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"Du siehst nur mit dem Herzen gut" - Die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses von Kinderliteratur

Autor: Dipl.-Soz.arb. Stephan Stockhausen
Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit

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Details

Institution/Hochschule: Fachhochschule Dortmund
Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 1996
Seiten: 120
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 66  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 2860 KB
Archivnummer: V54693
ISBN (E-Book): 978-3-638-49831-9
ISBN (Buch): 978-3-638-80667-1

Zusammenfassung / Abstract

Im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich auseinandersetzen mit kindlichen Vorstellungen über Sterben und Tod und der Entwicklung dieser Vorstellungen in ihren Bezügen zu gesellschaftlichen, sozialen und entwicklungspsychologischen Einflüssen besondere Beachtung schenken. Die Ausführungen über kindliche Todeskonzepte beschränken sich im wesentlichen auf Aussagen über Kinder unseres Kulturkreises, die keinen Ausnahmesituationen wie Krankheit oder Krieg ausgesetzt sind. 2 Unter Tod und Sterben verstehe ich das Lebensende im biologisch - medizinischen Sinne. Die medizinischethische Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Mensch als tot zu gelten hat, ist hierbei von keiner besonderen Bedeutung. Das Interesse dieser Arbeit richtet sich somit nicht auf die kindlichen Vorstellungen über den tatsächlichen biologischen Ablauf des Sterbeprozesses, sondern auf ihre Vorstellungen und Empfindungen, mit denen sie den Begriff „Tod“ mit Inhalt füllen. Dies ist gleichzeitig die Definition der Begriffe „kindliches Todeskonzept“ bzw. „-verständnis“. Der Tod ist für ein Kind zunächst lediglich ein Begriff, der aufgrund fehlender Erfahrungen sehr unscharf ist. Da Erfahrungen ein wesentlicher Bestandteil der Begriffsbildung sind, werden sie im Geiste kategorisiert und zu einem Konzept, d. h. zu einem Plan oder Entwurf von der Erfahrungswelt und ihrer Zusammenhänge, zusammengefaßt. Abhängig von der gebildeten Hierarchie logischer und unscharfer Begriffe entwickelt sich das „Wissen von der Welt“. Unter den genannten Begriffen sind folglich die Entwürfe, die sich Kinder auf der Basis ihrer Erfahrungen von dem Phänomen Tod machen, zu verstehen. Diese Entwürfe bzw. Konzepte 3 sind, ebenso wie das aus ihnen resultierende Wissen, von der Erfahrungswelt des Kindes abhängig. Es gibt folglich kein universelles Todeskonzept bei Kindern, wie man aufgrund der Themenstellung meinen könnte, sondern höchst unterschiedliche Entwicklungslinien. Die vorliegende Arbeit wird ich die wichtigsten Gemeinsamkeiten dieser Entwicklungen aufzeigen.

Textauszug (computergeneriert)

Fachhochschule Dortmund

„Du siehst nur mit dem Herzen gut…“
Von der Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes
unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses von Kinderliteratur

Diplomarbeit
im Fachbereich Sozialarbeit

vorgelegt von Stephan Stockhausen

 

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Bildverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Teil 1: Interdisziplinäre Überlegungen zu Tod und Sterben

1.1. Historisch - Philosophische Aspekte des Todes
1.1.1. Historisch - philosophische Erklärungen der griechischen Antike
1.1.2. Historisch - philosophische Erklärungen der römischen Antike
1.1.3. Der Tod im Mittelalter und der frühen Neuzeit
1.1.4. Moderne Gedanken zum Tod

1.2. Theologisch - Christliche Aspekte des Todes
1.2.1. Das Todesverständnis des AT
1.2.2. Das Todesverständnis des NT

1.3. Psychologische Aspekte von Tod und Sterben

1.4. Soziologische Aspekte von Tod und Sterben
1.4.1. Die Frage nach einer Thanatosoziologie
1.4.2. Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod
1.4.2.1. Der verbotene Tod
1.4.2.2. Der akzeptierte Tod
1.5. Tod und Sterben in der sozialarbeiterischen Praxis

