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'Früher war´s nicht da und heute hast du das Geld nicht' - Zum Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten am Beispiel eines ostdeutschen Dorfes

Thesis (M.A.), 2005, 86 Pages
Author: Nicole Kochanek
Subject: Sociology - Consumption and Advertising

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2005
Pages: 86
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 73  Entries
Language: German
Archive No.: V59251
ISBN (E-book): 978-3-638-53245-7

File size: 263 KB


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Schiller-Universität Jena

„Früher war´s nicht da und heute hast du das Geld nicht“ - Zum Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten am Beispiel eines ostdeutschen Dorfes

Nicole Kochanek

 

Inhaltsverzeichnis


Kapitel I - Einleitung

1. Forschungsvorhaben ... 4
2. Fragestellung ... 6
3. Zur Anlage der Studie – Die Methode ... 7

Kapitel II - Eigenheiten des DDR-Konsumalltags

1. Aspekte des rasanten Untergangs der DDR-Konsumkultur ... 13
2. Zur Erfassung von Gewohnheiten ... 15
3 Die Beschreibung des Wandels anhand von Kategorien ... 17
4. Relevante Kategorien des DDR-Konsumalltags ... 17

Kapitel III - Zum Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten am Beispiel eines ostdeutschen Dorfes

1. Einkaufsmuster ... 22
1.1 Der Alltagseinkauf in der DDR ... 22
1.2 Einkaufen als Konsum-Erlebnis – Der Alltagseinkauf nach der Wende ... 25
1.3 Der Alltagseinkauf in der Gegenwart ... 28
1.4 Was gibt es? – Was will ich? – Was kann ich mir leisten? – Zum Wandel von Einkaufsmustern ... 32

2. Eigenversorgung ... 36
2.1 „Hast halt keine Konserven zu kaufen gekriegt.“ - Eigenversorgung im Kontext des DDR-Konsumalltags ... 36
2.2 „Hast dir auch nicht mehr die Zeit dafür genommen.“ - Eigenversorgung nach der Wende ... 41
2.3 „Da weiß man was man hat.“ - Eigenversorgungsleistungen als Beitrag zur Lebensqualität ... 42
2.4 Zum Wandel von Eigenversorgungsleistungen im Untersuchungskontext – Von der Notwendigkeit zum Selbstzweck ... 45

3. Das „Besondere“ ... 48
3.1 „Mensch ich hab Ananas gekriegt!“ - Das „Besondere“ im Kontext des DDR-Konsumalltags ... 48
3.2 Zum Wandel der Kategorie nach dem Systemumbruch ... 54
3.3 Das „Besondere“ heute - Ausdruck individueller Lebensentwürfe ... 55
3.4 Abwechslung zur Normalität - Das „Besondere“ vor dem Hintergrund von Mangel und Überfluss ... 58

4. Die westliche Warenwelt ... 60
4.1 Die Bedeutung von Westprodukten im Kontext des DDR-Konsumalltags ... 60
4.2 Die westliche Warenwelt als Projektionsfläche der eigenen Bedürfnisse ... 67
4.3 Die Wende – Es ist nicht alles Gold was glänzt ... 69
4.4 Zum Wandel von Sehnsuchtsstrukturen ... 73

Kapitel IV - Fazit ... 75

1. Zusammenfassung der Ergebnisse ... 75
2. Zur Charakteristik des Wandels von Einkaufs- und Essgewohnheiten nach dem Systemumbruch ... 76
3. Ausblick ... 79

Literaturverzeichnis ... 81

 

 

Kapitel I
Einleitung

1. Forschungsvorhaben

Mit der Wende 1989 sind die DDR-Bürger aus ihren gewohnten gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus gerissen worden. Nach der Auflösung und Zerstörung fast des gesamten institutionellen Gefüges und der Sozialstruktur fanden sich die Ostdeutschen in einer gänzlich anderen Gesellschaft wieder.
In vielen Sphären des Lebens wurde der Übergang von einer Gesellschaft in eine andere als konfliktreich - zumindest schwierig empfunden. Man denke nur an den Lebensbereich der Arbeit oder der sozialen Sicherheit, wo Entwertung, Unüberschaubarkeit und Unsicherheit der eigenen Existenz eine Rolle spielte.

Diese Arbeit unternimmt den Versuch den Umbruch im Bereich der Konsumkultur1 zu beleuchten. Es geht um den Übergang von einer durch planwirtschaftlichen Mangel gekennzeichneten Versorgungskultur zur Konsumkultur westlichen Typus, dabei vor allem um die Analyse der alltagskulturellen Muster des Wandels.

