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Beiträge der Reichssektion Gesundheitswesen im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter zur Professionalisierung der Pflege zwischen 1918 und 1933

Diploma Thesis, 2006, 87 Pages
Author: Dipl. Berufspädagoge (FH) Christian Ley
Subject: Nursing Science

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 87
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 126  Entries
Language: German
Archive No.: V59402
ISBN (E-book): 978-3-638-53355-3
ISBN (Book): 978-3-638-70951-4
File size: 536 KB
Notes :
Historische Quellenanalyse zu einem in der pflegehistorischen Literatur stark unterbewerteten Aspektes der Pflegegeschichte


Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Beiträgen der freien Gewerkschaft ‚Reichssektion Gesundheitswesen im Verband- der Gemeinde- und Staatsarbeiter’ zur Verberuflichung und beginnenden Professionalisierung der Pflege in Deutschland im Zeitraum der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933. Die Beurteilung der Gewerkschaftsarbeit und der Entwicklung der Pflege geschieht unter Rückgriff auf die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungsprozesse der historischen Epoche sowie auf die gesetzliche und gesellschaftliche Ausgangslage zum Ende des Kaiserreiches im Jahr 1918. Die Reichssektion entwickelte sich nach 1918 zur mitgliederstärksten Organisation im Gesundheitswesen, in der männliche Pflegekräfte überproportional vertreten waren. Die Erfolge der Gewerkschaftsarbeit lagen insbesondere im Bereich der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Erwerbs- und Versorgungschancen, was ein wichtiger Indikator für eine Verberuflichung der Pflege ist. Eine Verwissenschaftlichung und Akademisierung der Pflege konnte und wollte die Gewerkschaft nicht verwirklichen. Die bestehenden Ansätze einer beruflichen Selbstverwaltung durch die Oberinnen wurden vehement abgelehnt und bekämpft, was eine Tendenz zur Deprofessionalisierung darstellt. Insgesamt sind gegenläufige Tendenzen der Professionalisierung und der Deprofessionalisierung feststellbar. Die Gewerkschaft sah sich nicht als Berufsorganisation der Pflege, sondern als Betriebsorganisation für alle im Gesundheitswesen beschäftigten Arbeitnehmer. Auch aus diesem Grund konnte sie eine Professionalisierung der Pflege trotz belegbarer Ansätze nicht vollenden. Das hauptsächliche Hemmnis einer Professionalisierung der Pflege zwischen 1918 und 1933 war die Zersplitterung der Pflege und die Uneinigkeit ihrer Interessensvertreter. Die Ursachen für diese Unvereinbarkeit der Positionen zwischen der Ordenspflege, den freien bürgerlichen Schwestern und den gewerkschaftlich organisierten Pflegenden liegen in den gesellschaftlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts begründet. Die junge Weimarer Republik vermochte die Abgrenzung zwischen den gesellschaftlichen Klassen des Kaiserreiches nicht aufzulösen. In der Pflege entstand eine Mischung aus Klassen- und Geschlechterkampf. Die Berufsethik und die berufliche Anerkennung standen im Spannungsverhältnis zwischen christlich geprägter Aufopferungsbereitschaft und einer professionellen am Gemeinwohl orientierten Berufsethik.


Excerpt (computer-generated)

Fachhochschule Münster

Beiträge der Reichssektion Gesundheitswesen im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter zur Professionalisierung der Pflege zwischen 1918 und 1933

Christian Ley

 

Inhaltsverzeichnis


Abstract ... 5

1. Einleitung ... 6

1.1. Relevanz des Themas für die Ausbildung von Pflegekräften in der heutigen Zeit ... 7
1.2. Methodisches Vorgehen ... 8

2. Begründungszusammenhang von Professionalisierung und Verberuflichung ... 10

2.1. Professionalisierung ... 10
2.2. Verberuflichung ... 11
2.3. Beurteilungskriterien für Verberuflichung und Professionalisierung der Pflege zwischen 1918 und 1933 ... 12

