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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 28 Pages
Author: Achim Binder
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory
Details
Institution/College: University of Tubingen
Tags: Bedeutung, Rhetorik, Verkündigung, Augustinus, Christiana, Vergleich, Homiletik, Jahrhunderts, Seminar, Allgemeine, Rhetorik
Year: 2006
Pages: 28
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 9 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-51511-5
ISBN (Book): 978-3-638-66501-8
File size: 217 KB
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Abstract
Augustinus hat das vierte Buch seines Spätwerkes "De doctrina Christiana" erst nach einer fast dreißigjährigen Unterbrechung in den Jahren 426/27 fertig gestellt. Sowohl diese späte Vollendung als auch seine erstaunliche inhaltliche Selbständigkeit trugen dazu bei, das vierte Buch als eigenständiges Werk anzusehen, welches erstmalig in der Geschichte der Rhetorik eine christliche Predigtlehre begründet hat. Diese Affinität des frühen Christentums zur Rhetorik liegt jedoch nicht nur in der von der Rede abhängigen Natur des Christentums begründet, sondern vor allem in der rhetorischen Ausbildung seiner Verkündiger, „zumal Rhetorik und zeitgenössisches griechisches Bildungsverständnis gar nicht voneinander zu trennen“ waren. Predigt und Rhetorik gingen eine Verbindung ein, die sich durch vollkommene gegenseitige Abhängigkeit auszeichnete: „Ohne eine weitgehende Symbiose von Homiletik und Rhetorik ist die Predigt des 4./5. Jahrhunderts nicht zu denken.“ So selbstverständlich die Rhetorik für die Homiletik anfänglich war, so zweifelhaft wurde ihre Verwendung in zunehmendem Maße nach dieser frühchristlichen Blütezeit. Ausgangpunkt dieser paradoxen Situation war wiederum Augustinus’ viertes Buch der "De doctrina Christiana", welches nun dazu beitrug, die Rhetorik in einem fragwürdigen Licht erscheinen zu lassen. Ausgehend von der großen Wirkung, die das vierte Buch der "De doctrina Christiana" auf die christliche Homiletik ausüben konnte, soll der Zweck dieser Arbeit darin bestehen, jene scheinbar widersprüchliche Bedeutung und Bewertung der Rhetorik zu bestimmen und herauszuarbeiten. Dies soll als Grundlage für den Vergleich mit Karl Barths und Gert Ottos Homiletik dienen, deren völlig unterschiedliche Auffassung von Rhetorik wiederum auf Augustinus zurückgeführt werden kann.
Excerpt (computer-generated)
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
HS: Augustinus. Rhetorik und Religion
Wintersemester 2005 / 2006, 8. Fachsemester
Die Bedeutung der Rhetorik für die christliche Verkündigung
in Augustinus’ De doctrina Christiana im Vergleich zu
ausgewählter Homiletik des 20. Jahrhunderts
von: Achim Binder
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Bedeutung der Rhetorik für die christliche Verkündigung bei Augustinus 4
2.1 Anwendung und Zweck der Rhetorik in der Gemeinde 4
2.2 Weisheit und Rhetorik 9
2.3 Bibelrhetorik 10
2.4 Ethos und Rhetorik 13
3. Die Bedeutung der Rhetorik für die christliche Verkündigung bei Karl Barth 15
4. Die Bedeutung der Rhetorik für die christliche Verkündigung bei Gert Otto 21
5. Schlusswort 25
6. Bibliographie 27
1. Einleitung
Augustinus hat das vierte Buch seines Spätwerkes De doctrina Christiana erst nach einer fast dreißigjährigen Unterbrechung in den Jahren 426/27 fertig gestellt. 1 Sowohl diese späte Vollendung als auch seine erstaunliche inhaltliche Selbständigkeit trugen dazu bei, das vierte Buch als eigenständiges Werk anzusehen, welches erstmalig in der Geschichte der Rhetorik eine christliche Predigtlehre begründet hat. Seine separate Veröffentlichung im 15. Jahrhundert unter dem bezeichnenden Titel De arte praedicandi (Straßburg 1465) weist das vierte Buch eindeutig als Theorie der Homiletik aus und lässt dabei seine rhetorische Bedeutung völlig außer Acht.2
Obwohl Augustinus im Proömium ausdrücklich betont, kein Rhetorik-Handbuch verfassen zu wollen („Daher dämpfe ich […] die Erwartungen derjenigen Leser, die etwa glauben, dass ich rhetorische Vorschriften geben werde, wie ich sie in weltlichen Schulen gelernt und gelehrt habe“ 3 ), hat er genau das getan: Beim Versuch, eine Anleitung für einen christlichen Prediger zu geben, hat er gleichzeitig die erste christliche Rhetorik formuliert. Ähnlich wie bei Platon, dessen Theorie der Redekunst in Abgrenzung zur Rhetorik der Sophisten entstand, wird die Rhetorik bei Augustinus stets in kritischer Auseinandersetzung mit der antiken Beredsamkeit gesehen − eine Entwicklung, die sich bereits bei Ambrosius andeutet:
Ambrosius […] räumt sogar ein, dass rhetorischer Schmuck hin und
wieder recht nützlich sei, ja sogar in der Heiligen Schrift vorkomme,
er setzt aber lobend gegen die Philosophen und Redner […] den
schlichten stilus historicus des Evangelisten Lukas.4
Ambrosius’ vorsichtige Haltung gegenüber der Rhetorik findet sich in ähnlicher, wenn auch abgeschwächter Form bei Augustinus wieder, der die Rhetorik als neutral einzuschätzende Technik begreift, welche die Predigt überzeugender und interessanter macht.
