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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 25 Pages
Author: Moritz Deutschmann
Subject: Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Details
Institution/College: Technical University of Berlin (Institut für Philosophie )
Tags: Wissenschaft, Leben, Nietzsche, Wilhelm, Leben, Lebensphilosophie, Wissenschaftskritik, Wissenschaftstheorie, Sozialwissenschaften, Dilthey
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-53007-1
ISBN (Book): 978-3-638-66442-4
File size: 184 KB
Die Arbeit geht nicht nur gründlich auf Nietzsches und Diltheys Positionen zum Verhältnis von Wissenschaft und Leben ein, sondern setzt diese auch in Bezug zu weiteren Positionen, insbesondere zu denen von Simmel und Habermas. Letztlich behandelt die Arbeit damit philosophische Fragen, die auch für Grundsatzdiskussionen in den Sozialwissenschaften, etwa im Positivismusstreit, eine herausragende Rolle gespielt haben.
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Abstract
Die transzendentalphilosophische Frage, wie Objektivität zustande kommt und worauf sie beruht, hat die Philosophie seit Kant intensiv beschäftigt. Kants Philosophie war vor allem einem erkenntniskritischen Ansatz gefolgt: Mit welcher Berechtigung können wir Aussagen über die Wirklichkeit machen? Wo liegen die Grenzen des Erkenntnisvermögens? Kant hatte vor allem durch eine begriffliche Analyse des Bewusstseins versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als parallel zur Hochindustrialisierung in Deutschland die Natur- und Ingenieurwissenschaften immer mehr an Bedeutung gewannen, schienen diese Fragen zunächst nicht mehr besonders interessant. Warum sollte man sich über die erkenntnistheoretischen Grundlagen der eigenen Aussagen über die Wirklichkeit Gedanken machen, wenn sich doch eine ganz naive Wirklichkeitsauffassung in der technisch-naturwissenschaftlichen Praxis kontinuierlich bewährte? Die Frage, inwiefern die Welt durch unser Bewusstsein konstituiert sei und ob es ein "Ding an sich" gebe, erschien auf einmal als metaphysische Haarspalterei, bei der sich die moderne, positivistische Wissenschaft nicht lange aufhalten wollte. Mit dieser Wende verlor über eine rein intellektuelle Auseinandersetzung hinaus auch die Philosophie als Wissenschaft gegenüber den empirischen Wissenschaften an Bedeutung. Dilthey und Nietzsche nahmen beide gegenüber diesen Entwicklungen die erkenntniskritische Fragestellung wieder auf. Anders als Kant gingen sie jedoch bei der Beantwortung der Frage nicht mehr auf die Strukturen des Bewusstseins im einzelnen Subjekt zurück, sondern auf das "Leben", das sie als Grundlage aller Erkenntnis sahen. Was mit diesem "Rückgang auf das Leben", der beiden Philosophen die nicht unumstrittene Einordnung in die "Lebensphilosophie" einbrachte , gemeint ist, und was daraus für das Verständnis von Wissenschaft und Objektivität folgt, ist die Fragestellung dieser Hausarbeit.
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Berlin
Philosophisches Seminar
Hauptseminar:
Wilhelm Dilthey. Das Leben des Geistes
Das Verhältnis von Wissenschaft und
Leben bei Nietzsche und Dilthey
eingereicht von:
Moritz Deutschmann
Wintersemester 2005/2006
Inhalt
Einleitung ... 1
Diltheys Grundlegung der Historischen Geisteswissenschaften aus dem Leben ... 2
Die Entgegensetzung von Natur- und Geisteswissenschaften ... 2
Hermeneutik: Erleben, Ausdruck, Verstehen ... 3
Die Zeitlichkeit und die Unerfassbarkeit des Lebens ... 5
Nietzsches Wissenschaftskritik ... 7
Die Gegenüberstellung von Historie und Leben und die Drei Arten der Geschichtsbetrachtung ... 7
Nietzsches Argumente gegen die Geschichtswissenschaft ... 9
Wissenschaft als ”Willen zur Macht” ... 10
Gemeinsamkeiten und Differenzen in Nietzsches und Diltheys Auffassung ... 12
Historisierung des Wissens ... 12
Unterschiedliche Lebensbegriffe ... 13
Objektivitätsbegründungen in Simmels Geschichtsphilosophie ... 14
Habermas Auseinandersetzung mit Dilthey und Nietzsche ... 18
Reflektion als Erkennungsgrundlage ... 20
Literatur ... 23
Einleitung
”Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht -, nicht eine Fiktion sein? ”1
Die transzendentalphilosophische Frage, wie Objektivität zustande kommt und worauf sie beruht, hat die Philosophie seit Kant intensiv beschäftigt. Dabei verfolgte Kants Philosophie einen erkenntniskritischen Ansatz: Mit welcher Berechtigung können wir Aussagen über die Wirklichkeit machen? Wo liegen die Grenzen des Erkenntnisvermögens? Kant versuchte vor allem durch eine begriffliche Analyse des Bewusstseins Antworten auf diese Fragen zu finden.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als parallel zur Hochindustrialisierung in Deutschland die Natur- und Ingenieurwissenschaften immer mehr an Bedeutung gewannen, schienen diese Fragen zunächst nicht mehr besonders interessant. Warum sollte man sich über die Grundlagen der eigenen Aussagen über die Wirklichkeit Gedanken machen, wenn sie sich in der technischnaturwissenschaftlichen Praxis bewährten? Die Frage, inwiefern die Welt durch unser Bewusstsein konstituiert sei und ob es ein "Ding an sich" gebe, erschien auf einmal als metaphysisches Problem der Vergangenheit, bei dem sich die moderne, positivistische Wissenschaft nicht lange aufhalten, sondern lieber gleich vom Gegebenen ausgehen wollte. Mit dieser Wende verlor über eine rein intellektuelle Auseinandersetzung hinaus auch die Philosophie als Wissenschaft gegenüber den empirischen Wissenschaften an Bedeutung.
