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Frankfurts Juden und ihre christliche Umwelt - Die Zweite Judenschlacht von 1349 als Wendepunkt spätmittelalterlicher Judenfeindschaft?

Scholary Paper (Seminar), 2004, 25 Pages
Author: M.A. Frank Walzel
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Event: Hauptseminar Die Bürgerschaft der Reichsstadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter
Institution/College: University of Frankfurt (Main) (Historisches Seminar)
Tags: Frankfurts, Juden, Umwelt, Zweite, Judenschlacht, Wendepunkt, Judenfeindschaft, Hauptseminar, Bürgerschaft, Reichsstadt, Frankfurt, Main, Spätmittelalter
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 25
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 36  Entries
Language: German
Archive No.: V57278
ISBN (E-book): 978-3-638-51779-9
ISBN (Book): 978-3-638-69371-4
File size: 226 KB

Abstract

Einleitung Oft stoßen wir in der Gegenwart auf Risse in der Gesellschaft, die ihre eigentlichen Wurzeln nicht in der Neuzeit haben, sondern weit in das frühe Mittelalter zurückreichen. Das jüdisch-christliche Verhältnis war in der Spätantike von relativer Koexistenz und mit Beginn des Mittelalters von einem leichtem Auf und Ab geprägt. Dies änderte sich jedoch Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts, als zuerst kleinere und dann größere religiösen Verfolgungswellen die jüdischen Gemeinden heimsuchten. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt in den Verfolgungen zur Zeit des „Schwarzen Todes in den Jahren 1348-1350. Besonders hart trafen die Pogrome die Juden in der Reichstadt Frankfurt; genossen sie doch hier bis vier Wochen vor dem Morden den Schutz des Kaisers, bis dieser seine Schutzrechte dem Rat der Stadt Frankfurt übertrug, der von dort an ihr Wohlergehen sichern sollte. Ohne kaiserlichen Schutz sahen sich die Frankfurter Juden aber einer existentiellen Bedrohung gegenüber, die aus mehreren Faktoren bestand. Religiöse Geißlerscharen zogen vom Süden des Reiches heran und erhielten Unterstützung von der Frucht vor der herannahenden Pest und den schnell um sich greifenden Vorwürfen der Brunnenvergiftung an die Juden. In der nachfolgenden Arbeit soll deshalb geklärt werden, was zum einen das Ausmaß und den Ursprung der Zweiten Judenschlacht in Frankfurt ausmachte und inwiefern dieser Pogrom einen Wendepunkt in der immer schon vorhandenen Judenfeindschaft darstellt. Desweiteren soll der Frage nachgegangen werden, welche äußeren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diese Entwicklung womöglich noch unterstützt haben. Es erscheint nach der ersten Analyse der Sachverhalts nicht schlüssig, dass Verfolgungen, wie in manchen Quellen angeführt, „spontane Reaktionen“ einer aufgewühlten Bevölkerung waren, die lediglich wilden, in die Stadt einfallenden, religiösen, Geißlerscharen etwas Unterstützung leisteten. Man kann durchaus die These vertreten, dass ein Großteil der Judenfeindschaft „bürgerlichen Ursprungs“ war, der im Gegensatz zu früheren antijüdischen Ausschreitungen nun die klar prägende Kraft war. Anhand der Geschehnisse des 24. Juli 1349 in Frankfurt soll dieser Frage im Folgenden nachgegangen werden. Zur besseren zeitlichen Orientierung in der Thematik ist dieser Arbeit eine Zeittafel am Ende angefügt.


Excerpt (computer-generated)

Johann-Wolfgang-Goethe Universität, Historisches Seminar
Hauptseminar: „Die Bürgerschaft der Reichsstadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter“
Sommersemester 2004

Frankfurts Juden und ihre christliche Umwelt –
Die Zweite Judenschlacht von 1349 als Wendepunkt
spätmittelalterlicher Judenfeindschaft?

von: Frank Walzel

 


Gliederung

Einleitung 1

1. Vorentwicklungen im 13. und 14. Jahrhundert 2

1.1 Abgrenzung der christlichen von der jüdischen Gesellschaft 2
1.2 Vorangegangene Judenverfolgungen 3
1.3 Juden und ihr Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit 5

