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Alltagsteam Familie: Zur Aktualität des phänomenologischen Ansatzes von Berger und Kellner

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 26 Pages
Author: Sabine Friedlein
Subject: Sociology - Gender Studies

Details

Event: Familiärer Wandel und familiensoziologischer Diskurs
Institution/College: University of Augsburg (Lehrstuhl für Soziologie)
Tags: Alltagsteam, Familie, Aktualität, Ansatzes, Berger, Kellner, Familiärer, Wandel, Diskurs
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 33  Entries
Language: German
Archive No.: V55212
ISBN (E-book): 978-3-638-50225-2
ISBN (Book): 978-3-638-66379-3
File size: 236 KB
Notes :
Diese Arbeit überprüft den mikrosoziologischen Ansatz von Peter Berger und Hansfried Kellner durch Vergleich mit heute beobachtbaren familialen Phänomenen auf Aktualität. Dabei steht einerseits die Ehe als "gereifte" Paarbeziehung und Basis für das "Alltagsteam" Familie, und andererseits die reziproke Einflussnahme zwischen Eltern und Kindern, im Mittelpunkt der Diskussion. Denn familiale Realität wird in einem wechselseitigen Sozialisations- und Konstruktionsprozess gemeinsam erschaffen.


Abstract

Das Titelthema der Ausgabe 9/2005 des Magazins „Der Spiegel“ heißt „Biologie der Partnersuche“. Philip Bethge stellt hier das christliche Lebensmodell Ehe auf den biologischen Prüfstand. Dieser aktuelle Artikel ist ein Indiz dafür, dass Themen wie „Liebe“ und „Dauerhaftigkeit von Beziehungen“ auch und gerade in Zeiten von Pluralisierung der privaten Lebensformen ein breites Publikum interessieren. Bethge stellt unter anderem die Frage, wie der Übergang von der romantischen Liebe zur gereiften Beziehung wissenschaftlich erklärbar ist, und findet keine befriedigende biologische Antwort. Der Mensch sei seiner hormonellen Natur nach „gar nicht für die langfristige Bindung zu einem einzigen Partner geschaffen“. Dagegen kann man argumentieren, dass nach fünfzehn Jahren ehelichen Zusammenlebens nur ein Viertel der Ehen geschieden wird, was die Frage aufwirft, wie der große verbliebenen Rest der Menschheit seine biologischen Wurzeln „verleugnen“ kann. Diese Frage spricht mehr die soziale denn biologische Natur des Menschen an und kann unter Zuhilfenahme einer „Spielart“ familiensoziologischen Denkens, des wissenssoziologischen Modells von Peter Berger und Hansfried Kellner, vorgestellt 1965 im Artikel „Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens“, möglicherweise zufriedenstellender beantwortet werden. Berger und Kellners Ansatz ist mikrosoziologisch, das heißt, er interessiert sich für den gesellschaftlichen Prozess, der „in jeglicher konkreter Ehe die Beteiligten affiziert“. Wie aktuell ist dieses vierzig Jahre alte familiensoziologische Werk, angesichts der heute zu beobachtenden Pluralisierung von Lebensformen? Diese Arbeit will den mikrosoziologischen Ansatz von Berger/Kellner durch Vergleich mit heute beobachtbaren familialen Phänomenen auf Aktualität überprüfen. Dazu wird in einem allgemeinen Kapitel auf die heutige Problematik der Definition von „Familie“ und den heutigen Bedeutungsgrad von Ehe für Familie eingegangen. Im Anschluss legt das Kapitel über Phänomenologie wichtige begriffliche Grundlagen für die folgende Auseinandersetzung mit den ehelichen Konstruktionsmechanismen von Alltagswirklichkeit. Um zu beweisen, wie konform zum Ansatz von 1965 die eheliche zu einer nach heutigem Verständnis interaktive familialen Konstruktion von Alltag ausgeweitet werden kann, behandelt Kapitel fünf die Rolle der reziproken Einflussnahme und Sozialisation zur Schaffung familialer Alltagswirklichkeit.


