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Eros und Thanatos - Sexualität und Tod in Josef Winklers "Der Ackermann aus Kärnten"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 29 Pages
Author: Christiane Abspacher
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Heimat und Identität im deutschen Roman der Gegenwart
Institution/College: University of Regensburg (Philosophische Fakultät 4)
Tags: Eros, Thanatos, Sexualität, Josef, Winklers, Ackermann, Kärnten, Heimat, Identität, Roman, Gegenwart
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 29
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V56774
ISBN (E-book): 978-3-638-51372-2
ISBN (Book): 978-3-638-66486-8
File size: 431 KB

Abstract

„[W]er das literarische >Produkt< verstehen will, wird auch den Prozeß kennen müssen, in dem es zustande gekommen ist“, so Walter Schönau und Joachim Pfeiffer, Verfasser der „Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft“. Laut ihrer Theorie scheiden sich die kreativen von den unkreativen Menschen keineswegs durch Zufall, und die „freie Verfügung über die Schaffenskraft“ ist nicht „auf Willensanstrengung alleine“ zurückzuführen. Vielmehr sei die Wurzel der Kreativität – einfach und dem in dieser Arbeit zur Verfügung stehenden Rahmen angemessen ausgedrückt - in der frühkindlichen Entwicklungsstufe zu lokalisieren, in der symbiotischen Phase, in der der Säugling sich und seine Mutter noch als ein einziges untrennbares Wesen wahrnimmt. Zerbricht diese ursprüngliche Annahme des Kindes an der Realität, so kann es zur Sublimation kommen: Das Kind entwickelt „die Fähigkeit, das ursprüngliche Triebziel mit einem anderen, kulturell höher gewerteten zu vertauschen“, sprich: Es sucht sich Ersatzobjekte für die Mutter(brust), beispielsweise Bettzipfel oder Spielzeug, ist sich jedoch dessen bewusst, dass es sich dabei nur um einen Behelf handelt. Diese Verknüpfung der Kreativität mit der frühkindlichen Phase weist durchaus Parallelen zu anderen in der Psychoanalyse gängigen Theorien auf, die bei der Rezeption eines Textes – gerade, wenn es sich um autobiographisches Material handelt – von großem Interesse sein können. Auf eine dieser Theorien soll im Folgenden genauer eingegangen werden, um den zu untersuchenden Primärtext "Der Ackermann aus Kärnten" von Josef Winkler im Hinblick auf bestimmte Aspekte der Trieblehre zu untersuchen. Dabei soll besonders auf das Spannungsfeld von Eros und Thanatos auf dem Schauplatz des "Ackermannes" - dem Dorf Kamering in Kärnten - und insbesondere in der Familie des Protagonisten eingegangen werden. Die Theorie, dass die Mutter des Protagonisten den Lebenstrieb und der Vater den Todestrieb verkörpern und der Sohn somit im von diesen beiden Polen aufgespannten Feld erwachsen wird, soll anhand signifikanten Textpassagen und psychoanalytischen Überlegungen belegt werden. Desweiteren soll auf die Frage eingegangen werden, inwieweit der "Ackermann aus Kärnten" als Selbsttherapie Winklers in Form eines stark autobiographischen Romanes aufzufassen ist.


Excerpt (computer-generated)

Universität Regensburg, Institut für Germanistik
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Hauptseminar „Heimat und Identität im deutschen Roman der Gegenwart“
Wintersemester 2005/2006

Eros und Thanatos - Sexualität und Tod in Josef Winklers
"Der Ackermann aus Kärnten"

von: Christiane Abspacher

 


Inhalt

1. Vorbemerkung: Psychoanalytische Literaturwissenschaft S. 2

2. Psychischer Apparat und Trieblehre nach Freud S. 2

3. Begriffsklärung und Anwendung auf Winklers Der Ackermann aus Kärnten S. 5

2.3. Eros und Thanatos in Mythologie und Psychoanalyse S. 6
2.3. Das Verhältnis von Eros und Thanatos in Winklers Kamering S. 8
2.3. Josefs Mutter als Vertreterin des Lebenstriebes S. 10
2.3. Josefs Vater als Vertreter des Todestriebes S. 12

4. Der Ackermann aus Kärnten als Versuch einer Selbsttherapie S. 15

2.3. Verdrängung, Unbewusstes und Traumdeutung S. 15
2.3. Selbsttherapie und Schreibstil S. 19

5. Eros und Thanatos. Sexualität und Tod als Motivik? S. 20

6. Anhang S. 22

7. Quellen S. 23


 

 

0. Vorbemerkung: Psychoanalytische Literaturwissenschaft

„[W]er das literarische >Produkt< verstehen will, wird auch den Prozeß [sic.] kennen müssen, in dem es zustande gekommen ist“2, so Walter Schönau und Joachim Pfeiffer, Verfasser der „Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft“. Laut ihrer Theorie scheiden sich die kreativen von den unkreativen Menschen keineswegs durch Zufall, und die „freie Verfügung über die Schaffenskraft“ ist nicht „auf Willensanstrengung alleine“ zurückzuführen3. Vielmehr sei die Wurzel der Kreativität – einfach und dem in dieser Arbeit zur Verfügung stehenden Rahmen angemessen ausgedrückt - in der frühkindlichen Entwicklungsstufe zu lokalisieren, in der symbiotischen Phase, in der der Säugling sich und seine Mutter noch als ein einziges untrennbares Wesen wahrnimmt. Zerbricht diese ursprüngliche Annahme des Kindes an der Realität, so kann es zur Sublimation kommen: Das Kind entwickelt „die Fähigkeit, das ursprüngliche Triebziel mit einem anderen, kulturell höher gewerteten zu vertauschen“4, sprich: Es sucht sich Ersatzobjekte für die Mutter(brust), beispielsweise Bettzipfel oder Spielzeug, ist sich jedoch dessen bewusst, dass es sich dabei nur um einen Behelf handelt. Diese Verknüpfung der Kreativität mit der frühkindlichen Phase weist durchaus Parallelen zu anderen in der Psychoanalyse gängigen Theorien auf, die bei der Rezeption eines Textes – gerade, wenn es sich um autobiographisches Material handelt – von großem Interesse sein können. Auf eine dieser Theorien soll im Folgenden genauer eingegangen werden, bevor der zu untersuchende Primärtext Der Ackermann aus Kärnten von Josef Winkler hinzugezogen und im Hinblick auf bestimmte Aspekte der Trieblehre untersucht wird.

