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Scholarly Essay, 2005, 28 Pages
Author: Dr. phil. Gottfried Schüz
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Details
Tags: Leben, Problem, Maßstäblichkeit, Handelns, Perspektive, Entwicklungen, Albert, Schweitzers, Denken
Year: 2005
Pages: 28
Bibliography: ~ 40 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-51501-6
File size: 128 KB
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Excerpt (computer-generated)
»Leben nach Maß« –
zum Problem der Maßstäblichkeit menschlichen Handelns in
der Perspektive biotechnologischer Entwicklungen und Albert Schweitzers Denken
von
Gottfried Schüz
Erstmals veröffentlicht in:
Gottfried Schüz (Hrsg): Leben nach Maß – zwischen Machbarkeit und Unantastbarkeit. Biotechnologie im Licht des Denkens von Albert Schweitzer.
Beiträge zur Albert Schweitzer-Forschung Band 10. Frankfurt/M., Berlin u.a. 2005, S. 293-315.
Autor:
Gottfried Schüz, Dr. phil., geb. 1950, Ausbildung für das Lehramt an Grund- u. Hauptschulen. Seit 1994 Leiter des Staatl. Studienseminars für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen Mainz. 1981-1985 Hilfsreferent beim Kultusministerium Rheinland-Pfalz (Landesprüfungsamt). Berufsbegleitendes Zweitstudium der Philosophie (Hauptfach), Pädagogik und Evang. Theologie; Promotion (2000) an der Universität Mainz. Buch- und Aufsatzveröffentlichungen insb. zur philosophischen Anthropologie, Werteerziehung, Ethik und Lehrerbildung. 2001-2005 Wissenschaftsreferent der Wissenschaftlichen Albert-Schweitzer-Gesellschaft e.V. Ab 2006 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt/M.
Inhalt
Einleitung 3
1. Gentechnischer Fortschritt ins Grenzenlose als maß-loses »Maß«? 4
2. Haben wir (k)eine ›denkende Wissenschaft‹? 7
3. »Ehrfurcht vor dem Leben« als »denknotwendiges Maß« einer Grenzen überschreitenden Vernunft? 12
4. »Unbegrenzte Verantwortung« als Antwort auf eine Biotechnologie ins Grenzenlose? 19
Einleitung
Die bahnbrechenden Entwicklungen der Biotechnologie, die Albert Schweitzer selbst in ihren seinerzeit erkennbaren Anfängen nicht zu Kenntnis nahm, hätten ihn in den Dimensionen, wie sie uns heute vor Augen stehen, kaum überrascht. Ganz im Gegenteil – sie wären für ihn nur zu folgerichtig aus dem allgemeinen wissenschaftlich-technischen Fortschritt, den er mit großer Sorge verfolgte, erwachsen. In seiner 1943/44 verfaßten Analyse der »geistigen und materiellen Situation der Zeit« bringt er diese Sorge klar zum Ausdruck:
»Tatsächlich sind wir Übermenschen geworden: nicht ganz die, nach denen Nietzsche ausgeschaut hatte, aber doch Übermenschen. Wir sind es durch die übermenschliche Macht, die uns durch die ins Grenzenlose gehenden Fortschritte der Technik in die Hand gegeben ist. In einer bisher unvorstellbaren Weise gebieten wir über die Kräfte der Natur. (...)
Aber zur übermenschlichen Vernünftigkeit, die erforderlich wäre, um diese Macht nur im rechten Sinne zu gebrauchen, haben wir uns nicht zu erheben vermocht«.1
Schärfer noch konstatiert er an anderer Stelle im Gegensatz zum ins Unermeßliche gesteigerten Wissen und Können eine »Verkümmerung« des modernen Menschen »in seinem eigentlichen Wesen«.2 Im Blick auf die biotechnologischen Entwicklungen tun sich hier zwei miteinander verschränkte Fragestellungen auf:
Sind angesichts der Biotechnologie, die wie kaum eine andere wissenschaftlichtechnische Entwicklung der Moderne für unüberschreitbar gehaltene Grenzen und Maßstäbe durchbricht, auch im Bereich ethischer Maßstäbe ebensolche Grenzüberschreitungen vonnöten und möglich?
Wenn dies der Fall ist, inwiefern könnte Schweitzers Denken einen zukunftsweisenden ethischen Maßstab bieten, der im begonnenen biotechnischen Zeitalter geeignet ist, eine »neue Vernünftigkeit« grundzulegen und den Menschen in sein »eigentliches Wesen« zu erheben?
Diese beiden Fragestellungen möchte ich in vier aufeinander aufbauenden Betrachtungsschritten näher verfolgen: 1. Zunächst gilt es, sich die Handlungsmaximen des biotechnologischen Fortschrittsprojektes und dessen Grenzen zu vergegenwärtigen. 2. Ferner ist in diesem Betracht von Schweitzer her das zugrundliegende Verhältnis von Wissenschaft und Denken bzw. Ethik zu umreißen. Sodann möchte ich 3. Schweitzers Ethikprinzip in seinem Anspruch »denknotwendiger Vernünftigkeit« zu Kants »Nötigung der Vernunft« kritisch abgrenzen und schließlich 4. das hieraus resultierende konfliktethische Verantwortungskonzept Schweitzers auf seine Tragfähigkeit in biotechnologischen Problemzusammenhängen hin prüfen.