Excerpt (computer-generated)

Alltagsteam Familie: Zur Aktualität des phänomenologischen
Ansatzes von Berger und Kellner

von: Sabine Friedlein

 


Inhalt

1. Einleitung  3

2. Die Definition von Ehe und Familie im Kontext von Berger und Kellner  4

2.1 Ehe als Basis von Familie 5
2.2 Der Mythos Liebesehe 6
2.3 Das „Alltagsteam“ Ehe 8

3. Exkurs: Phänomenologische Grundlagen für Wirklichkeitskonstruktion 8

4. Partnerschaft als nomischer Bruch und nomosbildendes Instrument 11

4.1 Das Ehe - „Drama“  12
4.2 Stabilisierung durch Objektivierung 14

5. Die Rolle von Sozialisation bei der Konstruktion von Familienwirklichkeit  16

5.1 Sozialisation und Machtverhältnisse  17
5.2 Formen kindlichen Einflusses auf die Eltern 19

5.2.1 Situationsgebundene Einwirkungen  19
5.2.2 Situationsübergreifende Folgen von Elternschaft  20
5.2.3 Retroaktive Sozialisation in der Familie  22

6. Schluss 24

Literaturverzeichnis 25

 


 

1. Einleitung

Das Titelthema der Ausgabe 9/2005 des Magazins „Der Spiegel“ heißt „Biologie der Partnersuche“. Philip Bethge stellt hier das christliche Lebensmodell Ehe auf den biologischen Prüfstand. Dieser aktuelle Artikel ist ein Indiz dafür, dass Themen wie „Liebe“ und „Dauerhaftigkeit von Beziehungen“ auch und gerade in Zeiten von Pluralisierung der privaten Lebensformen ein breites Publikum interessieren. Bethge stellt unter anderem die Frage, wie der Übergang von der romantischen Liebe zur gereiften Beziehung wissenschaftlich erklärbar ist, und findet keine befriedigende biologische Antwort. Der Mensch sei seiner hormonellen Natur nach „gar nicht für die langfristige Bindung zu einem einzigen Partner geschaffen“. (Bethge, 172) Dagegen kann man argumentieren, dass nach fünfzehn Jahren ehelichen Zusammenlebens nur ein Viertel der Ehen geschieden wird (siehe Statistisches Bundesamt 2003, 82), was die Frage aufwirft, wie der große verbliebenen Rest der Menschheit seine biologischen Wurzeln „verleugnen“ kann.

Diese Frage spricht mehr die soziale denn biologische Natur des Menschen an und kann unter Zuhilfenahme einer „Spielart“ familiensoziologischen Denkens, des wissenssoziologischen Modells von Peter Berger und Hansfried Kellner, vorgestellt 1965 im Artikel „Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens“, möglicherweise zufriedenstellender beantwortet werden. Berger und Kellners Ansatz ist mikrosoziologisch, das heißt, er interessiert sich für den gesellschaftlichen Prozeß, der „in jeglicher konkreter Ehe die Beteiligten affiziert“. (Berger/Kellner, 220) Wie aktuell ist dieses vierzig Jahre alte familiensoziologische Werk, angesichts der heute zu beobachtenden Pluralisierung von Lebensformen? Diese Arbeit will den mikrosoziologischen Ansatz von Berger/Kellner durch Vergleich mit heute beobachtbaren familialen Phänomenen auf Aktualität überprüfen. Dazu wird in einem allgemeinen Kapitel auf die heutige Problematik der Definition von „Familie“ und den heutigen Bedeutungsgrad von Ehe für Familie eingegangen. Dabei stehen auch die Beweggründe zur Eheschließung und der Ehe als „gereifter“ Paarbeziehung und Basis für das „Alltagsteam“ Familie im Mittelpunkt der Diskussion. Im Anschluss legt das Kapitel über Phänomenologie wichtige begriffliche Grundlagen für die folgende Auseinandersetzung mit den ehelichen Konstruktionsmechanismen von Alltagswirklichkeit.

Um zu beweisen, wie konform zum Ansatz von 1965 die eheliche zu einer nach heutigem Verständnis interaktive familialen Konstruktion von Alltag ausgeweitet werden kann, behandelt Kapitel fünf die Rolle der reziproken Einflussnahme und Sozialisation zur Schaffung familialer Alltagswirklichkeit. Denn familiale Realität wird in einem wechselseitigen Sozialisations- und Konstruktionsprozess gemeinsam erschaffen. Es handelt sich hier um eine idealtypische, mikrosoziologische, theoretische Betrachtungsweise. Demnach kann weder auf Abweichungen von der vorgestellten idealtypischen „Norm“ noch die makrosoziologischen und praktisch-interpretativen Aspekte dieses Ansatzes im Detail eingegangen werden.

