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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 27 Pages
Author: Henriette Kunz
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Dresden Technical University (Institut für Germanistik)
Tags: Lehren, Geschichte, Nutzung, Verhältnis, Geist, Macht, Günter, Grass, Protestkulturen, Nachkriegsdeutschland
Year: 2006
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 30 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-52401-8
ISBN (Book): 978-3-638-66575-9
File size: 256 KB
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Abstract
Die in Deutschland schon traditionell anmutende Auffassung einer Divergenzideologie von Geist und Macht hatte vor allem in den fünfziger Jahren der Bundesrepublik Deutschland erneuten Aufschwung gefunden. So löste die in ihrem Umfang bis heute unikale Teilnahme des Autors und Grafikers Günter Grass am politischen Alltag in den sechziger Jahren ein sehr starkes Echo aus, da dies dem gewohnten Bild des deutschen Schriftstellers völlig zu widersprechen schien. Die Überwindung solcher Bedenken führten bei Grass zu einem dezidiert sozialdemokratischen Politikverständnis, dessen Ursachen und besondere Konturen in der vorliegenden Arbeit nachgezeichnet werden. Grass provozierte mit seiner bewussten politischen Stellungnahme eine Unterstützung seines Engagements und forderte damit zugleich die Aufhebung des alten Geist-Macht-Gegensatzes. Diese neuartige und kontroverse Auffassung wird anhand ausgewählter Schriften des Autors fokussiert. Da jedoch eine grundlegende Abhandlung seiner theoretisch-politischen Konzeption fehlt, war hierbei der Rückgriff auf die einzelnen Reden, die im Rahmen aktueller Bezüge entstanden, erforderlich. Dem vorangestellt sind jedoch auch die Ursachen der auch von Grass selbst formulierten Schwierigkeiten eines Schriftstellers bei der politischen Positionsfestlegung, ein elitäres Zögern, dass aus einer Haltung hervorgeht, die die Poesie als „rein“ und die Politik als „schmutzig“ begreift und so den Literaten losgelöst von jeglicher Bindung dieser Art sieht.
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Dresden, Institut für Germanistik
Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur
Hauptseminar: Protestkulturen im Nachkriegsdeutschland (1968-1989)
Wintersemester 2005/2006, 5. Fachsemester
Die Lehren der Geschichte und deren Nutzung:
Das Verhältnis von Geist und Macht bei Günter Grass
von: Henriette Kunz
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung
II. Versuchungen des Absoluten: Schwierigkeiten bei der politischen Positionsfestlegung
III. Die Lehren der deutschen Geschichte: Politisches Selbstverständnis
IV. Der Typus des „engagierten Autors“: Die Überwindung des alten Geist-Macht-Gegensatzes
V. Zusammenfassung und Ausblick
VI. Quellen- und Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Möchte man das Verhältnis westdeutscher Schriftsteller zu ihrem Staat in aufeinander folgende Phasen einteilen, so muss spätestens Anfang der sechziger Jahre eine klare Zäsur gesetzt werden, die den Beginn eines neuen Selbstverständnisses markiert.1 Standen die Literaten noch in den fünfziger Jahren der bundesrepublikanischen Regierung als eine Art einheitlicher Block ablehnend gegenüber, traten nun mit dem Mauerbau und der restaurativen Politik2 der CDU zwingende Gründe in den Vordergrund, die bei einigen Schriftstellern eine aktivere Beteiligung am politischen Geschehen nach sich zogen.3 Die Agitation konzentrierte sich vorrangig auf den Bereich der Deutschlandpolitik, die in den Augen der literarischen Intelligenz von der Regierung unter Leugnung der neuen Realitäten betrieben wurde.
Neue Perspektiven und vage Hoffnungen für die Literaten brachte nur die im Jahre 1963 von Willy Brandt, damals regierender Bürgermeister Berlins, eingeleitete „Politik der kleinen Schritte“, die konkrete menschliche Erleichterungen inmitten des Ost-West-Konfliktes zum Ziel hatte.4 Die Annäherung der Autoren an die Oppositionspartei SPD war jedoch kein enthusiastisches Plädoyer für den Wechsel, sondern eher ein „skeptisches Ja“5 zu einer möglichen Alternative.6 Als programmatischer Exponent erscheint in dieser Zeit der Autor und Grafiker Günter Grass.7 Sein politisches Engagement zu Beginn der sechziger Jahre fußte wesentlich auf einer moralischen Motivation, angefacht durch die Angriffe seitens Konrad Adenauers auf die Person Willy Brandts im Wahlkampf 1961.8 So wird deutlich, dass Grass’ Interesse an der Politik vorrangig personell und pragmatisch fundiert ist.
