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Zum Verhältnis von Technik und Mensch

Hauptseminararbeit, 2003, 25 Seiten
Autor: Manuela Lück
Fach: Geschichte - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2003
Seiten: 25
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 19  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V54865
ISBN (E-Book): 978-3-638-49974-3

Dateigröße: 215 KB


Textauszug (computergeneriert)

Technische Universität Dresden
Geschichte der Technik und Technikwissenschaften
Hauptseminar: Technisierung des Alltags
9. Semester, Wintersemester 2002/ 03

Zum Verhältnis von Technik und Mensch

von: Manuela Lück

 


Gliederung

1. Einleitung

2.1. Zeit
2.2. Paul Virilio – Zeitalter der Geschwindigkeiten
2.3. Revolutionen der Geschwindigkeit

2.3.1. Erste Veränderungen – Bewegung und Stillstand
2.3.2. Gefahr für die Demokratie? Virilios Zukunftsvisionen der Demokratie

2.4. Die letzte Revolution
2.5. Ästhetik des Verschwindens
2.6. Kritik an Virilio

3. Marshall McLuhan

3.1. Understanding Media
3.2. Extension of men – Ausweitung des Menschen

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

 


 

1. Einleitung

Unser Erleben von Geschwindigkeit hat sich seit der Hochindustrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Entstehung der neuen Medien im 20. Jahrhundert grundlegend verändert. Die Welt wird mit einer anderen, beschleunigten Geschwindigkeit wahrgenommen. So ist der Blick aus einem fahrenden Zug für uns heute eine ästhetisch Alltäglichkeit, führte aber zu Beginn der Eisenbahnfahrten im letzte Jahrhundert zu Irritationen bei verschiedenen Teilen der Bevölkerung1. Der Blick – vom Seheindruck der letzten Jahrhunderte (!), ohne wesentliche Beschleunigungen – veränderte sich zu einem sekundenhaften, sich gleich wieder verflüchtigen Eindruck der durchfahrenden Landschaft. Diese momenthaften, anfänglich als Schock bezeichneten Eindrücke sollten die Ästhetik und mit ihr die ganze Kunst neu bestimmen und ihr eine neue Richtung, in der sich ankündigenden Moderne geben. Veränderungen in der Wahrnehmung hatten vor allem Einfluß auf künstlerische Werke, die diese Eindrücke unmittelbarer beschreiben und in ihren Werken umsetzen sollten. Ebenso einschneidend, wie die eben kurz angedeutete Flüchtigkeit des Eindrucks, sind die Erfahrungen der Moderne mit der Gleichzeitigkeit im medialen Zeitalter, die die Verortung im Raum obsolet erscheinen läßt. Diese neue(n) Ästhetik(en), sind wesentlich von der neuen Zeit-, d.h. auch Raum- und Geschwindigkeitserfahrung der Techniken, die im 19. und 20. Jahrhundert erfunden wurden bestimmt. Im Mittelpunkt dieser Arbeit sollen daher zwei Theorien stehen, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Technik näher beschäftigen. Zunächst sollen die Theorien von Paul Virilio, für den Medien2 Geschwindigkeitsordnungen produzieren und die menschliche Wahrnehmung ersetzten, kritisch betrachtete werden, um sich dann dem kanadischen Medienphilosophen Marshall McLuhan, für den Medien die menschliche Wahrnehmung organisieren und bestimmen, zuzuwenden.

