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Scholarly Essay, 1995, 75 Pages
Author: Mag. Manfred Wieninger
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Vienna (Institut für Germanistik)
Tags: Beobachtungen, Josef, Winklers, Friedhof, Orangen, Romane
Year: 1995
Pages: 75
Grade: 1
Bibliography: ~ 152 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50045-6
ISBN (Book): 978-3-638-68805-5
File size: 288 KB
Literaturwissenschaftlicher Aufsatz über den 1993 erschienenen Roman "Friedhof der bitteren Orangen" von Josef Winkler
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Abstract
Die vorliegende literaturwissenschaftliche Arbeit analysiert einerseits die Quellen von Josef Winklers Roman „Friedhof der bitteren Orangen“ und gibt andererseits einen Überblick über die publizistische Aufnahme und die juristische Rezeption des 1990 erschienenen Textes. Weiters wird der Frage nachgegangen, ob das Winklersche Œuvre dem Genre der bloßen Autobiographik zuzurechnen ist.
Excerpt (computer-generated)
Universität Wien
Institut für Germanistik
Germanistik-Literaturwissenschaft
Romane in Österreich nach 1980
Beobachtungen zu Josef Winklers "Friedhof der bitteren Orangen"
eingereicht von:
Manfred Wieninger
1995
Inhaltsverzeichnis
1) "Das Leid eines Bauernbuben" - Autobiographie, Fiktion oder Selbststilisierung? ... 3
2) Josef Winklers Moosbrugger - Eine kleine Quellenkunde des "Friedhofs der bitteren Orangen" ... 9
3) Der "wohlbekannte Masochist" - Zur publizistischen Aufnahme des "Friedhofs der bitteren Orangen" ... 26
4) Zur ‘juristischen Rezeption’ - Ein Exkurs ...40
Nachwort ...49
Bibliographie ... 52
Verwendete Abkürzungen ...75
1) "Das Leid eines Bauernbuben"1 - Autobiographie, Fiktion oder Selbststilisierung?
Eine Konstante in der noch nicht sehr umfangreichen Josef Winkler-Forschung - wie auch generell in der naturgemäß noch sehr kurzen Rezeptionsgeschichte - ist die dort mehrheitlich vertretene Auffassung, daß das Winklersche OEuvre dem Genre der Autobiographik zuzurechnen sei.
So begreift etwa Rainer Fribolin in seiner 1989 in Buchform erschienenen Dissertation das bis dahin vorliegende Winklersche Romanwerk2 als "moderne bäuerliche Kindheitsautobiographik"3 und nimmt konsequenterweise die Existenz eines "mit dem Autor identischen Ich-Erzählers"4 an. Dabei ergibt sich aber das methodische Problem, daß man für diese Operation - so man sich zu den "Vertretern der Autobiographie-Auffassung"5 zählen lassen wollte - aus einer Fülle von Ich-Erzählern (aber auch Er-Erzählern) nur einem einzigen (quasi Haupt-)Ich-Erzähler den Preis der Totalidentität mit dem Autor zuerkennen dürfte. Denn Erzählform und Erzählstandpunkt changieren im Winklerschen OEuvre beständig. So auch im "Friedhof der bitteren Orangen".
