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Die Odyssee des Medeastoffes

Hausarbeit, 2003, 36 Seiten
Autor: Magister Artium Norbert Krüßmann
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Antike-Rezeption in der deutschen Literatur des 18.-20. Jhs.
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Fachbereich: Neuere deutsche Literatur)
Tags: Odyssee, Medeastoffes, Antike-Rezeption, Literatur
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 36
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 24  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V56498
ISBN (E-Book): 978-3-638-51156-8
ISBN (Buch): 978-3-638-66459-2
Dateigröße: 302 KB
Anmerkungen :
Die Mythosrezeption ist im Falle der Medea seit Euripides in eine patrirachale und intolerante Richtung gedrängt. Es ist das große Verdienst von Christa Wolf, ins Gedächtnis gerufen zu haben, daß der Mythos in archaischer Zeit eine andere Lesart erfuhr. Der Weg der veränderten Lesbarkeit des Mythologems wird anhand signifikanter Bearbeitungen (Euripides, Ovid, Seneca, Grillparzer, Wolf) nachvollzogen und als Seismograph der Epochengeschichte vorgestellt.


Zusammenfassung / Abstract

So alt der Medeastoff auch ist, er übt bis in die Gegenwart eine Faszination auf Autoren und Rezipienten aus. Dabei fällt auf, daß die Sichtweisen auf die Figur der Medea und damit die Themen, die in den Stoff hineingearbeitet werden, durchaus unterschiedlich, teilweise sogar widersprüchlich sind. Die vorliegende Arbeit versucht, ausgehend vom Urmythos, soweit dieser sich als rekonstruierbar erweist, die Entwicklung dieser Themen und Sichtweisen bis in die Gegenwart an einigen exemplarisch erscheinenden Beispielen aufzuzeigen. Hierbei wird eine Auswahl getroffen, die zum einen der rezeptionshistorischen Bedeutsamkeit geschuldet ist. Es scheint eingängig, wenn beispielsweise die Behandlung des Stoffes durch Seneca der Arbeit des Franzosen de La Péruse von 1556 vorgezogen wird. Zum andern aber versucht die Auswahl der Texte eine bestimmte Tendenz in der Bearbeitung aufzuzeigen, nämlich die Entfernung vom Urmythos in der antiken, die Wiederannäherung an ihn in der modernen Literatur, die mit der größtmöglichen Umwertung der Medeafigur einhergeht. Im Zusammenhang mit dieser Betrachtung wird die Frage zu erörtern sein, inwieweit die Veränderung, die Euripides vorgenommen hat, den Stoff erweitert und seine Problematik verschärft, bzw. inwieweit sie ihm einen Aspekt von Tiefe nimmt, ihn verflacht und damit verharmlost. Natürlich sind alle Bearbeitungen des Stoffes ein Spiegel der Zeit, in der sie entstanden. Aber es wird an einigen Stellen notwendig sein, gerade dieser Lesart als einem allzu oberflächlichen Erklärungsmodell entgegenzutreten. Stattdessen befleißigt sich die vorliegende Arbeit einer vorwiegend werkimmanenten Betrachtungsweise, die schon allein wegen ihres Inhalts angemessen erscheint. Es sind, bei allem Zeitbezug, noch immer Gestaltungen eines Mythos, mit denen wir uns beschäftigen. Der Mythos aber ist zeitlos und dunkel und ein Teil seiner Faszination wird in diesem Dunkel, aller Interpretation und Analyse zum Trotz, immer verbleiben.


