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Deutsche Mode ...? Zur Untersuchung des kulturpolitischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung zwischen 1876 und 1924

Diplomarbeit, 2006, 70 Seiten
Autor: Diplom-Designerin (Mode-Design) Gritt Zothner
Fach: Design (Industrie, Grafik, Mode)

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 70
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 55  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V56363
ISBN (E-Book): 978-3-638-51059-2

Dateigröße: 1400 KB
Anmerkungen :
Zur Untersuchung des kultur-politischen Konstrukts des Deutschen Mythos der Nibelungen und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung bei Richard Wagner und Fritz Lang (1876 - 1924).



Textauszug (computergeneriert)

Kunsthochschule Berlin-Weißensee

 

Deutsche Mode...?

Zur Untersuchung des kulturpolitischen Konstrukts des
Deutschen Mythos der Nibelungen
und dessen Niederschlags in Drama und Bekleidung zwischen 1876 und 1924

 

Gritt Zothner

2006


 

Inhaltsverzeichnis:


1 Vom Deutschen ...3

Deutsch: Inszenierungen zwischen Ursprung und Zukunft ...4
„Es gibt keine deutsche Mode.“ ...5
Ziel der Arbeit ...8
Begriff: Mythos ...8
Problemfeld: Deutscher Mythos ...10

2 Das Nibelungenlied ...12
Warum das Nibelungenlied? ...13
Hintergrund und Bearbeitungen des Original-Stoff ...14
Der Kern des Mythos ...15
Die Wiederbelebung der Nibelungen ...16
Das Nationalepos: der Deutsche Mythos ...17
Die Rekonstruktion der Nibelungen ...19
Drei Phasen der Nibelungen-Rezeption ...21

3 Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen ...24
„Der Hügel, das ist unser Olymp.“ ...25
Das Schmieden des Rings ...28
Der Mythos der künstlerischen Tat ...30
Ein nationales Denkmal ...32
Wotan ...34
Siegfried ...36
Brünnhilde ...38

4 Fritz Lang: Die Nibelungen ...41
„Dem Deutschen Volke zu eigen“ ...42
Dolchstoß ...42
Verlebendigung des Mythos ...44
Heilige Räume ...46
Hagen ...49
Siegfried ...52
Kriemhild ...56

5 Deutsche Mode ...? ...59
Deutsch? ...60
Mythos: Marke ...62
Marke: Deutsch! ...63
Müller vs. Schleef – 1 : 0 ...63

Literaturverzeichnis ...65

Abbildungsverzeichnis ...69

 

1 Vom Deutschen

Deutsch: Inszenierungen zwischen Ursprung und Zukunft

Während der Zeit der Verhandlungen zwischen den alliierten Gegnern des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg und Vertretern beider deutscher Staaten über die Zukunft eines neuen, womöglich wieder vereinigten Deutschlands nach dem Fall des so genannten Eisernen Vorhangs, kam es von vielen Seiten aus zu Formulierungen des Unbehagens. Es waren Befürchtungen einer Wiederholung von Geschichte, dem Wiedererwachen eines Deutschen Bösen. Diese Kritiker einer deutschen Wiedervereinigung waren letztlich nur mit dem Hinweis auf eine historisch begründete, autonome Problematisierung des eigenen Bildes und der eigenen Geschichte, der Begriffe deutsch und Deutschtum, zum Teil zu beruhigen.

Seit der vollzogenen Wiedervereinigung sind nun mehr als fünfzehn Jahre ins Land gegangen – und es ist, als ob sich mancher Kritiker nicht geirrt zu haben schien: in der Krise, die Deutschland heute erlebt, geht der Blick wieder zurück. Allerdings nicht, wie befürchtet, in die Zeit des Nationalsozialismus; es ist vielmehr ein Blick zurück nach innen, in die Seele der Nation – eine Rückbesinnung als Selbstvergewisserung.1

Schon vor den Jahren der bürgerlichen Revolution im Jahr 1848 war es in der Zeit des Biedermeier zu einer ähnlichen Verinnerlichung, damit zu einer scheinbaren Entpolitisierung der Begrifflichkeiten des Deutschen gekommen: deutsch und Deutsche Nation waren zu psychologischen, zu archaischen Seelen-Begriffen mutiert (worden) – die romantische Idee einer Definition europäischer Landschaften als Deutsche Nation auf der Basis gemeinsamer Sprache wurde im Biedermeier in eine endgültige Idee einer Nation aus gemeinsamer Kultur weiterentwickelt: Sprache war damit nicht nur Definitivum, sie geriet zum Seelen-Ausdruck der Nation.

