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Scholary Paper (Seminar), 1994, 27 Pages
Author: Mag. Manfred Wieninger
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Vienna (Institut für Germanistik)
Tags: Beobachtungen, Horváth, Geschichten, Wiener, Wald, Buridans, Analysen, Identität, Literatur, Zwischenkriegszeit
Year: 1994
Pages: 27
Grade: 1
Bibliography: ~ 32 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50594-9
ISBN (Book): 978-3-638-68812-3
File size: 205 KB
Literaturwissenschaftlicher Aufsatz über Ödön von Horváths Volksstück "Geschichten aus dem Wiener Wald"
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Abstract
In der vorliegenden literaturwissenschaftlichen Arbeit werden Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" vorwiegend vor der Folie der historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts gelesen. Es wird die These aufgestellt, dass Horváth quasi als Chronist seiner Zeit aus den gesellschaftlichen Befindlichkeiten und vor allem dem daraus resultierenden, deformierten Bewusstsein seiner Protagonisten dem Volksstück neue Perspektiven und Möglichkeiten erschlossen hat und die Gattung damit letztlich weg von einer klassischen Dramenkonzeption hin zum modernen Drama geführt hat.
Excerpt (computer-generated)
Titel der Arbeit:
Beobachtungen zu Ödön von Horváths
„Geschichten aus dem Wiener Wald“
Verfasser:
Manfred Wieninger
GLIEDERUNG / INHALTSVERZEICHNIS
Seite 3 ... Vorwort
Seite 4 ... 1) Der "Herr von Zentner" - die Klasse eines Deklassierten
Seite 9 ... 2) Die Degradierten
Seite 16 ... 3) Der Bildungsjargon
Seite 20 ... 4) Exkurs über den vorweggenommenen Anschluß
Seite 23 ... 5) Ausblick
Seite 24 ... Bibliographie
Seite 27 ... Verwendete Abkürzungen
Vorwort
In der vorliegenden Arbeit wird von der Prämisse ausgegangen, daß Ödön von Horváth, "der scharfsichtige Analytiker des Kleinbürgertums vor 1933, [...] des zerbröckelnden, an seinen Wertnormen irre gewordenen Mittelstandes, dem dann Hitler als nationaler Messias erschien"1, in seinem Volksstück "Geschichten aus dem Wienerwald" eine spezifische Gesellschaftsschicht auf der Bühne vorführt, die vorläufig mit den Begriffen Kleinbürger und Mittelstand zu umschreiben ist und noch näher zu bestimmen sein wird. In Anschluß daran wird die These aufgestellt, daß Horváth als "dramatischer Chronist"2 seiner Zeit aus den gesellschaftlichen Befindlichkeiten und vor allem dem daraus resultierenden, deformierten Bewußtsein dieser seiner Protagonisten dem Volksstück neue Perspektiven und Möglichkeiten erschlossen hat und ihm damit die angestrebte "Erneuerung des alten Volksstückes"3 tatsächlich in mancherlei Hinsicht gelungen ist. "Die verwirrten Sätze seiner Personen"4 führen die Gattung letztlich weg von einer klassischen Dramenkonzeption5 und hin zum modernen Drama6.
Um die Prämisse argumentativ abzustützen, werden die "Geschichten aus dem Wiener Wald" in dieser Arbeit vorwiegend vor der Folie der historischgesellschaftlichen Wirklichkeit der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts gelesen7.
1) Der "Herr von Zentner" 8 - die Klasse eines Deklassierten
Die implizite wie explizite, durch den Autor vergebene Information über die ökonomischen Verhältnisse der Dramatis personae ist in den "Geschichten aus dem Wienerwald" sehr reichlich und überaus genau. Am Beispiel Alfreds wollen wir diesen konkreten Hinweisen zunächst einmal im Text nachgehen und die gewonnenen Ergebnisse dann mit dem Mitte 1930 entstandenen9 Romankonzept "Der Mittelstand" von Ödön von Horváth in Beziehung setzen. Den in diesen Text entwickelten Kategorien der "neuen [...] Formen des Mittelstandes"10 lassen sich unserer Meinung nach beinahe sämtliche Figuren der "Geschichten aus dem Wienerwald" schlüssig zuordnen.
Die triste wirtschaftliche Situation Alfreds wird schon in der ersten Szene des ersten Teiles deutlich.
"DIE MUTTER Bist Du noch bei der Bank?
ALFRED Nein."11
Es ist zu vermuten, daß Horváth mit Alfreds Ausscheiden aus der Bank auf zwei konkrete zeitgeschichtliche Ereignisse im Österreich der Jahre 1930 und 1931 anspielt, nämlich auf die Zusammenbrüche der Boden-Creditanstalt und der Creditanstalt-Bankverein.
"Das Stück spielt in unseren Tagen, und zwar in Wien [...]."12
Der Konkurs dieser beiden größten österreichischen Banken der damaligen Zeit hatte "schwere wirtschaftliche und soziale Wirkungen zur Folge"13 und bildete in Österreich den Auftakt für die tiefgreifende Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre.
[....]
1 Urs Jenny: Horváth realistisch Horváth metaphysisch. In: Akzente, Heft 4, August 1971, S. 290. [Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horvaths Volksstücke, S. 124. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 166]
2 Ödön von Horváth: Gebrauchsanweisung, S. 216
3 Ebd., S. 218
4 Peter Handke: Brecht-Trivialautor oder Klassiker? In: Theater heute, März 1968, S. 28. [Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horváths Volksstücke, S. 136. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 157]
5 Dieser Terminus wird hier im Sinne von Hegels Dramentheorie verstanden.
6 Der verwendete Begriff des modernen Dramas orientiert sich an Peter Szondis "Theorie des modernen Dramas".
7 Um die hermeneutische Differenz zwischen Text und Interpret möglichst zu verringern, muß der historische Kontext miteinbezogen werden. In der gebotenen Kürze dieser Arbeit können natürlich aber nicht alle passenden, sondern nur einige wenige Kontexte - und auch das nur skizzenhaft und in exemplarischer Kürze - dargestellt und interpretativ gewürdigt werden.
8 Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wienerwald, S. 122
9 In der Frage dieser Datierung folge ich Traugott Krischke. Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", hrsg. v. Traugott Krischke, S. 212
10 Ödön von Horváth: Der Mittelstand, S. 182
11 Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, S. 104
12 Ebd., S. 102. Nach Traugott Krischke sind darunter die Jahre 1930/1931 zu verstehen.
"Am 5. Juli 1931 veröffentlicht die Wiener Allgemeine Zeitung ein Interview mit Ödön von Horváth, in dem er erklärt, daß er die Arbeit am dem "Wiener Volksstück Geschichten aus Wiener Wald eben beende".
Traugott Krischke: Ödön von Horváth und seine "Geschichten aus dem Wiener Wald". Beiträge zu Biographie und Werk, S. 36
Die Uraufführung erfolgte am 2. November 1931 in Berlin.
13 Alois Brusatti: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des industriellen Zeitalters, S. 207
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