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Individuum und Gesellschaft in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" close

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Individuum und Gesellschaft in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 29 Pages
Author: Christian Werner
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 29
Grade: 1
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V57467
ISBN (E-book): 978-3-638-51921-2

File size: 270 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Würzburg, Institut für deutsche Philologie
Hauptseminar: Die Kunst der Novelle
Wintersemester 2005/2006, 5. Fachsemester

Individuum und Gesellschaft in Arthur Schnitzlers
"Traumnovelle"

von: Christian Werner

 


Inhalt

1. Das Orientmotiv als Ausdruck bürgerlicher Sehnsucht 3

2. Individuum und Gesellschaft in der Traumnovelle

2.1. Historische und topografische Einordnung 4
2.2. Die Darstellung des Ärztestandes 6
2.3. Das Geschlechterverhältnis

2.3.1. Liebe und Begehren in der Ehe 10
2.3.2. Weibliches Emanzipationstreben 13
2.3.3. Männliche Dominanz und weibliche Unterwerfung 16

2.4. Die Fassade der Bürgerlichkeit 19
2.5. Die geheime Gesellschaft 22

3. Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ 26

Literaturverzeichnis 28



 

 

1. Das Orientmotiv als Ausdruck bürgerlicher Sehnsucht

Das märchenhaft-orientalische Element in der Traumnovelle wurde von der Forschung lange Zeit kaum beachtet. Dabei lässt Schnitzler die Handlung seiner Novelle nicht unmittelbar mit der Szenerie einer bürgerlichen Familienidylle einsetzen, sondern stellt vielmehr medias in res beginnend einen Ausschnitt aus einer völlig anderen Welt dar: „Vierundzwanzig braune Sklaven ruderten die prächtige Galeere, die den Prinzen Amgiad zu dem Palast des Kalifen bringen sollte. Der Prinz aber, in seinen Purpurmantel gehüllt, lag allein auf dem Verdeck unter dem dunkelblauen, sternbesäten Nachthimmel, und sein Blick –“ (S. 11) Der Text, den die Tochter des Protagonistenehepaars vorliest, hat unter dem Gesichtspunkt der Märchenhaftigkeit Anlass zu unterschiedlichen Deutungsversuchen gegeben1. Verschiedene Indizien verweisen auf den orientalischen Charakter des Märchenfragments. Der Name des Prinzen scheint der „Geschichte der Prinzen Amgiad und Assad“ zu entstammen, die Schehrezâd dem König Schehrijâr als Teil der Erzählungen aus den Tausendundein Nächten erzählt2. Dass sich dieser Stoff beim zeitgenössischen Publikum allgemeiner Beliebtheit erfreute, lässt sich aus Hofmannsthals 1907 erschienenen Aufsatz Tausendundeine Nacht ableiten: Wir hatten dieses Buch in Händen, da wir Knaben waren; und da wir zwanzig waren, und meinten weit zu sein von der Kinderzeit, nahmen wir er wieder in die Hand, und wieder hielt es uns, wie sehr hielt es uns wieder! […] Es ist das Buch, das man immer wieder völlig sollte vergessen können, um es mit erneuter Lust immer wieder zu lesen.3

