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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 25 Pages
Author: Marta Kabacinska
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Slawistik)
Tags: Bild, Wirklichkeit, Ferdydurke, Gombrowicz, Polnische, Prosa, Moderne, Mimetische, Strategien
Year: 2005
Pages: 25
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50460-7
ISBN (Book): 978-3-638-66398-4
File size: 297 KB
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Abstract
Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines polnischen Landadeligen geboren und ist einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1939 landete Gombrowicz als Passagier der Jungfernfahrt eines Schiffes in Argentinien, wo er vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht wurde und blieb dort bis 1963 in Argentinien. Danach übersiedelte er nach Frankreich und starb dort 1969. Gombrowicz gilt als Vertreter des polnischen Existentialismus und wurde vor allem durch seine grotesken und phantastischen Erzählungen bekannt. Er stellt oft die menschliche Objektivität in Frage. Zu seiner meist bekannten Werke gehört Ferdydurke, in dem „die einzige Wahrheit“ und die autoritative Gesellschaft hinterfragt werden und die Individualität stark gelobt. Der Autor beschäftigt sich in Ferdydurke hauptsächlich mit dem Thema der Wirklichkeitswahrnehmung und der Kondition des Menschen, der diese Wirklichkeit wahrnimmt. Der Autor zeigt das Bild eines Menschen (Józio), der verschiedene „Formen“ betritt, sie demaskiert und dann verlässt. Meine Arbeit, die sich vor allem auf Witold Gombrowiczs Werk Ferdydurke bezieht, soll in Anlehnung an seine „Theorie der Form“ die von ihm bei der Konstruktion der Wirklichkeit(en) genutzten Strategien und seine Vorstellung von der Wirklichkeit veranschaulichen. Was ist die „Wirklichkeit“ an sich? Gibt es überhaupt eine objektive Wirklichkeit (eine axiomatische Wirklichkeit)? In welchem Verhältnis steht die in Gombrowiczs Werken darstellte Wirklichkeit zu der von uns ertastbaren Wirklichkeit? Wie sieht die Welt Gombrowiczs aus und welche Regeln beinhaltet sie? Hat er bewusst und konsequent ein Weltbild kreiert? Welche Mittel benutzte er dabei? Woraus besteht die Einzigartigkeit seiner Vorgehensweise? In welcher Beziehung steht der Hauptprotagonist in Ferdydurke zur vorhandenen Wirklichkeit? Welche Verständnisstufe erreicht er bei der Perzeption der Wirklichkeit und welche Strategien sind ihm dabei von Nutzen? Diese alle Fragen versuchte ich in dieser Arbeit zu beantworten.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt- Universität zu Berlin, Institut für Slawistik
Polnische Prosa der Moderne: Mimetische Strategien zwischen
Wirklichkeitsentwurf und Derealisierung
SS 2005
Das Bild einer kreirbaren Wirklichkeit in
Ferdydurke von Gombrowicz
von: Marta Kabacinska
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1. Die Zielbestimmung, die Literatur und Vorgehensweise 1
1.2. „Ferdydurke“ 3
2. Wirklichkeitswahrnehmung 5
2.1. Mimesis 5
2.2. Eine relative Wirklichkeit 5
3. Problematik in „Ferdydurke“ 6
3.1. Suche nach der Objektivität 6
3.2. Postulat des Relativismus 7
4. Form und das Außerformelle 8
4.1. Oppositionelles System 8
4.2. Was ist die „Form“? Wozu existiert die „Form“? 10
5. Verzichten auf die „Form“ 11
5.1. Unreife als Freiheit 11
5.2. Unreife als Schweigen 12
5.3. Ständiges „Werden“ 12
6. Literarische Mittel der Realisierung und Derealisierung in „Ferdydurke“ 13