1. Gentechnischer Fortschritt ins Grenzenlose als maß-loses »Maß«?
Die Unaufhaltsamkeit des grenzüberschreitenden Fortschritts auf allen Gebieten des Wissens und Könnens und die daraus resultierende »sich überstürzende und tiefgehende Umgestaltung der für unser Leben in Betracht kommenden Verhältnisse«3 hat Schweitzer wiederholt in dem Bild der aufgezogenen Schleuse veranschaulicht:
»Die Schleuse, durch die sich die Wasser in unaufhaltsamem Strome ergießen, läßt sich nicht mehr schließen«.4
Die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen brechen sich Bahn, ehe wir gewärtigen können, welche ethischen Dilemmata wir uns damit einhandeln. Schon in der Atombombenfrage war seinerzeit die anfängliche Überlegung, entsprechende Forschungen wegen ethischer Skrupel auf Eis zu legen, aus politischen Gründen verworfen worden. In der biotechnologischen Entwicklung stellt sich die Situation noch komplizierter dar: Nach einer zunächst vielversprechenden Initiative führender Wissenschaftler von 1974, über ein freiwilliges Moratorium zur Aussetzung von Experimenten mit rekombinanter DNA Zeit für die Diskussion damit verbundener ökologischer und gesundheitlicher Risiken zu gewinnen, werden durch sich überschlagende gentechnologische Forschungsergebnisse und deren industrielle Anwendung fortwährend neue Fakten geschaffen, die neue ethische Probleme und Risikofragen aufwerfen und die öffentliche Debatte anheizen.5
Das begonnene biotechnische Zeitalter ist der Anbruch einer Epoche, deren »Operationsmatrix«6 die überkommenen ethischen Grenzziehungen und Maßstäbe durchbricht, ja maß-los geworden ist. Die moderne Gentechnik demonstriert eindrucksvoll, daß sich die genetischen »Programme« und »kausalen Agenzien«, nach denen sich die lebendigen Organismen ungeachtet ihrer Organisationsform entwickeln, nicht nur biochemisch entschlüsseln, sondern auch nach Maßgabe technisch-ökonomischer Zwecksetzungen gezielt verändern lassen. Die offenkundigen Erfolge, mit denen sich die Natur nach informationstechnischen Modellen beschreiben und manipulieren läßt, verführen aber zu dem Umkehrschluß, daß lebende Organismen »nichts anderes als« die funktionale Manifestation einer in den Genen verankerten Information als deren Träger seien.7 Wohl richtet sich die Natur offensichtlich nach kontrollierbaren Ursache-Wirkungszusammenhängen und unterwirft sich ›willfährig‹ unseren technischen Zwecksetzungen, – jedoch geht sie nicht darin auf. Wir können die Natur zwar immer differenzierter und komplexer mit Hilfe informationstheoretischer, kybernetischer und mathematischer Modelle beschreiben. Aber: »es konnte noch kein Leben künstlich erzeugt werden«.8
[....]
1 Vgl. Schweitzer, A.: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III. Dritter und vierter Teil. Günzler, Claus/ Zürcher, Johann (Hrsg.). München 2000, S. 220, vgl. 335, 379. Bemerkenswert ist die fast wörtliche Übereinstimmung der genannten Überschrift mit dem Titel des Buches von Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit. Berlin 1931, das Schweitzer höchstwahrscheinlich kannte und zu dem es auch zahlreiche inhaltliche Berührungen gibt, die hier nicht verfolgt werden können.
2 Schweitzer: Kulturphilosophie III. Dritter und vierter Teil, S. 335. Damit bekräftigt er seine schon dreißig Jahre früher vorgetragene Kulturkritik, in der er einen geistig-ethischen Verfall der Kultur diagnostiziert, mit der ein Verlust der Freiheit und Humanität des modernen Menschen verbunden sei (vgl. Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, mit Einschluß von Verfall und Wiederaufbau der Kultur. München 1960, S. 61).
3 Schweitzer: Kulturphilosophie III. Dritter und vierter Teil, S. 355.
4 Ebd., S. 339.
5 Vgl. Rifkin, Jeremy: Das biotechnische Zeitalter. Die Geschäfte mit der Gentechnik. München 1998, S. 13ff.
6 Vgl., Rifkin: Das biotechnische Zeitalter, S. 33f.
7 Zum Prinzip des »Nichts-anderes-als«, das Moritz Geiger in die Diskussion gebracht hat, vgl. Bollnow, Otto Friedrich: Das Wesen der Stimmungen. Frankfurt 61980, S. 15. Zur reduktionistischen Betrachtungsweise der Biologie vgl. Rifkin: Das biotechnische Zeitalter, S. 236, 338f.
8 Regelmann, Johann-Peter/ Schramm, Engelbert: Schlägt Prigogine ein neues Kapitel in der Biologiegeschichte auf? In: Altner, Günter (Hrsg.): Die Welt als offenes System. Eine Kontroverse um das Werk von Ilya Prigogine. Frankfurt/M. 1986, S. 61.
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