Übrigens war es ebenfalls Hofmannsthal, der den Entwurf einer eigenen Version der „Geschichte der Prinzen Amgiad und Assad“ verfasste, und diese orientalischen Namen so Schnitzler bekannt machte4. Wenn Schnitzler so dezidiert auf den orientalischen Stoff Bezug nimmt, stellt sich die berechtigte Frage nach den Assoziationen, die er damit beim Publikum wecken wollte. Dazu muss zunächst in Betracht gezogen werden, dass das europäische Orientkonzept lange Zeit aus der eigenen Imagination erwuchs: Das ästhetische Orientbild jedoch basiert weiterhin vornehmlich auf überlieferten „Bildern“ und Assoziationen (Images, Klischees), die historische Veränderungen zu überdauern vermögen und eine eigene Vorstellungswelt (Imagerie) konstituieren. […] Noch immer ist das Morgenland leichter mit Hilfe der Imagination zu bestimmen als durch ein Studium von Landkarten. Und schon das bloße Wort Orient suggeriert eine exotische Ferne, deren Festlegung auf ein reales Gebiet eher ernüchternd wirkt.5 Das am Beginn der Traumnovelle platzierte Märchenfragment zeichnet mittels der Begriffe Sklaven, Galeere, Prinz und Kalif ein Orientbild, das mit den Erwartungen der Leser korrespondiert. Der fremde Orient wird märchenhaft verklärt und ist unter anderem mit Weite, Ferne, Farben, Gerüchen, höchster Gefahr und ausschweifender Erotik konnotiert6. Damit wird eine exotische Gegenwelt zu dem mit restriktiven Normen behafteten bürgerlichen Alltag entworfen. Auch im Bereich der Sexualität repräsentiert der Orient einen verlockenden Ort, wo Liebe losgelöst von den bürgerlichen Tabus existieren kann. Diese Beobachtung belegen die Momente höchster sexueller Erfüllung in Albertines Traum, der durch die dort wiederkehrenden Motive des Märchenfragments untermalt wird: Fridolins Erscheinung gleicht durchaus dem Bild eines orientalischen Prinzen, der in Gold und Seide gekleidet mit einem „Dolch mit Silbergehänge an der Seite“ (S. 67) auftritt und sich von Galeerensklaven zu Albertine rudern lässt, die ihrerseits wie eine Prinzessin angetan ist (S. 67). Die Stadt, wo Fridolin Einkäufe in „eine[r] Art von türkischem Bazar“ (S. 69) tätigt, wird von seiner Gattin als phantastischer Ort charakterisiert, der „nicht orientalisch, auch nicht eigentlich altdeutsch, und doch bald das eine, bald das andere“ (S. 68) ist. Der „mit einem Diadem auf dem Haupt und im Purpurmantel“ (S. 70) auftretenden Fürstin, der sich Fridolin verweigert, haftet ebenfalls unverkennbar der exotische Charme des Morgenlands an. Hier wird der bürgerliche Lebensraum der Protagonisten mit einer märchenhaft anmutenden Welt der zauberhaften Möglichkeiten konfrontiert. Der abenteuerliche Hauch miteinander verquickter Erotik und Gefahr durchzieht die gesamte Handlung der Traumnovelle, wobei dieses an den Anfang gestellte Motiv dem Leser einen Vorgeschmack auf den Inhalt des folgenden Prosastücks gibt. Er kann schon aufgrund seines Orientverständnisses erahnen, dass seine Lektüre die vom viktorianischen Zeitgeist totgeschwiegenen Abgründe menschlicher Wünsche und Triebe aussprechen wird, denn „Im Morgenland sind jene von der Natur begünstigten Regionen zu finden, wo erotische und grausame Leidenschaften, anders als im kühlen Norden, eng beieinander liegen.“7.

2. Individuum und Gesellschaft in der Traumnovelle

2.1. Historische und Topografische Einordnung

Auch wenn Arthur Schnitzler sich mit den Ansichten seines Zeitgenossen Sigmund Freud dezidiert kritisch auseinandersetzte, steht es außer Frage, dass die Traumnovelle in engem Bezug zu dessen Lehre steht. Die Deutung des Werkes unter psychologischen Aspekten stellt daher einen gebräuchlichen Ansatzpunkt für die Traumnovelle-Forschung dar8. Schon der Titel enthält augenscheinlich einen Hinweis auf Freuds Traumdeutung, was angesichts des historischen Kontexts eine Interpretation in Bezug auf die Psychoanalyse durchaus rechtfertigt. Erzählt wird die Geschichte einer Ehekrise, zu deren Entstehung aber auch soziale Rahmenbedingungen entscheidend beitragen. Der in Frage stehende Text ist also, um mit Walter Müller-Seidel zu sprechen, „eine Gesellschaftsnovelle nicht zuletzt, und die Gesellschaftskritik läßt im Hinblick auf geheime Clubs, überlebte Rituale, Couleurstudententum, Duelle und andere fragwürdige Tötungsarten nichts zu wünschen übrig9.“ Die Eheleute Fridolin und Albertine fungieren als Mitglieder einer Gesellschaft, deren Konventionen sie entsprechen müssen, um akzeptiert zu werden. In welchem Maß die Protagonisten in ihrem Denken, Handeln und Erleben unter dem Einfluss gesellschaftlicher Erwartungen stehen, inwiefern sie ihnen genügen und wie sie andererseits Normen überschreiten, soll in meiner Arbeit diskutiert werden.

