Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
Die Wiedergeburt der Komödie aus dem Geiste des Chat Noir close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

Die Wiedergeburt der Komödie aus dem Geiste des Chat Noir

Other, 2005, 13 Pages
Author: Prof. Dr. Peter P. Pachl
Subject: Musicology

Details

Event: Vortrag beim Symposion
Institute: Musikwissenschaft
Tags: Wiedergeburt, Komödie, Geiste, Chat, Noir, Vortrag, Symposion
Category: Other
Year: 2005
Pages: 13
Bibliography: ~ 43 Fußnoten  Entries
Language: German
Archive No.: V57073
ISBN (E-book): 978-3-638-51611-2

File size: 123 KB


Excerpt (computer-generated)

Die Wiedergeburt der Komödie aus dem Geiste des Chat Noir

Überbrettl-Topoi im Musiktheater von Richard Strauss

von

Peter P. Pachl

 

 

Vor einhundert Jahren, entstand das erste deutsche Kabarett. Ernst von Wolzogen wollte es ursprünglich in München gründen; auch Wiesbaden und Darmstadt waren im Gespräch, aber dann wurde es doch in Berlin zum Ereignis: am 18. Januar 1901, in der Alexanderstraße 40, das „Überbrettl“.

Und mit dem „Überbrettl“ hatten zahlreiche Tonsetzer des frühen 20. Jahrhunderts direkt oder indirekt zu tun, und im Geflecht dieses Spinnennetzes finden sich Alexander Zemlinsky und Arnold Schönberg1 ebenso wie Oscar Straus und Richard Strauss.

Beim Namen Wolzogen denkt der Musikfreund wohl zunächst an den Bayreuther Gralshüter Hans von Wolzogen, den Herausgeber der Bayreuther Blätter, die nach dem Tod Richard Wagners bald zu einem völkisch-rassistischen Kulturorgan verkamen. Und auch im Lexikon „Musik in Geschichte und Gegenwart“2, sowie im Riemann3, ist unter „Wolzogen, von“ nur der Hinweis auf Hans zu finden, während in The Grove Dictionary4 auch der andere Wolzogen genannt wird. Von außen sieht man eben manches klarer:

Hans und Ernst und von Wolzogen sind Brüder, Söhne des Schweriner Hoftheaterintendanten Alfred von Wolzogen, Schwiegergroßneffen Friedrich Schillers, der erstere außerdem noch Enkel Karl Friedrich Schinkels, beide wirkten als Dramatiker, Essayisten und Librettisten. Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen ist der um sieben Jahre jüngere Bruder von Hans, genau genommen dessen Halbbruder und politisch und künstlerisch so weit von dem Erstgeborenen entfernt, dass Hans von Wolzogen sich später sogar bemüßigt fühlte, die Halbbruderschaft öffentlich im Sinne einer distanzierenden Barriere zu betonen. Natürlich stieß er damit bei den intimen Kennern der Zwistigkeiten von Gunther und seinem Halbbruder Hagen auf volles Verständnis.

Ernst von Wolzogen also, der - gemessen an Hans von Wolzogen - vergleichsweise liberale, in mancher Hinsicht sogar progressive Bruder, wurde am 23.April 1855 in Breslau geboren. Die Mutter, eine in Florenz aufgewachsene Halbengländerin hugenottischer Abstammung, lehrte ihn das Spiel mehrerer Instrumente, Singen und Balletttanz. Bereits im Alter von sechs Jahren schrieb Ernst sein erstes Drama und brachte zur Freude und zum Erstaunen seiner Umwelt eine Reihe von Puppenspielen zur Aufführung.

Nach Wanderjahren mit seinem Hauslehrer, nach dem Abitur im Jahre 1876, studierte er in Straßburg und Leipzig Literatur, Geschichte und Naturwissenschaften und verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Novellen, Romane und Erzählungen und Lustspiele. 1881 übersiedelte er nach Berlin, wo ihm die Pastoralhumoreske „Die Gloriahose“ im Jahr 1884 besonderen Ruhm eintrug. Im Kreise der Friedrichshagener um Wilhelm Bölsche und die Brüder Hart bemühte er sich um die Gründung einer „Freien literarischen Gesellschaft“, was ihm dann im Jahre 1893 in München gelang; den Vorsitz dieser „Freien literarischen Gesellschaft“ hatte Ludwig Ganghofer. Von Wolzogen übernahm die Spielleitung des „Akademisch-dramatischen Vereins“ und inszenierte am Gärtnerplatztheater als erstes Tolstois „Macht der Finsternis“. Nach Meinungsverschiedenheiten um eine Aufführung von Shakespeares „Troilus und Cressida“ brach Wolzogen jedoch mit der Münchner „Freien literarischen Gesellschaft“ und ging im Frühjahr 1899 enttäuscht nach Berlin zurück.

