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'Düsteres Auge' und trockene Träne: das Augenmotiv in Heinrich Heines 'Weberlied'

Termpaper, 2006, 14 Pages
Author: Anna Panek
Subject: German Studies - Comparative Literature

Details

Event: Seminar zum Tränenmotiv in der abendländischen Literaturgeschichte
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Tags: Düsteres, Auge, Träne, Augenmotiv, Heinrich, Heines, Weberlied, Seminar, Tränenmotiv, Literaturgeschichte
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 14
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V55581
ISBN (E-book): 978-3-638-50488-1
ISBN (Book): 978-3-638-81999-2
File size: 272 KB

Abstract

Das Auge des sozial Entrechteten in Heines Weberlied - in dieser Arbeit als Gegenbild zum feuchten blauen Auge des romantischen Modegedichts aufgefaßt - wird in der zweiten Hälfte des Textes genauer seziert. Das Werkzeug der Literaturwissenschaft legt seine Klinge an das Bild vom Bild vom Arbeiterblick, welches sich bei der Rezeption des Gedichtes beim Leser virtuell entfaltet und schließlich entwickelt.


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Grundkurs „Einführung in die vergleichende Literaturwissenschaft“,
zum Tränenmotiv in der abendländischen Literaturgeschichte
Wintersemester 2005/06

„düsteres Auge“ und trockene Träne:

das Augenmotiv in Heinrich Heines ‚Weberlied’
im Vergleich zu seinem dichterischen Frühwerk

Hausarbeit

von

Anna Panek

 

 

Einleitung ... S. 2

1. Poetologische Konnotationen vor dem ‚Weberlied’
1.1. Formale und motivgeschichtliche Parallelen zu Heines Frühwerk - die Träne in Heines frühen Gedichten  ... 2
1.2. Heines Romantikkritik – Abwendung von christlichem Spiritualismus und Gegenweltentwürfen  ... 5

2. Das „Lied der Schlesischen Weber“
2.1. historischer und biographischer Kontext des ‚Weberliedes’  ... 7
2.2. das „düstere Auge“  ... 8
2.3. die fehlende träne  ... 10

Fazit  ... 11

 

 

Einleitung

Das Auge wird, als wichtigstes Sinnesorgan des Menschen, in der Symbolgeschichte mit Licht, Helle, auch geistiger Klarheit assoziiert1. Es gilt als „Fenster zur Welt und zugleich Spiegel der Seele“2 und fungiert damit als Verbindungsstück zwischen der Innenwelt eines Individuums und seinem sozialen Umfeld. Es spielt in der religiösen Symbolik vom alten Ägypten über nordische und östliche Kulte bis zum Christentum eine wichtige Rolle als Zeichenträger für göttliche Weisheit, Allgegenwart sowie - beim Christentum – die Dreifaltigkeit und wird seit der Antike als Metapher „für die Öffnung zum menschlichen Herzen“ verwendet, „durch die das Göttliche Zugang findet“3. Im Kontext von Kult und Volksaberglauben fungiert das Auge auch als Machtfaktor, dessen Blick versteinern kann oder als „böser Blick“ mit Zauber zu belegten vermag4.

Die vorliegende Arbeit untersucht das Augenmotiv in Heinrich Heines 1844 erschienenem, als ‚Weberlied’ bekannt gewordenem Gedicht „Die schlesischen Weber“5, indem sie die zunächst die Typologien des Augen- und Tränenmotivs in Heines frühen Gedichten umreißt und nach einer kurzen Skizzierung der historischen Rahmenbedingungen zur Wendung vom „düsteren Auge“ in Bezug zu setzen versucht. Der darin erkennbar werdenden Gegenbewegung zum kulturgeschichtlich und symbolkundlich weiter verbreiteten „positiven Ausdruckswert des Auges“6 sowie dem Phänomen der fehlenden Träne versucht sie hierbei genauer auf den Grund zu gehen.