2. Die Definition von Ehe und Familie im Kontext von Berger und Kellner

Wie definiert man Familie, angesichts der heute zu beobachtenden Individualisierungsprozesse, Pluralisierung von Lebensformen und „Patchwork- Biografien“? Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim als Vertreter der Individualisierungsthese formulieren es folgendermaßen: Was Familie, Ehe, Elternschaft, Sexualität, Erotik, Liebe ist, meint, sein sollte oder sein könnte, kann nicht mehr vorausgesetzt, abgefragt, verbindlich verkündet werden, sondern variiert in Inhalten, Ausgrenzungen, Normen, Moral, Möglichkeiten am Ende eventuell von Individuum zu Individuum, Beziehung zu Beziehung, muß in allen Einzelheiten des Wie, Was, Warum, Warum-Nicht enträtselt, verhandelt, abgesprochen, begründet werden, selbst wenn auf diese Weise die Konflikte und Teufel, die in allen Details schlummern und besänftigt werden sollen, aufgeweckt und entfesselt werden. (Beck/Beck-Gernsheim, 13)

Bethge weist auf die Patchwork-Biografien hin:
Von der Familie, wie man sie kannte, kann kaum mehr die Rede sein. Kinder sind es schon fast gewohnt, dass ein Defilee von Lebensabschnittsgefährten an ihnen vorbeizieht; sie wachsen auf in einem reichen Soziotop von Stiefgeschwistern zweiten Grades, Wochenendvätern und Beuteverwandten bis hin zur Lieblingstante, die der dritte Ersatzpapa hinterlassen hat. (Bethge, 174) Friedrich Busch bringt es auf den Punkt: „Jede Sozialform, die sich Familie nennt, ist Familie oder kann sich als Familie bezeichnen.“ (Busch, 8) Sexualforscher Gunter Schmidt meint „Familie ist, wo mindestens zwei Leute sagen, dass sie eine ist.“ (Bethge, 174) Tatsächlich ist die subjektive Selbstdefinition als Paar bzw. Familie heute vielleicht der klarste Indikator für Familie, besonders im Alltagsverständnis dieses Begriffs. Nun stellt sich die Frage, ob es zumindest für Soziologen über das Alltagsverständnis hinaus eine allgemein gültige Definition von „Familie“ geben kann. Im „golden age of marriage“ der 60er Jahre wurde selbstverständlich vom Idealtypus Kernfamilie, das heißt Ehefrau, Ehemann und deren leibliche Kinder (Nave-Herz/Onnen-Isemann, 292) ausgegangen, da diese Form privaten Zusammenlebens „überall in den zentralen Schichten der modernen Industriegesellschaft auftritt“. (Berger/Kellner, 231) Auch Berger und Kellner verwendeten 1965 den Idealtypus Kernfamilie und damit der Ehe, „wie sie in normalem Alter geschlossen wird und wie sie in der Mittelschicht der westlichen Gesellschaftsformationen auftritt“. (Berger/Kellner, 231)

2.1 Ehe als Basis von Familie

Nach Mühlfeld bilden die Eltern den „permanenten und den zentralen Kern“ der Gruppe Familie (Mühlfeld, 22). Die Basis einer Familie bildet demnach die Eltern. Doch müssen die Eltern verheiratet sein? Rosemarie Nave-Herz definiert Familie 1989 folgendermaßen: Im weitesten Sinn ist die Familie eine nach Geschlecht und Generation differenzierte Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und einem wechselseitigen Solidaritätsverhältnis, dessen Begründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird. Aufgabe der Familie ist es unter anderem, Schutz zu gewähren und das Sexualverhalten ihrer Mitglieder zu regulieren. (Nave-Herz 1989, 193)

Die zeremonielle Begründung der Familie durch Heirat ist nach aktuellem soziologischem Verständnis jedoch nicht mehr unbedingt notwendiger Definitionsbestandteil für Familie. Das beweist Nave-Herz’ 2001 diesbezüglich gekürzte Formulierung, die Familie sei „eine soziale Gruppe, die zumindest zwei Generationen umfasst“. (Nave- Herz/Onnon-Isemann, 291) Die sogenannte nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL) wird nicht länger als Vorstadium, sondern Alternative zum ehelichen Zusammenleben verstanden. Sprechen Berger und Kellner 1965 von einem „Trend zur Frühehe“, ist 2000 das Heiratsalter weiter angestiegen (in Westdeutschland stieg beispielsweise der Altersdurchschnitt der Männer von 25,9 (1960) auf 31,3 (2000) Jahre). (Statistisches Bundesamt 2003, 66) Berger und Kellners These, dass es per definitionem der „Erschaffung einer auf der Ehe aufgebauten Subwelt“ (Berger/Kellner, 232) bedarf, um „in der Gesellschaft ‚zu Hause zu sein‘“ (ebd.), hat an Aktualität verloren. Der Monopolanspruch der Ehe, einziges anerkanntes, auf Gefühlen begründetes soziales System zu sein, ist aufgelöst. (nach Nave- Herz 1988, 66)

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