2. Zweite Frankfurter Judenschlacht von 1349 9

2.1 Geißler und Pogromwellen 10
2.2 „Der schwarze Tod“ und die Verfolgungen 13
2.3 Stereotypen in der christlichen Gesellschaft 14
2.4 Folgen und Veränderungen 16

Schlussbetrachtung 17

Literaturverzeichnis 19

Zeittafel  22


 

 

Einleitung

Oft stoßen wir in der Gegenwart auf Risse in der Gesellschaft, die ihre eigentlichen Wurzeln nicht in der Neuzeit haben, sondern weit in das frühe Mittelalter zurückreichen. Das jüdisch-christliche Verhältnis war in der Spätantike von relativer Koexistenz und mit Beginn des Mittelalters von einem leichtem Auf und Ab geprägt. Dies änderte sich jedoch Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts, als zuerst kleinere und dann größere religiösen Verfolgungswellen die jüdischen Gemeinden heimsuchten. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt in den Verfolgungen zur Zeit des „Schwarzen Todes in den Jahren 1348-1350. Besonders hart trafen die Pogrome die Juden in der Reichstadt Frankfurt; genossen sie doch hier bis vier Wochen vor dem Morden den Schutz des Kaisers, bis dieser seine Schutzrechte dem Rat der Stadt Frankfurt übertrug, der von dort an ihr Wohlergehen sichern sollte. Ohne kaiserlichen Schutz sahen sich die Frankfurter Juden aber einer existentiellen Bedrohung gegenüber, die aus mehreren Faktoren bestand. Religiöse Geißlerscharen zogen vom Süden des Reiches heran und erhielten Unterstützung von der Frucht vor der herannahenden Pest und den schnell um sich greifenden Vorwürfen der Brunnenvergiftung an die Juden. In der nachfolgenden Arbeit soll deshalb geklärt werden, was zum einen das Ausmaß und den Ursprung der Zweiten Judenschlacht in Frankfurt ausmachte und inwiefern dieser Pogrom einen Wendepunkt in der immer schon vorhandenen Judenfeindschaft darstellt. Desweiteren soll der Frage nachgegangen werden, welche äußeren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diese Entwicklung womöglich noch unterstützt haben. Es erscheint nach der ersten Analyse der Sachverhalts nicht schlüssig, dass Verfolgungen, wie in manchen Quellen angeführt, „spontane Reaktionen“ einer aufgewühlten Bevölkerung waren, die lediglich wilden, in die Stadt einfallenden, religiösen, Geißlerscharen etwas Unterstützung leisteten. Man kann durchaus die These vertreten, dass ein Großteil der Judenfeindschaft „bürgerlichen Ursprungs“ war, der im Gegensatz zu früheren antijüdischen Ausschreitungen nun die klar prägende Kraft war. Anhand der Geschehnisse des 24. Juli 1349 in Frankfurt soll dieser Frage im Folgenden nachgegangen werden. Zur besseren zeitlichen Orientierung in der Thematik ist dieser Arbeit eine Zeittafel am Ende angefügt.

1. Vorentwicklungen im 13. und 14. Jahrhundert

1.1 Abgrenzung der christlichen von der jüdischen Gesellschaft

Geht man den grausamen Judenverfolgungen der Pestjahre nach, möchte man meinen, es habe sich eine tief sitzende Judenfeindschaft Bahn gebrochen, die bis in den frühesten Jahre zurückreicht. Das Zusammenleben der Juden mit ihrer christlichen Umwelt war aber lange Zeit geprägt von tagtäglicher Koexistenz. Ab dem Hochmittelalter jedoch wurde das christlich-jüdische Verhältnis dann periodisch und in zunehmenden Maße durch Ausbrüche der Gewalt gestört. Dieser dynamisch ablaufende Prozess verwandelte den Konflikt ab etwa 1300 zur Norm und bildete eine explosive Mischung aus Stereotypenbildung, sozialen Unruhen und obrigkeitlicher Manipulation.1 Wo und wann dieser Kreislauf einsetzte, lässt sich nicht genau feststellen. Als sicher gilt, dass ein Hauptgrund dafür in der gegenseitigen Abgrenzung von Juden und Christen zu sehen ist. Von kirchlicher Seite wurde die Abgrenzung der Christen gegenüber den Juden auf dem Vierten Lateranischen Konzil von 1215 vorgenommen, da man unter anderem den Schwerpunkt des Schutzes auf den christlichen Glauben verlagerte und dabei den Jüdischen außen vor ließ.2 Diese kirchenrechtliche Maßnahme ist deshalb von so großer Bedeutung, da es die Lehre des Augustinus vom minderen, aber erhaltenswerten Status der Juden in konkretes geistliches und weltliches Recht umsetzte.3 Die Folgen ihres neuen Rechtstatus führten zu einer Spezialisierung der jüdischen Bevölkerung vor allem im Pfandleihgeschäft, dem Trödelhandel und der Ärzteschaft. Ihre Mobilität und Mehrsprachigkeit machte sie einerseits als unverzichtbare Arbeitskräfte attraktiv, schürte aber andererseits Aversionen bei der christlichen Gesellschaft aufgrund der Abhängigkeit und ließ tradierte Stereotypen gedeihen. Die Rolle des Außenseiters verstärkte sich zum Eingang des Spätmittelalters durch aufkommende Kleidervorschriften, Stereotypien bezüglich eines als „typisch„4 aufgefassten jüdischen Physiognomie und der Bewegungsfreiheit im alltäglichen Leben.