Im Jahre 1965 baute der Autor seine politische Agitation stark aus und konzipierte unter dem von Walt Whitman9 abgeleiteten Motto Dich singe ich Demokratie insgesamt fünf Wahlreden10, in denen er – wechselnd zwischen politischer und literarischer Sprache – konkret und aktiv für ein parteipolitisches Programm eintrat.11 Grass’ Teilnahme an den „Kleinigkeiten des politischen Alltags“12 – in ihrem Umfang bis heute unikal – löste in der Bundesrepublik ein sehr starkes Echo aus, da dies dem gewohnten Bild des deutschen Schriftstellers völlig zu widersprechen schien.13 Die in Deutschland schon traditionell anmutende Auffassung einer Divergenzideologie von Geist und Macht hatte vor allem in den 50er Jahren der Bundesrepublik – in der Literatur auch als die Zeit der Restauration bezeichnet – erneuten Aufschwung gefunden. Dagegen provozierte Grass mit seiner bewussten Stellungnahme eine Unterstützung seines Engagements und forderte damit zugleich die Aufhebung des alten Geist-Macht-Gegensatzes.14
Diese neuartige und kontroverse Auffassung soll im dritten Teil der vorliegenden Arbeit anhand ausgewählter Schriften des Autors fokussiert werden. Dem vorangestellt sind im ersten Kapitel jedoch die Ursachen der auch von Grass selbst formulierten Schwierigkeiten eines Schriftstellers bei der politischen Positionsfestlegung, ein elitäres Zögern, dass aus einer Haltung hervorgeht, die die Poesie als „rein“ und die Politik als „schmutzig“ begreift und so den Literaten losgelöst von jeglicher Bindung dieser Art sieht.15 Die Überwindung solcher Bedenken führten bei Grass zu einem dezidiert sozialdemokratischen Politikverständnis16, dessen Ursachen und besondere Konturen im zweiten Abschnitt nachgezeichnet werden. Da jedoch eine grundlegende Abhandlung seiner theoretisch-politischen Konzeption fehlt, muss hierbei auf die einzelnen Reden17, die im Rahmen aktueller Bezüge entstanden, zurückgegriffen werden.
Ergänzend dazu bot sich vor allem in Hinsicht auf das Schlusskapitel zudem der Blick auf die unterschiedlichen Reaktionen und Kritiken seitens der Beobachter der Grass’schen Agitation an.18 Eine weitere Grundlage für die folgenden Ausführungen bilden exemplarische Erzählungen und Stücke des Autors, wobei vor allem Das Treffen in Telgte, Die Plebejer proben den Aufstand und Aus dem Tagebuch einer Schnecke genannt sein sollen19. In dem Zusammenhang der Geist-Macht-Thematik als speziell deutsches Phänomen darf neben dem Rückgriff auf einschlägige Forschungsbeiträge20 der Einbezug von Thomas Manns „ästhetische[m] Kursbuch“21 jenes deutschen Sonderwegs und seine Auseinandersetzung mit dem Bruder nicht fehlen. Erwähnt werden müssen zudem die Arbeiten von Helmut L. Müller22 und Gertrude Cepl- Kaufmann23, die beide den Standpunkt des Schriftstellers Grass zwischen Literatur und Politik herausstellen und so eine gewichtige Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden konnten.
II. Versuchungen des Absoluten: Schwierigkeiten bei der politischen Positionsfestlegung
[...]
1 Vgl. Müller, Helmut L.: Die literarische Republik. Westdeutsche Schriftsteller und die Republik. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 1982, S. 70.
2 Hier sei vor allem die Spiegelaffäre erwähnt, die scharfe Proteste der Literaten nach sich zog und als Wendepunkt in der innenpolitischen Situation gewertet werden kann, vgl. Müller, literarische Republik, S. 84 -86.