Eine weitere methodische Crux des ‘Fribolinschen Verfahrens’, also eines ausschließlich autobiographischen Zuganges zum Winklerschen Werk, liegt darin, daß Interpreten wie Fribolin zwar die "bisher zwölfhundertseitige Kindheitsbeschreibung des Autors"6 kennen, nicht aber die Kindheit Josef Winklers. Letztere wird ganz einfach aus ersterem abgeleitet und im Anschluß daran Totalidentität beider postuliert. So wenn etwa Fribolin seiner Interpretation ganz konventionell ein Kapitel "Zu Leben und Werk" voranstellt, in dem zu lesen ist:
"Josef Winkler wird am 3.3. 1953 in dem kleinen Dorf Kamering nahe Villach im österreichischen Kärnten geboren. Er ist das vierte von sechs Kinder. Nach der Volksschule besucht er in Villach die Handelsschule, die er nicht zu Ende führt, arbeitet anschließend in verschiedenen Büros, tritt dann in die Abendhandelsakademie ein, schließt auch diese nicht ab. Er liest und schreibt schon als Jugendlicher sehr viel, kaum etwas anderes vermag ihn zu interessieren."7
Zur Untermauerung dieses biographischen Materials verweist Fribolin in einer Fußnote auf die Seiten "300 ff."8 des Roman "Muttersprache". Ebenso verwegen wird unter anderem die - angebliche - Tatsache, daß "der Autor seelisch nicht zur ersehnten Ruhe finden kann"9 oder daß er "acht Jahre lang Ministrant"10 war, einzig und allein aus den Texten extrahiert. Weitere Quellen für ein solch fundiertes biographische Wissen - immerhin verfügt der Interpret sogar über eine Art von Innensicht, indem er nämlich weiß, daß "der Autor seelisch nicht zur ersehnten Ruhe finden kann"- werden nicht genannt. Solche quasi außerliterarischen Quellen wären im übrigen aber auch gar nicht so leicht aufzufinden, da die biographische Faktenlage zu Winkler - ganz im Gegensatz zu den überreichen literarischen Selbstzeugnissen und Selbststilisierungen im Winklerschen OEuvre - als äußerst dünn11 zu bezeichnen und noch keine Biographie12 vorhanden ist. So findet sich etwa in dem 1991 erschienenen Handbuch "Literarisches Leben in Österreich" der IG Autoren im "Autoren/Autorinnenverzeichnis"13 unter dem Eintrag "WINKLER Josef"14 nur die Kameringer Adresse des Autors, sein Geburtsdatum und sein Geburtsort. Als Schwerpunkte seiner Tätigkeit werden - kaum überraschend - unter dem Sigle "L"15 Literatur und unter den Subsiglen "P"16 und "R"17 Prosa und Roman genannt. Aber auch diese Daten - bis auf die unbestreitbare Tatsache, daß Josef Winkler als Romancier und Prosaist tätig ist - können streng genommen nicht als objektiv gelten, da die Einträge im genannten Autorenverzeichnis auf Angaben der Autoren selbst beruhen. Weiters liegt ein mit 22.1.1983 datierter und vom Autor unterfertigter "Lebenslauf"18 vor, in dem es über Kindheit und Jugend, also den die Rezeption vor allem beschäftigenden Teil des Winklerschen Curriculum vitae, heißt:
"Am dritten März 1953 wurde ich als Sohn bäuerlicher Eltern in Kamering bei Paternion, Kärnten, geboren. Ich besuchte die achtklassige Dorfvolksschule, trat in die Handelsschule Villach über und arbeitete zunächst im Büro der Molkerei Spittal und Villach. Danach arbeitete ich im Betrieb des Eduard-Kaiser-Verlages in Klagenfurt, schließlich trat ich 1973 in den Dienst der Verwaltung der neugegründeten Hochschule und jetzigen Universität für Bildungswissenschaften. 1978 stieß Martin Walser auf mein erstes Romanmanuskript "Menschenkind" und brachte es zu Dr. Unseld, Suhrkamp Verlag."19
Die Problematik, das auch dies wieder ‘nur’ ein Selbstzeugnis ist, bleibt unvermindert bestehen. Das gilt auch für zwei größere Interviews aus den Jahren 1979 bzw. 1980 in der Kleinen Zeitung20 bzw. in der Kärntner Tageszeitung21, in denen auch Biographisches zur Sprache kommt, sowie für den weitgehend autobiographischen Aufsatz Winklers "Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen.", der 1992 in der "zeitschrift für brauchbare texte und bilder" Wespennest erschienen ist. Gut dokumentiert ist hingegen, wie nicht anders zu erwarten, Josef Winkler als Person des öffentlichen Interesses, als renommierter Autor, Literaturpreisträger, Stadtschreiber usw.22
Was wir jedoch mit der vorangegangenen, relativ umfassenden Aufzählung und Würdigung diverser biographischer Materialien gezeigt zu haben glauben, ist, daß es um einen halbwegs objektiven, aus vom Autor unabhängigen Quellen geschöpften Kenntnisstand über Winklers Curriculum vitae vor dem Erscheinen seines Romanerstling "Menschenkind" eher schlecht bestellt ist. Was wir bis dahin über Josef Winkler wissen, wissen wir von Josef Winkler. Nun lehrt uns die Literaturgeschichte aber, daß - ein germanistischer Gemeinplatz - biographische Angaben der Autoren sehr oft mit Vorsicht zu genießen sind23. Dichter dürfen lügen. Auch Josef Winkler hat diese Erkenntnis in seinem Werk durchaus reflektiert, wenn es etwa in seinem Debütroman heißt:
"Dichter lügen alle. In ihren Lügen steckt oft die ganz Wahrheit. Ein Dichter, der nicht lügt, beweist nur seinen falschen Charakter."24
Das Leben eines Autors wird sich daher im allgemeinen nicht 1:1 in seinem Werk widerspiegeln25, und wir hegen daher die Befürchtung, daß die Majorität der Josef Winkler-Forscher möglicherweise auf interpretativen Irrwegen wandeln dürfte. Denn Wendelin Schmidt-Dengler ist ja unbedingt zuzustimmen, wenn er konstatiert:
"[...] wie bei wenigen andren Autoren versucht man bei Josef Winkler den Zugang zu seinem Werk von der Person des Autors her zu gewinnen."26
Winklers Literatur steht "unter der Signatur der Authentizität"27, in seinen Texten vermeint nicht nur die Forschung "wahre Geschichte[n]"28 zu erkennen.