In dieser Abkehr vom politischen, hin zu einem mythischen Denken, in der Suche nach dem Ursprung des Deutschen in archaischen Lehren, Mustern und Narrationen, in der Hinwendung zugunsten einer Deutschen Religion wurden die Grundlagen für die Irrtümer, Verbrechen und Irrationalitäten geschaffen, welche später so eng mit dem Begriff des Deutschen in direkte Beziehung gesetzt wurden. Es setzte sich ein Deutsches Gefühl, ein Erfühlen und Ersinnen des Deutschen durch, dessen Vorlagen bereits vor dem hier zu besprechenden Zeitraum zwischen 1876 und 1924 erdacht, innerhalb dieses Zeitraums in ästhetische Produktion sowohl ikonographischer, episch-poetischer wie dramatischer Natur umgesetzt wurden.

Es soll hier aber nicht um die Darstellung einer historischen Epoche, nicht nur um das Hinterfragen der Formulierung eines deutschen Wir, nicht nur um die tatsächlich formulierte ästhetische wie ästhetisierende Findung eines Nationalkollektivs in Werken der Kunst von Richard Wagner und des Wiener Film-Regisseurs Fritz Lang gehen. Sondern auch um die Frage eventueller Zusammenhänge zwischen dem zu untersuchenden Zeitraum und dem Bild, das Deutschland heute von sich hat.

Und darüber hinaus wird es vor allem um Bekleidung, sozusagen: um Deutsche Mode(n) bei Wagner, Lang und in unseren Tagen gehen, weshalb hier mit einem Blick in eines der Mode-Magazine begonnen werden soll, die für diese Arbeit einer der persönlichen Ausgangspunkte war.


„Es gibt keine deutsche Mode.“2

Diese pauschalisierende Aussage Bernhard Willhelms trägt in sich die Kluft von Sicht und Ansicht vom und auf das Deutsche: zwar kann tatsächlich von einer Mode ohne einen speziell deutschen Charakter aus der Sicht eines deutschen Mode-Designers gesprochen werden, doch wird dies unmöglich, sobald die von ihm gestaltete Mode und der Mode-Designer selbst von Dritten als deutsch definiert werden, definierend betrachtet werden. Die Frage dieser Arbeit soll deshalb nicht sein, ob es Deutsche Mode gibt oder nicht, sondern ob Mode als eine solche gesehen wurde und wird. Und in einem zweiten Schritt: eine Überprüfung, ob es sich bei der als deutsch gewollten und / oder definierten Mode tatsächlich um eine Übertragung von Inhalten und Formen des Deutschtums handelt, ob aus dieser Mode heraus wiederum Deutsches formuliert wird.

Der Einstieg ist, wie schon zuvor angedeutet, ein Weg über aktuelle Mode- und Lifestyle-Zeitschriften: die Zahl der Magazine, die sich in den letzten Jahren einer neu zu formulierenden Ästhetik des Deutschtums verschrieben haben, ist um einige fashion-orientierte Mainstream-Titel angewachsen: Ach†ung, Deutsch, Stamm – um nur einige zu nennen. Diese Magazine suchen oder spekulieren dabei keinesfalls über ein neues Bild vom Deutschen, sondern präsentieren vielmehr fertige historische Zitate aus dem Fundus des kulturellen Gedächtnisses des typisch Deutschen. Es handelt sich hierbei um bewusste Rückgriffe auf althergebrachte ästhetische Lehren und Formulierungen des Deutschtums. Das Pathos3 des Deutschen, wie es hier präsentiert wird, kann in einer analytischen Einordnung nur als ambivalent beschrieben werden; einer deutlichen Unentschiedenheit, die in ihrer Lust am bösen Symbol ebenso zweifelhaft wie verkaufsfördernd ist.4

Die in diesen Magazinen oder auch in aktuellen Kollektionen verwandte,5 zwar modern erscheinende, doch spezifisch (alt-)deutsch konnotierte Symbolik, hat offenbar ihren historischen Schrecken verloren; geblieben ist dagegen den Meisten eine Ahnung vom deutschen Symbol als ein Unberührbares, ein Böses an sich. In der Betrachtung des seit einigen Jahren wieder erstarkenden national-konservativen Teils des Kulturbetriebs wird eines deutlich: Deutsch-Sein ist nicht nur einer der wichtigsten ästhetischen Trends der letzten und wohl auch der kommenden Jahre; Deutschtum beziehungsweise Deutsch-Sein ist auch auf dem Weg, wieder eine von der Geschichte losgelöste Selbstverständlichkeit zu werden, die ihren Ursprung im zeitlos-mythischen sucht und findet.6


Ziel der Arbeit

Diese Arbeit will einen kurzen historischen Ausschnitt der Fundamente deutscher Selbstdefinition, wie sie in der zu behandelnden Zeit zwischen 1876 und 1924 gelegt wurden, anhand eines der wichtigsten, als so genannten nordisch-germanisch postulierten mythischen Stoffs: des Nibelungenlieds – und seiner Bearbeitung durch Richard Wagner, Thea von Harbou und Fritz Lang – untersuchen. Der besondere Blick wird sich auf die dargestellte wie darstellende Kleidung der angesprochenen Werke richten: wie diese das Mythisch-Deutsche stützen, wie sie den Mythos selbst fortzuschreiben helfen, ob diese, eine Definition einer das Deutsche suchenden Kleidungen, überhaupt als derartige Bedeutungsträger funktionieren konnten. Der sich durch die Uraufführung der Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen und der Premiere des Doppelfilms Die Nibelungen ergebende Zeitraum wird in vorangehende wie nachfolgende Geschehnisse gerahmt werden. Zuletzt wird ein erneuter, ein zusammenfassender Blick auf die zeitgenössischen Mode-Mythos-Deutschland-Zusammenhänge geworfen werden.