Ein entscheidendes Moment des wachsenden jüdisch-christlichen Gegensatzes lag dennoch in ihrer eigenen Konfession. Durch das Festhalten an ihrer Religion banden sie sich nicht an den damaligen verfassungsgebenden Konsens einer christlichen Kulturtradition, was aber zur Ausbildung einer übergreifenden kulturellen Identität von Gruppen und Personen unbedingt notwendig gewesen wäre.5 Dem ungeachtet brachte eine kirchliche Theorie aus der Spätantike den Stein ins Rollen, als man dem jüdischen Volk vorwarf, nicht nur den wahren Messias nicht erkannt, sondern seinen Tod verschuldet zu haben.6 Durch ihr Verhalten hätten sich die Juden nach der Zerstörung Jerusalems und ihrer Diaspora der Freiheit entsagt und der Knechtschaft verpfändet.7 In einer Zeit, in der der Klerus immer mehr zum Träger der Kulturtradition wurde, waren es die Juden, die diese autonom aufrecht erhielten, da sie sich im Gegensatz zur christlichen Gesellschaft im Handel frei bewegen konnten und von Königtum und Adel geschätzt und beschützt wurden.8 Doch diese Phase der „Duldung“ und der ihnen zugewiesenen Sonderstellung9 erfuhr im 14. Jahrhundert eine Wende.

1.2 Vorangegangene Judenverfolgungen

[...]


1 Vgl. Toch, Michael: Die Juden im mittelalterlichen Reich, München 1998, S. 33f.

2 Vgl. Battenberg, Friedrich: Das europäische Zeitalter der Juden, Darmstadt 1990, S. 102.

3 Vgl. Battenberg: Zeitalter der Juden, S. 101.

4 Vgl. Toch: Juden im Reich, S. 43f. Als „Judenantlitz“ oder „Langnase“ bezeichnet zu werden galt in dieser Zeit als Reizwort unter den Christen.

5 Vgl. Dilcher, Gerhard: Die Stellung der Juden in Recht und Verfassung der mittelalterlichen Stadt, in: Grözinger, Karl: Judentum im deutschen Sprachraum, Frankfurt/Main 1991, S. 19.

6 Vgl. Dilcher: Die Stellung der Juden, S. 19; ebenso Frank, Karl Suso: „Adversus Judeos“ in der alten Kirche, in: Martin, Bernd/Schulin/Ernst: Die Juden als Minderheit in der Geschichte, München 1985, S. 31ff. 7 Dilcher: Die Stellung der Juden, S. 19 und S. 31, Anm.

7: Kisch, Guido: Forschungen zur Rechts- und Sozialgeschichte der Juden in Deutschland während des Mittelalters, Stuttgart 1955, S. 64.

8 Vgl. Dilcher: Die Stellung der Juden, S. 20.

9 Dilcher: Die Stellung der Juden, S. 30f, Anm. 4. Geissler, Klaus: Die Juden in Deutschland und Bayern bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, München 1976, S. 18. Als das Christentum unter Kasier Konstantin Staatsreligion wurde, endete die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden; sie waren fortan beschränkt in der Ausbreitung ihrer Religion, von allen Ämtern ausgeschlossen. Auch die Mischehe mit Christen war streng verboten.


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