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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 24 Pages
Author: Manuela Lück
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Dresden Technical University (Germanistische Literaturwissenschaft)
Tags: Körper, Film, Hauptseminar
Year: 2003
Pages: 24
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-49973-6
File size: 259 KB
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Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Dresden, Institut für Germanistik
Hautpseminar: Film und Musik im Mediensystem des Nationalsozialismus
Sommersemester 2003, 8. Semester
Der inszenierte ′jüdische Körper′ in antisemitischen Film
von: Manuela Lück
Gliederung
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Antisemitische Spielfilme
2.2. „Jud Süß“
2.3. „Der ewige Jude“ – Konzept und Beteiligung
2.4. Herstellung
2.5. Intentionen
3. Annäherungen – Mythen
4. Inszenierung des „jüdischen Körpers“ – Symbolfelder
4.1. Körperinszenierungen – einführende Betrachtungen
4.2. Juden als „Rasse“
4.3. Die „jüdische Nase“
4.4. Sexualisierung des „jüdischen Körpers“
5. Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Propaganda gehörte zu den Grundfesten des nationalsozialistischen Staates, legitimierte ihn und baute eine ästhetische Scheinwelt auf, der viele mit der Illusion, darin ihre sich verändernde Realität und Identität resp. ihr Aufgehobensein in der „Volksgemeinschaft“ finden zu können, folgten. Propaganda beeinflußt Meinungen und Vorstellungen hinsichtlich ihrer eigenen „Wahrheit“. Ihre Methoden sind vielschichtig und komplex, schwer zu durchschauen, aber auch sehr einfach und fast banal, jedoch immer wirkungsvoll. Sie arbeitet mit Vereinfachung von Sachverhalten, die komplex und undurchschaubar erscheinen, mit ewigen Wiederholungen, Emotionalisierungen und einer wissenschaftlichen Scheinobjektivität. Alle diese Propagandaelemente kann man auch im antisemitischen Propagandafilm „Der ewige Jude“ wiederfinden.
Gerade das neue Medium Film, das in der Weimarer Zeit stark an Bedeutung gewonnen hatte, und die Unmittelbarkeit des filmischen Erlebens, ebneten den Weg für die Emotionalisierung der Massen und den antisemitischen Film. Ziel dieser Arbeit soll es aber nicht sein, die antisemitischen Strukturen und Wirkungsmeachnismen im Film zu untersuchen, was schon in ausreichender Form geschehen ist,1 sondern den Blick auf einen anderen Sachverhalt zu lenken, den inszenierten jüdischen Körper im antisemitischen Film. Es sollen Diskurse untersucht werden, die im Film direkt angesprochen werden, d.h. als eindeutige antisemitische Propaganda gekennzeichnet und in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen sind. Leitend soll dabei die Frage sein, wie der „jüdische Körper“ – ebenso ein Konstrukt wie der „arische Gemeinschaftskörper“ – konzipiert ist, welche Zuschreibungen er erfährt und aus welchen Diskursen diese Elemente entnommen wurden, um seine angenommene Andersartigkeit zu „beweisen“. Ich werde dabei vor allem drei Themengebiete anschneiden: die Konstruktion einer jüdischen Rasse und die damit verbundenen rassisch-biologischen Zuschreibungen – hier am Beispiel der „jüdischen Nase“, – die Pathologisierung dieser Elemente mit Hilfe des Begriffes der Degeneration und Strategien der Sexualisierung, d.h. der Verweiblichung des jüdischen Körpers, um die „Andersartigkeit“ und damit Fremdheit zu untermauern und vom anderen „Körper“ abzugrenzen. Zunächst soll aber ein einführender Teil folgen, der die Situation des antisemitischen Films, seine Auftraggeber und Beteiligte, sowie Produktionsbedingungen näher erläutern wird.