3. Zeithistorische Rahmenbedingungen ... 14

3.1. Der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter (VGS) ... 14
3.2. Entwicklung der ‚Reichssektion Gesundheitswesen’ vor 1918 ... 16
3.2.1. Entwicklung der Mitgliederzahl ... 16
3.2.2. Geschlechterverteilung und verschiedene Berufe ... 17
3.3. Rechtliche Aspekte zum Ende des Kaiserreiches 1918 ... 18
3.3.1. Gesinde-Ordnung ... 18
3.3.2. Sozialversicherungsgesetze ... 20
3.3.3. Regelung der Pflegeausbildung ... 20
3.4. Relevante Geschichtsaspekte 1918 – 1933 ... 21
3.4.1. Revolution und Ausrufung der Republik ... 22
3.4.2. Die Phase der inneren Unruhen 1918 – 1920 ... 23
3.4.3. Die Phase der Konsolidierung 1920 – 1930 ... 24
3.4.4. Das Ende der Weimarer Republik ... 25
3.4.5. Föderalismus ... 25
3.4.6. Das Verhältnis der freien Gewerkschaften zur Republik ... 26
3.4.7. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Pflegenden ... 27

4. Entwicklung der Reichssektion zwischen 1918 und 1933 ... 29

4.1. Mitgliederzahl ... 29
4.2. Umbenennung und Organisationsentwicklung ... 31
4.3. Zusammensetzung nach Berufsgruppen ... 31
4.4. Geschlechterverteilung ... 32

5. Arbeitsschwerpunkte der Reichssektion Gesundheitswesen zur Verberuflichung und Professionalisierung der Pflege ... 35

5.1. Aus- Fort- und Weiterbildung ... 35
5.1.1. Forderungen nach einer einheitlichen und obligatorischen Berufsausbildung ... 35
5.1.2. Unterstützung der Fort- und Weiterbildung ... 39
5.1.3. Verhalten angesichts der zunehmenden Spezialisierung der Gesundheitsberufe ... 40
5.2. Versorgungs- und Erwerbschancen ... 42
5.2.1. Abschluss von Tarifverträgen ... 43
5.2.2. Forderungen nach einer gesetzlich geregelten Arbeitszeit ... 46
5.2.3. Soziale Absicherung der Pflegenden ... 47
5.3. Spezielle Fähigkeiten, Fertigkeiten und berufliches Fachwissen ... 51
5.4. Berufliche Identität ... 52
5.5. Gesetzliche Zertifizierung ... 55
5.6. Pflegeethische Sichtweise und soziale Dienstorientierung ... 56
5.7. Berufspolitische Vertretung ... 59
5.8. Berufsprestige ... 63
5.9. Vorläufiges Fazit ... 66

6. Konkurrierende Verbände ... 68

6.1. Die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BOKD) ... 69
6.2. Der Deutsche Verband für die berufliche Kranken- und Wohlfahrtspflege (DVbKW) ... 70
6.3. Konfessionelle Schwesternverbände ... 72

7. Ausblick auf eine pflegedidaktische Umsetzung ... 74

8. Literaturverzeichnis ... 76

9. Anhang ... 84

9.1. Anhang 1 – Programm der Sektion von 1904 ... 84
9.2. Anhang 2 – Übersichtskarte der Länder des Deutschen Reiches im Jahr 1925 ... 85
9.3. Anhang 3 - Größe und Einwohnerzahl der Länder im Deutschen Reich 1933 ... 86

 

 

Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Beiträgen der freien Gewerkschaft ‚Reichssektion Gesundheitswesen im Verband- der Gemeinde- und Staatsarbeiter’ zur Verberuflichung und beginnenden Professionalisierung der Pflege in Deutschland im Zeitraum der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933. Die Definitionen der Begriffe Beruf und Profession sind diffus und nicht trennscharf abgrenzbar, zumal eine Verberuflichung als Teil des Professionalisierungsprozesses anzusehen ist. Die Beurteilung der Gewerkschaftsarbeit und der Entwicklung der Pflege geschieht unter Rückgriff auf die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungsprozesse der historischen Epoche sowie auf die gesetzliche und gesellschaftliche Ausgangslage zum Ende des Kaiserreiches im Jahr 1918.