Hier gründete er, frei nach dem Muster des Pariser „Chat noir“, das erste deutsche Kabarett. Wolzogen, der im Weimarer Kreis um Liszt zum Wagner-Anhänger und begeisterten Nietzsche-Verehrer geworden war, widmete seinen humoristischen Musikanten-Roman „Der Kraft-Mayr“: „dem Andenken Franz Liszts“ und nannte sein Kabarett in Anlehnung an Nietzsches „Übermensch“: „Überbrettl“. Die Unterschiede zum französischen Vorbild, dem Cabaret, definierte er so:

[....]


1 Hatte Zemlinsky im Januar 1901 den Posten des Kapellmeisters am „Überbrettl“ nicht erhalten, so vermittelte er diese Position ein Dreivierteljahr später seinem drei Jahre jüngeren Freund, Schüler und Schwager Arnold Schönberg. Das Berliner „Überbrettl“ gastierte gerade am Carlstheater in Wien, und der Zufall kam Schönberg zu Hilfe, wie Ernst von Wolzogen in seinen Memoiren berichtet:

„Als wir in Wien am Karl-Theater gastierten, wurde das jüdische Versöhnungsfest gefeiert, und Oscar Straus durfte am Abend dieses Tages auf Befehl seines reichen Erbonkels nicht auftreten. Er führte mir als seinen Stellvertreter für diesen Abend einen jungen Musiker zu, von kleiner Gestalt, harten Gesichtszügen und dunkler Hautfarbe, dessen Name, Arnold Schönberg, damals noch gänzlich unbekannt war. Als Probe seines Könnens spielte er mir einige kleine Lieder vor, darunter eine reizende Vertonung des Falkeschen Gedichtes ′Rechts Luischen, links Marie und voran die Musici′, die ich sofort für mein Überbrettl erwarb.“ (Wolzogen. „Ich bin der größte Idiot des Jahrhunderts“. In: Die zehnte Muse. Kabarettisten erzählen. Hg: Frauke Deißner-Jenssen. Berlin 1986, S. 35.)

Von Wolzogen fährt in seinen Erinnerungen fort: „Am Abend aber blamierte er (Schönberg) sich als Begleiter derart, dass ich ihn durch meinen zweiten Kapellmeister Woldemar Wendland ablösen lassen musste. Das Lampenfieber hatte ihn so stark gepackt, dass er die einfachsten Griffe verfehlte. Er schämte sich seines Versagens so sehr, dass er sich nie mehr bei mir blicken ließ.“ (a. a. O., S. 35 f.)

Eine wirkungsvolle Anekdote, aber nicht mehr als dies; Wolzogens Erinnerung trügt gewaltig. Denn nach seiner Talentprobe fand Schönberg tatsächlich Anstellung als musikalischer Leiter des „Überbrettl“. Offenbar ließ jedoch das monatliche Salär, das Schönberg für seine Tätigkeit von Wolzogen erhielt, sehr zu wünschen übrig, denn Zemlinsky schickte seinem Schwager musikalische Arbeiten, um dessen materielle Lage aufzubessern: Kopistenarbeiten für Zemlinskys neueste Komposition, das Ballett „Das gläserne Herz“ nach einer Textvorlage Hugo von Hofmannsthals, sowie Operetten anderer Wiener Komponisten, die Schönberg instrumentierte.

Soweit bekannt, erklang Schönbergs Brettl-Lied „Nachtwandler“ mit seiner eigenartigen Besetzung für Sopran, Piccoloflöte, Trompete und Seitentrommel mit Schnarrsaiten nur ein einziges Mal in Wolzogens Kabarett, - vor allem der Trompetenpart war offenbar zu schwierig. Deshalb beschränkte sich Schönberg bei seinen übrigen Kabarett- Kompositionen auf Singstimme und Klavier.

2 Friedrich Blume (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Kassel 1986, Bd. 17 (Register), S. 817.

3 Carl Dahlhaus, Hans Heinrich Eggebrecht (Hg.): Brockhaus Riemann Musiklexikon. Mainz 1989. Bd. 4, S. 357 f.

4 Stanley Dadie (Hg.): The New Grove Dictionary of Music an Musicians. London 1980. Bd. 20, S. 515.


Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:


This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/57073/die-wiedergeburt-der-komoedie-aus-dem-geiste-des-chat-noir
please wait Please wait