Autor: Anonym
Fach: Buchwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Institut für Buchwissenschaft)
Jahr: 2003
Seiten: 19
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 21 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 219 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-51106-3
Es handelt sich um eine Arbeit mit Überblickscharakter, die die verschiedenen Methoden aufzeigt, die Autoren angewandt haben, um die DDR-Zensut zu umgehen. Ausführlicher behandelt werden Erich Loest, Christa Wolf, Uwe Kolbe und Günter de Bruyn. Auch selten behandelte Phänomene wie Sci-Fi-Literatur in der DDR und ihr Verhältnis zur Zensur finden Berücksichtigung. Gelobt wurde von der Dozentin die umfangreiche Literaturrecherche, die auch entlegene Quellen berücksichtigt.
Textauszug (computergeneriert)
Überlebensstrategien –
Vom Umgang der DDR-Schriftsteller mit der Zensur
Inhaltsverzeichnis
I. Feinderklärung 2
II. Überlebensstrategien 4
1. Veröffentlichung im Westen 4
2. Die Schere im Kopf. Widerstand gegen die Selbstzensur 7
3. Umgehen von äußerer Zensur 10
a) Verlagerung der Handlung 10
b) Kleine Siege 12
III. Was bleibt 15
IV. Bibliografie 18
I. Feinderklärung
Die Bedingungen literarischen Publizierens in der DDR
Die DDR-Verfassung garantierte in ihrem 27. Artikel „jedem Bürger der Deutschen Demokratischen Republik [...] das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“.1 Damit war für eine Literaturzensur keine rechtliche Grundlage vorhanden. Dies war der Grund, warum die Machthaber der DDR bis zum Schluss ein Existieren der Zensur leugneten: „Das Wort Zensur gehörte selber zu den Tabus, die von der Zensur in der DDR bewacht wurden“.2 Erst 1987 brachen Günter de Bruyn und Christoph Hein dieses Tabu, „griffen das ‚Druckgenehmigungsverfahren’ frontal an und benannten es als das, was es war: als Zensur“.3 Noch nach dem Fall der Berliner Mauer sagte Erich Honecker in einem Interview: „Wir hatten [...], im Unterschied zu anderen sozialistischen Ländern, keine Zensur“.4 Und tatsächlich wurden in dem „Leseland DDR“5 bei einer Buchproduktion von insgesamt 215.000 Titeln nur eine im Verhältnis geringe Anzahl unter ihnen verboten. Hingegen wurde in zahlreichen Fällen keine Druckgenehmigung erteilt, was letztlich die gleichen Folgen hatte: Ein Nichterscheinen des Buches.6
In einem System, das Literatur nicht nur als „schönen Überbau“ begriff, sondern als „Medium, von dessen Produkten das Gelingen der Gesellschaft mit abhängig ist“7, in dem 75 Prozent der Verlage staatseigen („volkseigen“) oder im Besitz der Parteien waren, und in dem daher „ausnahmslos alle Etappen im Leben eines Literaturwerks gelenkt und kontrolliert wurden“8, kam es jedoch häufig gar nicht erst so weit, dass ein Buch an seinem Erscheinen gehindert werden musste.
Vor der Zensur des Politbüros, das die Veröffentlichung eines Buches ablehnen konnte, stand die Zensur durch Verlage und das Ministerium für Kultur, die versuchten „Einfluss“ auf das „Gemüt“9 der Schriftsteller zu nehmen, damit diese, nach Walter Ulbricht, das „oberste Kriterium der Kunst“ erfüllten, die „Vollendung des Sozialismus“ nämlich, „in dem die objektive Grundlage für ein neues Menschenbild entsteht“.10 Die unterste „und wohl auch gefährlichste“11 Stufe des Kontrollvorgangs nahm jedoch die Selbstzensur der Schriftsteller ein, auf die aus diesem Grund in besonderem Umfang eingegangen werden soll.
