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Melancholie im Kontext der Postmoderne. Anthropologische Implikationen der Postmoderne unter besonderer Berücksichtigung der Melancholieproblematik

Diploma Thesis, 2002, 93 Pages
Author: René Derveaux
Subject: Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2002
Pages: 93
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V5460
ISBN (E-book): 978-3-638-13325-8

File size: 330 KB


Excerpt (computer-generated)

Melancholie im Kontext der Postmoderne.
Anthropologische Implikationen der Postmoderne
unter besonderer Berücksichtigung der
Melancholieproblematik

Diplomarbeit
am
Fachbereich Sozialwissenschaften (Soziologie) der Gerhard-
Mercator Universität-GH Duisburg zur Erlangung des Grades
eines Diplom-Sozialwissenschaftlers

vorgelegt von
Rene Derveaux
aus Düsseldorf

Duisburg 2002

Erstgutachter: Prof. Dr. Scherer
Zweitgutachter: Dr. Illies
Eingereicht am: 19.02.2002

 

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. PHILOSOPHISCHE ANTHROPOLOGIE IM SPIEGEL DER MELANCHOLIE

2.1 Antike Melancholie (Humoralpathologie und Acedia)

2.2 Ende der Melancholie?


2.2.1 Gehlen


2.2.2 Spengler

3. MELANCHOLIE DER POSTMODERNE


3.1 Postmoderne - Ursprung und Entwicklung

3.2 Die indifferente Zeit

4. POSTMODERNE THEORIEN

4.1 Zygmunt Bauman


4.1.1 Postmoderne Gewalt

4.1.2 Der Fremde

4.2 Jean Baudrillard


4.2.1 Wahrheit, Realität, Simulation, Hyperrealität

4.3 Ulrich Beck


4.3.1 Die reflexive Moderne

4.3.2 Die Risikogesellschaft

5. PERSPEKTIVEN KRITISCHER REFLEXION

5.1 Kritik an den postmodernen Analysen

5.2 Kritik (an) der Anthropologie

LITERATURVERZEICHNIS

 

1. EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, in einigen Grundgedanken die besondere Ambivalenz einer postmodernen Melancholie und ihre Empfindlichkeit für Beschädigungen der Lebenswelt im Vollzug der Rationalisierung darzustellen. Sie möchte auch der Frage nachgehen, ob es Anschlussmöglichkeiten an die melancholische Geschichts- und Subjektphilosophie gibt und unter welchen Voraussetzungen wir uns dieser Tradition im Kontext der Gegenwart noch vergewissern können.

Melancholie ist eine Erfahrung unserer Zeit. Das ist merkwürdig, denn die Moderne war immer der Garant für Sicherheit, doch nun finden wir allenthalben Unsicherheit vor: von der Arbeitslosigkeit über die Infragestellung von Beziehungen bis hin zur ungewissen Zukunft des Nationalstaats. Diese Unsicherheit scheint offensichtlich nicht übersteigbar. Auch die Wissenschaft bietet kein sicheres Wissen mehr, sondern lehrt - philosophisch und epistemologisch - , dass letzte Sicherheit unerreichbar, nichts als eine Chimäre ist. Wenn es also unmöglich ist, die Unsicherheit zu bannen, dann bleibt nur der Versuch, sie zu "ertragen".

In der Postmoderne herrscht nach Meinung ihrer Vertreter eine Fröhlichkeit der bunten Vielfalt von Vernunfts- und Lebensformen vor, die sich insoweit als "nachmelancholisch" bezeichnen lässt, als sie nicht unbedingt im Kontext der utopischen Enttäuschung der Moderne steht. Und dennoch erhärtet ein Blick auf die wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Diskussionen der Gegenwart den Verdacht, dass auch der postmoderne Pluralismus dem modernen Denken und dessen Melancholie in indirekt Weise verbunden verhaftet bleibt.(vgl. Heidbrink 1994: 16f)

Insgesamt fällt es zunehmend leichter zu sagen, was Postmoderne alles nicht ist, was in Hilflosigkeit und Melancholie oder die Suche nach Möglichkeiten der Ablenkung und Betäubung einmünden kann. Eine gigantische Weltmaschine, die einfach über uns hinwegrollt, ganz gleich wie viel Wissen wir anhäufen. Im Gegenteil: Das viele Wissen nimmt denen, die danach streben, den Atem. Am Ende steht eine Art freiwilliger Nihilismus. Nicht durch die Leere der Seele, sondern durch ihre Lähmung.