Schon die erste Szene der Traumnovelle stellt exemplarisch eine Kleinfamilie dar, die sicherlich als charakteristisch für das Wien des fin de siècle gelten darf. Zwar wird nirgendwo explizit erwähnt, dass es sich beim Schauplatz der Handlung um Wien handelt, jedoch geben verschiedene Namen von Straßen und Stadtbezirken einen sicheren Anhaltspunkt hierfür. Schwieriger erscheint dagegen die historische Lokalisierung des Geschehens: Spiel spricht von einer „Niemalszeit“10, da widersprüchliche Details der erzählten Welt einer exakten Einordnung im Wege stehen, so dass die Handlung der Traumnovelle gleichzeitig „vor und nach dem Ende der Donaumonarchie“ anzusiedeln ist11.

Das Viertel, in dem die Familie des Protagonisten Fridolin wohnt, zeichnet sich durch einen ambivalenten Charakter aus. Einerseits ist die in unmittelbarer Nähe des Stadtkerns gelegene Josefstadt (S. 20) gutbürgerlicher Wohnort vieler Ärzte, was sich aus einer Bemerkung der Prostituierten Mizzi erschließen lässt: „Ich kenn’ Ihnen nicht […] aber in dem Bezirk sind ja alle Doktors.“ (S. 31), erklärt sie dem erstaunten Fridolin, nachdem sie ihn mit seinem Berufstitel angesprochen hat. Auf der anderen Seite birgt dieser Bezirk auch zwielichtige Ecken, zu denen die Buchfeldgasse als Wohnort der Mizzis und die Wickenburgstraße, wo der Maskenverleiher Gibiser seine Tochter zur Prostitution zwingt12. Dies ist also die unmittelbare Umgebung, in der Fridolin und seine Familie ein bürgerliches Leben führen, das sich für ihn persönlich durch die beiden Konstituenten Beruf und Ehe definiert.

2.2. Die Darstellung des Ärztestandes

[...]


1 Besonders sei hier auf Michael Scheffels ausführliche Besprechung des Aspekts der Märchenhaftigkeit hingewiesen. Vgl. Scheffel, M.: Narrative Fiktion und die „Märchenhaftigkeit des Alltäglichen“ – Arthur Schnitzler: Traumnovelle (1925/26), besonders S. 180f. und 192ff.

2 Vgl. Scheffel, M.: Formen, S. 181.

3 Hofmannsthal, H. von: Werke, S. 469ff. Dieser Aufsatz ist gleichzeitig das Vorwort zur 1908 erschienen Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht des Insel-Verlags.

4 Vgl. Scheffel, M.: Formen, S. 193.

5 Syndram, K.: Orient, S.324. Die Imagination als entscheidenden Faktor bei der Entstehung des abendländischen Orientbilds beschreibt auch Edward W. Said: „The Orient was almost a European invention, and had been since antiquity a place of romance, exotic beings, haunting memories and landscapes, remarkable experiences.” Vgl. Said, E.: Orientalism, S. 1.

6 Vgl. Vorbrugg, M.: Imagination, S. 157.

7 Vgl. Syndram, K.: Orient, S. 333.

8 Unter Anderem misst Kluge in seiner Interpretation der Interpretation unter individualpsychologischen Gesichtspunkten große Bedeutung bei; Vgl. Kluge, G.: Wunsch und Wirklichkeit in Arthur Schnitzlers Traumnovelle.

9 Vgl. Müller-Seidel, W.: Arztbilder, S. 31.

10 Vgl. Spiel, H.: Abgrund, S. 130.

11 Ebd.: Spiel begründet ihre Erkenntnis damit, dass Fridolin einerseits die Teilnehmer der Orgie am Galitzinberg dem aristokratischen Milieu der Donaumonarchie zuordne, andererseits der zerlumpte Bettler im Rathauspark, von dessen Sorte es in Wien Tausende gibt (S. 27), eher auf das „verarmte Wien der Inflation“ schließen lasse.

12 Vgl. Vorbrugg, M.: Imagination, S.145.


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