Auch gab es in dem Literaturbetrieb der DDR eine Vielzahl anderer Disziplinierungsmittel, um Autoren unbeliebter Literatur in ihre Schranken zu verweisen. Um die Wirkung eines Buches zu vermindern, einen Schriftsteller symbolisch abzustrafen, oder auch ökonomisch zu schädigen, wurde beispielsweise eine versprochene Auflagenhöhe nicht eingehalten, Teilauflagen wurden nicht ausgeliefert, oder ohne das Wissen des Autors ins Ausland exportiert.12 Im Falle von „Christa Wolfs Christa T. wurden zwar vertragsgemäß 20.000 Stück gedruckt, aber die HV [Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel; Anm. d. Verf.] war so gewitzt, nur 4.000 Exemplare zu binden“13
Gelegentlich griff man auch zu der Maßnahme, einen unbeliebten Autor an einen Kleinverlag „abzuschieben“, der sich keine großen Auflagen leisten konnte, da er mit einer geringeren Papierkontingentierung auskommen musste – eine Maßnahme, die beispielsweise Erich Loest traf, als dieser zum Greifenverlag wechseln musste.14 Diese Methoden waren subtiler als die eigentliche Zensur im Sinne eines Verbots bestimmter Texte, Sätze oder Wörter, jedoch waren sie ebenso wie diese ein „literaturpolitisches Steuerungsmittel“15, in dessen Erwartung die Autoren einem inneren Konflikt ausgesetzt waren, der sie für Selbstzensur anfällig machte. Daher bedürfen auch sie der Erwähnung, um zu verdeutlichen, unter welchen Bedingungen Schriftsteller in der DDR zu arbeiten hatten.
[...]
1 Zitiert nach: Richard Zipser: Dauer im Wechsel. Literaturzensur in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Zur Literatur vor und nach dem Ende der DDR. Hrsg. v. ders.. Leipzig: Reclam, 1995. S. 15.
2 Manfred Jäger: Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literaturlenkung in der DDR. In: „Literaturentwicklungsprozesse“. Die Zensur der Literatur in der DDR. Hrsg. v. Ernest Wichner u. Herbert Wiesner. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993. S. 18.
3 Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Leipzig: Kiepenheuer, 1996. S. 61.
4 Zitiert nach: M. Jäger: Selbstzensur und Literaturlenkung. S. 18.
5 Vgl. zum Mythos vom Leseland DDR: Wolfgang Emmerich: Die Literatur der DDR. In: Wolfgang Beutin u.a.: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart; Weimar: Metzler 1994. S. 461- 462.
6 Vgl. Emmerich: Kleine Literaturgeschichte. S. 58.
7 Andrea Jäger: Schriftsteller-Identität und Zensur. Über die Bedingungen des Schreibens im „realen Sozialismus“. In: Literatur in der DDR. Rückblicke. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold u. Frauke Meyer-Gosau. München: edition text + kritik, 1991. S. 138-139.
8 Emmerich: Kleine Literaturgeschichte. S. 48.
9 Vgl.: Christine Horn: IRRGARTEN. Über Zensur und Staatssischerheit. Ein Gespräch mit Frauke Meyer- Gosau. In: Feinderklärung. Literatur und Staatssischerheitsdienst. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik, 1993. S. 43-44.
10 Walter Ulbricht auf dem 9. Plenum des ZK der SED, zit. nach: Siegfried Lokatis: Die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. In: „Jedes Buch ein Abenteuer“. Zensur-System und literarische Öffentlichkeit in der DDR bis Ende der sechziger Jahre. Hrsg. v. Simone Barck, Martina Langermann und Siegfried Lokatis. Berlin, Akademie-Verlag, 1997. S. 199.
11 M. Jäger: Selbstzensur und Literaturlenkung. S. 22.
12 Vgl. Lokatis: Die Hauptverwaltung. S. 223.
13 Ebd.
14 Vgl. ebd, S. 224.
15 Ebd., S. 222.
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