Wir jedoch schließen uns eher Andrea Kunne an, die da gemeint hat:
"Obwohl sich Übereinstimmungen zwischen dem Leben der Hauptpersonen und dem des realen Autors Josef Winkler keineswegs leugnen lassen, und wir die Präsenz einiger autobiographischer Elemente - wie Namens- und Altersgleichheit, bäuerliche Herkunftswelt, Schreibtätigkeit, mitmenschliche Beziehungen - nicht abstreiten wollen, möchten wir uns von denjenigen Interpreten distanzieren, die das OEuvre als ganzes als "Autobiographie" verstanden haben wollen. Daß Winkler fünf seiner Texte mit der Gattungsbezeichnung "Roman" versehen hat, ist für uns Grund genug, sie auch als solche, d.h. in erster Linie fiktional, zu rezipieren."29
[...]
1 Kärntner Bauernkalender 1980, S. 67
2 "Menschenkind" 1979 (Taschenbuchausgabe 1981), "Der Ackermann aus Kärnten" 1980 (Taschenbuchausgabe 1984), "Muttersprache" 1982 (Taschenbuchausgabe 1984), "Die Verschleppung. Njetotschka Iljaschenko erzählt ihre russische Kindheit" 1983, "Der Leibeigene" 1987 (Taschenbuchausgabe 1990). Mittlerweile sind erschienen: "Friedhof der bitteren Orangen" 1990 (Taschenbuchausgabe 1992) und "Das Zöglingsheft des Jean Genet" 1992 (Taschenbuchausgabe 1994).
3 Fribolin: Winkler, S. 3
4 Ebd., S. 169
5 Kunne: Heimat, S. 259 Kunne zählt zu diesen "Vertretern der Autobiographie-Auffassung" Claus-Ulrich Bielefeld, Rainer Fribolin, Jürgen Oelkers und Karl Wagner. Unseres Erachtens gehören auch Werner Brettschneider und Dirck Linck in diese illustre Reihe.
6 Fribolin: Winkler, S. 171
7 Ebd., S. 165
8 Ebd., S. 165
9 Ebd., S. 167
10 Ebd., S. 171
11 Kein Wunder bei einem so jungen Autor.
12 Ganz im Gegensatz etwa zu Peter Handke. Siehe: Haslinger, Adolf: Peter Handke. Jugend eines Schriftstellers. Salzburg, Wien: Residenz 1992
13 Ruiss, Vyoral: Leben, S. 429
14 Ebd., S. 706
15 Ebd., S. 706 bzw. S. 430 (Verzeichnis der Abkürzungen und Siglen)
16 Ebd., S. 706 bzw. S. 430
17 Ebd., S. 706 bzw. S. 430
18 Als unpublizierte, maschinenschriftliche Abschrift in der Kritikensammlung der Wiener Dokumentationsstellefür neuere österreichische Literatur vorhanden.