3 Jedoch führten das verstärkte Eingreifen und auch die beginnende Politisierung der Literatur zu Auflösungserscheinungen innerhalb der literarischen Intelligenz, die bisher als eine Art Einheit dem Staat gegenüber gestanden hatte: die so genannte „heimatlose Linke“ löste sich in der Folge in divergierende Positionen auf, vgl. Müller, literarische Republik, S. 63, 67 und Korte, Karl-Rudolf: Von Thomas Mann bis Martin Walser. Schreiben über Deutschland – Leiden an Deutschland. In: Langguth, Gerd (Hg.): Autor, Macht, Staat. Literatur und Politik in Deutschland. Ein notwendiger Dialog. Düsseldorf: Droste Verlag 1994, S. 77.
4 Der erste Erfolg dieser Politik stellte sich mit der Unterzeichnung des Passierscheinabkommens im Jahre 1963 ein, welches zeitlich eingeschränkte Besuche von West-Berlinern im Ost-Teil der Stadt ermöglichte, vgl. http://www.willybrandt. org/biographie/1960.html (14. Februar 2006).
5 Müller, literarische Republik, S. 87.
6 Vgl. Müller, literarische Republik, S. 83-87. Den Beginn des parteipolitischen Engagements der westdeutschen Schriftsteller markiert im Jahr 1961 das Erscheinen des Sammelbandes Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung? , in dem zwanzig Autoren in skeptischer Grundtendenz für eine kommende SPD-Regierung plädieren, vgl. Müller, literarische Republik, S. 71.
7 Vgl. ebd., S. 67.
8 Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Loblied auf Willy. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1965, S.7.
9 Die Anlehnung an das Zitat des amerikanischen Dichters For you these from me, O Democracy, to serve you ma femme! For you, for you I am trilling these songs erwähnt Grass explizit: vgl Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Was ist des Deutschen Vaterland. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1965, S. 4.
10 Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Des Kaisers neue Kleider. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1965. Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Ich klage an. Neuwied, Berlin Luchterhand: 1965; Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Loblied auf Willy. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1965; Grass, Günter: Dich singe ich Demokratie: Was ist des Deutschen Vaterland. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1965. Grass, Günter: Es steht zur Wahl. In: ders.: Über das Selbstverständliche. Politische Schriften. München: Dtv 1969.
11 Vgl. Müller, literarische Republik, S. 88.
12 Ebd., S. 88.
13 Vgl. ebd., S. 88.
14 Vgl. ebd., S. 51-52.
15 Vgl. ebd., S. 11.
16 Vgl. ebd., S. 220-221.
17 Grass, Günter: Über das Selbstverständliche. Politische Schriften. München: Dtv 1969; Grass, Günter: Angestiftet, Partei zu ergreifen. München: Dtv 1994.
18 Arnold, Heinz Ludwig / Görtz, Franz Josef: Günter Grass – Dokumente zur politischen Wirkung. München: Richard Boorberg Verlag 1971 (= Edition Text + Kritik).
19 Grass, Günter: Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung. Göttingen: Steidl Verlag 1997 (= Günter Grass: Werkausgabe, Bd. 9); Grass, Günter: Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Göttingen: Steidl Verlag 1997 (= Günter Grass: Werkausgabe, Bd. 7); Grass, Günter: Die Plebejer proben den Aufstand. Ein deutsches Trauerspiel. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1990.
20 Jens, Walter / Vitzthum, Wolfgang Graf: Dichter und Staat. Über Geist und Macht in Deutschland. Berlin, New York: de Gruyter Verlag 1991; Langguth, Gerd (Hg.): Autor, Macht, Staat. Literatur und Politik in Deutschland. Ein notwendiger Dialog. Düsseldorf: Droste Verlag 1994.
21 Vitzthum, Wolfgang Graf: Der Dichter und der Staat. In: Jens, Walter / Vitzthum, Wolfgang Graf: Dichter und Staat. Über Geist und Macht in Deutschland. Berlin, New York: de Gruyter Verlag 1991, S. 21. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2001.
22 Müller, Helmut L.: Die literarische Republik. Westdeutsche Schriftsteller und die Republik. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 1982, S. 205-235.
23 Cepl-Kaufmann, Gertrude: Günter Grass. Eine Analyse des Gesamtwerkes unter dem Aspekt von Politik und Literatur. Kronberg/Ts: Scriptor Verlag 1975 (= Skripten Literaturwissenschaft 18).
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