6.1. Farce und Symbolik 14
6.2. Teilverständnis und Sprache 16
6.3. Schwanken der „Form“ 17
7. Fazit 18
Literaturverzeichnis 20
„Normalność jest linoskoczkiem nad otchłanią anormalności”1
1. Einleitung
Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines polnischen Landadeligen geboren und ist einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er begann nach seiner Ausbildung zunächst eine Juristenlaufbahn, bevor er sich ab 1934 ganz dem Schreiben widmete. 1939 landete Gombrowicz als Passagier der Jungfernfahrt eines Schiffes in Argentinien. Vorgesehen war ein Aufenthalt von wenigen Tagen, Gombrowicz wurde jedoch vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht und blieb bis 1963 in Argentinien. Danach übersiedelte er nach Frankreich und starb dort 1969. Gombrowicz gilt als Vertreter des polnischen Existentialismus und wurde vor allem durch seine grotesken und phantastischen Erzählungen bekannt. Er arbeitet in seinen Erzählungen und Stücken mit den Mitteln der Groteske: „Die Groteske ist bei Gombrowicz nichts als ein Organ des Widerstands und des Abstoßens. Der Angriff konnte nur gelingen, indem jegliche Haltung des Ernstes aufgegeben wurde“2 Witold Gombrowicz hatte eine exzentrische Natur, er machte es sich zur Lebensaufgabe, den Konventionen im Leben und in der Kunst zu trotzen. Von manchen vergöttert, von vielen gehasst, verkündete er unbequeme Wahrheiten, hatte keine Angst Tabus zu brechen - umgekehrt, er spürte sie auf und legte sie bloß. Er hatte eine Vorliebe für die Provokation und das Vermischen von Gattungen und Konventionen. Leszek Nowak meinte, würde man die Theorie von Gombrowicz heute ganz deutlich verbalisieren, wäre sie eine von den interessantesten soziologischen Theorien.3
1.1. Zielbestimmung, Literatur und Vorgehensweise
Meine Hausarbeit, die sich vor allem auf Witold Gombrowiczs Werk Ferdydurke bezieht, soll in Anlehnung an seine „Theorie der Form“ die von ihm bei der Konstruktion der Wirklichkeit(en) genutzten Strategien und seine Vorstellung von der Wirklichkeit veranschaulichen. Als erstes muss man hier die Frage beantworten, was die „Wirklichkeit“ an sich ist.
Gibt es überhaupt eine objektive Wirklichkeit (eine axiomatische Wirklichkeit)? Daraus folgen die nächsten Fragen: in welchem Verhältnis steht die in Gombrowiczs Werken darstellte Wirklichkeit zu der von uns ertastbaren Wirklichkeit? Wie sieht die Welt Gombrowiczs aus und welche Regeln beinhaltet sie? Hat er bewusst und konsequent ein Weltbild kreiert? Welche Mittel benutzte er dabei? Woraus besteht die Einzigartigkeit seiner Vorgehensweise? In welcher Beziehung steht der Hauptprotagonist in Ferdydurke zur vorhandenen Wirklichkeit? Welche Verständnisstufe erreicht er bei der Perzeption der Wirklichkeit und welche Strategien sind ihm dabei von Nutzen? Bei der Beantwortung all dieser Fragen konzentriere ich mich vor allem auf die Textanalyse des Primärtextes Ferdydurke (Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1997). Beim Versuch der Veranschaulichung der „Theorie der Form“ werde ich mich auch an Gombrowiczs eigene Ausführungen anlehnen. Besonders hilfsreich scheinen mir in dieser Hinsicht Dzienniki (1957- 1961, 1961- 1966, 1967- 1969. Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1988) und auch Testament. Rozmowy z Dominique de Roux (Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1996) zu sein. An einigen Stellen werde ich darüberhinaus Zitate aus Operetka (in: Dramaty. Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1988), Pornografia (Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1987) und Kosmos (Kraków: Wydawnictwo Literackie, 1988) erwähnen. Der Autor versucht seine Werke dem Leser zugänglicher zu machen, indem er vielen davon eigene Kommentare hinzufügt (in Ferdydurke z.B. die literarischen Passagen, die sich auf die eigentliche Handlung beziehen). Er kommentiert sie auch oft in Dzienniki, wo man noch weitere Hinweise findet, die es ermöglichen, seine Weltanschauung und Denkweise besser zu verstehen. Allerdings zog Gombrowicz immer eine starke Grenze zwischen Wissenschaft und Literatur. Er verstand sich selbst als Literaten, als „Gombrowicz den Schriftsteller“ und nicht als „Gombrowicz den Wissenschaftler“ und meinte: „Przerabianie poezji na wykresy jest niewdzięcznym zadaniem. Ja bym na miejscu tych panów tego się wstydził“4. Daher ist das Verstehen von Gombrowiczs „Theorie“ soweit problematisch, dass eben diese nichtwissenschaftliche Beziehung des Autors zu ihr sich als eine schwer zu bewältigende Barriere entpuppt. Die Kommentare des Autors im Bezug auf die eigenen Arbeiten sind zudem oftmals indirekt und unklar. Der Leser fühlt sich oft (von Gombrowicz) in Sackgassen im Labyrinth seines literarischen Werkes geführt und dem ständigen Stolpern ausgesetzt. So bleibt der Leser allein auf dem Schlachtfeld und das Einzige, was er in der Hand hat, sind locker miteinander verknüpfte Gedankengänge, zwischen denen, wie es scheint zu sein, die kausal- konsekutiven Verhältnisse völlig fehlen.
Aus diesem Grunde wurden und werden sind so viele diametral gegensätzliche Kommentare zu Gombrowiczs Literatur verfasst. Oft hat man das Gefühl, es herrsche auch unter den anerkanntesten Kritikern keinerlei Übereinstimmung selbst in Bezug auf die allergrundlegendsten Begriffe wie „Form“ oder „Reife“, die bei Gombrowicz als Hauptbedeutungsträger dienen. Und so komme ich zur Sekundärliteratur. In meiner Arbeit möchte ich mich auch auf andere Publikationen beziehen, die im Zusammenhang mit dem Thema stehen. Reichlich Material lieferten mir die Werke von Jan Błoński: Gombrowicz i krytycy (Kraków, Wrocław: Wydawnictwo Literackie, 1984) und Forma, śmiech i rzeczy ostateczne. Studia o Gombrowiczu (Kraków: Znak, 1994), Podglądanie Gombrowicza von Jerzy Jarzębski (Kraków: Wydawnictwo Literackie, 2000) und natürlich Gombrowicz. Człowiek wobec ludzi von Leszek Nowak (Warszawa: Prószyński i S-ka, 2000). Vor allem Błoński und Jarzębski sind sehr anerkannte Kritiker von Gombrowiczs Werken und geben aufschlussreiche Hinweise zu deren Interpretation. Mittlerweile gibt es auf dem polnischen Buchmarkt (aber nicht nur) zahlreiche literarische Positionen zum Verständnis von Gombrowiczs Welt, deren Anzahl schon seit Jahren die Anzahl der Werke des Autors selbst um das Mehrfache übertrifft. Diese Vielfalt an Auswahl, die an sich auf eine sehr positive Tendenz und großes Interesse an Gombrowicz hinweist, mag besonders beim „Einsteiger“ für eine gewisse Verwirrung und Unübersichtlichkeit sorgen. In diesem Sinne möchte ich auch darauf hinweisen, dass ich in meiner Arbeit nur auf ausgewählte Probleme im Gesamtkonzept des Autors eingehen werde.
1.2. „Ferdydurke“
[...]
1 Fryde, Ludwik. O Ferdydurce Gombrowicza. In: Polska Krytyka Literacka. Warszawa: PWN, 1966, S.224
2 Bruno Schulz, im Internet unter: www.wanat.de/gombrowicz/index1.htmlome
3 NOWAK (2000), S. 32
4 GOMBROWICZ (1996), S. 45
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