Teil 2: Entstehung und Entwicklung des Todeskonzeptes bei Kindern

2.1. Die kognitive Entwicklung des kindlichen Sterblichkeitswissens
2.1.1. Das Kind bis zu fünf Jahren
2.1.2. Das Kind von sechs und sieben Jahren
2.1.3. Das Kind von acht und neun Jahren
2.1.4. Das Kind von zehn bis vierzehn Jahren

2.2. Der emotionale Faktor des kindlichen Todesverständnisses

2.3. Das kindliche Trauerverhalten

2.4. Pädagogische Überlegungen zur Entwicklung des kindlichen
Todeskonzeptes
2.4.1. Die Rolle der Eltern
2.4.2. Die Rolle des Kindergartens
2.4.3. Die Rolle der Schule
2.4.4. Die Bedeutung von Massenmedien

Exkurs: Das schwerkranke Kind

Teil 3: Praxis der kindlichen todeskonzepte: Projektarbeit des Hospizvereins Wattenscheid e. V.

Teil 4: Das Thema „Tod und Sterben“ in der Kinderliteratur

4.1. Die Bedeutung der Literatur für die Sterbeerziehung

4.2. Tod und Sterben in Kindermärchen

4.3. Ausgewählte Kinderliteratur
4.3.1. Antoine de Saint - Exupéry: Der kleine Prinz
4.3.2. Marit Kaldhol: Abschied von Rune
4.3.3. Sigrid Zeevaert: Max, mein Bruder
4.3.4. Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz
4.3.5. Astrid Lindgren: Mio, mein Mio
4.3.6. Peter Härtling: Alter John
4.3.7. Elfie Donnelly: Servus Opa, sagte ich leise
4.3.8. Daniela Tausch - Flammer: Wenn Kinder nach dem Tod fragen

Exkurs: Tod und Sterben in der irischen Sagenwelt

Teil 5: Resümee und Reflexion

Anhang

Literaturverzeichnis

 

Vorwort

Warum beschäftigt man sich (in einer Diplomarbeit eines Sozialarbeiters) mit dem Thema „Kinder und Tod“ ?

Diese Frage stellten mir in den vergangenen Monaten nicht nur viele Bekannte, sondern auch ich mir selbst. Nun kann ich sie zwar rein rational beantworten, indem ich von meiner über zweijährigen Tätigkeit bei Prof. Rest berichte, durch die ich in spannender Weise immer wieder mit Grenzproblemen der Geisteswissenschaften konfrontiert worden bin. Allerdings habe ich die Literaturrecherchen, Bibliographien, Annotierungen, Gesprächsauswertungen, Aktenstudien etc. kaum als „Arbeit“ empfunden, sondern vielmehr als Bereicherung.

Sie haben mich immer wieder mit mir selbst und meinen Vorstellungen v. a. zum Thema „Tod“ konfrontiert, diese beeinflußt oder revidiert und mich nur selten unberührt gelassen. Fragen kamen auf, über die ich zuvor nie oder nur selten nachgedacht habe, und so war stets meine persönliche Auseinandersetzung gefragt. Diese Diplomarbeit mit ihrer Thematik ist daher das gewachsene Ergebnis dieser Beschäftigung mit dem Thema Tod / Sterben / Trauer. Sie soll persönlich sein und sie soll persönlich ansprechen.

Sie soll sensibilisieren für die Fragen, die uns Kinder mit der ihnen eigenen Naivität stellen, die uns erschrecken, weil wir sie selbst nicht zulassen oder uns den Antworten nicht stellen können oder wollen. Uns alle begleiten unsere in der Kindheit erworbenen Konzepte, Bilder und Vorstellungen über den Tod bis eben dorthin, sofern man sich nicht an einer Stelle im Leben (wie z. B. anläßlich dieser Diplomarbeit) noch einmal intensiv mit ihnen befaßt hat.

