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Die Bedeutung der stereotypisierenden Indianerdarstellung und deren Modifizierung am Beispiel zentraler Indianergestalten in James Fenimore Coopers „The Last of the Mohicans“ und „The Pioneers“

Thesis (M.A.), 2004, 174 Pages
Author: Sirinya Pakditawan
Subject: American Studies - Literature

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2004
Pages: 174
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 69  Entries
Language: German
Archive No.: V59352
ISBN (E-book): 978-3-638-53317-1
ISBN (Book): 978-3-638-69426-1
File size: 567 KB

Abstract

James Fenimore Coopers Werk markiert den Beginn der Indianerliteratur des 19. Jahrhunderts. In seinen Indianerromanen stellt Cooper die Beziehung der Angloamerikaner zu den Indianern dar und entwirft darüber hinaus ein Bild des Indianers, das am nachhaltigsten die Vorstellung vom typischen Indianer in der Literatur geprägt hat. Hierbei ist Cooper einerseits der europäischen Aufklärung verpflichtet, die den "noble savage" „erfand“. Andererseits greift Cooper auch das puritanische Feindbild des Indianers, den "satanic savage", auf. Darüber hinaus orientiert sich Cooper aber auch an zeitgenössischen spezifisch amerikanischen Vorstellungen von Indianern, wie dem "vanishing American". Im Ganzen präsentiert Cooper ein stereotypisiertes Bild des Indianers, indem er ihn unter die simple Dichotomie des „guten“ und des „bösen“ Indianers subsumiert. Dennoch problematisiert Cooper bestimmte Klischees des Fremden, indem er einzelne Indianer individualisiert. Diese Arbeit untersucht, wie Cooper den „typischen“ Indianer darstellt und wie er zentrale Indianergestalten individualisiert. Hierbei wird zunächst auf die Traditionen und Quellen eingegangen, denen Coopers Indianerdarstellung verpflichtet ist. Diese Arbeit richtet sich vor allem an Studierende und Mitarbeiter im Fachbereich Amerikanistik, sowie an alle Interessierten auf dem Gebiet der Indianerliteratur.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg

Die Bedeutung der stereotypisierenden Indianerdarstellung und deren Modifizierung am Beispiel zentraler Indianergestalten in James Fenimore Coopers „The Last of the Mohicans“ und „The Pioneers“

Sirinya Pakditawan

 

Inhaltsverzeichnis


0. Einleitung ... 3

1. Stereotypisierende Indianerbilder in der nordamerikanischen Literatur ... 12

1.1 Der „teuflische Wilde" der Puritaner ... 12
1.2 Der „edle Wilde" der europäischen Aufklärung ... 16
1.3 Der „edle Wilde" der Amerikaner und andere amerikanisch-indianische Stereotypen ... 20
1.3.1 The vanishing American ... 20
1.3.2 Der „gute" Indianer ... 24
1.3.3 Der blutrünstige und der degenerierte Indianer ... 27

2. Coopers problembewusste Indianer-Bearbeitung  ... 31

2.1 Coopers Informationsquellen ... 31
2.2 Festschreibung und Verarbeitung der Quellen ... 37
2.2.1 Captivity narratives und melodramatische Erlebnismuster ... 37
2.2.2 Der Missionar Heckewelder ... 48

3. Indianer-Typen in The Last of the Mohicans ... 55

3.1 Stereotype Charakterisierung des indianischen Wesens ... 55
3.1.1 „Typische" Indianer und die „guten" Delawaren ... 55
3.1.2 Die„bösen"Huronen ... 65
3.2 Naturgebundenheit und Statik als Merkmale der indianischen Zivilisation ... 73

4. Magua: Der „teuflische Wilde" mit komplexem Charakter ... 81

4.1 Äußere Erscheinung und Verhalten ... 81
4.2 Negative Charakterentwicklung und Widerspruch zur angloamerikanischen Zivilisation ... 93

5. Uncas: Der zivilisationswillige „edle Wilde" ... 102

5.1 Äußere Erscheinung und Verhalten ... 102
5.2 Positiver Entwicklungsprozess und Affiliation mit der angloamerikanischen Zivilisation ... 107

6. Chingachgook: Der unzivilisierbare „edle Wilde" ... 120

6.1 Ambivalentes Wesen des nicht zivilisierbaren „guten" Indianers ... 120
6.2 Vom „guten" zum degenerierten Indianer ... 129

7. Resümee ... 140

8. Anmerkungen ... 148

9. Literaturverzeichnis ... 165

9.1 Primärliteratur ... 165
9.2 Sekundärliteratur ... 165

 

