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Termpaper, 2006, 21 Pages
Author: Ingo Bertram
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Institution/College: University of Bremen
Tags: Brünhild, Nibelungenlied, Höfische, Dame, Nibelungenlied, Nibelungenklage, Germanistik, Literatur, deutsch, Literaturwissenschaft, Uni, Hausarbeit, Seminararbeit, Mediävistik
Year: 2006
Pages: 21
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-51394-4
ISBN (Book): 978-3-638-92942-4
File size: 184 KB
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Rolle Brünhilds im Nibelungenlied und versucht zu klären, ob es sich bei der Königin von Island tatsächlich um ein Teufelsweib (tíuvéles wîp) oder nicht vielleicht doch um eine höfische Dame handelt. Dabei werden, chronologisch dem Nibelungenlied angepasst, ihre Rollen auf Isenstein, am Wormser Hof sowie im Königinnenstreit näher beleuchtet. Von der Dozentin wurde die Ausarbeitung als "klare, selbständige, durchdachte und problembewusste Arbeit".
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Abstract
Die Figurenkonzepte von (Jung-)Frauen, die einem großen, bekannten Helden an die Seite gestellt sind, erweisen sich in der frühmittelalterlichen Literatur mitunter als eintönig ähnlich. Mit unglaublicher Schönheit von Mutter Natur reich ausgestattet, wissen sie die höfischen Umgangsformen häufig perfekt zu beherrschen und sind stets darum bemüht, ihrem hochgeborenen Gatten ein schmückendes Beiwerk zu sein. Auf solch durchgängig höfisch gezeichnete Damen kann das ’Nibelungenlied’ im Kreis der Protagonisten nicht zurückgreifen. Anfangs scheint mit Kriemhild zwar auch hier die perfekte Vertreterin für ein vorbildliches, tugendhaftes, höfisches Leben gefunden zu sein, ihr mörderisch-intriganter Umschwung im zweiten Teil macht diesen Anflug höfischer Umgangsformen jedoch schnell zunichte. Die andere Königin im Figurenensemble, die gefürchtete Brünhild von Island (wenngleich keine Protagonistin), scheint in die höfischen Vorstellungen erst recht nicht zu passen, zu archaisch und unhöfisch ist das grobe Bild der nordischen Schönheit gezeichnet. Doch ist Brünhild nicht vielleicht doch eine höfische Dame, ja, vielleicht sogar die einzig wirklich höfische Dame des gesamten Epos? Oder bestätigt sich die Vermutung, dass die Königin aus dem fernen Norden tatsächlich nur ein urtümlich überzeichnetes Superweib ist, das mit höfischen Formen rein gar nicht in Einklang gebracht werden kann? Im Folgenden soll genau dieser Fragenkomplex anhand der Handschrift "B" des ’Nibelungenliedes’ sowie den Ansichten einiger renommierter Literaturwissenschaftler erörtert werden. Dabei befasst sich die Ausarbeitung, chronologisch dem Handlungsablauf angepasst, zunächst mit der Darstellung Brünhilds als Königin von Isenstein. Daran anschließend wird ihre Rolle am Wormser Hof vor und nach dem Betrug in der Hochzeitsnacht erörtert werden, um auch hieran höfische bzw. unhöfische Wesenszüge aufzuzeigen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Bremen
Seminar: Nibelungenlied und Nibelungenklage
WS 2005/06
Brünhild im Nibelungenlied –
Höfische Dame oder tíuvéles wîp?