Die Reichssektion entwickelte sich nach 1918 zur mitgliederstärksten Organisation im Gesundheitswesen, in der männliche Pflegekräfte überproportional vertreten waren. Die Erfolge der Gewerkschaftsarbeit lagen insbesondere im Bereich der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Erwerbs- und Versorgungschancen, was ein wichtiger Indikator für eine Verberuflichung der Pflege ist. Eine Verwissenschaftlichung und Akademisierung der Pflege konnte und wollte die Gewerkschaft nicht verwirklichen. Die bestehenden Ansätze einer beruflichen Selbstverwaltung durch die Oberinnen wurden vehement abgelehnt und bekämpft, was eine Tendenz zur Deprofessionalisierung darstellt. Insgesamt sind gegenläufige Tendenzen der Professionalisierung und der Deprofessionalisierung feststellbar. Die Gewerkschaft sah sich nicht als Berufsorganisation der Pflege, sondern als Betriebsorganisation für alle im Gesundheitswesen beschäftigten Arbeitnehmer. Auch aus diesem Grund konnte sie eine Professionalisierung der Pflege trotz belegbarer Ansätze nicht vollenden.

Das hauptsächliche Hemmnis einer Professionalisierung der Pflege zwischen 1918 und 1933 war die Zersplitterung der Pflege und die Uneinigkeit ihrer Interessensvertreter. Die Ursachen für diese Unvereinbarkeit der Positionen zwischen der Ordenspflege, den freien bürgerlichen Schwestern und den gewerkschaftlich organisierten Pflegenden liegen in den gesellschaftlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts begründet. Die junge Weimarer Republik vermochte die Abgrenzung zwischen den gesellschaftlichen Klassen des Kaiserreiches nicht aufzulösen. In der Pflege entstand eine Mischung aus Klassen- und Geschlechterkampf. Die Berufsethik und die berufliche Anerkennung standen im Spannungsverhältnis zwischen christlich geprägter Aufopferungsbereitschaft und einer professionellen am Gemeinwohl orientierten Berufsethik.


1. Einleitung

Diese Diplomarbeit befasst sich mit einem Themenkomplex aus der Geschichte der beruflichen Pflege. Forschungsgegenstand ist die gewerkschaftliche Arbeit der ‚Reichssektion Gesundheitswesen (RG)’ im ‚Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter (VGS)’, der die Vorgängerorganisation der ‚Gewerkschaft für Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)’ war, die mittlerweile in der ‚Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)’ aufgegangen ist.

Die beleuchtete zeithistorische Epoche im Wirken dieser freien Gewerkschaft ist die Zeit der Weimarer Republik zwischen der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und ihrem Ende angesichts der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.

Die hier vorliegende Arbeit soll einen Beitrag leisten das Wirken der freien Gewerkschaft in dieser Zeit tiefgehender zu beleuchten, als es bis dato in pflegehistorischen Arbeiten geschehen ist. Die Weimarer Zeit ist insgesamt eine Epoche, die in der pflegehistorischen Arbeit eher als „Vorgeschichte zu Entwicklungen der Pflege im Dritten Reich“ (Prüfer, 1997, S. 10 – 11) in Erscheinung tritt. Diese Einschätzung ist in neueren Werken allerdings zunehmend obsolet.

Besonders unterrepräsentiert in den Forschungsarbeiten ist die ‚Reichssektion Gesundheitswesen’ im ‚Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter’, die laut Schmidbaur (2002, S. 43) „trotz ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Krankenpflegeberufes in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen (…) übergangen“ wurde. Hingegen ist die Geschichte der ‚Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BOKD)’ wesentlich intensiver beforscht und beschrieben worden.

