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Termpaper, 2000, 19 Pages
Author: Anonym
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Liebe, Gewalt, Heinrich, Kleists, Penthesilea
Year: 2000
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50646-5
File size: 198 KB
Untersuchung des zentralen Koplexes Liebe/Gewalt in Kleists "Penthesilea" unter ausführlicher Verwendung von Sekundärliteratur.
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Excerpt (computer-generated)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., Deutsches Seminar II
Proseminar: Heinrich von Kleist
Sommersemester 2000
Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists "Penthesilea"
Inhalt
1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe 3
2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt 5
2.1 Verkehrte Liebe als Resultat eines verkehrten Gesetzes 5
2.2 Liebe als Jagd und Eroberung 6
2.3 Unverstandene und missverstandene Liebe 9
2.4 Individuell-pathologische Liebe 8
3 Handlungsbedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt 11
3.1 Negation der Liebe 11
3.2 Übermaß an Liebe 13
3.3 Liebe als Opferung 14
3.4 Gewalt als Sprache der Liebe 15
4 Dramentechnisch bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt: Liebe und Tod als „dramaturgische Joker“ 17
5 Konklusion: Verortung im Handlungsverlauf 18
6 Literatur 19
1 Einleitung: Gestalten einer absonderlichen Liebe
Nein, nicht nur der exzessive Gebrauch der Teichoskopie. Nicht bloß die langen Botenberichte. Auch nicht allein die für das damalige Publikum inkommensurable Modernität des Stücks. Nein, all das reicht nicht aus zur Erklärung des Faktums, dass fast 70 Jahre vergehen mussten, bis Kleists Penthesilea im Lichte einer späteren Zeit erstmals aufgeführt wurde. Es war und ist das unbehagliche Grauen in der Penthesilea, das früher wie heute selbst die eifrigsten Fürsprecher des Stücks vor ihrer eigenen Sympathie erschrecken lässt. Sie isst ihn wirklich auf, die Penthesilea den Achill. Ein ungemein schrilles, verstörendes Ende. Verstörend vor allem deshalb, weil alles aus Liebe geschieht, dem positivsten aller Begriffe. Ins Gegenteil verkehrt: das ist Tragödie. In der Penthesilea ist die Liebe, „vom Grauen durchblutet“1, ein einziges großes Rätsel. So widersprüchlich die Persönlichkeit Penthesileas ist, so widersprüchlich ist ihre Liebe. Es gibt kein Schema, das sie auch nur annähernd zu fassen vermag. Die allermeisten Interpreten haben das übersehen. Das ist ihr großer Fehler. Denn um das Phänomen Liebe bei Kleist zu begreifen, muss man es aus verschiedenen Perspektiven betrachten und dabei Widersprüche gelten lassen. Betrachtend – oder: phänomenologisch verfahrend – stellt man fest, dass in der Penthesilea Liebe mit Gewalt gekoppelt auftritt und unweigerlich Tod nach sich zu ziehen scheint: Liebe erscheint nicht in Form von Liebesgewalt, sondern als Gewaltliebe. Auf phänomenaler Ebene lässt sie sich – und das versteht diese Arbeit als ihre erste Aufgabe – als Grundtypus der Liebe herausstellen.
Über das gemeinsame Auftreten von Liebe, Tod und Gewalt gibt also schon die Oberflächenstruktur des Dramas dem Interpreten bereitwillig Auskunft. Fragt man hingegen nach der Vereinbarkeit der Liebesphänomene, was nichts anderes heißt, als zu versuchen, sie unter eine Motivation zu subsumieren, so werden schnell die unkittbaren Brüche zwischen ihnen offenbar. Es sticht ein Gefälle zwischen Phänomen und Motivation ins Auge: Äußerlich ist Liebe mit Gewalt und Tod verbunden – ein singulärer Grund dafür ist aber nicht auszumachen. Es handelt sich hierbei keinesfalls um jene Art der Unplausibilität, die Resultat schlampiger Arbeit ist. Im Gegenteil: Die Widersprüchlichkeit der Liebe stellt eine Form des perpetuierten Paradoxes dar, für welches Kleist – nicht nur in der Penthesilea – eine ausgesprochene Vorliebe zeigt. Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern bleiben bis zum Schluss bestehen. Keine Hegelsche Dialektik, die Fortschritt aus Widersprüchen zeugt. Statt dessen: Stillstand. Aber ein Stillstand, der vor Spannung vibriert, der schier zerreißt vor innerem Drängen.