[...]


1 Die Autoren des Musiksamplers I Can’t Relax In Deutschland sind hierüber völlig sicher; sie schreiben im Vorwort: „Das Bekenntnis zu Heimat, Volk und Vaterland muss man zwischen Sylt und Regensburg nicht mit der Lupe suchen. Mit Deutschland wurde für die Meisten zum feuchten Traum, was Heinrich Heine noch um den Schlaf brachte. […] Das moderne, weltoffene Deutschland hat seine Scham abgeworfen und in der so genannten »Verantwortung« [beruhend auf den] »Lehren aus dem Nationalsozialismus« das passende Heilmittel für den historischen Schlussstrich und neues Selbstbewusstsein gefunden. […] Fakt ist: durch die Befreiung von der Last der Vergangenheit steht ein positiver Heimatbezug wieder offen.“ NN (Hg. / für die gleichnamige Internet-Seite www.icantrelaxin.de zeichnet Doerthe Mittermeyer verantwortlich): I Can’t Relax In Deutschland, Verlag Unterm Durchschnitt, Köln 2005, S. 6f

2 Zitat des Mode-Designers Bernhard Willhelm in Spiegel Special 4 / 2005: Die Deutschen, S. 230

3 Nicht nur ikonographisch wird vermehrt auf Pathos gesetzt; das Trendbüro Hamburg hatte für das Männermagazin GQ im Jahr 2001 untersucht, wie sich der Deutsche Mann in den nächsten Jahren entwickeln werde: schon der Titel „Moderne Helden“ legt die Nähe des Männerbildes zu mythischen Narrationen, zur „Kraft der Mythen“ (Kap. 3.6.4) fest. So heißt es unter anderem: „Ästhetik ist die Religion des neuen Jahrtausends […]” Kap. 1.4.1 – „Aus den Trümmern des beim Terroranschlag zerstörten World Trade Centers erhob sich […] ein neues Heldenbild.“ Kap. 2.2.0. – Die hier beschriebenen „Modernen Helden“ werden sich vor allem über eine „Fashional Correctness“ definieren müssen: „Peter Paul Polte, Chefredakteur der Textilwirtschaft, zeichnet das Bild einer »ästhetischen Elite«, die »inzwischen alles über Stil definiert, auch Gut und Böse, richtig oder falsch.«“ (Kap. 3.5.4) – GQ, Condé Nast Verlag (Hg.): Moderne Helden – Die GQ-Männerstudie, Konzeption: Prof. Peter Wippermann, Trendbüro Hamburg 2001, im Internet unter: www.trendbuero.de/trend/trendstudien.php?r=i&pos=6, Stand: 10. Juni 2005

4 Die Rockband Rammstein führt seit einigen Jahren vor, welche Werbewirkung aus bewusst provozierten Skandalen unter Zuhilfenahme bösartiger deutscher Symbolik erwachsen kann.

5 Aufmerksamkeit konnte vor allem Eva Gronbach mit ihrer schwarz-rot-goldenen Kollektion declaration d’amour a l’allemagne und der nachfolgenden Pathos-Formel mutter erde vater land für sich gewinnen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. November 2003 zitiert sie angesichts ihrer Erfahrung, sich im Ausland als Deutsche erkannt zu haben: „Ich trug sehr viel Demut in mir. Und darauf hatte ich keine Lust mehr.“ Sie sehe ihre Arbeit als „Ausdruck eines neuen, positiven Deutschlandbilds“ und stellt fest: „Die Leute sind hungrig danach!“ – hungrig auf das „Wiederaufleben alter Mythen“, auf dass „die Generation Deutsch [es sich] politisch korrekt und international verträglich in der patriotischen Kuschelecke gemütlich“ machen könne, so der Redakteur der F.A.Z. Alfons Kaiser in seinem Artikel Die Nation zieht an.

6 Die im September 2005 gestartete Soziokampagne Du bist Deutschland! ist ein interessantes Beispiel für diese neue Mythisierung des Deutschen. Im Manifest dieser Kampagne heißt es: „Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil von Dir. / Du bist Deutschland. / […] Du bist 82 Millionen. / Du bist Deutschland. / […] Du bist die Flügel, du bist der Baum. / Du bist Deutschland!“ – im Internet unter http://www.du-bist-deutschland.de/opencms/opencms/Kampagne/Manifest.html, Stand: 29. September 2005


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