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Scholary Paper (Seminar), 2003, 18 Pages
Author: Inga Hüttemann
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Johann, Wolfgang, Goethe, Urfaust, Gretchen, Kindsmörderin, Verurteilung, Entschuldigung
Year: 2003
Pages: 18
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50393-8
ISBN (Book): 978-3-638-59861-3
File size: 139 KB
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Abstract
Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur des Gretchen als Kindsmörderin und geht der Frage nach, inwiefern sie für dieses Verbrechen verurteilt wird. Der untersuchte Gegenstand ist nicht die vollendete Fassung des Faust I, sondern der Urfaust, der dabei (trotz einiger Vergleiche) als eigenständiges Werk aufgefasst wird und nicht als "unvollständiger" Vorentwurf des Faust I. Diese Wahl der Fragestellung, des Gegenstandes und der Methode schränken die brauchbare Forschungsliteratur stark ein. Fast alle Untersuchungen der Gretchen-Figur beziehen sich auf Faust I. (Einige davon werden dennoch verwendet, denn trotz der oben zitierten Behauptung von Vitz lassen sich viele Aspekte auch auf die Gretchen-Figur im Urfaust beziehen.) Die Frage nach dem Kindsmord wird zwar häufig flüchtig berührt, aber selten konkret behandelt. Problematisch ist, dass Gretchen in einigen Fällen einseitig betrachtet und überhöht dargestellt wird, in vielen anderen Fällen lediglich als eine notwendige Episode in der Entwicklung Fausts behandelt wird [Siehe hierzu Vitz’ Kapitel über die Faust- Rezeption nach 1945: Georg Vitz, a.a.O., S. 123f.]. Letzteres findet sich beispielsweise bei Stuart Atkins [Siehe hierzu und zu folgendem: Atkins, Stuart: Neue Überlegungen zu einigen missverstandenen Passagen der "Gretchentragödie" in Goethes Faust. In: Keller, Werner: Aufsätze zu Goethes "Faust I". Darmstadt 1974.]: Gretchen sei lediglich "eine symbolische Vertreterin des weiblichen Geschlechts", ihre Rolle "auf ein absolutes Minimum reduziert" und die sogenannte Gretchentragödie nur "eine symbolische Episode". Aus dieser Sicht erscheint eine Untersuchung der Gretchen- Figur nur im Hinblick auf Faust interessant, nicht aber als eigenständige Figur des Dramas. Dennoch halte ich die Frage nach der Gretchen-Figur für gerechtfertigt, zum einen weil sie, wie bereits gesagt, im Urfaust eine andere Bedeutung hat, zum anderen weil in dieser Figur - wie Bernhard Greiner darlegt - die "Begründung des Faust als Tragödie" liegt [Greiner, Bernhard: Margarete in Weimar: die Begründung des Faust als Tragödie. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 93 (2).]. Der Leser empfindet gerade Gretchens Schicksal als das tragische Element des Dramas. Ob dies Goethes Absicht entsprach, kann bei werkimmanenter Interpretation dahingestellt bleiben. Diese Hausarbeit stellt also Gretchen in den Mittelpunkt und untersucht (quasi umgekehrt) die Figur des Faust nur in Hinsicht auf deren Schicksal. Dabei will ich nicht darauf beharren, dass Gretchen ein vollentwickelter Charakter ist, wohl aber darauf, dass sie mehr als ein "Symbol" ist. Um mich der Frage nach Schuld und Vergebung bezüglich des Kindsmordes anzunähern, werde ich die Untersuchung der Gretchen- Figur in zwei Teile gliedern: die "Vorgeschichte" und den Kindsmord selber. Die Verführung und die daraus resultierende uneheliche Schwangerschaft haben Gretchen erst in die Situation gebracht, in der sie ihr Kind tötet, sind also Ursache für den tragischen Verlauf ihres Schicksals. Deshalb ist auch danach zu fragen, ob sie für diese "Ursachen" selbst verantwortlich ist. Dem wird in einem ersten Teil nachgegangen, bevor im zweiten Teil nach Verurteilung oder Entschuldigung der Tat selbst gefragt wird. Diese beiden Teile werden dann in einem Schlussteil zusammengeführt, um zu einer abgeschlossenen Analyse der Gretchen-Figur als Kindsmörderin zu gelangen.
Excerpt (computer-generated)
Westfälische Wilhelms- Universität Münster
Institut für Deutsche Philologie II
Proseminar: Literatur und Kindsmord um 1800
Sommer- Semester 2003
Johann Wolfgang v. Goethe: Urfaust
Gretchen als Kindsmörderin - Verurteilung oder Entschuldigung ?-
von
Inga Hüttemann
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 1
I) Der Kindsmord im Urfaust S. 3
II) Analyse der Gretchen- Figur S. 4
1. Die Vorgeschichte:
Verführte Unschuld oder mitverantwortlich? S. 4
2. Der Kindsmord
- Entschuldigt oder verurteilt? S. 10
III) Zusammenfassung S. 14
Literaturverzeichnis S. 16
Einleitung 1
„Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat“: Diese eine Liedzeile in der Kerkerszene charakterisiert Gretchen, die weibliche Protagonistin des Urfaust, – die doch so häufig als Ebenbild weiblicher Unschuld und Tugend verstanden wird - als Hure und Kindsmörderin.
Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur des Gretchen als Kindsmörderin und geht der Frage nach, inwiefern sie für dieses Verbrechen verurteilt wird. Der untersuchte Gegenstand ist nicht die vollendete Fassung des Faust I, sondern der Urfaust, der dabei (trotz einiger Vergleiche) als eigenständiges Werk aufgefasst wird und nicht als „unvollständiger“ Vorentwurf des Faust I. Für diese Wahl spricht unter anderem, dass im Urfaust – im Gegensatz zum Faust – die Gretchentragödie den proportional größeren Teil des Dramas einnimmt und somit mehr Bedeutung gewinnt. Die Beziehung zwischen Faust und Gretchen steht hier in einem anderen Zusammenhang, denn die Szenen „Hexenküche“ und „Walpurgisnacht“ fehlen: „Diese beiden Szenen ... umklammern ... die ursprüngliche Faust- Gretchenepisode... und setzen diese in einen neuen Bedeutungszusammenhang“ 2. Die Gretchentragödie hat im Urfaust also eine andere Bedeutung als im Faust I.
Der Arbeit wird zur Beantwortung der oben gestellten Frage eine werkimmanente Interpretation zu Grunde gelegt. Rechtsdiskursive, soziologische, literaturgeschichtliche oder den Autor betreffende Aspekte werden ausgeklammert, Ausgangspunkt ist ausschließlich der Text selber.
Diese Wahl der Fragestellung, des Gegenstandes und der Methode schränken die brauchbare Forschungsliteratur stark ein. Fast alle Untersuchungen der Gretchen- Figur beziehen sich auf Faust I. (Einige davon werden dennoch verwendet, denn trotz der oben zitierten Behauptung von Vitz lassen sich viele Aspekte auch auf die Gretchen-Figur im Urfaust beziehen.) Die Frage nach dem Kindsmord wird zwar häufig flüchtig berührt, aber selten konkret behandelt. Problematisch ist, dass Gretchen in einigen Fällen einseitig betrachtet und überhöht dargestellt wird, in vielen anderen Fällen lediglich als eine notwendige Episode in der Entwicklung Fausts behandelt wird3. Letzteres findet sich beispielsweise bei Stuart Atkins4: Gretchen sei lediglich „eine symbolische Vertreterin des weiblichen Geschlechts“, ihre Rolle „auf ein absolutes Minimum reduziert“ und die sogenannte Gretchentragödie nur „eine symbolische Episode“. Aus dieser Sicht erscheint eine Untersuchung der Gretchen- Figur nur im Hinblick auf Faust interessant, nicht aber als eigenständige Figur des Dramas. Dennoch halte ich die Frage nach der Gretchen-Figur für gerechtfertigt, zum einen weil sie, wie bereits gesagt, im Urfaust eine andere Bedeutung hat, zum anderen weil in dieser Figur – wie Bernhard Greiner darlegt – die „Begründung des Faust als Tragödie“ liegt5. Der Leser empfindet gerade Gretchens Schicksal als das tragische Element des Dramas. Ob dies Goethes Absicht entsprach, kann bei werkimmanenter Interpretation dahingestellt bleiben.
Diese Hausarbeit stellt also Gretchen in den Mittelpunkt und untersucht (quasi umgekehrt) die Figur des Faust nur in Hinsicht auf deren Schicksal. Dabei will ich nicht darauf beharren, dass Gretchen ein vollentwickelter Charakter ist, wohl aber darauf, dass sie mehr als ein „Symbol“ ist. Um mich der Frage nach Schuld und Vergebung bezüglich des Kindsmordes anzunähern, werde ich die Untersuchung der Gretchen- Figur in zwei Teile gliedern: die „Vorgeschichte“ und den Kindsmord selber. Die Verführung und die daraus resultierende uneheliche Schwangerschaft haben Gretchen erst in die Situation gebracht, in der sie ihr Kind tötet, sind also Ursache für den tragischen Verlauf ihres Schicksals. Deshalb ist auch danach zu fragen, ob sie für diese „Ursachen“ selbst verantwortlich ist. Dem wird in einem ersten Teil nachgegangen, bevor im zweiten Teil nach Verurteilung oder Entschuldigung der Tat selbst gefragt wird. Diese beiden Teile werden dann in einem Schlussteil zusammengeführt, um zu einer abgeschlossenen Analyse der Gretchen-Figur als Kindsmörderin zu gelangen.
I) Der Kindsmord im Urfaust
Die folgende Hausarbeit untersucht die Gretchen-Figur als Mörderin ihres eigenen, unehelich geborenen Kindes. Die Geburt dieses Kindes und der Kindsmord sind im Urfaust aber nicht dargestellt. Nach der Szene im Dom, in der ihre Schwangerschaft deutlich wird (Z.1324-26), taucht Gretchen erst wieder in der Kerkerszene auf: Hier ist das Kind bereits tot, Gretchen steht vor der Hinrichtung als Strafe für den Mord. Geburt des Kindes, der Mord und auch der Prozess und die Verurteilung werden ausgespart. Deshalb soll einleitend kurz anhand einiger Textstellen auf Gretchens Tat zurückgeschlossen werden.
[....]
1 Die folgende Einleitung mag für eine Hausarbeit ungewöhnlich lang erscheinen, halte ich aber aufgrund meiner Themenwahl für nötig.
2 Vitz, Georg: Goethes „Gretchentragödie“: Das Hohelied von der Lüge in der Liebe. In: Diskussion Deutsch. Zeitschrift für Deutschlehrer aller Schulformen in Ausbildung und Praxis 22 (1991) S. 125.
3 Siehe hierzu Vitz’ Kapitel über die Faust- Rezeption nach 1945: Georg Vitz, a.a.O., S. 123f.
4 Siehe hierzu und zu folgendem: Atkins, Stuart: Neue Überlegungen zu einigen missverstandenen Passagen der „Gretchentragödie“ in Goethes Faust. In: Keller, Werner: Aufsätze zu Goethes „Faust I“. Darmstadt 1974.
5 Greiner, Bernhard: Margarete in Weimar: die Begründung des Faust als Tragödie. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 93 (2).
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