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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 30 Pages
Author: Dietrich Arlart
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Eine, Untersuchung, Gesellschaft, Thomas, Manns, Zauberberg
Year: 2001
Pages: 30
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13391-3
ISBN (Book): 978-3-638-68667-9
File size: 259 KB
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Abstract
Wer sich mit der Gesellschaft des Zauberbergs befasst, kommt nicht umhin, sich mit einer Problematik zu beschäftigen, die sich durch das Werk Thomas Manns zieht. Es ist dies der Perspektivismus. Die Figuren erscheinen nicht als absolute, fertige Charaktere, die schlicht so sind, wie sie sind - und womöglich auch so bleiben -, sondern sie existieren im Bewusstsein der verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren, formen sich dort aus zu Ideen, Prinzipien, Typen, Personifizierungen, bisweilen Individuen. Die Dinge sind nicht einfach, sondern sie spiegeln sich im Bewusstsein des Betrachters. Was nun gerade Hans Castorp zum idealen Helden des Romans macht, ist seine Bereitschaft, sich im Sinne des 'placet experiri' die verschiedensten Anschauungen und Perspektiven versuchsweise zu eigen zu machen, um sie dann spielerisch anzuwenden und - gelegentlich - zu einem eigenen Standpunkt zu gelangen. "Mit der Neugier eines Bildungsreisenden" nimmt er Eindrücke, Anregungen und pädagogische Bemühungen auf. An Anregungen fehlt es denn auch nicht. Dem jungen Ankömmling mag wohl scheinen, dass er in einem Schlaraffenland gelandet ist, einem Ort der Abgeschiedenheit und Verantwortungslosigkeit. Wie lebt man an diesem Ort? Dieser Frage werde ich mich im ersten Teil der vorliegenden Arbeit widmen, um mich dann dem Protagonisten, Hans Castorp, zuzuwenden und den Zauber zu untersuchen, den der Berg auf ihn ausübt. Wer ist er, welchen Einflüssen ist er ausgesetzt - und zu wem wird er?
Excerpt (computer-generated)
Die ´Gesellschaft´ des ZAUBERBERGS
von Dietrich Arlart
Inhalt
1. EINLEITUNG ... 1
2. DIE ′GESELLSCHAFT′ DES ZAUBERBERG ... 1
2.1 "DIE GRENZENLOSEN VORTEILE DER SCHANDE": LEBEN AUF DEM ZAUBERBERG ... 1
2.1.1 Krankheit ... 2
2.1.2 Hermetik ... 3
2.1.3 Freiheit ... 5
2.1.4 ′Liederlichkeit′ ... 6
2.1.4.1 Erotik ... 8
2.1.5 Die Berghofgesellschaft als Spiegel der europäischen Vorkriegsgesellschaft ... 9
2.2 HANS CASTORP ... 11
2.2.1 ′Ein einfacher junger Mensch′? ... 11
2.2.2 Die Effekte des Lebens auf dem Zauberberg ... 13
2.2.2.1 "Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben": Die Einstellung zum Tod ... 13
2.2.2.2 Steigerung ... 14
2.2.3 Einflüsse der Hauptfiguren ... 15
2.2.3.1 Selbstvervollkommnung als Menschheitspflicht: Der Einfluß Settembrinis ... 15
2.2.3.2 ′Das ist der Osten und die Krankheit′: Der Einfluß Clawdia Chauchats ... 17
2.2.3.3 ′Mein Gott - eine Persönlichkeit!′: Der Einfluß Peeperkorns ... 18
3. SCHLUSS ... 21
4. LITERATUR ... 23
1. Einleitung
Wer sich mit der Gesellschaft des Zauberberg befaßt, kommt nicht umhin, sich mit einer Problematik zu beschäftigen, die sich durch das Werk Thomas Manns zieht. Es ist dies der Perspektivismus. Die Figuren erscheinen nicht als absolute, fertige Charaktere, die schlicht so sind, wie sie sind - und womöglich auch so bleiben -, sondern sie existieren im Bewußtsein der verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren, formen sich dort aus zu Ideen, Prinzipien, Typen, Personifizierungen, bisweilen Individuen. Die Dinge sind nicht einfach, sondern sie spiegeln sich im Bewußtsein des Betrachters.
Was nun gerade Hans Castorp zum idealen Helden des Romans macht, ist seine Bereitschaft, sich im Sinne des ′placet experiri′ die verschiedensten Anschauungen und Perspektiven versuchsweise zu eigen zu machen, um sie dann spielerisch anzuwenden und - gelegentlich - zu einem eigenen Standpunkt zu gelangen. "Mit der Neugier eines Bildungsreisenden" nimmt er Eindrücke, Anregungen und pädagogische Bemühungen auf.
An Anregungen fehlt es denn auch nicht. Dem jungen Ankömmling mag wohl scheinen, daß er in einem Schlaraffenland gelandet ist, einem Ort der Abgeschiedenheit und Verantwortungslosigkeit. Wie lebt man an diesem Ort? Dieser Frage werde ich mich im ersten Teil der vorliegenden Arbeit widmen, um mich dann dem Protagonisten, Hans Castorp, zuzuwenden und den Zauber zu untersuchen, den der Berg auf ihn ausübt. Wer ist er, welchen Einflüssen ist er ausgesetzt - und zu wem wird er?
