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Fichtes Reaktion auf Jacobis "Sendbrief" von 1799

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Moritz Deutschmann
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V55270
ISBN (E-book): 978-3-638-50269-6
ISBN (Book): 978-3-638-66382-3
File size: 286 KB
Notes :
Die Arbeit behandelt die Kontroverse um Jacobis Brief an Fichte aus dem Jahr 1799, eine der einflussreichsten Auseinandersetzungen in der Geschichte des deutschen Idealismus. Dabei werden grundsätzliche philosophische Positionen von Fichte und Jacobi deutlich.


Abstract

Nur wenige Philosophen haben Fichte so intensiv beschäftigt wie Jacobi. Schon Jahre vor Jacobis ”Sendbrief” äußerte Fichte seine Bewunderung für ihn und suchte seine Freundschaft. Selbst die deutliche Kritik, die Jacobi im ”Sendbrief” von 1799 an Fichtes Philosophie äußerte, konnte daran nur wenig ändern. Vielmehr hat Fichte in seinen Überlegungen nach 1799 immer wieder die Kritikpunkte Jacobis zu berücksichtigen versucht. Umgekehrt hatte auch Fichte in Jacobis Philosophie eine besondere Bedeutung. Er war für Jacobi der wesentliche Vertreter einer ganzen philosophischen Grundströmung, in die Jacobi auch Spinoza einordnete und die er als Fehlentwicklung kritisierte. Seine Kritik an Fichte im Sendbrief zielt also weit über diesen hinaus auf den gesamten transzendentalen Idealismus. Um die Kontroverse zwischen Fichte und Jacobi um den ”Sendbrief” von 1799, die das Thema dieser Hausarbeit ist, nicht nur historisch wiederzugeben, sondern auch in ihrer systematischen Bedeutung deutlicher werden zu lassen, soll sie unter der Leitfrage behandelt werden, wie Jacobi und Fichte sich zu der Frage nach den Grenzen des Wissens stellen. Diese Frage ist nicht nur das wesentliche Thema der Kontroverse, sondern sie ist auch für Fichtes Wissenschaftslehre, die sich eine vollständige Darstellung des Wissens zum Ziel gesetzt hat, eine dauernde Herausforderung. Zunächst wird es darum gehen, genauer zu zeigen, was Jacobi mit seiner Kritik an Fichte meint. Dabei wird auch die Metapher des ”salto mortale”, die Jacobi in seinen Briefen an Mendelssohn verwendet hat, ein Thema sein. Dann werde ich mich Fichtes Reaktion zuwenden. Diese ist sehr vielschichtig und nicht auf wenige Texte einzugrenzen: Denn erstens hat Fichte mehrfach in Briefen an Jacobi selber oder an Reinhold auf die Kritik im ”Sendbrief” reagiert. Zweitens hat er auch einige Versuche unternommen, der Kritik in einer eigenen Schrift öffentlich entgegenzutreten. In einem weiteren Sinne hat drittens Jacobis Kritik auch in der weiteren Ausarbeitung von Fichtes gesamter Philosophie nach 1799 eine Rolle gespielt.


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Philosophie
Hauptseminar: Fichtes Wissenschaftslehre ”nova methodo”
Wintersemester 05/06

Fichtes Reaktion auf Jacobis Sendbrief von 1799

von: Moritz Deutschmann

 


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG 1

DER ”SENDBRIEF” AN FICHTE  2

JACOBIS BESTIMMUNG DES WISSENSCHAFTSBEGRIFFS 2

DER VORWURF DES NIHILISMUS 4

"UNWISSENHEITSLEHRE” ANSTATT ”PHILOSOPHISCHES WISSEN DES NICHTS”  5

Von der Kritik an Fichte zu Jacobis eigener philosophischen Position 5
Der ”Sprung” in den Spinozabriefen 6
Ahndung, Gefühl und Vernehmen  8

FICHTES REAKTION 10

DIE ABGRENZUNG VON SPEKULATION UND LEBEN 10

FICHTES THEORETISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN GRENZEN DES WISSENS 11