1. Poetologische Konnotationen vor dem ‚Weberlied’

1.1. Formale und motivgeschichtliche Parallelen zu Heines Frühwerk – die Träne in Heines frühen Gedichten

Auf die dem ‚Weberlied’ zugrundeliegende Form des Volksliedes greift Heine bereits im 1927 erschienenen „Buch der Lieder“ zurück, wobei schon dieser frühen Adaption auf Volkslied und seine kunstpoetische Stilisierung mit dem Rückgriff auf das Motiv der fehlenden, zurückgehaltenen Träne eine Abgrenzung von der „schlichten Mentalität des Volksliedhaften“7 und dessen romantischer Verklärung eingeschrieben ist: im Achtzeiler „Wenn zwei voneinander scheiden...“8 setzt er einem Zitat aus ‚Des Knaben Wunderhorn’, das die tränenreiche Trennung zweier Liebender zum Thema hat, die tränenlose, aber umso schmerzhaftere Trennung des lyrischen Ich als Kontrast gegenüber und verweist damit auf die zur Konvention erstarrte Emotionalisierung des romantischen Kunstliedes. Die sich hier abzeichnende Entzweiung zwischen einer in ihrer „Wahrheitsfähigkeit“9 fragwürdig gewordenen lyrischen Verklärung und der Erfahrungswirklichkeit des modernen Subjekts äußert sich in „Wahrhaftig“10 ebenfalls als Gegenüberstellung unter Rückgriff auf das tradierte positive Augenmotiv: „Blümelein“ und „Äuglein“, bereits durch Diminutive ironisch gebrochen, geraten in den letzten beiden Strophen zu „Zeug“, das zwar gefallen mag, aber noch lang „keine Welt“ macht.

Wo die Träne fließt, wird sie häufig entweder in symbolgeschichtlich kanonisierte Mythologie eingewoben oder in den Rahmen einer romantischen Mysthisierungsästhetik gestellt: zum letzteren Feld gehören jene Gedichte, die die fliessende Träne in das Reich der Träume verlagern: In „An eine Sängerin“11 entlockt eine „Zaubervolle“ dem lyrischen Ich Tränen, die ihn sogleich in einen Traum einweben - mit dem Tränenfluss wird das Subjekt seiner Sinne beraubt aus der realen Umgebung in die Welt der Märchen und Rittersagen versetzt - die Träne fungiert hier als Vehikel zur von ihm bereits ironisch-distanziert betrachteten mittelalterlichen Sagenwelt und ihrer spätromantischen Idealisierung. 

Die Verbindung von Träne und Traum im Kontext unerfüllter Liebessehnsucht tritt in den ‚Romanzen’ und ‚Lyrischen Intermezzo’ an mehreren Stellen auf: In „Da ist ein Brausen und Heulen“12 sieht er das Auge der Geliebten zwar „gefüllt mit Tränen“, wie es in die Nacht hinein „starrt“, doch nur als Vorstellung. In „Der Traumgott bracht mich in sein Riesenschloß“ 13 bricht zwar aus den Augen der Geliebten der „süße Brand“, doch unter ihrem Blick erwacht das lyrische Ich im letzten Vers. Auch in „Ich hab im Traum geweinet“14 entspringt die Träne der Sphäre Schlaf und Traum. An die Verbindung zwischen ironischer Distanzierung und der Verwendung von Diminutiva in „Wahrhaftig“ erinnern auch die „Perlenthränentröpfchen“ aus „Allnächtlich im Träume seh ich dich“15, die ebenfalls nur im Traum den Augen des „wehmütiglich“ dreinschauenden „blonde[n] Köpfchen[s]“ entsprießen, bis das Ich aufwacht. Ähnlich in „Im nächt´gen Traum...“16 , einem Sonett aus dem Abschnitt „Traumbilder“: auch hier fliessen die „bitt´re[n] Thränen“ aus den „süße[n] Augen“, „fromme[n] Liebessternen“ der Geliebten nur in einer dem realen Jetzt entrückten Traumwelt.

[....]


1 Vgl. Biedermann 1989, S. 42.

2 Lurker 1991, S. 61.

3 Daemmrich 1987, S. 62.

4 Vgl. Biedermann 1989, S. 42-43.

5 Heine, Heinrich: „Die schlesischen Weber“. Historisch-kritische Gesamtausgabe (= DHA), Bd. 2. S. 150.

6 Vgl. Biedermann 1989, S. 42.

7 Preisendanz 1996, S. 559.

8 Heine: Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo XLIX; DHA 1/I S. 183.

9 Preisendanz 1996, S. 559.

10 Heine: „Wahrhaftig“. Buch der Lieder, Romanzen XX; DHA 1/I, S. 113

11 Heine: „An eine Sängerin.“ Buch der Lieder, Romanzen XVI. DHA 1/I, S. 105-107.

12 Heine: Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo LVII; DHA 1/I, S. 191.

13 Heine: Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo LIX; DHA 1/I, S. 193.

14 Heine: Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo LV; DHA 1/I, S. 189.

15 Heine: Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo LVI; DHA 1/I, S. 189.

16 Heine: Buch der Lieder, Traumbilder III. DHA 1/I, S. 25.


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