Empirische Studien zur Transformationsforschung haben diesen Bereich der Alltagswelt bisher vernachlässigt, wohl mitunter deshalb, weil der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft auf der Alltagsebene vergleichsweise unproblematisch ablief, sich die Ostdeutschen schnell in die neue Verbraucherrolle fügten.
Die Relevanz der Betrachtung des Wandels in diesem Bereich ergibt sich meiner Meinung nach aus folgenden Faktoren:
Für die DDR-Bürger waren gerade die gegensätzlichen Konsumkulturen die sich über 40 Jahre dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs entwickelt hatten, zumindest auf der Ebene der Alltagswelt, Inbegriff für die Verschiedenheit, das Trennende zwischen DDR und BRD. Was Deutschland über vierzig Jahre lang trennte waren nicht nur politisch gegensätzliche Ideologien, sondern auch völlig verschiedene Warenwelten.
Zudem gehörten Defizite in der Konsumkultur, der chronische Mangel, zu den am heftigsten beklagten Missständen und sie trugen damit in entscheidender Weise zur tiefen Legitimationskrise des sozialistischen Regimes bei. Deutlicher als irgendwo sonst trat in der Konsumkultur der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit sozialistischer Planwirtschaft zutage. Drittens wäre anzubringen, dass sich in keinem anderen Bereich die Phasen dieses historisch einmaligen Übergangs vom Sozialismus zum Kapitalismus besser verfolgen lassen, als in dem rasanten Untergang der DDR-Konsumkultur.

Die Entwicklung des Konsums2 in Ostdeutschland gehört zu den positiven Erfahrungen des Vereinigungsprozesses. Neben der raschen Implementierung einer westlichen Konsumkultur zählt die kulturelle Aneignung einer Verkaufskultur zu den schnellsten kulturellen Wandlungsprozessen des Transformationsgeschehens. Die Zunahme von Optionen und eine Reihe begünstigender Faktoren in der Anfangszeit (steigende Löhne bei noch niedrigen Preisen für Mieten, Kaufkraftüberhang), führten sehr schnell zu nachhaltigen Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen. Besonders auf dem Gebiet des Konsums erfuhren die Ostdeutschen dadurch eines der tiefgreifendsten Erlebnisse der Modernisierung ihres Alltags.
Probleme und Schwierigkeiten, die mit dem raschen Umbruch einhergingen, sind insbesondere dort aufgetreten, wo jahrzehntelang gewachsene Routinen und Gewohnheiten zur Bewältigung des Konsumalltags ihre Bedeutsamkeit und ihren Sinn verloren haben. Beispielsweise haben die unter der Planwirtschaft immer lebhafte Schattenwirtschaft, die Improvisationstalente, die Beschaffungsprofessionalität und die Versorgungsbeziehungen der Menschen mit der Wende ihre Sinnhaftigkeit verloren. So sind es nicht nur die subjektiven Gewinn – sondern auch die Verlusterfahrungen die die Verankerung des einzelnen im heutigen Konsumalltag nachhaltig geprägt haben.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, zu untersuchen wie sich vor dem Hintergrund des Umbruchs der Konsumkultur, alltägliche Handlungsmuster3 der Menschen im Bereich „Einkaufen und Essen“ verändert haben. Es geht um die Frage, wann welche Güter unter welchen Umständen, unter Mobilisierung welcher Motive erstrebenswert sind.
Der Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten wird als zentraler Prozess gesellschaftlichen Wandels zum Gegenstand der folgenden Studie gemacht.
Die Analyse bezieht sich dabei ausschließlich auf den Wandel im Bereich der alltäglichen Konsumgüter – so Nahrungs- und Genussmittel und alle diesbezüglichen alltagskulturellen Handlungsweisen. Die gesamte Konsumgütersphäre unter Einbeziehung des non-food-Bereichs zu untersuchen, hätte schlichtweg den Rahmen der Arbeit gesprengt.

 

[...]


1 Konsumkultur soll hier im Sinne Ina Merkels verstanden werden, als „das widersprüchliche Verhältnis von Konsumpolitik (...) und Konsumverhalten – begriffen als individuelle Aneignungsweise, in der der 2 Zusammenhang von sozialer Lage, Tradition und Mentalität aufscheint. (...) Konsumkultur umfasst die Formen des Erwerbs von Gegenständen, ebenso wie ihren praktisch aneignenden und symbolisch-kommunikativen Gebrauch.“ (Merkel 1999, 27f.)
In Anlehnung an Wiswede (1972), sollen unter Konsum „jene Verhaltensweisen verstanden werden, die auf die Erlangung und private Nutzung wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen gerichtet sind.“
3 Handeln soll verstanden werden als Form des menschlichen Verhaltens, das als äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden mit einem subjektiven Sinn des Handelnden verbunden, gleichzeitig sinnhaft auf das Verhalten anderer Personen bezogen ist. Es wird hier von einem sinnorientierten, zielgerichtet-aktivem Handeln des sozialisierten Menschen ausgegangen. Unter Handlungsmuster seien hier strukturierte, normierte, zielorientierte, abgeschlossene Handlungseinheiten verstanden.


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