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität zu Berlin
Fachbereich: Neuere deutsche Literatur
Seminar: Antike-Rezeption in der deutschen Literatur des 18.-20. Jhs.
7. Semester

Die Odyssee des Medeastoffes

von: Norbert Krüßmann

 


Inhalt

1. Einleitung  4

2. Der ursprüngliche Mythos 5

3. Die Prägung des Stoffes – Euripides 7

3.1 Der Dichter und sein Werk  7
3.2 Die Schuldfrage 8
3.3 Weiblicher Zorn und männliche Schwäche 10
3.4 Das Verhältnis zum griechischen Eherecht 12
3.5 Die Bedeutung des Kindsmords 13
3.6 Mythenrezeption im Mythos  14

4. Medea als Furie – Ovid und Seneca 15

4.1 Ovid 16
4.2 Seneca  16
4.3 Ausdeutung  18

5. Die Psychologisierung des Dramas – Franz Grillparzer  19

5.1 Der Gastfreund 20
5.2 Die Argonauten  20
5.3 Medea 23

5.3.1 Das Moment der Fremdheit  23
5.3.2 Die Motivation zum Kindsmord 28
5.3.3 Das goldene Vließ 30

6. Der Konflikt zwischen Staat und Individuum – Christa Wolf  31

6.1 Mißverständnisse bei der Rezeption  31
6.2 Das Opferungsmotiv  33
6.3 Die Entscheidung des Einzelnen 34

7. Schluß 35

8 Bibliographie 36
 

 


 

1. Einleitung

So alt der Medeastoff auch ist, er übt bis in die Gegenwart eine Faszination auf Autoren und Rezipienten aus. Dabei fällt auf, daß die Sichtweisen auf die Figur der Medea und damit die Themen, die in den Stoff hineingearbeitet werden, durchaus unterschiedlich, teilweise sogar widersprüchlich sind. Die vorliegende Arbeit versucht, ausgehend vom Urmythos, soweit dieser sich als rekonstruierbar erweist, die Entwicklung dieser Themen und Sichtweisen bis in die Gegenwart an einigen exemplarisch erscheinenden Beispielen aufzuzeigen. Der formale Rahmen, der hierbei gesteckt ist, verunmöglicht den Wunsch nach Vollständigkeit. So muß eine Auswahl getroffen werden, die zum einen der rezeptionshistorischen Bedeutsamkeit geschuldet ist. Es scheint eingängig, wenn beispielsweise die Behandlung des Stoffes durch Seneca der Arbeit des Franzosen de La Péruse von 1556 vorgezogen wird.

Zum andern aber versucht die Auswahl der Texte eine bestimmte Tendenz in der Bearbeitung aufzuzeigen, die an dieser Stelle als Hauptthese formuliert sei: Wenn wir den thematischen Inhalt des ursprünglichen Mythos als Ausgangspunkt annehmen, läßt sich ab der Bearbeitung durch Euripides, der eine signifikante Veränderung am Stoff vornimmt, eine zunehmende Entfernung von diesem Ausgangspunkt feststellen. Als weitestmöglicher Abstand wird von uns die römische Sicht auf die Medea, wie wir sie von Ovid und Seneca kennen, behandelt. Erst in der Neuzeit nähert sich der Stoff wieder seinen Ursprüngen bis auf eine Euripideische Nähe an, wie es exemplarisch an dem österreichischen Klassiker Grillparzer gezeigt werden soll. Zielpunkt dieser Rezeptionsodyssee ist die Gegenwartsliteratur, in der durch die Rückgängigmachung der Veränderung des Euripides wieder eine Übereinstimmung mit dem Ausgangspunkt in Aussage und Inhalt erzielt wird, wobei es aber in der Bewertung der Medeafigur selbst zur größtmöglichen Verschiebung kommt. Im Zusammenhang mit dieser Betrachtung wird die Frage zu erörtern sein, inwieweit die Veränderung, die Euripides vorgenommen hat, den Stoff erweitert und seine Problematik verschärft, bzw. inwieweit sie ihm einen Aspekt von Tiefe nimmt, ihn verflacht und damit verharmlost. All diese Bearbeitungen sind natürlich ein Spiegel der Zeit, in der sie entstanden. Aber es wird an einigen Stellen notwendig sein, gerade dieser Lesart als einem allzu oberflächlichen Erklärungsmodell entgegenzutreten. Stattdessen befleißigt sich die vorliegende Arbeit einer vorwiegend werkimmanenten Betrachtungsweise, die schon allein wegen ihres Inhalts angemessen erscheint. Es sind, bei allem Zeitbezug, noch immer Gestaltungen eines Mythos, mit denen wir uns beschäftigen. Der Mythos aber ist zeitlos und dunkel und ein Teil seiner Faszination wird in diesem Dunkel, aller Interpretation und Analyse zum Trotz, immer verbleiben.

