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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 28 Pages
Author: Manuela Lück
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Dresden Technical University (Germanistische Literaturwissenschaft)
Tags: Zwischen, Sprechen, Schweigen, Eine, Auseinandersetzung, Adornos, Diktum, Poetik, Paul, Celans, Hauptseminar
Year: 2003
Pages: 28
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 23 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-49972-9
File size: 167 KB
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Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Dresden, 7. Fachsemester
Hauptseminar: Literatur der Shoah. Erinnerungspolitik und ihre Medien
Zwischen Sprechen und Schweigen –
Eine Auseinandersetzung zwischen Adornos
Diktum und der Poetik Paul Celans
von: Manuela Lück
Gliederung
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Adornos Diktum
2.2. Skizzierung der Gedanken Adornos
2.3. Ablehnung der Methode - Essay als Form
2.4. Kulturindustrie und Verdinglichung
2.5. Ideologie und falsches Bewußtsein
2.6. Möglichkeiten von Kunst in der Moderne nach Auschwitz
2.7. Lyrik als Sonderfall?
3. Celan - poetisches Konzept
3.1 Biographische Annäherung
3.2 Gespräch im Gebirg
3.3 Meridian - Bremer Rede
4. Gemeinsamkeiten des Denkens? Hermetik als Konsequenz von Auschwitz?
5. Zusammenfassung
6. Literatur
1. Einleitung
1.1. Zwischen Sprechen und Schweigen
Wie kann man den Massenmord an den europäischen Juden darstellen, ohne in die Falle einer wie auch immer gearteten Ästhetisierung von Auschwitz zu tappen, um damit der Rationalisierung und Vereinnahmung Vorschub zu leisten? Welche Worte, welche poetischen Mittel kann und muß man finden, um den Unbeschreiblichkeitstopos, der über Auschwitz liegt, zu umgehen? Wie ist es möglich, das Unsagbare sagbar zu machen, wenn doch das Schweigen unmöglich ist? Ist es überhaupt möglich, dem unbeschreiblichen Leiden, dem unwiederbringlichen Verlust eine Art von Form und damit einen Sinn zu verleihen? Die von Adorno, in Form seines Diktums aufgeworfene Frage, inwieweit ästhetische Äußerungen nach Auschwitz überhaupt noch zulässig sind, hat Paul Celan auf seine eigene poetische Art beantwortet. Diese einzigartige Poetik soll, neben der Einschätzung und Verortung des adornitischen Diktums, im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
Der Zugang zu beiden Autoren erfolgt über deren Biographie, denn Denken und Leben lassen sich hier am wenigsten trennen, sind beiden doch die Erfahrungen des 20.Jahrhunderts mit Nationalsozialismus und Exil immanemt eingeschrieben. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Diktum und dessen Verortung im Denken von T.W. Adorno, um herauszuarbeiten, was ihn zu dieser Aussage veranlasste, - wollte er doch mit seinem Satz keineswegs der Lyrik oder anderen ästhetischen Gebilden die Existenzberechtigung absprechen, sondern auf die unheilvolle Verbindung von Kulturindustrie und Kultur/Kunst hinweisen - und welchen Ausweg, - der nur in der Verrätselung und Hermetisierung der Gebilde, in der Wiedererlangung der ästhetische Autonomie, - er sah.
Der zweite Teil befasst sich mit der Poetik Paul Celans, die anhand der poetischtheoretischen Äußerungen, wie der „Bremer Rede„ und „Der Meridian„ analysiert werden soll. Inwieweit hat Celans Poetik, die zwischen Sprachverweigerung und Negation der Sprache balanciert das Diktum von Adorno aufgenommen und eingelöst? Im Mittelpunkt der Betrachtungen soll Paul Celans einziges Prosastück, „Gespräch im Gebirg„, das von Selbstbegegnung und Identitätssuche spricht, stehen. Hier werden das Unsagbare, das Unaussprechliche eingekreist und im Paradox verdichtet, so daß nur noch in den semantischen Fugen, im „erschwiegenen Wort„1 Raum für das Sagbare bleibt, welches trotzdem immer wieder zurückgenommen wird. Im abschließenden dritten Teil möchte ich eine Annäherung der beiden Autoren versuchen, stehen sie sich doch einerseits mit den geforderten Prinzipien einer modernen Ästhetik des einen und dem hermetischen Gedicht des anderen näher, als man es zunächst vermuten könnte.