2.1. Antisemitische Spielfilme
2.2. „Jud Süß“ (1940)
Zeitgleich zu „Der ewige Jude“ im November 1940 war im Spielplan der Kinos der antisemitisch- historische Spielfilm „Jud Süß“, der die historische Figur des Joseph Oppenheimer zum Thema hat, zu sehen. Beide Filme entstehen zu einer Zeit, in der man eine Intensivierung der antisemitischen Propaganda im Film beobachten kann. In der Zeit zwischen 1938-1940 entstanden vermehrt Filme mit deutlich erkennbaren antijudaistischen und antisemitischen Stereotypen, was keineswegs eine Tendenz war, die nur auf den Film beschränkt blieb. Dabei wurden vor allem traditionelle antijudaistische Inhalte wie beispielsweise der wirtschaftliche Antisemitismus angesprochen.2 Es folgen neben dem Spielfilm sogenannte antisemitische „Dokumentarfilme“, wie „Juden ohne Maske“ (1938) und „Schicksalswende“ (1939), die allerdings nur auf parteiinternen Veranstaltungen der NSDAP gezeigt wurden und daher einem größeren Publikum vorenthalten blieben. Als erster „richtiger“ antisemitischer Film, der ganz bewußt antisemitische Stereotypen – hier verbunden mit einer antienglischen Haltung – einsetzt und sich nicht nur auf Andeutungen verläßt, kann der Film „Die Rothschilds“ gelten, der 1939/40 entstanden ist. Der zwischen 1806-1815 spielende Film benutzt das Stereotyp vom jüdischen Geld- und Weltmachtstreben, um den Aufstieg der Bankiersfamilie Rothschild zu zeigen und zu „erklären“. Im Film wird sich auf ein einziges Stereotyp beschränkt, das vom jüdischen Großkapital. Es fehlen – was die späteren Filme „auszeichnet“ – Anspielungen auf die „Assimilationsfähigkeit“ der Juden, die „Ost- und Ghettojuden“ und ebenso die politischen Konsequenzen. Schon nach zwei Monaten wurde der Film wegen zu geringer Einspielergebnisse aus dem Verleih genommen, aber 1941 erneut in den Kinos gezeigt. Die nun folgenden Filme zeigen ein durchkomponiertes antisemitisches Konzept, das nicht nur darstellt, sondern auch politische Forderungen einschließt.
Ebenso wie der Film „Die Rothschilds“ bediente sich auch „Jud Süß“ (Regie: Veit Harlan, 1940) einer historischen Figur/Ereignissen als Vorlage. Die historische Figur des Joseph Süß Oppenheimer, der im 17. Jahrhundert als Finanzberater und Geldverleiher am Hofe des Württembergischen Herzogs Karl Alexander lebt, diente hier als Vorbild. Das Leben des Jud Süß, das einerseits von der Bewahrung der jüdischen Tradition und andererseits vom sozialen Aufstieg geprägt war, fand auch schon im 19. Jahrhundert literarische Zuwendung3. Trotz des historischen Anspruchs im Vorspann des Filmes wird massive Geschichtsfälschung an der historischen Figur des Joseph Oppenheimer vorgenommen und diese völlig neu, im Einklang mit der nationalsozialistischen Propaganda gezeichnet. So schreibt Goebbels zufrieden in sein Tagebuch: „Der erste wirkliche antisemitische Film.“4 In mehreren Szenen wird sich antisemitischer und antijudaistischer Vorurteile und Stereotypen bedient wie sie, wenn auch in veränderter Darstellungsform, auch im „Ewigen Juden“ vorkommen. So gibt es Andeutungen der „Assimilationsfähigkeit“ resp. Maskierung der Juden, ausschweifende Sexualität und Mädchenhandel resp. Blutschande, moralischen Dekadenz, Geldgier und Heimatlosigkeit/Wanderungen und Weltmachtstreben. 5 Der Tod Jud Süß und die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Württemberg am Ende des Film wird als logische Konsequenz der Geschichte und als Prophezeiung und Anweisung an die Gegenwart inszeniert. „Jud Süß“ war an den Kinokassen sehr erfolgreich, was sich unter anderem mit seiner verdeckten – in Form einer als historisch wahr dargestellten Begebenheit – Propagandastrategie erklären läßt.
2.3. „Der ewige Jude“ – Konzept und Beteiligung
[...]
1 Vgl. hier die Arbeiten von: Stig Hornshøj-Møller: „Der ewige Jude“ Quellenkritische Analyse eines antisemitischen Propagandafilms, hrsg. vom Institut für den Wissenschaftlichen Film. Göttingen 1995, Yizak Ahren, Stig Hornshøj-Møller u. Christoph B. Melchers: „Der ewige Jude“ oder wie Goebbels hetzte. Eine Untersuchung zum nationalsozialistischen Propagandafilm. Aachen 1990, Wolf Donner: Propaganda und Film im „Dritten Reich“. Berlin 1995.
2 Vgl. den Film „Leinen aus Irland“ (1939). In: Stefan Mannes: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film Jud Süß und Der ewige Jude. Köln 1999. S. 20.
3 Vgl. Beispielsweise den Roman von Lion Feuchtwanger: „Jud Süß“ aus dem Jahre 1925 oder die von Wilhelm Hauff veröffentlichte Novelle „Jud Süß“ (1827).
4 Zit. n.: Stefan Mannes: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film. S. 30, FN. 57
5 Vgl. die ausführliche Analyse von Stefan Mannes in: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film. S. 33-50.
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