Der erste Teil der Arbeit soll den Melancholiediskurs in historische und systematische Beziehung setzen. In ihm wird ein geschichtlicher Abriss der Melancholie gegeben, um einen Überblick über die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs zu erhalten, so weit dies für den Verlauf der Untersuchung wichtig ist. Es soll die Melancholie als Mittel zur Diagnose der modernen Zeit aufnehmen. Darüber hinaus wird die konstitutionelle Melancholie des Menschen flächig gezeichnet, um den Verlauf und die verschiedenen Konnotationen dieses schillernden Begriffs zu beschreiben. Melancholie als reflexive Selbstpositionierung und Möglichkeit sich selbst zu vergegenständlichen, dient hier als anthropologischer Rahmen. Unter dieser Voraussetzung lassen sich mit Hilfe der Melancholie Selbstbeschreibungen des Menschen durchführen. Eine Rekonstruktion des melancholischen Diskurses der Moderne soll dazu dienen, den Blick auf die gegenwärtigen postmodernen Verhältnisse vorzubereiten.

Im Anschluss daran wird die historische Veränderlichkeit der anthropologischen Kategorien beschrieben. Phänomenologisch begriffen geht es um die Konstitution von Sinn und die Reflexion der "melancholischen Quellen". Das Objekt wird reflexiv in seinem Erscheinungscharakter entdeckt. Die Arbeit soll nach dem Sinn fragen und zu Analysen von "In- der-Welt-Sein" sowie von Angst, Gewohnheiten und Zeitlichkeit führen. Dabei sollen reflexiv die theoretischen Betrachtungen und Erklärungen des Gegenstandes "Melancholie" sowie die auf die Praxis gerichteten Handlungen analysiert werden. Das Verhältnis von Natur und Mensch kann so von einem ökologisch-philosophischen Ansatz aus erfasst werden: Melancholie als anthropologische Kategorie, die der Erkenntnis und Beschreibung des Menschen oder eines bestimmten Menschentyps dient.

Es geht also auf der einen Seite um die historische Veränderlichkeit anthropologischer Kategorien, auf der anderen um die Bestimmung eines Realphänomens "Melancholie", das man gegenwärtig als Depression bezeichnen kann.

Der dritte und vierte Teil ist daher der Untersuchung der postmodernen Analyse gewidmet. In theoretischer Hinsicht soll hier Anthropologie die Perspektive der Menschheit in ihrer gegenwärtigen Existenz sowie in Bezug auf ihre Zukunft thematisieren, um sie u.a. durch die vielfältigen Medien der Informationsgesellschaft zu beschreiben. Dabei stellt die anthropologische Aufmerksamkeit das in der Melancholie gefundene Moment der Abweichung in einen umfassenden gesellschaftlich-sozialen Rahmen. (vgl. Bauman-Kapitel).

Die Arbeit soll untersuchen, inwiefern die Beschäftigung mit Schwermut, Weltschmerz und existentieller Langeweile als ein Phänomen zu verstehen ist, das begründet liegt in der Welt der Informations- und Unterhaltungsgesellschaft und ein schwelendes melancholisches Unbehagen an den politischen, kulturellen und alltäglichen Zuständen impliziert. In diesem Zusammenhang stellt sich die die Frage, inwiefern die Melancholie, statt oder doch neben, dem Fortschrittsglauben über eine Attitüde der Pessimisten hinausreicht und eine Lebensform in postmoderner Zeit wird.