2. Der ursprüngliche Mythos

Es läßt sich nicht wirklich viel über den Ursprung des Medeamythos sagen, da alle Zeugnisse, die älter sind als das berühmte Euripidesdrama verloren gegangen sind. Seine Ursprünge hat er in der mündlichen Tradition des griechischen Volkes. Damit verweist er auf einen Handlungsrahmen, der ungefähr gleichzeitig mit dem Trojanischen Krieg angesiedelt ist. Tatsächlich gibt es auch Überschneidungen mit dem Personal der Handlungen der Illias und der Odyssee, so verübte Medeas Widerpart und Ehemann Jason vor seiner Argofahrt noch eine andere Heldentat, nämlich die Jagd nach dem kalydonischen Schwein, an welcher auch Nestor teilnahm, der als der „göttliche Rosselenker“1 uns sowohl aus der Ilias als auch aus der Odyssee als Kriegsteilnehmer vor Troja bekannt ist. Darüber hinaus ist Kirke, die Zauberin, die dem Odysseus den Weg in die Unterwelt zeigt, Medeas Tante.

Es ist schwierig, einen realen Kern des Themenkomplexes auszumachen, der mythogen gewirkt haben könnte. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine rein moralische Wahrheit über Fremdheit und Vertrauen zu handeln. Dennoch lassen sich gewisse reale Anlässe ausmachen, die in dem Stoff zum Teil ihre mythologische Erklärung, zum anderen Teil ihre metaphorische Verklärung erfahren haben. Da wäre zunächst der Fakt anzuführen, daß beim Fest der „Akraia Hera“ sieben Knaben und sieben Mädchen aus den vornehmsten korinthischen Familien der Hera geweiht wurden, welcher sie in der Folge ein Jahr lang im Tempel zu dienen hatten. Offensichtlich ist dieser Brauch ein entschärftes Relikt aus einer Zeit, da bei diesem Feste die Kinder noch geopfert, d.h. getötet wurden. Die Medeageschichte könnte ein Begründungsmythos dieses Ritus sein, ähnlich wie der Prometheusmythos als Begründungsmythos des Fackelträgerfestes und des Brauchs der Lorbeerbekränzung gilt.2

