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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 25 Pages
Author: Kerstin Müller
Subject: American Studies - Literature
Details
Institution/College: University of Bayreuth (Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Tags: Dupin, Täter, Analyse, Doppeldeutigkeiten, Poes, Mord, Morgue, Brief, Blick, Detektivs, Literatur, Semiotik
Year: 2005
Pages: 25
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-52245-8
File size: 190 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Bayreuth, Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften
Hauptseminararbeit im Wintersemester 2004/2005
Fachsemester: 1.
Dupin als Täter - Analyse der Doppeldeutigkeiten in Poes
′Der Mord in der Rue Morgue′ und ′Der gestohlene Brief′
von: Kerstin Müller
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Minister D—(upin)? 4
3. Fähigkeiten eines Doppelmörders? 6
4. Dupin und der Erzähler 9
5. Informationspolitik der Vertuschung 12
6. Tat ohne Motiv 15
7. Eingebaute Fehler und Rätsel Poes 18
8. Bedeutung von Einleitungen und Beispielen 21
9. Das Vorbild Vidocq 23
10. Fazit 24
11. Literaturverzeichnis 25
1. Einleitung
Mit seinen Kurzgeschichten um den Hobbydetektiven C. Auguste Dupin, oder wie er sie selbst nennt „tales of ratiocination“, hat Edgar Allan Poe zweifellos den Beginn eines neuen Genres initiiert. Die Detektivgeschichte war geboren und fand viele Nachahmer. Wenngleich mehrere Kurzgeschichten Poes Charakteristika der Detektivgeschichte beinhalten, sind es doch nur drei Geschichten, die heute zu den „wahren“ ihrer Gattung zählen, The Murders in the Rue Morgue (1841), The Mystery of Marie Roget (1842) und The Purloined Letter (1844). Sie unterscheiden sich von ersten Versuchen, wie The Oblong Box (1844) und Thou Art the Man (1844), vor allem durch die Erzählperspektive. Während bei letzteren der Erzähler der Geschichten zugleich derjenige ist, der das Rätsel löst, gibt es bei den „wahren“ Detektivgeschichten einen Erzähler und einen Detektiven mit scheinbar übermenschlichen analytischen Fähigkeiten. Der Erzähler fungiert sozusagen als Vermittler zwischen diesem Detektiv und dem Leser. Anhand der drei genannten Kurzgeschichten ist deutlich Poes Entwicklung des Genres zu erkennen. The Purloined Letter schließt die Trilogie um den Detektiv Dupin ab und wird meist auch als ausgereiftestes Werk in dieser Reihe betrachtet. Poe hat mit vielen seiner Kurzgeschichten und Gedichte die Leser vor große Rätsel gestellt. Die Detektivgeschichten stechen jedoch in einer Eigenschaft besonders hervor; der Leser fühlt sich dem nahezu allmächtigen Protagonisten Dupin unweigerlich geistig unterlegen. Eben dieser besticht dazu noch durch seine fast schon narzisstische Arroganz, die ihn zwar einerseits zu einer faszinierenden literarischen Figur macht, andererseits aber nicht unbedingt Sympathien in jedem Leser weckt.
Zudem erscheinen viele Ereignisse und Situationen zu zufällig, gar verdächtig. Einige Autoren sind sogar der Meinung, Poe führe den Leser mit seinen Dupin-Geschichten gründlich an der Nase herum. Sie gehen sogar so weit zu behaupten, Dupin sei nicht nur einfach der harmlose Detektiv der Geschichten, sondern der wahre Täter und ein Mittel Poes, um als Leser auf unsere Leichtgläubigkeit aufmerksam zu machen. Diesen Thesen soll in der nachfolgenden Arbeit nachgegangen werden. Es soll gezeigt werden, an welcher Stelle die Vermutungen und Verdächtigungen begründet sind und an welcher nicht. Es sollen hierbei nur The Murders in the Rue Morgue und The Purloined Letter analysiert werden, da sich die meisten Thesen auf diese beiden Kurzgeschichten beziehen und die Auffälligkeiten hier besser ausgeprägt sind als in The Mystery of Marie Roget. Zudem wird im Zuge dieser Arbeit mit den deutschen Übersetzungen der beiden Geschichten gearbeitet, da es sich im Textfluss als einfacher erwiesen hat. The Murders in the Rue Morgue ist demnach Der Mord in der Rue Morgue, und The Purloined Letter ist Der gestohlene Brief.