Ziel der Diplomarbeit ist anhand historischen Quellenmaterials und aktueller pflegehistorischer Literatur die Beiträge der freien Gewerkschaft zur Verberuflichung und beginnenden Professionalisierung der Pflege sowie deren Auswirkungen auf den beruflichen Entwicklungsprozess aufzuzeigen.


1.1. Relevanz des Themas für die Ausbildung von Pflegekräften in der heutigen Zeit

„Der Blick in die Vergangenheit hat seinen Wert für die Gegenwart und für die Zukunft“, stellen Seidl & Walter 1998 (S. 7) fest. Dies gilt insbesondere für die Auszubildenden in den Pflegeberufen.
Die berufliche Identität und das Berufsbild der Pflege in Deutschland sind historisch gewachsen. Insbesondere die Entwicklung vom christlich-karitativen Liebesdienst hin zum derzeitigen sich stetig professionalisierenden Berufsfeld ist als Hintergrundwissen für Lernende der Pflegeberufe wichtig, um eine professionelle Berufsidentität zu entwickeln.
Diese Tendenzen der Bewusstmachung der Geschichte der Pflegeberufe insbesondere bei jungen Pflegenden verstärken sich in neuerer Zeit. Obwohl in den Rahmenrichtlinien für die Pflegeausbildung nur wenige Stunden für die Geschichte der Pflege vorgesehen sind, lassen sich durch Hinzuziehen der Inhalte aus anderen Lernfeldern Lernsituationen konstruieren, die die Bedeutung der Geschichte der Pflegeberufe im Kontext des heutigen Berufsbildes verdeutlichen können.

Noch heute nehmen die Pflegeberufe eine Sonderstellung im Kanon der Ausbildungsberufe ein. Die Pflegeausbildung ist nicht in die staatliche duale Berufsausbildung mit Trennung von theoretischer Ausbildung an Berufsschulen und praktischer Ausbildung im Ausbildungsbetrieb aufgenommen worden. Anders als in Großbritannien und in den USA, wo Pflegende bereits seit fast hundert Jahren Studiengänge besuchen und promovieren können, bestehen in Deutschland erst seit 1992 erste Pflegestudiengänge. Jedoch ist dieser Prozess der Akademisierung beileibe nicht abgeschlossen, da es bis heute an Möglichkeiten zur Promotion und Habilitation für akademisch ausgebildete Pflegekräfte fehlt. Im Bereich der Ausbildung sind akademisch gebildete Pflegekräfte nach wie vor unterrepräsentiert. Der Unterricht in den Pflegeschulen wird überwiegend durch weitergebildete Lehrer für Pflegeberufe abgeleistet. Daneben unterrichten Ärzte, Sozialpädagogen, Juristen und zahlreiche andere pflegefremde Dozenten.

Neben der Ausbildung sind auch die berufliche Ethik und die Rollenerwartungen der Gesellschaft an die Pflegenden historisch begründbar. Die Pflegeberufe sind bis heute Frauenberufe geblieben und unterliegen partiell denselben Rollenerwartungen und Eigenschaftszuweisungen wie im beforschten Zeitraum. Bis heute konnten sich die Pflegenden nicht vollständig von dem tradierten Bild der bürgerlichen Frauenrolle im 19. Jahrhundert trennen (vgl. Bischoff, 1997, S. 13).
Um diese Sonderrolle der Pflegenden verstehen zu können, ist ein Blick in die Vergangenheit und insbesondere in die Epoche der Weimarer Republik unverzichtbar. Die Auswirkungen der politischen Entscheidungen der Weimarer Zeit sind in der beruflichen Pflege bis heute spürbar. „Bis zu einem modernen Verständnis von Pflege als Dienstleistungsberuf und modernem Management ist es ein weiter Weg“ (Bock-Rosenthal, 1999, S. 27). Die in dieser Arbeit angestrebten Forschungsergebnisse sollen einen kleinen Beitrag für eine Weiterentwicklung der Pflege zu einer Profession leisten.


1.2. Methodisches Vorgehen

 

[...]



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