In einem weiteren Realitätsfragment, das dem Mythos unterliegt, geht es um das Moment der Fremdheit und der Inkompartibilität der Kulturen. Es ist der Zusammenstoß der Frühasiatischen mit der Früheuropäischen Kultur und insbesondere wohl ein spezieller Vorgang, nämlich der Raub eines Standbildes der großen Göttin, deren Ritus dadurch in Griechenland eingeführt werden sollte, sich aber bald als zu blutrünstig für den hellenischen Geschmack erwies. So wäre also Medea das metaphorisch fleischgewordene Götzenbild, das nun personal das Schicksal seines Kultes erleidet. Wie sieht dieses Schicksal aus? Der Urmythos, sofern er sich rekonstruieren läßt, berichtet von folgendem: Nachdem Medea mit den Argonauten aus Kolchis geflohen war, ging sie mit Jason nach Jolkos, wo sie die Töchter des Pelias täuschte und so dazu brachte, den eigenen Vater zu töten. Damit rächt sie Jason, dem der Onkel die Königswürde geraubt hatte. Beide müssen daraufhin nach Korinth fliehen. Dort beschließt Jason, die Tochter des Königs Kreon, die in einigen Überlieferungen Kreusa, in anderen Glauke heißt,3 zu heiraten. Medea rächt sich und tötet durch ihre Zauberkraft die Nebenbuhlerin. Es erscheint sehr wahrscheinlich, daß im Urmythos die Korinther aus Rache für den Tod ihrer Prinzessin, Medeas Kinder ermorden.4 Während Jason verwahrlost und im Alter von den Trümmern seines einstmals stolzen Schiffes Argo erschlagen wird, flieht Medea zunächst nach Athen, von wo sie jedoch schon bald erneut fliehen muß, weil sie dem Theseus nach dem Leben trachtet. Sie endet in Asien, wo sie, wie der Mythos weiß, zur Stammutter der Meder wird, womit sich noch eine weitere Funktion des Medeamythos offenbart, nämlich als Gründungsmythos eines Volkes, das immerhin mächtig genug war, um 612 das Reich der Assyrer zu vernichten. Es ist also offensichtlich, daß der Medeateil dieses Mythos, der eng, ja beinahe untrennbar mit anderen Mythenelementen wie dem Goldenen Vließ als kultischem Gegenstand oder der Geschichte der Argofahrt als Heldenepos, aber auch den Heldentaten des Theseus und der ebenfalls bereits erwähnten Jagd nach dem kalydonischen Schwein, eine Geschichte über Fremdheit, kulturelle Konflikte und Entwurzelung ist. Dies ist wohl der erste und eigentliche Grund, weshalb es sich hierbei um einen der ewigen und ewigaktuellen Stoffe der Literatur handelt, der die Menschen der Antike und der Neuzeit gleichermaßen fesselt. Interessant dabei ist, daß es nicht die kulturelle Vermischung ist, das Voneinanderlernen und Aneinanderwachsen, was thematisiert wird, wie es beispielsweise zur Zeit Alexander des Großen im Zuge der Eroberung des Persischen Weltreiches durch Makedonien geschah und Griechenland zu einer kulturellen Blüte führte. Es ist gerade das Gegenteil, die Kehrseite der Medaille gewissermaßen, die mit Überfremdungsangst und Fremdenfeindlichkeit bis in unsere Zeit aktuell geblieben ist. Der Medeamythos zeigt, daß diese Thematik so alt ist wie die Menschheit selbst.

3. Die Prägung des Stoffes – Euripides

3.1 Der Dichter und sein Werk

[...]


1 so übersetzt von Wolfgang Schadewaldt, Homer. Ilias, Frankfurt am Main 1975

2 siehe hierzu auch: Walter Burkert, Mythos und Mythologie, S. 17f, in: Propyläen Geschichte der Literatur, Frankfurt a M, Berlin, Wien 1981

3 Die Namen sind beide sprechend. Während „Kreusa“ sich von „Kreon“, was wiederum von kratein (herrschen) stammt, ableitet und somit nichts anderes als Herrscherin bedeutet, ist „Glauke“ ursprünglich der Name der Quellnymphe Korinths, in deren Quelle die Königstochter versuchte, sich zu löschen. Demnach wäre der Königstochter in der Überlieferung, die sie „Glauke“ nennt, von vornherein ihr Tod und ihre Todesart konnotiert.

4 Zum Beleg dieser These sei nicht nur Christa Wolf angeführt, die neben dem Buch Medea. Stimmen, das diesbezüglich eine deutliche Sprache spricht, über ihre Veranlassung, an eine Veränderung des Mythos durch Euripides zu glauben, zB in einem Interview mit der Neuen Musik Zeitung 2002/09, 51. Jahrgang, September, Seite 17 Rechenschaft ablegt, sondern auch das Nachwort von J. J. C. Donner zu der Tragödie des Euripides in Euripides, Medea, Stuttgart 1972, S. 64. Ebenso sei verwiesen auf Fritz Graf, Medea. The Enchantress From Afar, S. 35, in: J. J. Clauss / S. I. Johnston (Hrsg), Medea. Essay on Medea in Myth, Literature, Philosophy and Art, Princeton 1997, S. 21 - 43


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