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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 33 Pages
Author: Marcel Schaefer
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: RWTH Aachen University (Germanistisches Institut)
Tags: arbeit
Year: 2003
Pages: 33
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-49664-3
ISBN (Book): 978-3-638-68826-0
File size: 172 KB
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Abstract
"Wir werden in der Erzählung ,In der Strafkolonie' an die Grenzen des menschlichen Denkens versetzt. Ja, an diesem Werk ist im wahren Sinne des Wortes alles wesentlich. Es stellt das Problem des Absurden in seiner Gesamtheit dar. Es ist das Schicksal und vielleicht auch die Größe dieses Werkes, dass es alle Möglichkeiten darbietet und keine bestätigt." Albert Camus Franz Kafkas Werk einer bestimmten literarischen Richtung eindeutig zuzuordnen fällt schwer. Seine Erzählungen weisen sowohl expressionistische Züge auf – existentielle Themen wie Identitätsverlust und Machtmechanismen sind immer wieder Gegenstand seiner Arbeiten, wobei sich auch stilistische Gemeinsamkeiten mit expressionistischen Autoren zeigen– als auch surrealistische – kennzeichnend ist das tiefe Eindringen in die eigene Gedankenwelt, das Vordringen in psychische Tiefenschichten, sowie das Verschwimmen von Traum und Realität. Für eine eindeutige Zuordnung zu einer der Richtungen reichen die Gemeinsamkeiten jedoch nicht aus. Charakteristisch für Kafkas Werke ist ein klarer, fast karger Stil, der zu einer beängstigenden, klaustrophobischen Wirkung beiträgt. Deutlich erkennbar erscheint der Einfluss der Existenzphilosophie Kirkegaards, nach welcher sich das menschliche Leben nicht in einem System erklären lässt, sondern durch Zwiespältigkeit gekennzeichnet ist. Die Realität entzieht sich einer vernünftigen und objektiven Deutung, die Wahrheit bleibt von der subjektiven Wahrnehmung abhängig – ein für Kafka im allgemeinen und für seine Erzählung „In der Strafkolonie“ im besonderen relevanter Aspekt. Die Erzählung ist ein Paradebeispiel für Kafkas Auseinandersetzung mit konträren Sichtweisen, von denen keine zu einer befriedigenden Lösung zu führen scheint. Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Deutung dieser Erzählung unter besonderer Berücksichtigung des aspektes Schuld und Strafe, der einen Schwerpunkt in Kafkas Gesamtwerk darstellt. Das Aufzeigen der verschiedenen Bedeutungsebenen, welches auf textimmanenter Ebene geschehen muss, innerhalb des hermeneutischen Zirkels, in dem wir uns hierbei befinden, wird verschiedene moralphilosophisch deutbare Sichtweisen und das mit ihnen verbundene Dilemma einer Unentscheidbarkeit zeigen, welche sich, ihn Bezug zur Leserwelt gesetzt, geradezu als Essenz aller psychischer und weltlicher Konflikte offenbart.
Excerpt (computer-generated)
Germanistisches Institut der RWTH Aachen
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminar: „Franz Kafka: Ausgewählte Erzählungen“
Sommersemester 2003
Zweifel an der Zweifellosigkeit - Bedeutungsebenen
in Franz Kafkas "In der Strafkolonie"
von: Marcel Schaefer
Inhalt
Einleitung – Über das Leben und das Schreiben Franz Kafkas
1) Die Unmenschlichkeit des Verfahrens
2) Die Umkehr der Perspektive und warum die Schuld zweifellos ist
3) Die erlösende Schrift
4) Der Tod der Maschine
5) Zwei zweifelhafte Wege
Schlussgedanken
Einleitung – Über das Leben und das Schreiben Franz Kafkas
„Hätte sich der Schöpfer anders besonnen, und wäre Kafka in Asien geboren: Millionen klammerten sich an seine Worte und grübelten über sie, ihr Leben lang.“ (Kurt Tucholsky) Franz Kafkas Werk einer bestimmten literarischen Richtung eindeutig zuzuordnen fällt schwer. Seine Erzählungen weisen sowohl expressionistische Züge auf1 – existentielle Themen wie Identitätsverlust und Machtmechanismen sind immer wieder Gegenstand seiner Arbeiten, wobei sich auch stilistische Gemeinsamkeiten mit expressionistischen Autoren zeigen2– als auch surrealistische – kennzeichnend ist das tiefe Eindringen in die eigene Gedankenwelt, das Vordringen in psychische Tiefenschichten, sowie das Verschwimmen von Traum und Realität, wenngleich zu surrealistischen Autoren die sprachliche Nähe weitgehend fehlt.3 Für eine eindeutige Zuordnung zu einer der Richtungen reichen die Gemeinsamkeiten jedoch nicht aus.