Eine Auseinandersetzung mit den kindlichen Todeskonzepten ist somit eine Auseinandersetzung mit den Todeskonzepten unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die beim Wort „Tod“ zusammenschreckt und das Sterben in die Anonymität von Krankenhäusern oder Pflegeheimen verdrängt. (Auf die Be-deutung von ambulanten oder stationären Hospizen möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen.) In dem, was Kinder dazu vermittelt bekommen, spiegeln sich zwangsläufig all die Tabuisierungen und verdrängten Ängste wider, aber auch die Probleme, die entstehen, wenn die traditionellen Wertvorstellungen einer Gesellschaft erodieren.

Den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren und keine Ängste, sondern Hoffnungen zu wecken, das sollte Ziel in der Entwicklung kindlicher Todeskonzepte sein. Als Sozialarbeiter sollte man sich nicht nur privat für diese Thematik interessieren, bietet sie doch für eine im Aufbruch befindliche Profession die Möglichkeit, einen neuen Schwerpunkt und eine neue Position zu besetzen, wissenschaftliche Konzeptionen zu erarbeiten und somit der „Patchwork-identität“ der Sozialarbeit ein neues, wichtiges Mosaikstück hinzuzufügen1 . Insofern verstehe ich diese Diplomarbeit auch als einen Beitrag zu mehr Wissenschaft-lichkeit und Professionalität in der Sozialen Arbeit.
 

Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich auseinandersetzen mit kindlichen Vorstellungen über Sterben und Tod und der Entwicklung dieser Vorstellungen in ihren Bezügen zu gesellschaftlichen, sozialen und entwicklungspsychologischen Einflüssen besondere Beachtung schenken. Die Ausführungen über kindliche Todeskonzepte beschränken sich im wesentlichen auf Aussagen über Kinder unseres Kulturkreises, die keinen Ausnahmesituationen wie Krankheit oder Krieg ausgesetzt sind. 2 Unter Tod und Sterben verstehe ich das Lebensende im biologisch - medizinischen Sinne. Die medizinischethische Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Mensch als tot zu gelten hat, ist hierbei von keiner besonderen Bedeutung.

Das Interesse dieser Arbeit richtet sich somit nicht auf die kindlichen Vorstellungen über den tatsächlichen biologischen Ablauf des Sterbeprozesses, sondern auf ihre Vorstellungen und Empfindungen, mit denen sie den Begriff „Tod“ mit Inhalt füllen. Dies ist gleichzeitig die Definition der Begriffe „kindliches Todeskonzept“ bzw. „-verständnis“. Der Tod ist für ein Kind zunächst lediglich ein Begriff, der aufgrund fehlender Erfahrungen sehr unscharf ist. Da Erfahrungen ein wesentlicher Bestandteil der Begriffsbildung sind, werden sie im Geiste kategorisiert und zu einem Konzept, d. h. zu einem Plan oder Entwurf von der Erfahrungswelt und ihrer Zusammenhänge, zusammengefaßt. Abhängig von der gebildeten Hierarchie logischer und unscharfer Begriffe entwickelt sich das „Wissen von der Welt“. Unter den genannten Begriffen sind folglich die Entwürfe, die sich Kinder auf der Basis ihrer Erfahrungen von dem Phänomen Tod machen, zu verstehen. Diese Entwürfe bzw. Konzepte 3 sind, ebenso wie das aus ihnen resultierende Wissen, von der Erfahrungswelt des Kindes abhängig. Es gibt folglich kein universelles Todeskonzept bei Kindern, wie man aufgrund der Themenstellung meinen könnte, sondern höchst unterschiedliche Entwicklungslinien. Die vorliegende Arbeit wird ich die wichtigsten Gemeinsamkeiten dieser Entwicklungen aufzeigen.

Kinder im Sinne dieser Arbeit sind, in Anlehnung an die gesetzliche und somit als gesellschaftsfähig geltende Definition, alle Menschen, die „noch nicht 14 Jahre alt“ 4 sind. Eine pauschale Altersuntergrenze will ich nicht setzen; dennoch ist die Betrachtung der Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes abhängig von der Sprachentwicklung. Mit ihr lernt ein Kind, Begriffe und Phänomene zu benennen und sich eine Vorstellung über ihren Inhalt zu machen. Sterbeerziehung ist daher als diejenige pädagogische Arbeit, die zur inhaltlichen Bestimmung des Begriffes Tod bei Kindern führt. Sie beinhaltet Aussagen, Verhalten, Umgang und Erfahrungsaustausch hinsichtlich Sterben und Tod in der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern.