Philosophie als ”Begreifen des Unbegreiflichen”  11
Fichtes Kritik an Jacobi im 18. Vortrag der Wissenschaftslehre von 1804 13
Die Ausgangssituation der Wissenschaftslehre von 1804 (Zweiter Vortrag)  13
Die "Vernichtung des Begriffs am Absoluten"   16
Die Evidenz des Absoluten  17

FAZIT  19

LITERATUR 23


 

 

Einleitung

”Wer nicht erklären will was unbegreiflich ist, sondern nur die Grenze wissen wo es anfängt, und nur erkennen, dass es da ist: von dem glaube ich, dass er dem mehresten Raum für echte menschliche Wahrheit in sich ausgewinnt.”1

Nur wenige Philosophen haben Fichte so intensiv beschäftigt wie Jacobi. Schon Jahre vor Jacobis ”Sendbrief” äußerte Fichte seine Bewunderung für ihn und suchte seine Freundschaft.2 Selbst die deutliche Kritik, die Jacobi im ”Sendbrief” von 1799 an Fichtes Philosophie äußerte, konnte daran nur wenig ändern. Vielmehr hat Fichte in seinen Überlegungen nach 1799 immer wieder die Kritikpunkte Jacobis zu berücksichtigen versucht. Umgekehrt hatte auch Fichte in Jacobis Philosophie eine besondere Bedeutung. Er war für Jacobi der wesentliche Vertreter einer ganzen philosophischen Grundströmung, in die Jacobi auch Spinoza einordnete und die er als Fehlentwicklung kritisierte. Seine Kritik an Fichte im Sendbrief zielt also weit über diesen hinaus auf den gesamten transzendentalen Idealismus. Um die Kontroverse zwischen Fichte und Jacobi um den ”Sendbrief” von 1799, die das Thema dieser Hausarbeit ist, nicht nur historisch wiederzugeben, sondern auch in ihrer systematischen Bedeutung deutlicher werden zu lassen, soll sie unter der Leitfrage behandelt werden, wie Jacobi und Fichte sich zu der Frage nach den Grenzen des Wissens stellen. Diese Frage ist nicht nur das wesentliche Thema der Kontroverse, sondern sie ist auch für Fichtes Wissenschaftslehre, die sich eine vollständige Darstellung des Wissens zum Ziel gesetzt hat, eine dauernde Herausforderung.

Zunächst wird es darum gehen, genauer zu zeigen, was Jacobi mit seiner Kritik an Fichte meint. Dabei wird auch die Metapher des ”salto mortale”, die Jacobi in seinen Briefen an Mendelssohn verwendet hat, ein Thema sein. Dann werde ich mich Fichtes Reaktion zuwenden. Diese ist sehr vielschichtig und nicht auf wenige Texte einzugrenzen: Denn erstens hat Fichte mehrfach in Briefen an Jacobi selber oder an Reinhold auf die Kritik im ”Sendbrief” reagiert. Zweitens hat er auch einige Versuche unternommen, der Kritik in einer eigenen Schrift öffentlich entgegenzutreten.3

In einem weiteren Sinne hat drittens Jacobis Kritik auch in der weiteren Ausarbeitung von Fichtes gesamter Philosophie nach 1799 eine Rolle gespielt.4 Eine ausführliche Darstellung aller dieser Aspekte würde zu weit führen. Deswegen werde ich zunächst kurz auf die metaphilosophische Unterscheidung zwischen Spekulation und Leben bei Fichte eingehen, in der sich Fichte deutlich von Jacobi abgrenzt. Diese Abgrenzung hat ihre Begründung in den theoretischen Argumenten, die Fichte gegen Jacobi vorbringt und denen ich mich dann zuwenden werde. Dabei werde ich von einer Bemerkung Fichtes in einem Brief an Jacobi aus dem Jahr 1804 ausgehen, in der vorgeschlagen wird, die Philosophie als "Begreifen des Unbegreiflichen" zu bestimmen. Diese Bemerkung steht offensichtlich im Zusammenhang mit Fichtes Arbeit an der zweiten Fassung der Wissenschaftslehre von 1804, von der ich deswegen einige Stellen zur Klärung heranziehen werde.

Der ”Sendbrief” an Fichte

Jacobis Bestimmung des Wissenschaftsbegriffs.