2.1. Zeit

Bevor sich die folgenden Abschnitte näher mit Geschwindigkeit und Beschleunigung befassen, einige Bemerkungen zum Topos Zeit, die ja in unmittelbarem Zusammenhang zur zu diesen steht und nicht isoliert betrachtet werden kann. Bestimmte Zeitvorstellungen und –konstruktionen haben die Menschen schon immer begleitet und eng damit verbunden sind Vorstellungen von Geschichte, d.h. vom Verlauf der Vergangenheit und Vorstellungen von Zukunft. Erst mit der Erfindung von Uhren wird die Zeit genau meß- und vor allem regulierbar und somit unabhängig von natürlichen Meßvoraussetzungen. Der Verlauf der Zeit beim Zurücklegen einer bestimmten Strecke im geographischen Raum wird immer präziser meßbar. Dies hat nicht nur zur Folge, daß der Raum anders als bisher definiert wird, nun in Entfernungen, die in einer bestimmten Zeit zurückgelegt werden, sondern auch unmittelbare und einschneidende Auswirkungen auf die Regulation des sozialen Lebens hat. Der kontinuierliche Zeitverlauf wird zum bestimmenden sozialen Faktor. Die Uhr, ob als Kirchturmuhr, oder als Taschenuhr, welche die Maßeinheit verkündet wird zum Sozialdisziplinator schlechthin, denn sie erzeugt Pünktlichkeit, Disziplin und hat Einfluß auf die Erziehung. Die Organisation der Lebenswelt, die sich bisher auf natürliche Phänomene, bzw. natürliche Meßverfahren der Zeit verließen, wird nun von der neu definierten Zeit bestimmt. Der Verlauf der Zeit repräsentiert sich auch in einem anderen Meßmittel, dem Geld. Im Medium Geld materialisiert sich gleichsam die vergangene Zeit und konnte so zum zukunftsversprechenden/ utopischen Element der industriellen Moderne werden.3 Der Verlauf der Zeit wird für viele Bereiche des Lebens zum bestimmenden Faktor, so für den ökonomischen Bereich und der sich hier entwickelnden Massenproduktion, wo die Verkürzung4 von Arbeitsabläufen, also dem „Sparen“ von Zeit und Geld zum wesentlichen Motor der Entwicklung der Hochindustrialisierung wird. Parallel dazu entwi- ckelte sich, teilweise von der Wirtschaft, resp. dem Militär5 getragen, die zum Symbol des Fortschritts schlechthin avancierte Eisenbahn. „Der Motor, das Bewegende, geht der Seele voraus.“(Paul Virilio)

2.2. Paul Virilio – Zeitalter der Geschwindigkeiten

Für Paul Virilio, 1932 in Paris geboren, ist die Frage zentral, welche Rolle6 der Mensch im Zeitalter der modernen Technologien/Maschinen und des technisierten Krieges einnimmt und wie deren Verhältnis zueinander strukturiert ist. Seine eher konservative Auffassung, die er in der Theorie der Dromologie formuliert hat, soll Gegenstand der folgenden Auseinandersetzung sein. Die von Virilio in den siebziger und frühen achtziger Jahren entwickelte „Disziplin“7 der Dromologie ist interdisziplinär angelegt und vereint Aspekte der Mediengeschichte, Militärwissenschaft, Urbanistik und Physik miteinander. Die Dromologie (dromos, griech.: Lauf, der Läufer, Logik des Laufes, der Geschwindigkeit) 8, ist die Lehre von der Geschwindigkeit und betrachtet alle gesellschaftlichen und historischen Ereignisse der menschlichen Geschichte unter diesem ausschließlichen Gesichtspunkt. Dabei geht es ihm keineswegs um eine rein ästhetische Betrachtungsweise resp. um eine Glorifizierung der Geschwindigkeit und Technik, wie sie beispielsweise die italienischen Futuristen um Marinetti in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vertraten9, sondern um ein konstantes transhistorisches und transpolitisches, das heißt ein epochenübergreifendes, alle Lebensbereiche strukturierendes Element, welches analysiert werden soll.

[...]


1 Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit. Frankfurt am Main: Fischer 1995.

2 Auf die unterschiedlichen Definitionen des Begriffs „Medium“ werde ich an anderer Stelle intensiver eingehen.

3 Bsp. der Zins, der auf einen begrenzten Zeitraum erhoben wird. Vgl. Peter Gendolla: Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Köln: DuMont 1992. S. 51ff.

4 Vgl. Gendolla, der von „Zeitverkürzungsapparaturen“ spricht und die Zerlegung von komplexen Arbeitsschritten beschreibt, die später im Taylorismus resp. Fordismus ihre Perfektionierung erreicht hatte. Vgl. Gendolla: Zeit. S. 63.

5 Die Zuordnungen erscheinen hier pauschalisiert, aber ich möchte nur auf die Zusammenhänge von Zeit und Beschleunigung hinweisen. Wesentliche Innovationsträger für die Entwicklung der Mobilität sind vor allem das Militär und der Staat, im geringerem Maße die Wirtschaft. Vgl. beispielhaft die Entstehung der Eisenbahn und Telegraphienetz.

6 Kay Kirchmann: Blicke aus dem Bunker. Stuttgart: Verlag für Internationale Psychoanalyse 1998. S. 13ff.

7 Paul Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit. Berlin: Merve Verlag 1993. S. 38.

8 Paul Virilio: Der reine Krieg. Berlin: Merve Verlag 1984. S. 45ff.

9 Marinetti erklärt in seinem Manifest: „Raum und Zeit sind gestorben“ und Virilio beschreibt den Untergang von Raum und Zeit in der bisher wahrgenommenen Form. Das Ideal der Futuristen ist eine Verschmelzung von Maschinen und Menschen, worin sie eine neu Individualität resp. Befreiung des Menschen sehen. Vgl. Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Der Futurismus. Manifeste und Dokumente. Reinbeck bei Hamburg: Rowolth Verlag 1993.


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