Tatsächlich gewann die christliche Predigt seit Augustinus ein zunehmend rhetorisches Profil – was daran liegen mag, dass das Christentum „in gewissem Sinne als eine rhetorische Religion angesprochen werden kann“.5 Diese Affinität des frühen Christentums zur Rhetorik liegt jedoch nicht nur in der von der Rede abhängigen Natur des Christentums begründet, sondern vor allem in der rhetorischen Ausbildung seiner Verkündiger, „zumal Rhetorik und zeitgenössisches griechisches Bildungsverständnis gar nicht voneinander zu trennen“ waren.6 Predigt und Rhetorik gingen eine Verbindung ein, die sich durch vollkommene gegenseitige Abhängigkeit auszeichnete: „Ohne eine weitgehende Symbiose von Homiletik und Rhetorik ist die Predigt des 4./5. Jahrhunderts nicht zu denken.“7
So selbstverständlich die Rhetorik für die Homiletik anfänglich war, so zweifelhaft wurde ihre Verwendung in zunehmendem Maße nach dieser frühchristlichen Blütezeit. Ausgangpunkt dieser paradoxen Situation war wiederum Augustinus’ viertes Buch der De doctrina Christiana, welches nun dazu beitrug, die Rhetorik in einem fragwürdigen Licht erscheinen zu lassen: Auf der einen Seite macht die geglaubte und bereits dogmatisch verfestigte Lehre von der Menschwerdung Gottes das ‚Wort’ (logos und verbum) stark und privilegiert es als Element christlicher Theoriebildung; auf der anderen Seite müssen − um der Reinheit der Lehre willen − gerade jene Kunst und jenes Können verdächtigt werden, die bisher den Umgang mit den Worten als einzelne Disziplin zu garantieren vermochten, nämlich die Rhetorik.8 Ausgehend von der großen Wirkung, die das vierte Buch der De doctrina Christiana auf die christliche Homiletik ausüben konnte, soll der Zweck dieser Arbeit darin bestehen, jene scheinbar widersprüchliche Bedeutung und Bewertung der Rhetorik zu bestimmen und herauszuarbeiten. Dies soll als Grundlage für den Vergleich mit Karl Barths und Gert Ottos Homiletik dienen, deren völlig unterschiedliche Auffassung von Rhetorik wiederum auf Augustinus zurückgeführt werden kann.
2. Die Bedeutung der Rhetorik für die christliche Verkündigung bei Augustinus
2.1 Anwendung und Zweck der Rhetorik in der Gemeinde
Obwohl der Name Ciceros in der gesamten De doctrina Christiana unerwähnt bleibt, sind sein Einfluss und seine Bedeutung für Augustinus nicht zu übersehen. Die Gemeinsamkeiten mit Cicero hören dort auf, wo Augustinus beginnt, das homiletische Profil seiner Rhetorik zu schärfen und sie an die besondere Situation in der Gemeinde anzupassen. Es war Augustinus, der sich bemühte, die wahre antike Rhetorik für die neue Generation christlicher Redner zurückzugewinnen. Während seine in der Doctrina Christiana umrissenen Prinzipien der Predigt auch eine ‚Verteidigung’ der konventionellen ciceronischen Rhetorik bilden, geht er dennoch über Cicero hinaus.9
[...]
1 Augustinus: Die christliche Bildung (De doctrina christiana). Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Karla Pollmann. Stuttgart: Reclam, 2002, 261.
2 Ueding Gerd, Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte. Technik. Methode. 3., überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart: Metzler, 1994, 50.
3 Zitiert aus: Augustinus: Die christliche Bildung (De doctrina christiana). Übersetzung, Anmerkung und Nachwort von Karla Pollmann. Stuttgart: Reclam, 2002, 149.
4 Ueding, Steinbrink, Grundriß der Rhetorik, 48.
5 Ueding, Steinbrink, Grundriß der Rhetorik, 48. Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 3. Tübingen: Niemeyer, 1996, 1505. „Im Unterschied zu anderen Religionen steht die Rede im Mittelpunkt des christlichen Kultus, ‚weil ‚der christliche Gottesdienst ein geistiger ist und der Geist sich unmittelbar nur durch das Wort verständlich macht’.
6 Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 2. Tübingen: Niemeyer, 1994, 201.
7 Ibid, 201.
8 Ibid, 203.
9 Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 1. Tübingen: Niemeyer, 1992, 1065.
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