1. Psychischer Apparat und Trieblehre nach Freud

Gemäß der weit verbreiteten, etablierten, und doch stellenweise umstrittenen Freudschen Theorie über den psychischen Apparat gliedert sich das menschliche Seelenleben in die drei Instanzen Ich, Es und Über- Ich. Während das Ich hierbei Selbstbehauptung, willkürliche Bewegungen und Interaktion mit der Außenwelt umfasst, und das Über-Ich die Fortsetzung des elterlichen Einflusses, den der heranwachsende Mensch während der Kindheit erfährt, beschreibt, gilt das Es in der Freudschen Auffassung als ältester und wichtigster Teil des psychischen Apparates5: Das Es beinhaltet „alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist“, fungiert als Auffangbecken des Verdrängten und übernimmt besonders im Bereich der Trieblehre eine bedeutende Rolle6. Als Operator zwischen Es, Über-Ich und Außenwelt gilt dabei das Ich.

Das Es repräsentiert somit eine Art „Konglomerat von Triebregungen, Anlagen, Wünschen, Gefühlen, Strebungen ohne Logik, ohne Moral, ohne Sinn für Ordnung und Maß, ohne Rücksicht sogar auf die Selbsterhaltung, einzig dem Bestreben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung verpflichtet“7. Als psychisch korrekt gilt nach Freud eine Handlung dann, wenn sie zur selben Zeit den drei Instanzen und der Realität gerecht wird, „also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß“8. Dass dabei jedoch das Es einen Sonderstatus innehat, wird bei Freud aus der Macht des Es ersichtlich, die Bedürfnisse und Absichten des Individuums gegen die kontrollierenden Instanzen des Ichs und besonders des Über-Ichs durchzusetzen. Dabei kann dem Es kein Lebenstrieb – sprich: eine lebenserhaltende Absicht, ausgedrückt durch die Angst vor Gefahrensituationen – zugesprochen werden9. Dies ist laut Freud Sache des Ichs, während das Hauptanliegen des Über-Ichs darin besteht, die vom Es angestrebte Befriedigung der Triebe und Bedürfnisse einzuschränken.

Die sich aus diesem entgegen gerichteten Streben ergebenden Spannungen sind nach Freuds Theorie auf die der menschlichen Psyche innewohnenden Triebe zurückzuführen. Letztere beschreiben die „körperlichen Anforderungen an das Seelenleben“10, also jenen Bereich, in dem Körperliches und Psychisches aufeinander treffen, und der für Freud als Basis des psychischen Apparates gilt. Hierbei vertritt er die Ansicht, alles menschliche Handeln lasse sich im Grunde auf zwei konkurrierende Triebe zurückführen: Er stellt den Lebenstrieb dem Todestrieb gegenüber11. Ersteren bezeichnet er bereits zu Beginn seiner Forschungen auf dem Gebiet der Trieblehre als Eros, auf letzteren bezieht er sich als Destruktionstrieb, der von seinen geistigen Nachfolgern auch unter dem Begriff Thanatos behandelt wird. Eros ist somit das konstruktive Prinzip, während Thanatos den destruktiven Teil der Psyche repräsentiert. Gerade in der Sexualität sieht Freud beide Triebe besonders exemplarisch vertreten. Gerät das Mischverhältnis dabei aus dem Gleichgewicht, so habe dies „die greifbarsten Folgen“12: Fehlt der Aggressionstrieb völlig, kommt es unter Umständen zur Impotenz, während ein Vakuum an Eros sich in Störungen wie Sadismus oder gar Gewaltakten wie einem Lustmord niederschlagen kann13. Thanatos, so Freud, tritt nicht in Erscheinung, wenn er nur als Todestrieb im Inneren des psychischen Apparates operiert. Tritt er jedoch als Destruktionstrieb in den Vordergrund, zeigt er sich der Außenwelt. In diesem Zustand spricht Freud dem Thanatos das Ziel zu, das Lebende gleich einer umgekehrten Evolution „in den anorganischen Zustand“ zurück zu führen14.

[...]


2 Schönau, W. & Pfeiffer, J.: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft, S. 1.

3 Vgl. ebd.

4 Ebd., S. 9.

5 Vgl. Freud, Sigmund: Abriß [sic.] der Psychoanalyse – Das Unbekannte in der Kultur, S. 9.

6 Ebd.

7 http://www.psychotherapiepraxis.at/art/psychoanalyse/psychoanalyse.phtml#inh_quellen (Zugriff: 26.03.2006)

8 Freud, Sigmund: Abriß [sic.] der Psychoanalyse – Das Unbekannte in der Kultur, S. 10.

9 Vgl. ebd.

10 Ebd., S. 11.

11 Vgl. ebd., S. 12.

12 Ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Ebd.


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