19 Winkler: Lebenslauf, S. 1
20 Geführt von Siegmund Kastner und am 18.11.1979 ebendort publiziert.
21 Geführt von Arnulf Ploner und in drei Teilen am 17., 19. und 21.9.1980 ebendort publiziert.
22 Eine unsystematische (und ungeordnete) Auswahl: Zur Zuerkennung und Verleihung des Würdigungspreises für Literatur 1992 des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst siehe unter anderem: Kärntner Tageszeitung vom 3.1.1993, Tiroler Tageszeitung vom 31.12.1992, Oberösterreichische Nachrichten ebenfalls vom 31.121992, Neue Kronen Zeitung vom 1.1.1993, Salzburger Nachrichten vom 5.2.1993, Neue Zürcher Zeitung vom 9.2.1993, Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 2.1.1993. Zum Ehrenbeleidigungsprozeß des Kameringer Jägers und Gendarmeriebeamten Hubert Granitzer versus Josef Winkler siehe unter anderem: Der Standard vom 5.7.1990, Kärntner Tageszeitung vom 30.6.1990, Kleine Zeitung vom 24.11.1990. Zur Verleihung des "Preises der Arbeit" der Kärntner Kammer für Arbeiter und Angestellte an Winkler siehe unter anderem: Kärntner Tageszeitung vom 3.5.1990, Kleine Zeitung vom 3.5.1990. Zur Zuerkennung eines Robert-Musil-Stipendiums an Josef Winkler siehe unter anderem: Der Standard vom 12.6.1990 und vom 19.7.1990, Wiener Zeitung vom 13.6.1990, Kleine Zeitung vom 19.7.1990. Zum Indienreisenden Winkler siehe unter anderem: Kleine Zeitung vom 7.5.1994, Kleine Zeitung vom 13.8.1994. Zum Stadtschreiberamt Winklers in Bergen-Enkheim siehe unter anderem: Frankfurter Rundschau (Ausgabe D) vom 9.6.1994 und vom 5.9.1994, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.6.1994 und 5.9.1994, Hamburger Abendblatt vom 5.9.1994, Tiroler Tageszeitung vom 5.9.1994, Salzburger Nachrichten vom 5.9.1994, Neues Volksblatt vom 20.6.1994, Kleine Zeitung vom 9.6.1994, Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 9.6.1994, Kärntner Tageszeitung vom 10.6.1994. Zur Produktion "Schlachthof für Engel" des Wiener Tanztheaters "Homunculus" nach Winklers Romanvorlage "Menschenkind" siehe unter anderem: Tiroler Tageszeitung vom 18.3.1994, Neues Volksblatt vom 23.9.1993, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.1.1992, Salzburger Nachrichten vom 11.1. 1992 und vom 13.1.1992, Falter vom 17.1.1992, Kurier vom 9.1.1992 und vom 11.1.1992. Profil vom 7.1.1992, Der Standard vom 13.1.1992, Wiener Zeitung vom 11.1.1992, Die Presse vom 25.1.1992.
23 Man denke etwa nur an Heinrich Heines Koketterie mit seinem Geburtsdatum oder an Joseph Roths Selbststilisierung zum gewesenen k.u.k.-Offizier (zu seiner eigenen Figur Trotta sozusagen - abgesehen einmal vom ‘Anti-Heldentod’ der Romanfigur in den ersten Tagen des I.Weltkrieges).
24 Winkler: Menschenkind, S. 151 [Zitiert nach: Kunne: Heimat, S. 259] Franz Haas hat genau diese Stelle als Zitat decouvriert: "Und er [Winkler M. W.] zitiert damit fast im Wortlaut sein erklärtes Vorbild Jean Genet und dessen Aufforderung, das zu entdecken, was der Dichter verbergen wollte." Haas: Demolierung, S. 26
25 So hat etwa die private, sexuelle Vorliebe Heimito von Doderers für ans Bett gefesselte Nonnen und lateinisches Bettgeflüster - die uns dankenswerterweise von Dorothea Zeemann in ihrem Buch "Jungfrau und Reptil" überliefert worden ist - in seinem Werk, soweit es mir bekannt ist, keine Spuren hinterlassen.
26 Schmidt-Dengler: Zeichen, S. 57
27 Ebd., S. 57
28 Kärntner Bauernkalender 1980, S. 67
29 Kunne: Heimat, S. 260
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