2. Der Minister D—(upin)?
Bei der Betrachtung der beiden Kurzgeschichten wird deutlich, dass Edgar Allan Poe seinen Protagonisten Dupin und dessen jeweiligen Antagonisten mit einerseits auffälligen, anderseits jedoch subtilen, gleichen Eigenschaften auf mehreren Ebenen ausgestattet hat. Diese Eigenschaften reichen von Namensähnlichkeiten über Charakterzüge bis hin zum Tagesrhythmus.
Der gestohlene Brief sticht besonders heraus, und man könnte fast behaupten, dass Poe den Leser eigentlich mit der Nase darauf stoßen will. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der Minister und Dupin sich in allen Aspekten gleichen. Besonders auffällig ist, dass dem Minister D. und Dupin die gleichen Charaktereigenschaften zugesprochen werden. Dupin erklärt dem Erzähler, dass Minister D— sowohl die Fähigkeiten eines Mathematikers als auch eines Dichters besitzt. Genau diese Eigenschaften treffen laut GRELLA auch auf Dupin zu. Er selbst bestätigt dies zu Beginn der Geschichte in der Unterredung mit dem Präfekten. Dieser behauptet, dass ein Dichter „nur einen Grad vom Narren entfernt ist.“1 Dupin entgegnet ihm daraufhin, er habe sich selbst schon an einigen Knittelversen versündigt. Ebenso kann man anhand Dupins mathematischer Ausführungen, im Zuge seiner Erläuterungen zur Lösung des Falles, davon ausgehen, dass er auch auf dem Gebiet der Mathematik bewandelt ist. Ein weiterer Anhaltspunkt für die Einheit Dupin - Minister D— ist die Tatsache, dass der Detektiv eben diese Kombination aus Dichter und Mathematiker in solch höchsten Tönen preist, dass die Vermutung nahe liegt, er möchte seine eigenen Charaktereigenschaften loben. Dupin stellt klar, dass ein reiner Mathematiker niemals zu so etwas in der Lage sei, ebenso wenig ein Dichter. Jedoch die Kombination beider Eigenschaften erschafft den wahren Analytiker.
Ebenso wie diese Charaktereigenschaften, stimmen auch bestimmte Gewohnheiten der beiden Personen überein. Während der Minister fast jede Nacht abwesend ist, was dem Präfekten die Möglichkeit bietet, nachts dessen Haus zu durchsuchen, ist Dupin nur nachts anzutreffen. „It is almost as if the two participate cooperatively in some sort of phased existence and one half of the twosome ceases to exist after nightfall.“2 Man könnte also davon ausgehen, dass es zumindest zeitlich möglich ist, dass Dupin am Tage der Minister D— und nachts der Detektiv ist.
Hinzu kommt, dass die gesamten Informationen über den Minister immer nur aus zweiter Hand stammen, also der Leser ihm sozusagen nie persönlich begegnet, bildlich gesprochen. Jegliche Information über den Minister wird narrativ durch einen der Beteiligten übermittelt. Zuerst wird der Minister vom Präfekten beschrieben, gefolgt von weiteren Ausführungen von Dupin und dem Erzähler im Dialog.
There is some implication that D— may not exist as a separate, independent being at all. D— figures immediately in only one episode of the plot, and that is reported, after the fact, solely by Dupin.3
[...]
1 Poe, Edgar Allan: Der gestohlene Brief. In: Der Mord in der Rue Morgue. Geschichten zwischen Tag, Traum und Tod. Hamburg, 1959. S. 71
2 Babener, Liahna Klenman: The Shadow’s Shadow: The Motif of the Double in Edgar Allan Poe’s “The Purloined Letter”. In: The Purloined Poe. Lacan, Derrida & Psychoanalytical Reading. Hrsg. v. John P. Muller and William Richardson. Maryland, 1988. S. 332
3 Babener: Shadow, S. 332
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