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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 30 Pages
Author: Dietrich Arlart
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Naivität, Reflexivität, Thomas, Manns, Buddenbrooks
Year: 2000
Pages: 30
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13390-6
ISBN (Book): 978-3-638-68666-2
File size: 291 KB
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Abstract
Die Buddenbrooks, Thomas Manns erster Roman, wirft in exemplarischer Weise ein Thema auf, das für das gesamte spätere Werk des Autors bestimmend bleiben wird: Den Konflikt zwischen Gesellschaft und Individuum, 'Bürger' und 'Künstler', Normalität und Extravaganz, oder eben Naivität und Reflexivität. Der junge Autor hatte dieses Dilemma im eigenen Leben erfahren, es sich 'von der Seele geschrieben' und war so in der eigenen Person schon zu einer Synthese von Gegensätzen gelangt, die sich in den Buddenbrooks noch nahezu unvereinbar gegenüberstehen. Wie die naiven, wie die zur Reflexion fähigen Charaktere gestaltet sind, was sie gemeinsam haben, wie sie sich aber auch voneinander unterscheiden, wie ihre Motive, ihre Stärken, ihre Schwächen aussehen, nicht zuletzt: mit welchen Strategien und welchem Erfolg sie ihr jeweiliges Leben bewältigen - diesen Fragen versuche ich mich in der vorliegenden Arbeit anzunähern.
Excerpt (computer-generated)
Naivität und Reflexivität in den BUDDENBROOKS
von Dietrich Arlart
Inhalt
1. EINLEITUNG ... 1
2. NAIVITÄT UND REFLEXIVITÄT IN DEN BUDDENBROOKS ... 1
2.1 NAIVITÄT ... 1
2.1.1 Konsul Jean Buddenbrook ... 1
2.1.2 Tony Buddenbrook ... 2
2.1.2.1 Rollenspiel und Pflichterfüllung ... 2
2.1.2.2 ′Emotionale Intelligenz′ ... 4
2.2 REFLEXIVITÄT ... 6
2.2.1 Selbstbeobachtung ... 6
2.2.1.1 Thomas Buddenbrook ... 6
2.2.1.2 Christian Buddenbrook ... 8
2.2.1.3 Hanno Buddenbrook ... 9
2.2.2 Lebensuntüchtigkeit und Krankheit ... 10
2.2.2.1 Thomas ... 10
Thomas′ Krankheit: Das ′Sisi-Syndrom′ ... 11
2.2.2.2 Christian ... 13
2.2.2.3 Hanno ... 14
2.2.3 Formen der Lebensbewältigung ... 15
2.2.3.1 Thomas: Der ′Leistungsethiker′ ... 15
2.2.3.2 Christian: Der Lebemann ... 17
2.2.3.3 Hanno: Der Décadent ... 19
3. SCHLUSS ... 20
4. LITERATUR ... 22
1. Einleitung
Die Buddenbrooks, Thomas Manns erster Roman, wirft in exemplarischer Weise ein Thema auf, das für das gesamte spätere Oeuvre des Autors bestimmend bleiben wird: Den Konflikt zwischen Gesellschaft und Individuum, ′Bürger′ und ′Künstler′, Normalität und Extravaganz, oder eben Naivität und Reflexivität. Der junge Thomas Mann hatte dieses Dilemma im eigenen Leben erfahren, es sich ′von der Seele geschrieben′ und war so in der eigenen Person schon zu einer Synthese von Gegensätzen gelangt, die sich in den Buddenbrooks noch nahezu unvereinbar gegenüberstehen.
Wie die naiven, wie die zur Reflexion fähigen Charaktere gestaltet sind, was sie gemeinsam haben, wie sie sich aber auch voneinander unterscheiden, wie ihre Motive, ihre Stärken, ihre Schwächen aussehen: diesen Fragen versuche ich mich in der vorliegenden Arbeit anzunähern.
2. Naivität und Reflexivität in den Buddenbrooks
2.1 Naivität
2.1.1 Konsul Jean Buddenbrook
Den Konsul in einem entweder-oder-Schema unterzubringen fällt schwer, einerseits, weil er naive und reflexive Anlagen in sich vereint, andererseits weil er für den Leser nicht in dem Maße Leben gewinnt wie die späteren Generationen. Einige wenige Hinweise lassen sich jedoch finden.