Kafkas „klarer (fast karger) Stil, der Wirklichkeit und Phantasie vermischt [...], trägt zu der beängstigenden, klaustrophobischen Atmosphäre in seinen Werken bei“4. Deutlich erkennbar erscheint der Einfluss der Existenzphilosophie Kirkegaard, nach welcher sich „das menschliche Leben nicht in einem System erklären lasse, sondern durch Zwiespältigkeit gekennzeichnet“5 ist. „Die wirklichen Probleme entziehen sich nach Kirkegaard einer vernünftigen und objektiven Deutung. Die Wahrheit ist für ihn subjektiv“6 – ein, wie sich zeigen wird, für Kafka im allgemeinen und für seine Erzählung „In der Strafkolonie“ im besonderen relevanter Aspekt. Franz Kafka [1883-1924] lebte und starb in Prag; seine immer wieder neu geschmiedeten Pläne, auszuwandern, zuletzt sogar nach Palästina7, verliefen im Sand und blieben Träume. Abgesehen von Reisen ins Ausland, vorwiegend nach Paris, und längeren Aufenthalten in Berlin blieb er Zeit seines Lebens in Prag, arbeitete für die „Arbeiter-Unfall- Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag“8, eine Arbeit, die er, trotz mehrfacher Beförderung, nicht wirklich mochte, während er sich nachts und an seinen freien Tagen dem Schreiben widmete. Bekannt sind Kafkas Probleme mit Frauen auf der einen Seite – obwohl er dreimal verlobt war, heiratete er nicht, führte Beziehungen zum Teil nur über Briefkontakt, und „man geht wohl nicht zu weit, wenn man behauptet, dass sich Kafka nur über das geschriebene Wort bei gleichzeitiger körperlicher Distanzwahrung vollends öffnen konnte“9 – , sowie die Probleme mit seinem Vater auf der anderen. Kafkas Vater entstammte der einfachen Arbeiterschicht, und sein einziges Interesse galt der gesellschaftlichen Anerkennung10, die er mit dem Aufbau seines Geschäftes und einer disziplinierten Lebensweise auch erlangte. Die Generation Kafkas war nun eher akademisch orientiert, und Kafkas Vater brachte für dessen literarische Interessen kein Verständnis auf.11 Das Eheleben der Eltern Kafkas schien zwar harmonisch zu sein, hatte aber „unter dem Druck, sowohl den väterlichen, aber auch gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen, eine genau gegenteilige Wirkung auf den Sohn. Das fehlende Identitätsbewusstsein Kafkas, das aus einem Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit in der Kindheit und Jugend herrührte, [...] [führte zuletzt zu einer] Näheangst, die ihn die Gemeinschaft mit anderen Menschen zwar wünschen, aber gleichzeitig – in einer unentwegten Zerreißprobe – [...] fürchten ließ.“12 Ob Kafkas Vaterkomplex sich zu einem „Weltkomplex“13 ausweitete, sei dahingestellt, doch scheint die Annahme, Kafkas Schreiben sei insgesamt nur auf das Verhältnis zu seinem Vater zurückzuführen und stelle einen Versuch der Bewältigung dieses Problems dar, nur an der Oberfläche zu kratzen; vielmehr scheint das Schreiben für Kafka existentiell – es bedeutet ihm Freiheit innerhalb einer einschränkenden Welt, in welcher ihn „immer das Gefühl bedrückte, nicht seinen Wünschen entsprechend zu leben“14, und mit deren, in seinen Erzählungen komplex dargestellten und oft unlösbar scheinenden, Schwierigkeiten er sich auf diese Weise auseinander setzte. Die Erzählungen Kafkas zeichnen sich meist durch eine besondere Bildhaftigkeit aus, stellen Metaphern für bestimmte (wenngleich manchmal schwer zu bestimmende) Aspekte des wirklichen Lebens dar und zeigen die Problematik dieser Aspekte auf. Sie sind insofern vergleichbar mit den äsop’schen Fabeln, die durch die Verwendung von Tieren anstelle von Menschen bestimmte Sachverhalte durchleuchten. Während die Gründe für die verschlüsselte Sprache äsop’scher oder sonstiger volkstümlicher Fabeln auf der Hand lagen – Sklaven, beziehungsweise arme Bevölkerungsschichten konnten sich schwerlich leisten, ihre Herren, beziehungsweise den Adel in den Geschichten beim Namen zu nennen –, sind Kafkas Gründe Spekulationen vorbehalten.
Günter Mecke beispielsweise versucht in seiner Arbeit „Franz Kafkas offenbares Geheimnis – Eine Psychopathographie“ dessen „Geheimsprache“ zu enträtseln und glaubt den Schlüssel darin gefunden zu haben, dass Kafka homosexuell gewesen sei.15 Zahlreiche von Mecke angeführte Textstellen aus Kafkas Erzählungen scheinen darauf zu verweisen, so zum Beispiel die folgende aus „Die vertrackte Geschichte vom schamhaften Langen und vom Unredlichen in seinem Herzen“16:
[...]
1 Vgl. Franz Kafka, Literarische Einordnung. Internet: www.kades.de/deutung/epoche.htm, S. 1.
2 Vgl. ebd. S. 1.
3 Vgl. ebd. S. 1.
4 Ebd. S. 1.
5 Ebd. S. 2.
6 Ebd., S. 2.
7 Vgl. Biographie Kafkas. Internet: www.asamnet.de/kassecch/content/biografie.html S. 3.
8 Biographie Kafkas, s.o., S. 2.
9 Kafka und die Frauen. Internet: www.kafkaesk.de/Kafka/Seiten/kafka_frauen.htm S. 1.
10 Vgl.: Klaus Wagenbach: Franz Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1964.
11 Vgl.: Klaus Wagenbach, s.o.
12 Kafka und die Frauen, s.o., S. 1.
13 Vgl.: Kafka – Literarische Einordnung, Internet, s.o., S. 2.
14 Kafka und die Frauen, Internet, s.o., S. 1.
15 Vgl.: Günter Mecke: Franz Kafkas offenbares Geheimnis. Eine Psychopathographie, Wilhelm Fink Verlag, München, 1982.
16 Kafka schickte die Geschichte am 20.12.1902 brieflich an seinen Freund Oskar Pollak. Vgl.: Günter Mecke, s.o., S. 12 f.
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