 

0. Einleitung


The Leather-Stocking stories illustrate (…) the Indian′s shifting role on the American frontier.1

James Fenimore Cooper gilt als Amerikas erster Mythopoet, Vater der amerikanischen Nationalliteratur und als „amerikanischer Scott", 2 weil er Themen aus der amerikanischen Geschichte verarbeitete. Dabei „fiktionalisierte" er historische Ereignisse, indem er sie in die tradierten Formen einer Romanhandlung umgoss und von der Ebene des individuellen Erlebens her beleuchtete. Hierbei bekannte sich Cooper nicht nur zu einem genuin amerikanischen Schauplatz (setting), sondern erstritt mit seinen indianischen Protagonisten die Literaturwürdigkeit der nordamerikanischen Ureinwohner. Im Rahmen seines umfangreichen Werkes stellen die Leatherstocking Tales den amerikanischen Mythos schlechthin dar und bilden darüber hinaus den Beginn der Indianerliteratur des 19. Jahrhunderts.3 Coopers Indianerfiguren wurden infolge der breiten Rezeption sowohl in Amerika als auch in Europa zum Inbegriff des „Roten Mannes". So schrieb beispielsweise Paul Wallace im Jahr 1954: „For a hundred years The Leather-Stocking Tales′ cast a spell over the reading public of America and Europe and determined how the world was to regard the American Indian".4 Coopers Indianerdarstellung hat also wesentlich dazu beigetragen, dass sich das gegensätzliche Indianerbild vom „guten" und „bösen" Indianer zu dem Mythos vereinigen konnte, der sich bis in die heutige Zeit hinein durchsetzen konnte: „by developing powerful images to symbolize both extremes of feeling about the red man (...) [Cooper] created one of the major nineteenth-century myths about America".5
Die Lederstrumpf-Romane verarbeiten also Grunderfahrungen und -probleme der jungen amerikanischen Nation und rufen somit auf der Ebene der literarischen Realität vor allem die Indianerfrage als ein amerikanisches Grundsatzproblem ins öffentliche Bewusstsein. Auf diese Weise sind einerseits narzisstische Selbstspiegelung, ob des unaufhaltsamen Wachsens der jungen amerikanischen Nation, sowie andererseits bußfertige Selbstanklage, ob der rücksichtslosen Vertreibung der Ureinwohner und der damit verbundenen Trauer über den Untergang der indianischen Welt, in ihrer unaufhebbaren Ambivalenz literarisch in den Leatherstocking Tales greifbar.

The Pioneers (1823) und The Last of the Mohicans (1826) sind dabei diejenigen Werke aus dem Lederstrumpf-Zyklus, die den historischen Prozess, d.h. die Wildniskämpfe und die Ansiedlung der Weißen, thematisieren und am deutlichsten geschichtlich konzipiert sind.6 Entsprechend befasst sich Cooper in diesen Werken mit Indianern und den Vorgängen bei der Inbesitznahme des nordamerikanischen Kontinents durch die angloamerikanische Zivilisation. Hierbei stellt Cooper in The Last of the Mohicans, aber auch in dem zeitlich später angesiedelten The Pioneers, die Beziehung der weißen Amerikaner zu den Indianern dar und entwirft darüber hinaus ein Bild des Indianers,7 das am nachhaltigsten die Vorstellung vom typischen Indianer in der Literatur geprägt hat.8 In diesem Zusammenhang ist jedoch zu bemerken, dass The Pioneers zwar intensiv die Siedlungsproblematik behandelt, aber The Last of the Mohicans der indianischen Tragödie sehr viel mehr Raum widmet, die in der unseligen Verknüpfung zwischen der Eroberung des Kontinents durch die weißen Einwanderer und der damit ausgelösten Vernichtung der Indianer besteht. In beiden Romanen präsentiert Cooper jedoch im Ganzen ein stereotypisierendes Bild des Indianers, indem er dessen Eigenschaften auf wenige Merkmale reduziert und ihn somit generell unter die simple Dichotomie des „guten" und des „bösen" Indianers subsumiert. Gleichwohl greift Cooper bestimmte Klischees des Fremden auf, um sie dadurch zu problematisieren, dass er einzelne Indianer individualisiert. Auf diese Weise lässt sich aufzeigen, dass Cooper eine Differenz zwischen den Stereotypen seiner Zeit und konkreten indianischen Protagonisten darstellt. Somit lässt sich die These aufstellen, dass sich in Coopers Indianerdarstellung insofern ein neuer Zug findet, als über die bekannte Typisierung in „gute" und „böse" Indianer hinaus, Widersprüche, Divergenzen und eine Zerrissenheit zur Geltung kommen.

