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Kritik der Sprachkritik: Vergleich und Bewertung der sprachkritischen Ansätze in Victor Klemperers "LTI" und Sternbergers "Wörterbuch des Unmenschen"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 26 Pages
Author: Katrin Bade
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 26
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V57097
ISBN (E-book): 978-3-638-51629-7
ISBN (Book): 978-3-638-66512-4
File size: 218 KB

Abstract

Über die Sprache des Nationalsozialismus ist viel geschrieben worden und berechtigterweise wurde in diesem Zuge sehr viel Kritik an dem die Menschenverachtung und Brutalität des Regimes widerspiegelnden Sprachgebrauch geübt. Die beiden sprachkritischen Werke, die dem Zusammenbruch des 3. Reichs unmittelbar folgten, sind von daher interessant, als sie zeitnah zum kritisierten Objekt verfasst wurden und dass zu diesem Zeitpunkt die Sprachkritik keinen besonders festen Stand innerhalb der Sprachwissenschaften hatte. Es geht in dieser Arbeit nicht um die Bewertung der Sprache im Nationalsozialismus. Der Fokus liegt vielmehr auf der Betrachtung des den beiden Werken LTI und Aus dem Wörterbuch des Unmenschen zugrundeliegenden Begriffs der Sprachkritik. Der von den Autoren untersuchte und bewertete Bereich weist trotz des gleichen bzw. sehr ähnlichen Themas große Unterschiede auf. Diese sind sowohl daran festzumachen , welche Phänomene überhaupt in den Bereich der Sprachkritik fallen, als auch in der Art der Bewertung. Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, ob das jeweilige Verständnis von Sprachkritik den wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und ob die Art der Kritik angemessen ist. Zu diesem Zweck ist es sinnvoll, zunächst eine eingehendere Betrachtung dessen vorzunehmen, was Sprachkritik kann und soll. Wichtig ist also eine Erörterung der Kriterien, die Sprachkritik nachvollziehbar und fundiert werden lassen. Abschließend werden die beiden Werke gegenüber gestellt und eine Bewertung des Sprachkritikbegriffs vorgenommen.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Braunschweig
Seminar für deutsche Sprache und ihre Didaktik
PS. Sprachkritik: Sprache in der NS-Zeit

Kritik der Sprachkritik: Vergleich und Bewertung der
sprachkritischen Ansätze in Victor Klemperers LTI und
Sternbergers et. al. Wörterbuch des Unmenschen

von: Katrin Bade

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  2

2. Theoretische Grundlagen der Sprachkritik 3

3. LTI – Notizbuch eines Philologen: die Sprachkritik Victor Klemperers 7

3.1 Klemperers sprachkritischer Ansatz 8
3.2 Kritische Bewertung von Klemperers Ansatz  10

4. Aus dem Wörterbuch des Unmenschen: die Sprachkritik Sternbergers, Storz’ und Süskinds 13

4.1 Sternbergers, Storz’ und Süskinds sprachkritischer Ansatz 14
4.2 Kritische Betrachtung von Sternbergers, Storz’ und Süskinds Ansatz  17

5. LTI – Aus dem Wörterbuch des Unmenschen: eine Gegenüberstellung 20

6. Schlussbetrachtung  23

7. Literatur  25

7.1 Primärliteratur  25
7.2 Internetquellen 25

 


 

1. Einleitung

Über die Sprache des Nationalsozialismus ist viel geschrieben worden und berechtigterweise wurde in diesem Zuge sehr viel Kritik an dem die Menschenverachtung und Brutalität des Regimes widerspiegelnden Sprachgebrauch geübt. Die beiden sprachkritischen Werke, die dem Zusammenbruch des 3. Reichs unmittelbar folgten, sind von daher interessant, als sie zeitnah zum kritisierten Objekt verfasst wurden und dass zu diesem Zeitpunkt die Sprachkritik keinen besonders festen Stand innerhalb der Sprachwissenschaften hatte. Es geht in dieser Arbeit nicht um die Bewertung der Sprache im Nationalsozialismus. Der Fokus liegt vielmehr auf der Betrachtung des den beiden Werken LTI und Aus dem Wörterbuch des Unmenschen zugrundeliegenden Begriffs der Sprachkritik. Der von den Autoren untersuchte und bewertete Bereich weist trotz des gleichen bzw. sehr ähnlichen Themas große Unterschiede auf. Diese sind sowohl festzumachen in dem, welche Phänomene überhaupt in den Bereich der Sprachkritik fallen, als auch in der Art der Bewertung.

Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, ob das jeweilige Verständnis von Sprachkritik den wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und ob die Art der Kritik angemessen ist. Zu diesem Zweck ist es sinnvoll, zunächst eine eingehendere Betrachtung dessen vorzunehmen, was Sprachkritik kann und soll. Wichtig ist also eine Erörterung der Kriterien, die Sprachkritik nachvollziehbar und fundiert werden lassen. Abschließend werden die beiden Werke gegenüber gestellt und eine Bewertung des Sprachkritikbegriffs vorgenommen.