Konstituierte sich das moderne Unbehagen aus der Sicherheit, dass zu wenig Freiheit gelassen wurde, so entsteht das postmoderne Unbehagen aus der Freiheit, dass zu wenig Sicherheit gewährleistet wird. Resultierten aus der Ordnung langweilige und eintönige Zeit, so sorgt die postmoderne Überfülle an Freiheit schlaflose Nächte - dem Unbehagen ist nicht zu entrinnen. Der Zynismus im Umgang mit der Melancholie führt u.a. zur Beseitigung der "natürlichen" Melancholie in die Hände von Ärzten und Therapeuten. Das verschwundene Vertrauen in die ordnenden Fähigkeiten der menschlichen Rationalität tritt daher in den Vordergrund des aktuellen Melancholiediskurses. Die Absurdität des Lebens, sowie die Diskrepanz zwischen dem menschlichen Verlangen nach Sicherheit und dem irrationalen Charakter der Welt wird entsprechend hingenommen, wodurch das melancholische Leiden an der Sinnlosigkeit in der Postmoderne selbst sinnlos zu werden scheint.
(vgl. Walther 1999: 25)

Melancholie wird im 2. Kapitel beansprucht, um postmodernes Bewussstein gegen die konstitutionelle Depression des modernen Menschen abzugrenzen. Es soll der anthropologischen Dimension Rechnung getragen werden, die dem Streben des Menschen nach Sinnstiftung entspringt. Der schwindende Glaube in die ordnenden Strukturen der menschlichen Rationalität tritt in den Vordergrund des aktuellen Melancholiediskurses. Ziel soll es sein, ein melancholisches Unbehagen an den destruktiven Phänomenen unserer Zeit zu beschreiben, d. h. Melancholie als ein Medium der Interpretation postmoderner Zersetzungsprozesse anzuwenden. Die besondere Funktion der philosophischen Melancholie liegt darin, dass sie die Vermittlung zwischen einer geschichts- und subjektphilosophischen Moderne und einer pluralisierten Postmoderne herstellt.

Das Individuum findet sich mit der abstrakten Unwirklichkeit ab. Von hieraus, ist es nur ein kleiner Schritt, das Interesse an Medienwirklichkeit und damit die Auseinandersetzung mit technischen Medien beeinflusste moderne Anthropologie zu verstehen.

Bei der Darstellung der postmodernen Theorien im 3. Kapitel bezieht sich die Arbeit insbesondere auf drei Autoren: Zygmunt Bauman, Jean Baudrillard und Ulrich Beck, da die Beschreibung diverser postmoderner Theorien wichtig ist, um zu dokumentieren, wie unterschiedlich das Theoriefeld der Postmoderne ist. Dabei werden die Themen, Theorien und Schlüsse der Postmoderne auf das Thema "Melancholie" angewendet. Es soll zudem versucht werden, einen Rahmen zu gestalten, in dem die Theorien der o.a. Philosophen dazu dienen, ein Einholen von melancholischen Leben zu ermöglichen. Aus der Sicht der philosophischen Postmoderne gilt es also, zuerst eine Zeitdiagnose zu erstellen, aus der sich dann die entsprechende postmoderne Bewusstseinslage reflektieren lässt. Wir können nicht mehr apodiktisch feststellen, dass unsere Erkenntnisse wahr sind, und dieses posthistorische Nichts stimmt uns melancholisch. Melancholie wird folglich beansprucht, um ein postmodernes Bewusstsein zu beschreiben.

Für Zygmunt Bauman entsteht die postmoderne Melancholie aus einer Freiheit, die auf der Suche nach Lustgewinn zu wenig individuelle Sicherheit toleriert. Menschen in der Postmoderne haben ein Stück ihrer Sicherheitsmöglichkeit gegen ein Stück Glück eingetauscht. Für Bauman ist in der Postmoderne das ethische Monopol des Staates zu Ende und die Menschen stehen vor der Wahl zwischen den verschiedenartigsten Angeboten des Marktes. Die Wurzeln der postmodernen Probleme liegen demnach in der Zerrissenheit des gesellschaftlichen Kontexts und in den divergierenden Lebensinteressen. (vgl. Bauman 1997: 262f)

Baumans Perspektive ist das fragmentarische Leben des postmodernen Menschen unter so verschiedenen Aspekten wie dem Bild des Fremden, der Rolle der (postmodernen) Gewalt und postmoderner Ängste untersuchen. Er stellt damit die Frage, ob mit der Postmoderne alle Prinzipien, nach denen im Westen gelebt wurde, in die Krise geraten sind.

Ein weiterer Vertreter des Postmodernismus soll zur Analyse der postmodernen Lebenssituation herangezogen werden: Jean Baudrillard. Baudrillard versteht sich als Kulturkritiker der Moderne.