Jacobis Kritik wendet sich von Anfang an nicht nur gegen Fichte, sondern gegen die gesamte spekulative Philosophie. Diese beruht nach Jacobi darauf, die beiden dem Menschen natürlicherweise gegebenen Gewissheiten, nämlich die Existenz des Ich und die einer gegenständlichen, vom Ich unabhängigen Welt, zu einer einzigen Gewissheit zu machen: "Sie mußte suchen den Einen dieser Sätze dem andern vollständig zu unterwerfen; jenen aus diesem oder diesen aus jenem - zulezt vollständig - herzuleiten, damit nur Ein Wesen und nur Eine Wahrheit werde unter ihrem Auge, dem Allsehenden"5. Von dort aus hätten sich die philosophischen Positionen des Materialismus und des Idealismus ergeben, nämlich die Versuche, "alles aus einer sich selbst bestimmenden Materie" oder "aus einer sich selbst bestimmenden Intelligenz" zu erklären.6 Im Gegensatz zur üblichen Kontrastierung der beiden Positionen glaubt Jacobi, dass diese letzten Endes ineinander übergehen würden.7 Schon Spinozas Philosophie stand nach Jacobi kurz vor einem solchen Umschlag; wirklich geschehen sei er aber im transzendentalen Idealismus und insbesondere in Fichtes Philosophie: ”Das Zeichen, welches Sie gegeben haben, ist die Vereinigung des Materialismus und Idealismus zu Einem untheilbaren Wesen...”8

Doch was ist den beiden philosophischen Richtungen gemeinsam? Materialismus und Idealismus verbindet für Jacobi ihr wissenschaftlicher Blick auf die Welt. "Wissenschaft" ist für Jacobi nicht eine bloße Betrachtung der Welt, sondern wesentlich ein Handeln, eine Aktivität, die sich durch das ”Selbsthervorbringen ihres Gegenstandes”9 auszeichnet. In einer Beilage zu dem Brief benutzt Jacobi für diese Tätigkeit auch den Begriff der "Konstruktion"10 und er bemerkt: ”Wir begreifen aber einen Gegenstand, wenn wir uns seine Bedingungen der Reihe nach vorstellen...”11 Die Wissenschaft ordnet also die Wirklichkeit in einen von ihr selbst begrifflich konstruierten Kausalzusammenhang ein. Dabei ist Wissenschaft nicht nur eine auf Gegenstände gerichtete Tätigkeit, sondern sie ist Ausdruck von Subjektivität:

[...]


1 Jacobi, Friedrich Heinrich: Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn, Hamburg 1998, S. 34.

2 Zur Entwicklung der Beziehung zwischen Fichte und Jacobi vgl. Lauth, Reinhard: Fichtes Verhältnis zu Jacobi unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Friedrich Schlegels in dieser Sache, in: Klaus Hammacher (Hrsg.), Friedrich Heinrich Jacobi, Frankfurt 1971, S. 165-197. Vgl. auch Horstmann, Rolf-Peter: Die Grenzen der Vernunft. Eine Untersuchung zu Zielen und Motiven des Deutschen Idealismus, Frankfurt 32004, S. 44f.

3 Vgl. etwa Fichte, Johann Gottlieb: Zu ”Jacobi an Fichte” (1805/1806), in: Walter Jaeschke (Hrsg.), Transzendentalphilosophie und Spekulation. Der Streit um die Gestalt einer Ersten Philosophie. Quellenband, Hamburg 1993, S. 44-47

4 Vgl. dazu auch Horstmann, Die Grenzen der Vernunft, a.a.O., der der Auseinandersetzung zwischen Jacobi und Kant prägende Bedeutung für die Geschichte des gesamten Deutschen Idealismus einräumt.

5 Jacobi, Friedrich Heinrich: Brief an Fichte in Jena vom 3-21.3.1799, in: Johann Gottlieb Fichte, Gesamtausgabe der bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob, Stuttgart - Bad Cannstatt 1964ff, Bd. III.3, S. 226. Die Ausgabe kürze ich von hier an mit AA (=Akademieausgabe) ab.

6 Ebd., S. 226.

7 Ebd., S. 226.

8 Ebd., S. 228.

9 Ebd., S. 231.

10 Ebd., S. 231.

11 Ebd., S. 231.


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