Von Goethe ist das Diktum überliefert: „Es gebe ein Unschönes in der Natur, ein Beängstigendes, mit dem sich die Dichtkunst bei noch so kunstvoller Behandlung weder befassen noch aussöhnen könne.“2 Verstehen wir „können“ potentiell, so hat sich Goethe getäuscht: sie kann, Kleist beweist es. Verstehe wir „können“ ethisch, so hat Kleist eine Regel gebrochen, die Goethe aufgestellt hat. Aber ganz gleich, wie wir es verstehen: Ohne Erklärung der absonderlichen Liebe der Penthesilea, ohne Analyse ihrer Verknüpfung mit Gewalt und Tod, ohne dies ist ein Verständnis des Stückes nicht zu haben. Einem Chirurgen gleich, werde ich mir deshalb die Hände schmutzig machen, Unschönes ans Licht bringen, ja hier und da sogar eine Geschwulst sezieren müssen.
In dieser Arbeit vertrete ich die neue These, dass Penthesileas Liebe im Verlauf der Dramenhandlung nicht immer die selbe ist, sondern verschiedene Formen annimmt. Sogar das simultane Auftreten einzelner Formen ist in meinen Augen möglich, worin unter anderem die Tiefe dieses Meisterstücks begründet ist. Die Simultaneität, welche Anthony Stephens in der Dramaturgie des Stückes ausmacht3, sehe ich also auch im Auftreten verschiedener Formen der Liebe. Diese Formen sollen in ihrer Motivation dargestellt werden – das Phänomen der Gewaltliebe wird auf diese Weise ausdifferenziert. Abschließend sollen sie eine Verortung im Handlungsverlauf erfahren, um Wandlungen und Übergänge deutlich werden zu lassen. Ich glaube, so die der Penthesilea eigene Konzeption der Gewaltliebe adäquat erfassen zu können. Dazu gehört zum einen der Wille, die Widersprüchlichkeit des Kleistschen Denkens zu akzeptieren und sich vor sinnentstellendem Geradebiegen zu hüten. Zum anderen der Anspruch, der Komplexität des Gegenstands gerecht zu werden, sowie die Fähigkeit, das zu können; denn der Gegenstand ist in der Tat äußerst vielschichtig. Während Wille und Anspruch vorhanden sind, wird sich die Fähigkeit erweisen müssen.
2 Strukturell bedingte Nähe von Liebe, Tod und Gewalt
Es scheint mir sinnvoll, zwischen strukturell und durch die Handlung motivierter Nähe von Liebe, Tod und Gewalt zu unterscheiden.4 Strukturell bedingt, hat sie ihren Ursprung in Gesellschaftssystem, Persönlichkeit und Sprache. Nicht erst die Geschehnisse des Dramas führen sie herbei – schon vor Beginn der Handlung hat eine Determination der Protagonisten durch deren Umwelt stattgefunden. Strukturell bedeutet auch: zeitunabhängig. Strukturelle bedingte Nähe kann somit zu jeder Zeit des Stücks gegenwärtig sein.
2.1 Verkehrte Liebe als Resultat eines verkehrten Gesetzes
[...]
1 Földényi: Heinrich von Kleist (1999), S. 244.
2 Zit. n. Müller: „Verwirrung des Gefühls“ (1974), S. 7.
3 Vgl. Stephens: Heinrich von Kleist. The Dramas and the Stories (1994), S. 102.
4 Vgl. Sieck: Kleists Penthesilea (1976), S. 140. Sieck unterscheidet zwischen „amazonischer“ und „besonderer“ Liebe. Das entspricht meiner Einteilung, wobei Sieck die beiden Kategorien nicht weiter ausdifferenziert, da sie für ihn homogene Felder darstellen.
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