2. Theoretische Grundlagen der Sprachkritik

Im Gegensatz zur Sprachwissenschaft, die den aktuellen Ist-Zustand oder aber historisch gewordene Aspekte der Sprache betrachtet und beschreibt, gibt die Sprachkritik Bewertungen ab und beschreibt auf dieser Basis einen Soll-Zustand. Die deutliche Trennung zwischen der nüchternen, wissenschaftlichen Beschreibung und der ästhetisch und moralisch motivierten Bewertung hat lange dafür gesorgt, dass die Zuordnung der Sprachkritik in den Bereich der Sprachwissenschaften sehr umstritten war. Sie galt als unwissenschaftlich und zu subjektiv. Um dem wissenschaftlichen Anspruch zu genügen, sollte die Sprachkritik darum auf die Erkenntnisse der Sprachwissenschaft zurückgreifen. Einer angemessenen Kritik immanent ist außerdem eine rationale Wertung, denn so wird diese nachvollziehbar und kann den Vorwurf der Subjektivität weitgehend widerlegen.1 Auf die Frage, ob Sprachkritik die Sprache selbst oder aber deren Realisierung im Sprachgebrauch bewerten soll, verweist Schiewe auf ein Modell von Eugenio Coseriu, der den beiden Kriterien Saussures, der Sprache (langue) und dem Sprachgebrauch (parole), noch den Aspekt der sprachlichen Normen zuordnet. Um eine fundierte und nachvollziehbare Sprachkritik zu formulieren, muss der Kritiker sich mit den Normen auseinander setzen.2 Dies ist insofern einleuchtend, als es problematisch und auch ungenau erscheint, das die Sprachvarietäten einer Gesellschaft überdachende (und damit äußerst vielfältige) sprachliche System zu bewerten oder aber den individuellen Gebrauch desselben zu kritisieren. Die Schnittstelle zwischen diesen beiden Faktoren stellen die sprachlichen Normen dar, die von der Sprachgemeinschaft vorgegeben und allgemein anerkannt sind und somit den angemessenen Sprachgebrauch innerhalb einer Gesellschaft festlegen. Hier kann eine fundierte Kritik ansetzen, indem die Möglichkeit des Sprachsystems mit den realisierten Normen verglichen und die Normen mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bewertet werden. In dieser Kritik enthalten ist immer auch Sachkritik, da die sprachlichen Bezeichnungen hinsichtlich ihrer Angemessenheit geprüft werden.3 Wird die Entwicklung der Sprachkritik in den letzten Jahrhunderten betrachtet, werden die sie konstituierenden Merkmale ersichtlich, von denen einige auch als Forderung an eine angemessene Sprachbewertung gesehen werden können. Schiewe fasst die Merkmale folgendermaßen zusammen:4

a) Sprachkritik ist auch Sprachgebrauchskritik und durch die Analyse real verwendeter Elemente aus dem sprachlichen Inventar auch immer Wortkritik.
b) Weil die kritisierten Elemente auf bestimmte „Sachen und Sachverhalte“ bezogen sind, werden auch diese sowie die Vorstellung von ihnen kritisiert.
c) Sprachkritik ist methodisch, weil die sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich sprachlicher Abläufe, Entwicklungen und Funktionen berücksichtigt werden.
d) Sie bewertet im Kontext der historischen oder aktuellen Sprachrealität, d.h., Erkenntnisse und Bewertungen werden nicht unreflektiert auf andere Sprachrealitäten und Zeiten übertragen.
e) Sie formuliert eine Idealvorstellung, die sich aus den Diskrepanzen zwischen Ist- Zustand und Soll-Zustand ergibt.
f) Der Idealvorstellung liegt ein klar bezeichnetes Motiv zugrunde. Dies kann politisch, soziologisch, ästhetisch oder anderweitig begründet sein.
g) Sprachkritik ist realistisch, d.h., die von der Sprachrealität vorgegebenen Grenzen werden akzeptiert und bei der Formulierung des Idealzustands berücksichtigt.
h) Sie ist konstruktiv, d.h., sie beschränkt sich nicht auf die Kritik des Ist-Zustands, sondern bietet gleichzeitig auch alternative Lösungsmöglichkeiten an.
i) Sie ist emanzipatorisch, d.h., sie versucht in der Bewertung der Sprache allen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft gerecht zu werden.

Die ersten beiden Punkte dienen dazu, den Aktionsradius der Sprachkritik zu definieren, alle weiteren können als Anspruch an eine angemessene Sprachkritik aufgefasst werden.

[...]


1 Schiewe, 1998, S. 14ff.

2 ebd., S. 17

3 ebd., S. 18

4 ebd., S. 26/27


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