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Termpaper, 2006, 22 Pages
Author: Nora Gielke
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: European University Viadrina Frankfurt (Oder) (Fakultät für Kulturwissenschaften)
Tags: Beispiel, Hoffmanns, Sandmann, Einführung, Literaturtheorie, Textanalyse
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-50863-6
ISBN (Book): 978-3-640-20381-9
File size: 193 KB
Grundzüge des Ödipuskomplexes bei Freud in Hinsicht auf Nathanael...
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Abstract
„Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas – alle Gestalten, die sich um mich herum bewegen, sind Ichs, und ich ärgere mich über ihr thun und lassen (...)“(Hoffmann, E.T.A) Nicht nur optische Geräte spielen in dem Nachtstück „Der Sandmann“, von Dichter, Jurist, Komponist und Karikaturist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822), eine bedeutende Rolle, sondern auch die Tatsache, dass sich das Ich des Protagonisten Nathanael unmerklich in mehr als einer Figur in der Erzählung wieder findet. Siegmund Freud (1856-1939) hat dazu in seiner Studie „Das Unheimliche“ eine Theorie geliefert, die die Erzählung zu „einem hell ausgeleuchteten Szenario [macht], worin psychoanalytische Kategorien mit zwei Beinen agieren.“ Gegenstand dieser Arbeit ist die analytische Sachdarstellung der psychoanalytischen Interpretation von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ auf der wissenschaftlichen Grundlage von Siegmund Freuds berühmter Interpretation in „Das Unheimliche“. Das Motiv der Augen wird dort in aufschlussreicher Weise gedeutet. Daher werden in dieser Arbeit die Charaktere der Erzählung auf das Augenmotiv hin untersucht. Ausserdem werden relevante Elemente aus der Lehre Freuds erläutert. Die Darstellung wird ansatzweise erweitert durch den Vergleich zu der Ichpsychologischen Interpretation von Günter Sasse. Seine Interpretation beschäftigt sich mit dem psychologischen bzw. psychopathologischen Gehalt der Erzählung „Der Sandmann“. Sasse versucht dem Wahnsinn des Protagonisten Nathanael auf die Spur zu kommen, wobei er sich stark an den Symptomen orientiert, die sich in Nathanaels Verhalten äussern. Seine Interpretation konzentriert sich im Wesentlichen auf Nathanaels Ich und dessen krankhafter Zersetzung. Die anderen Charaktere der Erzählung kommen bei Sasse als Verkörperungen von Nathanaels Ich nicht direkt in Frage (wohl aber als dessen Projektionsflächen). Ganz anders bei Freud, der leider keine komplette Interpretation des 'Sandmanns' liefert, sondern lediglich in einer Fussnote essentielle Gedanken zum Grundkonflikt des Protagonisten äussert. Es ist zu vermuten, dass die Brisanz seiner Gedanken, ob ihres - für jene Zeit (1919) - skandalösen Charakters, eine gewisse Scheu bei ihm verursacht haben könnten. Welche Rolle der Sandmann, Coppelius, Coppola, die Puppe Olimpia und Clara in Bezug auf Nathanael spielen, soll im Folgenden erläutert werden. Dazu werden nun die Figuren auf das Hauptmotiv der Augen untersucht.
Excerpt (computer-generated)
Europa-Universität Viadrina, Fakultät der Kulturwissenschaften
Seminar: Einführung in die Literaturtheorie und literaturwissenschaftliche Textanalyse
WS 2005/06
Der Ödipuskomplex am Beispiel von
E.T.A. Hoffmanns ′Der Sandmann′
von: Nora Gielke
Inhalt
1. Einleitung 1
2. Das Motiv der Augen 2
2.1 Sandmann 2
2.2 Coppelius 4
2.3 Coppola 5
2.4 Olimpia 5
2.5 Clara 7
3. Der Ödipuskomplex 8
3.1 Vaterimago 10
3.2 Das Unbewusste 12
3.3 Nathanaels Trauma 13
3.4 Nathanaels Liebesobjekte 14
4. Schluss17
1. Einleitung
„Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas – alle Gestalten, die sich um mich herum bewegen, sind Ichs, und ich ärgere mich über ihr thun und lassen (...)“1 Nicht nur optische Geräte spielen in dem Nachtstück „Der Sandmann“2, von Dichter, Jurist, Komponist und Karikaturist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822), eine bedeutende Rolle, sondern auch die Tatsache, dass sich das Ich des Protagonisten Nathanael unmerklich in mehr als einer Figur in der Erzählung wieder findet. Siegmund Freud (1856-1939) hat dazu in seiner Studie „Das Unheimliche“3 eine Theorie geliefert, die die Erzählung zu „einem hell ausgeleuchteten Szenario [macht], worin psychoanalytische Kategorien mit zwei Beinen agieren.“4
Gegenstand dieser Arbeit ist die analytische Sachdarstellung der psychoanalytischen Interpretation von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ auf der wissenschaftlichen Grundlage von Siegmund Freuds berühmter Interpretation in „Das Unheimliche“. Das Motiv der Augen wird dort in aufschlussreicher Weise gedeutet. Daher werden in dieser Arbeit die Charaktere der Erzählung auf das Augenmotiv hin untersucht. Ausserdem werden relevante Elemente aus der Lehre Freuds erläutert. Die Darstellung wird ansatzweise erweitert durch den Vergleich zu der Ichpsychologischen Interpretation von Günter Sasse. Seine Interpretation beschäftigt sich mit dem psychologischen bzw. psychopathologischen Gehalt der Erzählung „Der Sandmann“. Sasse versucht dem Wahnsinn des Protagonisten Nathanael auf die Spur zu kommen, wobei er sich stark an den Symptomen orientiert, die sich in Nathanaels Verhalten äussern. Seine Interpretation konzentriert sich im Wesentlichen auf Nathanaels Ich und dessen krankhafter Zersetzung. Die anderen Charaktere der Erzählung kommen bei Sasse als Verkörperungen von Nathanaels Ich nicht direkt in Frage (wohl aber als dessen Projektionsflächen).