2. Die ′Gesellschaft′ des Zauberberg
2.1 "Die grenzenlosen Vorteile der Schande": Leben auf dem Zauberberg
Was bei oberflächlicher Betrachtung der Berghofgesellschaft zunächst beeindruckt, ist ihre Internationalität - wenngleich deren selbstverständlich-unaufdringliche Allgegenwart mit sich bringt, daß sie fast schon wieder in den Hintergrund tritt. Mit Hans Castorp selbst, seinem Vetter Joachim Ziemßen und dem Hofrat treten nur drei Deutsche in Erscheinung. Settembrini, der Italiener - und Weltbürger -, Clawdia Chauchat, die Russin mit dem französischen Namen, Naphta, Jude mit österreichischem Paß, und Peeperkorn, "Kolonial-Holländer" (S. 748), mögen als Beispiele für die "leicht farbige Nationalität" (ebd.) weiterer Hauptfiguren dienen. Doch auch die übrige Gesellschaft ist bunt gemischt; "in was für Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts" (ebd.). "Diese ständig präsente Internationalität des Chargenchors ist nicht weniger funktional als die Nationalität der Hauptfiguren. Sie stellt ein kompositionell notwendiges Milieu-Korrelat zu Hans Castorps Bildungsweg dar, der ihn auf dem Zauberberg durch die geistige Landschaft Europas, nicht die Deutschlands führt."
Wenn eine gewisse Dominanz des "Ostens" zu verzeichnen ist - eine zahlenmäßig wie auch geistig-ideologisch in besonderem Maße präsente Gruppe stellen die Russen dar -, so ist darin wohl am ehesten ein Zugeständnis an oder eine Identifikation mit Settembrini und dessen Vorstellung der östlichen Lebenswelt zu sehen. "Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, - nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! [...] Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, - das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte behagt" (S. 334). ′Der Osten′ sei "weich und zur Krankheit geneigt" (S. 335) und auch damit erkläre sich seine Präsenz im "Berghof".
2.1.1 Krankheit
Auch wenn es als Selbstverständlichkeit erscheint, so muß doch zuvorderst Erwähnung finden, was diese bunte Gesellschaft zusammengebracht hat und zusammenhält. Es ist die Krankheit. Und wie überall, wo gemessen wird, wird auch verglichen und es kommt der Leistungsgedanke ins Spiel. "Leichtkranke galten nicht viel" (S. 281), wie Hans Castorp bemerkt, und so zieht er denn seine Schlüsse und "nannte wohl ein paar Striche mehr, als er in Wahrheit gemessen", "um zur Aristokratie zu gehören" (S. 282) - oder ihr doch so nahe zu kommen, wie das in seinem bescheidenen Falle wohl möglich sein mag.
Die Krankheit, diese "Überbetonung des Körperlichen" (S. 634), stellt also das verbindende Element dar. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Berghofgesellschaft, um sie kreist man, sie ist "das geniale Prinzip" (S. 834), wie Hans Castorp feststellt. Diese Gemeinsamkeit hat natürlich eine identitätsstiftende Wirkung. Die Tatsache, daß "diese Leute allzu sehr mit sich selbst, das heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt [sind]" (S. 283), bewirkt so neben dem Gemeinschaftsgefühl auch eine Abgrenzung nach außen.
2.1.2 Hermetik
Diese Abgrenzung, die durch die geographischen Gegebenheiten des Schauplatzes, das enge Tal und die Höhenlage, begünstigt wird - vgl. "die enge, hohe, abgeschiedene Welt Derer hier oben" (S. 369) - führt zur Herausbildung eines regelrechten, in sich geschlossenen Mikrokosmos. Selbstbeobachtung ist eine Lieblingsbeschäftigung der Berghofgesellschaft (vgl. S. 283). Man genügt sich; man kennt und will bald nichts anderes mehr als das Leben in dieser hermetischen Verantwortungslosigkeit. Selbstbespiegelung, Geselligkeit und Diversion, so sieht der Alltag der Berghofgesellschaft aus; als Beispiel mag hier eine unbedeutende Nebenfigur dienen, die doch in diesem Punkte die vorherrschende Gesittung verkörpert: "So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes mehr als eben immer nur dies erwarte" (S. 428). Sinnbild für die Hermetik des Ortes und seinen Charakter als Abbild einer anderen, äußeren Welt ist auch das Glücksspiel, zu dem Peeperkorn die Gesellschaft um sich schart. "Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und ernst, - nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des Lebens selbst" (S. 768). Wie das Glücksspiel Abbild der Wechselfälle des Lebens, so ist die Berghofgesellschaft ein Spiegelbild der äußeren Welt im Kleinen, das die Bewohner des Sanatoriums jedoch, "echt und ernst", für das wahre Leben nehmen.3
[...]
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