Dilthey und Nietzsche nahmen beide gegenüber diesen Entwicklungen die erkenntniskritische Fragestellung wieder auf. Anders als Kant gingen sie jedoch bei der Beantwortung der Frage nicht mehr auf die Strukturen des Bewusstseins im einzelnen Subjekt zurück, sondern auf das "Leben", das sie als Grundlage aller Erkenntnis sahen.2 Was mit diesem Rückgang auf das Leben, der beiden die Einordnung in die "Lebensphilosophie" einbrachte3, gemeint ist, und was daraus für das Verständnis von Wissenschaft und Objektivität folgt, ist die Fragestellung dieser Hausarbeit.
Auch wenn Diltheys und Nietzsches philosophische Ausgangssituation gewisse Gemeinsamkeiten aufwies4, scheinen sich ihre Antworten sehr deutlich von einander zu unterscheiden. Das wird besonders deutlich, wenn man ihr Verhältnis zur Historie und zum Historismus vergleicht: Dilthey stellte sich selbst ausdrücklich in die Tradition des Historismus und wurde zu einem Be-gründer der historisch arbeitenden, modernen Geisteswissenschaften, während Nietzsche gerade für seine Historismus-Kritik bekannt ist. Nietzsche spielt das Leben gegen die Geschichtswissenschaft aus, während Dilthey sie aus dem Leben neu zu rechtfertigen versucht, so könnte man in einem ersten Versuch das Verhältnis von Wissenschaft und Leben bei den beiden Philosophen charakterisieren.
Um der Klarheit der Argumentation willen werde ich zunächst die wichtigsten Ideen der beiden Philosophen zum Verhältnis von Wissenschaft und Leben getrennt darstellen, wobei ich mich auf eine problemorientierte Interpretation weniger Texte beschränken werde. Aus der Gegenüberstellung der beiden Philosophen wird sich dann ein bestimmtes systematisches Problem ergeben: In welchem Sinne kann die Wissenschaft, die von Dilthey und Nietzsche in unterschiedlicher Weise in ihrem Lebenszusammenhang gesehen wird, für sich Objektivität beanspruchen? Verschiedene Ansätze zur Lösung dieser Frage sollen am Ende der Arbeit thematisiert werden. Dabei werde ich zunächst eine zeitgenössische Antwort auf das Problem, nämlich Simmels Geschichtsphilosophie, behandeln und dann auf die von Jürgen Habermas formulierte grundsätzliche Kritik an Dilthey und Nietzsche eingehen.
Diltheys Grundlegung der historischen Geisteswissenschaften aus dem Leben
Die Entgegensetzung von Natur- und Geisteswissenschaften
Diltheys philosophisches Projekt im ”Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften” ist eine erkenntnistheoretische Fundierung der historischen Geisteswissenschaften nach dem Vorbild von Kants Erkenntniskritik, wie auch schon die Wendung von der ”Kritik der historischen Vernunft” deutlich macht, die Dilthey hin und wieder verwendet.5 Dilthey entwickelt seine wissenschaftstheoretische Konzeption der Geisteswissenschaften in Abgrenzung von den Methoden der Naturwissenschaften: Während die Naturwissenschaften die Natur dauernd durch hinzugedachte Gesetze, Modelle und Konstruktionen ergänzen müssten, um sie zu erklären, versuchten die Geisteswissenschaften, die Geschichte gerade durch einen Rückgang auf diejenigen Lebensvorgänge zu verstehen, aus denen sie hervorgegangen ist und die in ihr selbst enthalten sind.6
[...]
1 Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse, in, ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York 21988, Bd. 5, S. 54. Im Folgenden nenne ich nur noch den Titel sowie Band und Seitenzahl in der Kritischen Studienausgabe (KSA)
2 So erkennt Stegmaier in Diltheys Lebensbegriff einen "kritischen Begriff" im Sinne von Kant. Stegmaier, Werner: Philosophie der Fluktuanz. Dilthey und Nietzsche, Göttingen 1992, S. 167.
3 Ebd., S. 25f.
4 Bemerkenswert sind darüber hinaus die biographischen Gemeinsamkeiten der beiden Pastorensöhne, die ein interessantes Licht auf die Geistesgeschichte des späten 19. Jahrhunderts werfen. Vgl. ebd., S. 22f.
5 Zum Beispiel in Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Frankfurt 1981, S. 235.
6 Ebd., S. 142. Vgl. auch das gesamte Kapitel über die "Verschiedenheit des Aufbaus in den Natur- und Geisteswissenschaften".
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