Ganz anders bei Freud, der leider keine komplette Interpretation des ′Sandmanns′ liefert, sondern lediglich in einer Fussnote essentielle Gedanken zum Grundkonflikt des Protagonisten äussert. Es ist zu vermuten, dass die Brisanz seiner Gedanken, ob ihres - für jene Zeit (1919) - skandalösen Charakters, eine gewisse Scheu bei ihm verursacht haben könnten. Welche Rolle der Sandmann, Coppelius, Coppola, die Puppe Olimpia und Clara in Bezug auf Nathanael spielen, soll im Folgenden erläutert werden. Dazu werden nun die Figuren auf das Hauptmotiv der Augen untersucht.
2. Das Motiv der Augen
′Die Augen sind das Fenster zur Seele′, sagt der Volksmund. Man hat entweder Tomaten auf den Augen oder keine im Kopf. Ein Moment ist wie ein Augenblick. Und durchschauen wir nicht die Dinge, wenn wir sie verstehen? „O dass ihr′s begreifen lerntet! Dass euch die Schuppen fielen vom Auge!“ (Friedrich Schiller, Die Räuber, I, I/ Franz Moor)
Das Bild des Auges wird in der deutschen Sprache in zahlreichen Varianten verwendet. Oft repräsentiert es das klare Erkennen der Wahrheit. Auch in der Erzählung „Der Sandmann“ ist es ein zentrales Motiv. Auf fast jeder Seite finden sich Substantive, Adjektive, Verben, die dem Wortfeld des Auges angehören oder in Verbindung damit stehen. Für Freud bildet das Motiv der Augen ein Indiz für die wahren Zustände in Nathanaels Seelenleben.
2.1 Der Sandmann
Für Nathanael ist der Sandmann die „Schreckgestalt seiner Kinderjahre“5. Die Begegnung mit ihm wird, nach Günter Sasse, zum „Keim seiner psychischen Erkrankung“6. Freud hingegen sieht das Ereignis der Begegnung mit dem Sandmann als weniger ausschlaggebend, hinsichtlich einer Erkrankung. Er setzt den, in der Psyche eines jeden Kindes, sich bildenden Ödipuskomplex schon voraus. Nathanaels Geschichte unterscheidet sich nur insofern von der anderer „Menschenkinder“7, als das sie einen psycho-neurotischen Verlauf annimmt, der zugegebenermaßen krankhafte Züge annimmt. Die Begegnung mit dem Sandmann steht bei Freud aber nicht in einem Ursache-Wirkungszusammenhang (erst Begegnung, dann Krankheit), sondern repräsentiert ein Moment in dem theoretischen Gebilde des Ödipuskomplexes, von dem Nathanael betroffen ist.
[...]
1 Hoffmann, E.T.A.: Tagebücher, Nach der Ausgabe Hans von Müllers mit Erläuterungen herausgegeben von Friedrich Schnapp. München: Winkler, 1971. S.107
2 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann, Stuttgart, Philipp Reclam jun., 1991; erste handschriftliche Fassung: „d. 16. Novbr. 1815 Nachts 1 Uhr“ (ebd., S.59)
3 Freud, Siegmund: Das Unheimliche; in Psychoanalytische Studien an Werken der Dichtung und Kunst, Leipzig, 1924, S. 99
4 Safranski, Rüdiger, E.T.A.Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten, Frankfurt a. M., 1987, S.412
5 Freud, Siegmund: Das Unheimliche; in Psychoanalytische Studien an Werken der Dichtung und Kunst, Leipzig, 1924, S. 110
6 Sasse, Günter: Der Sandmann. Kommunikative Isolation und narzisstische Selbstverfallenheit; in Interpretationen. E.T.A. Hoffmann. Romane und Erzählungen: Stuttgart, Philipp Reclam jun., 2004, S.97
7 Freud, Siegmund: Gesammelte Werke, Band II/III, London – Frankfurt a. M., 1940 – 1968 , S.267
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