 

[...]


1 Warren S. Walker, James Fenimore Cooper: An Introduction and Interpretation (New York, 1962), S. 33.
2 Beatrix Dudensing betont, dass sich mit Coopers Bezeichnung als „The American Scott" zweierlei verbinden lässt. Erstens die Tatsache, dass Sir Walter Scott (I77S-1832) sowie Cooper als Begründer einer National Literatur und als Verfasser historischer Romane mit bestimmten Figurenkonstellationen angesehen werden können. Zweitens die Tatsache, dass sich neben strukturellen Ähnlichkeiten der Romane eine gemeinsame Verwurzelung im Primitivismus und im kulturellen Relativismus nachweisen lässt (vgl. Beatrix Dudensing, Die Symbolik von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in James Fenimore Coopers „Leatherstocking Tales" (Frankfurt am Main, 1993), S. 7f.)
3 Zur Bedeutung Coopers als erstem amerikanischen Schriftsteller äußern sich auch Ursula Brumm, "Motive für historisches Sein: Eine Untersuchung an frühen historischen Romanen von Scott und Cooper." In: Theodor Wolpers, Hrsg. Gattungsinnovation und Motivstruktur. Bericht über Kolloquien der Kommission für literaturwissenschaftliche Motiv und Themenforschung 1986-1989. Teil I (Göttingen, 1989), S. 134, Klaus P. Hansen, "James Fenimore Cooper: Die entschärfte Progressivität des retrospektiven Liberalismus." In: Die retrospektive Mentalität. Europäische Kulturkritik und amerikanische Kultur (Cooper, Melville, Twain) (Tübingen, 1984), S. 123 u. 130 und Hartmut Heuermann, "Von diabolischen Wilden und dichotomen Werten: James Fenimore Coopers Leatherstocking Tales (1823 ff.)." In: Mythos, Literatur, Gesellschaft. Mythokritische Analysen zur Geschichte des amerikanischen Romans (München, 1988), S. 240. Leslie A. Fiedler betont darüber hinaus, dass Cooper als erster Jugendschriftsteller Amerikas auch als erster wahrer amerikanischer Autor gelten kann. Nach Fiedler stellen die Lederstrumpf-Romane nämlich den Amerikaner so dar, wie er sich im Grunde seines Wesens selbst betrachtet (vgl. Leslie A. Fiedler, "James Fenimore Cooper und der historische Roman." In: Liebe, Sexualität und Tod. Amerika und die Frau, aus dem Amerikanischen übers. von Michael Stone & Walter Schürenberg (Berlin, 1964), S. 154)
4 Heuermann, S. 243, zitiert Paul Wallace aus: "Cooper′s Indians", New York History, 35 (1954), S. 417.
5 Walker, S. 46.
6 Ursula Brumm hebt hervor, dass die beiden Romane insofern sichtbar historisch platziert sind, als The Pioneers die Siedlungsproblematik, die bei Cooper das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts und das erste des 19. Jahrhunderts umspannt, und The Last of the Mohi-cans die Verwicklungen der Kolonialkriege, in denen England und Frankreich vom späten 17. bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus den Kampf um den Besitz Nordamerikas austragen, behandeln (vgl. Brumm, Motive für historisches Sein, S. 134 und Ursula Brumm, "Geschichte und Wildnis in James Fenimore Coopers The Last of the Mohicans." In: Geschichte und Wildnis in der amerikanischen Literatur (Berlin, 1980), S. 80).
7 Zu beachten ist, dass der Begriff „Indianer" eine grobe Verallgemeinerung darstellt, die die kulturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Stämmen unberücksichtigt lässt und somit wesentlich dazu beigetragen hat, das Schicksal der Stämme zu besiegeln und ihr Bild in der Literatur zu bestimmen. Mit der Bezeichnung der Indianer wird im Folgenden der Symbolkomplex, das Bild dieser Menschen als ideologisches Substrat euroamerikanischen Bewusstseins beziehungsweise sein internalisiertes Bild im Individuum, gemeint.
8 Zur Bedeutung von Coopers Indianerbild für die Literatur siehe insbesondere Hartmut Lutz, "Indianer" und "Native Americans": Zur sozial- und literarhistorischen Vermittlung eines Stereotyps (Hildesheim/Zürich/New York, 1985), S. 151 u. 266ff.


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