2. Hauptteil
2.1. Adornos Satz
Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) schrieb 1949 (1951 veröffentlicht) in dem Essay „Kulturkritik und Gesellschaft“ den vielgescholtenen, mißverstandenen und oft auf einen Aphorismus reduzierten Absatz: „Je totaler die Gesellschaft, um so verdinglichter auch der Geist und um so paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung aus eigenem sich zu entwinden. Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation“2.
Es handelt sich keineswegs, wie oft angenommen, um ein Verdikt, das grundsätzlich eine ästhetische Produktion in Form von Lyrik nach Auschwitz verbietet oder die Darstellung des Holocaust (Bilderverbot) negiert, vielmehr ordnet sich dieses Diktum systematisch in das komplexe, vielschichtige und vor allem dialektische Denken Adornos um die Möglichkeit der Kunst unter den Bedingungen der Kulturindustrie in der Moderne ein. Es ist weder ein moralisches Urteil noch eine Handlungsanleitung, sondern die Einsicht, daß Kultur und Barbarei unauflöslich miteinander verbunden sind3. Ich möchte im folgenden Abschnitt versuchen, dieses oft mißverstandene Diktum zu erläutern und in das komplexe Denken Adornos einzuordnen.
2.2. Biographische Skizze T. W. Adorno (1903 - 1969)
Theodor Wiesengrund Adorno wurde 1903 im großbürgerlichen Frankfurt am Main geboren und hatte schon früh intensiven Kontakt zu Musik und Philosophie. Während seines Studiums machte er Bekanntschaft mit Walter Benjamin, der ihn stark beeinflußte, sowie Siegfried Kracauer und Max Horkheimer, mit dem er später, 1944, die „Dialektik der Aufklärung„4 schreiben sollte. Er war zunächst Musikredakteur, dann Professor für Philosophie in Frankfurt/Main. Nach dem Verlust des Lehrstuhls (1933) und der Emigration (1934) nach Oxford, war er Mitarbeiter beim Institut für Sozialforschung, welches sich ab 1933 in New York, später in Los Angeles befand. Adorno gilt neben Max Horkheimer und Herbert Marcuse als einer der wichtigsten Vertreter der Kritischen Theorie. Der Kritischen Theorie ist, wie schon ihr Name sagt, der Begriff der Kritik grundlegend. Sie analysiert die sozialen und ökonomischen Verhältnisse der Gesellschaft und verbindet diese mit ihrer Kritik, um die Notwendigkeit ihrer Veränderung zu betonen5. Adorno kehrte 1949 nach Deutschland zurück und leitete das Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main.
[...]
1 aus: Argumentio e Silentio, Paul Celan. In: Gesammelte Werke, Band 1, hrsg. von Beda Allemann und Stefan Reichert, Frankfurt am Main 1983. S. 138 ff.
2 Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft. In: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt am Main 1975. S. 46 - 66. Hier S. 65 ff. [Hervorhebung M.L.]
3 Vgl. Detlev Claussen, Nach Auschwitz kein Gedicht? Ist Adornos Diktum übertrieben, überholt und widerlegt? In: Nationalsozialismus und Moderne, hrsg. von Harald Welzer, Tübingen 1993. S. 240 - 248.
4 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main, 2000.
5 Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart, Stichwort: „Kritische Theorie„, hrsg. von Ralf Schnell, Stuttgart 2000. S. 265 ff.
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