Das gestörte Verhältnis zu seinem Halbbruder Gotthold bedrückt den Konsul; es belastet ihn in einer Art, die seinem Vater, einem Mann der einfachen Antworten, noch fremd ist. "Es sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes gnädiger Hilfe errichtet haben... Eine Familie muß einig sein, muß zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür...". Solche bösen Ahnungen zeugen von einem gewissen Maß an Reflexion.
Mehr noch zeigt aber sein Schuldbewußtsein Tony gegenüber, nachdem Grünlich bankrott ist, daß er nicht gänzlich naiv sein kann (vgl. S. 213). Immerhin überdenkt er seine Motive, Tony zu dieser Eheschließung zu drängen (vgl. S. 216). Außerdem weiß er seine Tochter richtig einzuschätzen, weiß, daß sie, gefragt, ob sie zu ihrem Mann stehen will, nicht antwortet, was sie denkt, sondern das, von dem sie denkt, daß es ihrer Rolle entspricht und daß es von ihr erwartet wird. So fragt er mehrmals nach, nicht ohne den Versuch, Tony zur gewünschten Antwort zu manipulieren - bei dem er sich allerdings ertappt (vgl. S. 214). Beides, der Manipulationsversuch sowohl als auch die Tatsache, daß er ihn sich bewußt macht, setzen reflektierende Denkprozesse voraus.
Dennoch ist der Konsul alles andere als das Paradebeispiel eines Grüblers. Anders als sein Vater hat er ein inniges Verhältnis zur Religion und ergeht sich aus Anlaß der Geburt seiner jüngsten Tochter Clara in seitenlangen pietistisch-religiösen Schwärmereien und zwingt sich gar zum Weiterschreiben, "als Züchtigung [...] für sein unfrommes Gelüste" aufzuhören (S. 52). Aber auch diese Medaille hat eine zweite Seite; so "[war] der [inzwischen] verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und gepflegt hatte" (S. 259). Damit markiert er zumindest den Anfang einer Entwicklung zur höchster Reflexivität, ja Dekadenz, die über Thomas und Christian hin zu Hanno ihren Verlauf nehmen wird.
Was aber vielleicht am meisten dafür spricht, den Konsul als eher naiven Charakter zu betrachten, ist, daß er nicht im geringsten ein lebensuntüchtiger Außenseiter, daß er fähig ist, das Geschäft, nicht mehr so erfolgreich zwar wie sein Vater, aber doch ohne von Zweifeln geplagt zu werden, zu führen. Im Umkehrschluß - seine reflektierenden Nachkommen werden auf Grund ihrer Reflexivität dazu nicht mehr in der Lage sein - läßt sich folgern, daß er naiv sein muß. Naivität (man könnte auch sagen: Bürgerlichkeit, Blauäugigkeit) ist für den jungen Thomas Mann unabdingbare Voraussetzung für ein Bestehen im tätigen Leben.
2.1.2 Tony Buddenbrook
2.1.2.1 Rollenspiel und Pflichterfüllung
Wenn es einen zentralen Begriff gibt, auf den sich Tony Buddenbrooks Denken und Handeln zurückführen läßt, dann ist es der der Pflicht. Sich selbst sieht sie immer nur als Teil eines Ganzen, als Rädchen im Getriebe von Firma und Familie, das zu funktionieren hat. Dabei stellen sich ihr, anders als ihrem zur Reflexion fähigen, zur Reflexion verdammten Bruder Thomas keine Selbstzweifel in den Weg; den Druck der Anforderungen und Erwartungen, unter dem er wie auch Christian und Hanno leidet und schließlich zerbricht, empfindet Tony nicht als solchen; zumindest wird er durch ihre Freude an der Pflichterfüllung mehr als aufgewogen.
Von Klein auf empfindet Tony ihre Rolle in der Lübecker Gesellschaft als eine besondere, ausgezeichnete. Zwar pflegt sie als Kind Umgang mit Kleinbürgern, so etwa "den Arbeitern und den Schreibern" (S. 63) ihres Vaters, doch sind beiden Parteien die Verhältnisse in dem Maße gegenwärtig, daß ihre äußerliche Bestätigung schlicht unnötig ist. Sie mischt sich unter das Volk "wie eine kleine Königin [...], die sich das gute Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und Laune" (S. 64).
[...]
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