung veranschaulicht. Von musiktheoretischer Fachkunde wird dabei abgesehen, die Arbeit beschränkt sich auf historische und soziologische Perspektiven. Vor allem die Thesen von Max Weber und Kurt Blaukopf werden beleuchtet und befragt: Kam es in der Spätantike bedingt durch das Christentum zu einer spezifischen Rationalisierung, einer „Entsinnlichung“ der Musik, was eine folgenschwere Trennung von Musik und Sprache bewirkte, so daß überhaupt die Musik als autonomes Gebilde, als selbstreferentielle Kunst zu existieren begann? So und ähnlich könnten Leitfragen lauten. Bezogen auf das Christentum bedeutet und bedeutete dies auch: Musik als rein ästhetischer Genuß oder als Gefäß und Instrument eines im Geiste allein auf Gott gerichteten Gebets? Und tatsächlich kommt diese Gegensätzlichkeit der Musikauffassung v.a. in der Kirchenmusik zum Vorschein. Bereits im frühen Christentum bewegte sich die theologische Debatte zur Musik auf dem Hintergrund der Frage, ob Sinnliches für den Gottesdienst geeignet sei. Die moderne Zeit fragt hier nach strukturellen Überschneidungen zwischen Musik und Religion. Quasi in einer Konkurrenzsituation beargwöhnte ‚die Religion‘ die Musik, domestizierte und instrumentalisierte sie – mit weitreichenden, teils unintendierten Folgen. Seitens der Quellen soll Aurelius Augustinus (354 - 430 n. Chr.) zu Wort kommen, in seiner Eigenschaft als großer Gelehrter der Spätantike, der, sowohl in den paganen Wissensdisziplinen bewandert als auch theologisch maßgebend, wohl mehr denn exemplarisch angeführt werden kann.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig, Theologische Fakultät /
Religionswissenschaftliches Institut
Hauptseminar: Mozart als Offenbarung und der DJ ein Gott? –
Erkundungen zum Verhältnis von Musik und Religion
A corporeis ad incorporea - Augustinus und der
Strukturwandel musikalischen Verhaltens
von: Mathias Pfeiffer
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Musikgeschichtlicher Überblick 4
II. 1. Musik in der Antike – Kulturbetrieb 4
II. 2. Musik im frühen Christentum – Skepsis dem Wohlklang 6
III. Augustinus und die Musik 8
IV. Musiksoziologisches 11
V. Augustinus und die „Entsinnlichung“ 13
VI. Schlußüberlegungen 17
VII. Abkürzungsverzeichnis 20
VIII. Literaturverzeichnis 20
VIII. 1. Quellen 20
VIII. 2. Sekundärliteratur 20
I. Einleitung
„Universalgeschichtliche Probleme wird der Sohn der modernen europäischen Kulturwelt [...] unter der Fragestellung behandeln: welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“ So leitet Max Weber eine seiner berühmtesten Schriften ein1. Zu den spezifisch „okzidentalen Kulturerscheinungen“ zählt er neben rationalem Recht, Kapitalismus und Beamtentum auch die Kunst. Eigens zur Musik bemerkt er: „Das musikalische Gehör war bei anderen Völkern anscheinend feiner entwickelt als heute bei uns; jedenfalls nicht minder fein. [...] Aber rationale harmonische Musik: [... es folgt eine Aufzählung der Errungenschaften moderner abendländischer Musik] dies alles gab es nur im Okzident.“ An anderer Stelle2 fragt Weber „warum sich gerade an einem Punkt der Erde aus der immerhin ziemlich weitverbreiteten Mehrstimmigkeit sowohl die polyphone wie die harmonisch-homophone Musik und das moderne Tonsystem überhaupt entwickelt hat, im Gegensatz zu anderen Gebieten mit einer – wie namentlich im hellenischen Altertum, aber auch z. B. in Japan – mindenstens gleichen Intensität der musikalischen Kultur.“
Hieran anknüpfend soll die vorliegende Arbeit das Verhältnis zwischen Christentum und Musik für die Zeit der Spätantike untersuchen; eine Epoche, die geeignet ist, die Bedingungen und die Eigenart der abendländischen Musikentwicklung zu veranschaulichen. Da von Seiten des Autors musiktheoretische Fachkundigkeit leider nicht einfließen kann, wird sich diese Arbeit auf historische und soziologische Perspektiven beschränken. Vor allem die Thesen von Max Weber und Kurt Blaukopf sind zu befragen und zu beleuchten. Kam es in der Spätantike bedingt durch das Christentum zu einer spezifischen Rationalisierung, einer „Entsinnlichung“3 der Musik, was eine folgenschwere Trennung von Musik und Sprache bewirkte, so daß überhaupt die Musik als autonomes Gebilde, als selbstreferentielle Kunst – wie sie uns heute gegenübersteht – zu existieren begann? So und ähnlich könnten Leitfragen lauten. Bezogen auf das Christentum bedeutet und bedeutete dies auch: Musik als rein ästhetischer Genuß oder als Gefäß und Instrument eines im Geiste allein auf Gott gerichteten Gebets? Und tatsächlich kommt diese Gegensätzlichkeit der Musikauffassung v.a. in der Kirchenmusik zum Vorschein. Bereits im frühen Christentum bewegte sich die theologische Debatte zur Musik auf dem Hintergrund der Frage, ob Sinnliches für den Gottesdienst geeignet sei. Die moderne Zeit fragt hier nach strukturellen Überschneidungen zwischen Musik und Religion. Quasi in einer Konkurrenzsituation beargwöhnte ‚die Religion‘ die Musik, ja domestizierte und instrumentalisierte sie – mit weitreichenden teils unintendierten Folgen. Seitens der Quellen soll Aurelius Augustinus (354 - 430 n. Chr.) zu Wort kommen, in seiner Eigenschaft als großer Gelehrter der Spätantike, der, sowohl in den paganen Wissensdisziplinen bewandert als auch theologisch maßgebend, wohl mehr denn exemplarisch angeführt werden kann.