Als Grundlage für die Ausführungen über kindliche Einstellungen und deren Entwicklung dienten v. a. entwicklungspsychologische Quellen und empirische Forschungsergebnisse. Da ich selbst keine empirische Erhebung angelegt habe, stützen sich meine Ausführungen im wesentlichen auf die entsprechenden Ergebnisse anderer Autoren. Ergänzt wird dies durch Erfahrungen aus der Praxis, die der Hospizverein Wattenscheid e. V. gesammelt und weitergegeben hat. Der inhaltliche Aufbau der Arbeit ist in fünf Teile gegliedert:

  • Der erste Teil dient der interdisziplinären Analyse des aktuellen Todesverständnisses. „Wie wir Kindern den Tod erklären, hängt davon ab, was wir selbst über den Tod denken und fühlen“ 5; daher soll der erste Teil dieser Arbeit zum Verständnis des Umgangs mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft dienen. Es werden philosophisch-historische sowie christlichtheologische Grundlagen und Ursprünge ebenso dargestellt wie das psychologische Phänomen der Todesangst. Abschließend soll die Position in dieser Thematik der beruflichen Sozialarbeit dargestellt werden.
  • Der folgende zweite Teil befaßt sich intensiv mit der Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses. Dabei wird unterschieden zwischen der kognitiven Entwicklung und emotionalen Faktoren, die gleichermaßen von Bedeutung sind. In Abhängigkeit dazu stellt sich das kindliche Trauerverhalten dar und lassen sich pädagogische Folgerungen ableiten.
  • Im dritten Teil der Arbeit wird der praktische Bezug der Thematik zur professionellen Sozialarbeit erläutert, indem eine Projektarbeit des Hospizvereins Wattenscheid e. V. vorgestellt wird.
  • Die medienpädagogische Bedeutung der Kinderliteratur wird im vierten Teil erörtert. Darin sollen zudem ältere (Märchen) und neuere Kinderliteratur bezüglich ihrer inhaltlichen Behandlung der Todesthematik untersucht wer- den. Abschließend folgt aufgrund meines persönlichen Interesses ein Exkurs in die irische Sagenwelt.

Zum Sprachgebrauch sei abschließend angemerkt, daß mir der z. T. diskriminierende Charakter der Sprache bekannt ist. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich jedoch weitestgehend auf die Benutzung sowohl femininer als auch maskuliner Begriffe verzichtet; das daraus resultierende Ungleichgewicht ist mir durchaus bewußt, doch hat unser Sprachgebrauch leider noch keine adäquate Lösung des Problems geschaffen.

[...]


1. Die Debatte um die Professionalisierung und Wissenschaftlichkeit der Sozialarbeit möchte ich nicht gesondert aufgreifen, da sie in diesem Kontext hier zu weit führen würde. Dennoch möchte ich Frau Gerhild Fliedner für ihre Denkanstöße danken, die mich sensibler für die eigene berufliche Identität und die Fragen nach den über-greifenden Zusammenhängen der beruflichen Sozialarbeit gemacht haben. Näheres zu dieser Thematik findet sich in der kürzlich eingereichten Diplomarbeit meines Kommilitonen Volker Salzmann.

2 Die Besonderheiten schwerkranker Kinder werde ich in einem Exkurs am Ende des zweiten Teils kurz ansprechen.

3 Im Verlauf der Arbeit werde ich die Begriffe „Todeskonzept“, „Todesverständnis“etc. im selben Sinnzusammenhang benutzen.

4 § 7 I Nr. 1 SGB VIII

5 Reed, Elizabeth: Kinder fragen nach dem Tod; S. 17. Stuttgart 1972

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