Die Kritik technischer Medien ist dabei ein wichtiger, jedoch nicht der einzige Aspekt. In seinem Werk wird der Zeichencharakter der Warenwelt im Zusammenhang mit Sozialisierungsmechanismen innerhalb der Postmoderne, ein "Komplexerwerden" der Objekte gegenüber einer zunehmenden Vermassung des Subjekts betrachtet. Zentral in Baudrillards Denken ist zudem die Vorstellung, "(...) dass sich im Signifikantenapparat des Kapitalismus und seiner Medienwirklichkeit die Aussagen immer mehr von Wahrheitskriterien trennen, so dass eine umfassende Manipulation ("Verführung") des Konsumenten möglich wird. Dadurch entsteht ein Raum permanenter Simulation von Realität, die - wie Baudrillard herausstellt - in Hyperrealität münden". (Kramer 1998: 8)

Unter Anwendung der Theorie Baudrillards soll der unabgeschlossene Prozess eines technischen Umbaus der Lebenswelt sowie seiner Folgen und Rückwirkungen auf den Menschen verdeutlicht werden. Was der Menschheit nach Baudrillard mit der Gentechnik, dem Computer und den Cyberspace-Technologien bevorsteht ist die Ankündigung einer gewaltigen Simulations- und Entwertungsmaschinerie, eine beispiellose Entmaterialisierung der Lebensverhältnisse. Baudrillard setzt sich mit den modernen Technologien auseinander und thematisiert das Verschwinden, Überwinden und Überflüssig machen des Menschen. (vgl. Kramer 1998: 8f)

Eine weitere Perspektive soll der postmoderne Ansatz Ulrich Becks geben. Zu seinen Hauptarbeitsgebieten gehören die Analyse der sozioökologischen Krisendynamik der gegenwärtigen Gesellschaftsentwicklung. Die Gesellschaft der Gegenwart beschreibt Beck als Risikogesellschaft (1986). In ihr kommt es zwangsläufig zu einer Neubestimmung des Politischen. In der radikalisierten, reflexiven Moderne macht Beck als führende Kraft die Unsicherheit aus (Zweite Moderne).

Mit seiner Methode der reflexiven Modernisierung untersucht Beck Möglichkeiten und Gefahren der sog. Informationsgesellschaft. Merkmal der postmodernen melancholischen Stimmung bei Beck ist u.a. der um sich greifende atomisierende Individualismus. Unter dem Focus der welterschütternden Finanzkrisen und ökologischen Gefahren spricht Beck von einer "Weltrisikogesellschaft". Den theoretischen Hintergrund soll Becks These geben, dass die industrielle Moderne mit ihren spezifischen Koordinaten Technikentwicklung, Arbeitswelt, Verteilungs- und Wohlstandsgesellschaft an ihr Ende gelangt sei. Was die Möglichkeit der Institutionen der modernen Industriegesellschaft, zur Steuerung in Richtung eines Wechsels auf einen weniger gefährlichen Kurs der Entwicklung angeht, soll sich kritisch beschäftigt werden .

Schließlich soll ein kritisches Resümee (Kap. 5) die postmodernen Theorien analysieren, d.h. die postmodernen Autoren werden der Bewährung ausgesetzt. Globalisierungseuphorie im Stile Ulrich Becks, pessimistische Sichtweisen auf die postmodernen Marktgesellschaften im Stile Zygmunt Baumans sowie der Zynismus Baudrillards sollen reflektiert und bewertet werden. Darüber hinaus soll die jeweilige wissenschaftliche Position zu den Ursachen postmoderner Melancholie diskutiert werden.

Die These dieser Arbeit lautet, dass das melancholisches Bewusstsein notwendig mit der postmodernen Phase verbunden ist. In diesem Zusammenhang könnte argumentiert werden, dass postmoderne Melancholie eine Reaktion auf die "Zerrissenheit des gesellschaftlichen Kontexts" darstellt. Darüber hinaus ist die Melancholie als Kontinuum zu begreifen, dessen aktuelle Phase als ein gewalttätiges, hoffnungsloses, unwirkliches Trugbild erscheint.

[...]


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