von: Ingo Bertram
Inhalt
1. Einführung 3
2. Kriegskönigin auf Isenstein 4
3. Domestizierung am Wormser Hof 9
4. Königinnenstreit und die Folgen 13
5. Fazit 19
6. Bibliographie 21
1. Einführung
„Was ist eine Jungfrau? - Etwas Schönes, vorausgesetzt, sie bleibt es nicht.“ (Joachim Ringelnatz, 1929) Die Figurenkonzepte von (Jung-)Frauen, die einem großen, bekannten Helden an die Seite gestellt sind, erweisen sich in der hochmittelalterlichen Literatur mitunter als eintönig ähnlich. Mit unglaublicher Schönheit von Mutter Natur reich ausgestattet, wissen sie die höfischen Umgangsformen zumeist perfekt zu beherrschen und sind stets darum bemüht, ihrem hochgeborenen Gatten zumeist vor allem ein schmückendes Beiwerk zu sein. Ein Schmuck indes, der sich weder gegen geltende Konventionen aufzulehnen droht, noch außerhalb der Grenzen dieses eng abgesteckten Geschlechterkonstruktes zu agieren versucht. So etwa die bildschöne Enite, die in Hartmann von Aues höfischem Roman ’Erec’ brav und beizeiten reichlich naiv dem mitunter grausam agierenden Helden folgt, zwischenzeitlich von ihrem Ehemann mit einem Schweigegebot belegt und mit Todesdrohungen konfrontiert wird, als sie selbiges Gebot letztlich dennoch mehrfach bricht. Auf solch durchgängig höfisch gezeichnete Damen kann das ’Nibelungenlied’ im Kreis der Protagonisten nicht zurückgreifen. Anfangs scheint mit Kriemhild zwar auch hier die perfekte Vertreterin für ein vorbildliches, tugendhaftes, höfisches Leben gefunden zu sein, ihr mörderisch-intriganter Umschwung im zweiten Teil macht diese anfängliche Hoffnung jedoch schnell zunichte. Die andere Königin im Figurenensemble, die gefürchtete Brünhild von Island (wenngleich keine Protagonistin), scheint in die höfischen Vorstellungen erst recht nicht zu passen, zu archaisch und unhöfisch ist das grobe Bild der nordischen Schönheit gezeichnet. Doch ist Brünhild nicht vielleicht doch eine höfische Dame, ja, vielleicht sogar die einzig wirklich höfische Dame des gesamten Epos? Oder bestätigt sich die Vermutung, dass die Königin aus dem fernen Norden tatsächlich nur ein urtümlich überzeichnetes Superweib ist, das mit höfischen Formen rein gar nicht in Einklang gebracht werden kann? Im Folgenden soll genau diese Frage, ob Brünhild als höfische Dame angesehen werden kann oder nicht, anhand der Fassung B des ’Nibelungenliedes’ sowie den Ansichten einiger renommierter Nibelungenforscher erörtert werden. Dabei befasst sich diese Ausarbeitung, chronologisch dem Handlungsablauf angepasst, zunächst mit der Darstellung Brünhilds als Königin von Isenstein und wird sich in der Folge dann mit ihrer Rolle am Wormser Hof vor und nach dem Betrug in der Hochzeitsnacht beschäftigen.
2. Kriegskönigin auf Isenstein
Während die ersten Aventuiren noch ohne sie auskommen, wird Brünhild zu Beginn der sechsten Aventuire in das Geschehen des ’Nibelungenliedes’ eingeflochten:
„Es was ein küneginne gesezzen über sê,
ir gelîche enheine man wesse ninder mê.
diu was unmâzen sc(?)ne, vil michel was ir kraft.“ (326)
Dass Brünhild als werbungsbedürftige Königin in einem Land herrscht, welches „über sê“ und damit außerhalb des höfischen Horizonts liegt, ist zunächst typisch für Sagen wie das ’Nibelungenlied’, wenngleich eine Frau in Herrscherposition gewiss kurios auf der zeitgenössische Publikum gewirkt haben muss, auch wenn ihre eigentliche Legitimation als Königin aufgrund der geltenden Thronfolgeregelung („wol geborn“, 327) nicht in Frage gestellt wird. Später wird ihr Land unter dem Namen „Island“ genauer lokalisiert (auch wenn man Abstand davon nehmen sollte, das heutige Island als Reich Brünhilds zu betrachten [vgl. Mackensen 1984, S.157]) und mit Isenstein ein konkreter Schauplatz in diesem Land geschaffen. Untypisch, besonders für eine weibliche Figur, wirken hingegen die eigentlich ausschließlich männlichen Helden vorbehaltenen Bezeichnungen „kraft“ und „sterke“, die in Verbindung mit „sc(?)ne“ bereits gleich zu Beginn der Nennung Brünhilds eine Verbindung zwischen Archaik und höfischem Leben aufzeigen (vgl. Ehrismann 1987, S.122). Somit scheint sich durch die Schilderung des Dichters bei Brünhild recht früh durchaus eine höfische Seite herauszubilden, wenngleich durch Siegfrieds Schilderungen speziell im Vorfeld zur Werbungsfahrt die archaischen Züge Brünhilds noch deutlich überwiegen. Nicht nur, dass Brünhild die Stärke mehrerer Männer zugesprochen wird (Siegfried wird sie später nur mithilfe der Tarnkappe, die dem Träger neben der Unsichtbarkeit auch die Kraft von zwölf Männern verleiht [vgl. 337], bezwingen können), der von ihr ausgerufene Dreikampf entbehrt jeglicher höfischer Vorstellung von Minne und genießt als grausames Ritual weit über die Landesgrenzen Islands hinaus einen beängstigenden Ruf, da bereits viele Landesfürsten samt Gefolge ihr Leben auf Isenstein lassen mussten. So grausam diese „sit“ auch ist: die harten Kampfbedingungen erscheinen als logische Konsequenz, weil Brünhild mit einer Niederlage nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Land und damit ihre Leute aufs Spiel setzt (vgl. Ehrismann 1987, S.126).
[...]
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