II. Musikgeschichtlicher Überblick
Zunächst wird ein Überblick gegeben zum näheren Verständnis der musikgeschichtlichen Zusammenhänge an der Schnittstelle zwischen Antike und christlichem Mittelalter. Das Augenmerk richtet sich dabei auf fürs Thema relevante Aspekte wie das Musikverständnis, das Verhältnis von Musik zu Wissenschaft und Religion, zur Moral oder zu sich selbst als Kunst.
II. 1. Musik in der Antike – Kulturbetrieb
Im Kult der heidnischen Antike spielte Musik eine selbstverständliche, eine tragende Rolle: bei Tänzen aller Art, bei Prozessionen, als Instrumentalbegleitung von Tieropfern4. Ebenso hat man sich die Musik im Alltag nicht anders als heutzutage vorzustellen, etwa wenn die Mutter dem Kind ein Schlaflied sang. Aber Musik war auch Bestandteil eines klassischen Bildungskonzeptes, das Platon etwa so beschrieb: γυµναστικη (Sport, Hygiene) für den Körper und µουσικη (Literatur und Leierspiel) für die Seele5, wobei die µουσικη als „Musenkunst“ Musik und verwandte Gebiete vereinte. Dahinter steht die sogenannte Ethoslehre6, eine klassisch griechische Idee, die Ästhetik mit Ethik verbindet: Musik reicht über das Ästhetische bis ins Moralische hinein und trägt so zur Geistesbildung und Erziehung bei. Der Mensch wird von diesem Konzept als Ganzes in Leib und Seele erfaßt, die Beziehung zwischen musikalischem Ausdruck und seelischem Empfinden war Gegenstand mannigfaltiger Untersuchungen bis hin zu psychotherapeutischen Ansätzen. Träger dieses Konzeptes waren Pythagoreer und Platoniker. Platon und Aristoteles zufolge war die ältere klassische antike Musik nur als Einheit von Ton und Wort (und Gebärde und Bewegung) begreifbar7. In der Tat liegt die ursprüngliche Verknüpfung der Musenkünste nahe, führt man sich ‚Kulturerscheinungen‘ wie Rhapsoden8 vor Augen. Lyrik wurde mehr gesungen als gesprochen, überhaupt war das Altgriechische – soviel wir heute wissen – eine sehr melodische Sprache. Ab dem 5. Jh. v. Chr. jedoch geleitete der sogenannte „Neue Stil“ die Musik auf neue Pfade: Technische Verbesserungen der Instrumente und ihres Tonbereiches führten zunehmend zu Professionalisierung. Spezialisierte Berufsvirtuosen betraten die musikalische Bühne. Es kam zu einer “Verselbständigung des Musikalischen gegenüber dem Dichterischen”9 und damit auch allmählich zur Verengung des Begriffes ‚Musik‘ auf das, was wir heute unter Musik verstehen bzw. zur Auflösung der µουσικη in ihre Einzeldisziplinen.
[...]
1 Weber, Vorbemerkung, S.1f. Sämtliche hier besprochenen Texte von Max Weber stammen – soweit nicht anders aufgeführt – aus: Max Weber, Schriften 1894 - 1922. Ausgewählt von Dirk Kaesler, Stuttgart 2002. Zur Erleichterung der wissenschaftlichen Arbeit sind hier die im Buch alternativ bezifferten Seitenangaben der Originalausgaben verwendet.
2 Weber, Grundlagen, S.64.
3 Blaukopf, Wandel, S.210.
4 Oder man denke an das Theater mit Chor und Sologesang, das aus dem Kult für Dionysos entstand.
5 Plat. polit. 2, 376e.
6 Vgl. U. Klein, Kleiner Pauly 3 (1979), s.v. Musik, Sp.1493.
7 Vgl. ebd. Sp.1487.
8 Fahrende Sänger, die aus dem Stegreif Epen und Legenden vortrugen oder improvisierten; als Institution eng verbunden mit der Oralität von Gesellschaften, vergleichbar vielleicht den Griots in Westafrika.
9 U. Klein, Kleiner Pauly 3 (1979), s.v. Musik, Sp.1488.
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