Die Gesamtschule und das Prinzip der Chancengleichheit close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Proseminar "Schule und Gesellschaft"
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Erziehungswissenschaft und Psychologie)
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 18
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 19  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 166 KB
Archivnummer: V55993
ISBN (E-Book): 978-3-638-50803-2
ISBN (Buch): 978-3-638-84873-2

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit geht der Frage nach, welche Rolle der Begriff der Chancengleichheit für die Gesamtschule spielt und inwiefern sich diese hinsichtlich des Chancengleichheitsbegriffes vom dreigliedrigen Schulsystem unterscheidet. Dafür wird zunächst die allgemeine Entwicklung der Gesamtschulidee erläutert, um dann die zentrale Bedeutung des Begriffs der Chancengleichheit in diesem Zusammenhang herauszuarbeiten. Anschließend werden die Positionen der Befürworter und der Gegner der Gesamtschule untersucht, die jeweils das Prinzip der Chancengleichheit für sich reklamieren. Dabei wird festgestellt, dass hier von sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Chancengleichheit ausgegangen wird. Ist im Fall der Befürworter die umfassende Idee einer "Ergebnisgleichheit" anzutreffen, so vertreten die Gegner hingegen das weniger strenge Konzept einer "Startgleichheit". Während Ersteres letztlich als nicht vollständig realisierbar beurteilt wird, wird Letzteres hingegen als zu schwach eingeschätzt, um soziale Benachteiligungen im deutschen Schulsystem zu verringern.

Textauszug (computergeneriert)

Freie Universität Berlin, SoSe 2001
Hausarbeit für das PS: „Schule und Gesellschaft“

Die Gesamtschule und das Prinzip der Chancengleichheit

von: Torsten Halling

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2.1 Grundlagen der Gesamtschulidee

2.1.1 Die historische Entwicklung der Gesamtschulidee 3
2.1.2 Die Bedeutung des Chancengleichheitsbegriffes für die Gesamtschule 6

2.2 Die Auseinandersetzung um die Gesamtschule

2.2.1 Der Standpunkt der Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems 10
2.2.2 Der Standpunkt der Befürworter der Gesamtschule 12

3. Fazit 15

4. Literaturverzeichnis 17

 

 

 

1. Einleitung

Seit der Errichtung der ersten Gesamtschulen vor etwa 30 Jahren ist diese Schulform immer wieder zum Objekt erbitterter Auseinandersetzungen unter Pädagogen und Politikern geworden. Während bei manchen eine „konservativ-ideologisierte Verteufelung“ anzutreffen ist, kommt es bei den anderen teilweise zu einer „gesellschaftsreformerischideologisierten Vergötterung“1. Hierbei wird die Gesamtschule einerseits als das Instrument eines sozialistisch anmutenden Versuchs der Gleichmacherei angeprangert und andererseits als unverzichtbares Mittel zur Verringerung sozialer Ungleichheiten hervorgehoben. Eine herausragende Rolle spielt bei dieser bildungspolitischen Diskussion der Begriff der Chancengleichheit, der sowohl von den Gegnern als auch von den Befürwortern der Gesamtschule häufig verwendet wird.

Meine erkenntnisleitenden Fragestellungen lauten nun: Welche Rolle spielt der Begriff der Chancengleichheit für die Gesamtschule? Inwiefern unterscheidet sich die Gesamtschule hinsichtlich des Chancengleichheitsbegriffes vom dreigliedrigen Schulsystem? In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit diesen Fragen beschäftigen, indem ich zunächst die historische Entwicklung der Gesamtschulidee sowie die wesentliche Bedeutung des Begriffes der Chancengleichheit für diese Idee untersuche. Da sehr unterschiedliche Positionen existieren, was die Realisierung von Chancengleichheit an der Gesamtschule angeht, werde ich im Anschluss daran sowohl den Standpunkt der Befürworter der Gesamtschule als auch die Position der Befürworter des traditionellen Schulsystems thematisieren, um danach in einem Fazit die Ergebnisse meiner Arbeit zu formulieren.

2.1 Grundlagen der Gesamtschulidee

2.1.1 Die historische Entwicklung der Gesamtschulidee

Die ersten Forderungen nach einer Einheitsschule, in welcher verschiedene Schulformen miteinander verbunden sein sollten, wurden in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhoben. Die Befürworter dieses Schulkonzeptes stützten sich dabei auf die Sozialphilosophie der Französischen Revolution, in welcher das allgemeine Gleichheitsprinzip von entscheidender Bedeutung war. Die Schule sollte nicht mehr die sozialen Ungleichheiten, die in der Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs herrschten, verstärken, sondern vielmehr eine Chancengleichheit für Kinder aller gesellschaftlichen Schichten herstellen. Die Kritik am herrschenden Schulsystem richtete sich vor allem gegen die Tatsache, dass es keine geregelten Übergänge zwischen den einzelnen Schulformen gab, und dass die Schulaufsicht häufig der Kirche oblag.2

Diese Forderungen, die zunächst vor allem von der sozialistischen Arbeiterbewegung und der liberalen Volksschullehrerbewegung gestellt wurden, konnten erst 1920 teilweise umgesetzt werden, als die Vorschule abgeschafft und durch die Grundschule ersetzt wurde.3 Die Vorschulen hatten bisher die herrschenden Klassengegensätze regelrecht manifestiert, da sie dafür sorgten, dass den Kindern wohlhabender Eltern der Übergang auf das Gymnasium erleichtert wurde, wohingegen Kinder, die ärmeren Bevölkerungsschichten entstammten, in der Regel eine achtjährige Volksschule besuchen mussten, bei welcher es keinen geregelten Übergang auf weiterführende Schulen gab. Mit der Grundschule wurde für alle Schüler die Möglichkeit zu derartigen Übergängen hergestellt. Doch obwohl die bisher existierenden „Sackgassen“ im Bildungsweg nun also abgeschafft worden waren, blieben große soziale Ungleichheiten in der Praxis weiterhin bestehen.4 Nach 1945 kam es zu weiteren Diskussionen, bei denen die Ungerechtigkeiten im herrschenden Schulsystem thematisiert wurden. So wurde beispielsweise kritisiert, dass die Übergangsauslese nach dem vierten Schuljahr in der Grundschule nicht akzeptabel sei, da es nach dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand in diesem Alter viel zu früh sei, um die Begabungen und die Bildungsfähigkeit eines Kindes gesichert festzustellen.5 Ein Resultat dieser Auseinandersetzung war in den sechziger Jahren die Einrichtung von Förder- und Orientierungsstufen, die eine vorläufige Entscheidung über den weiteren Bildungsweg eines Schülers auf das Ende des sechsten Schuljahres verschoben.

[...]


1 Albert Reble: Gesamtschule im Widerstreit. Stuttgart 1981, S. 43

2 Vgl. Helmut Fend: Gesamtschule im Vergleich. Bilanz der Ergebnisse des Gesamtschulversuchs. Weinheim und Basel 1982, S. 24ff.

3 Vgl. Albert Reble: a. a. O., S. 18f.

4 Vgl. Helmut Fend 1982: a. a. O., S. 28f.

5 Vgl. Wilhelm Nöth: Pro und Kontra Gesamtschule. Eine Zwischenbilanz. Stuttgart 1979, S. 47

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