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Außereheliche Liebespaare in der hochmittelalterlichen Literatur - Ein erster vergleichender Überblick zwischen Tristan/Isolde und Schionatulander/Sigune

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 42 Pages
Author: Jana Vogt
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 42
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V59737
ISBN (E-book): 978-3-638-53589-2

File size: 304 KB
Notes :
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem angeblichen Tabuthema der mittelalterlichen Literatur. Sie zeigt neben dem Verlauf der beiden Beziehungen auch die Einflussnahme der jeweiligen Partner in die Partnerschaft auf.



Excerpt (computer-generated)

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Seminar: Gottfried von Straßburg –Tristan
WS 2004/05

Außereheliche Liebespaare in der hochmittelalterlichen
Literatur - Ein erster vergleichender Überblick zwischen
Tristan/Isolde und Schionatulander/Sigune

von: Jana Vogt

 


Inhalt

1. Einleitung

2. Die Paarzusammenführung – eigener Wille oder Opfer nichtmenschlicher Kräfte?

3. Die Paare und ihre Minnekonzeption

4. Ende der Beziehungen

5. Die Frauen

a. Isolde
b. Sigune

6. Die Männer

a. Tristan
b. Schionatulander

7. Resümee

8. zitierte Textfassungen

9. Literaturverzeichnis




 

1. Einleitung

In „Mythos Paar“ versucht Robert Neuburger1, zu beschreiben, was die grundlegenden Eigenschaften eines nach außen und innen hin funktionierenden Paares sind. Neuburger, Psychologe, spezialisiert auf Paartherapie, gewährt dem Leser einen Einblick in seinen beruflichen Alltag und versucht existentielle Fragen zur Paarmythisierung zu klären. Jedes Paar bräuchte einen Gründungsmythos, aus dem heraus es sich als einzigartig begreift. Das können unterschiedlichste Dinge, Taten und Erlebnisse sein. Für ihn sind Partnerschaften geschlossene Einheiten, die sich von der Außenwelt (bewusst) abgrenzen wollen, sich manchmal sogar von ihr isolieren, aus Angst vor der Normierung ihrer Liebe.

Liebespaare mittelalterlicher Romane lassen sich in ein solches Beziehungskonstrukt partiell einbinden. Sie erleben ihre Beziehung ebenfalls als einzigartig und ihr Versuch diese mit der Gesellschaft in Balance zu halten, stellt für manche ein auf die Dauer unlösbares Problem dar. Am deutlichsten zeigen dies Tristan und Isolde. Ihre Liebeswelt ist gekennzeichnet von Mythisierung, Isolation und in letzter Konsequenz dem Scheitern an gesellschaftlichen Werten- Der Mythos des Minnetrankes als Liebe auslösendes Elixier und die Isolation zur höfischen Gesellschaft begründet in ihrer verzehrenden Minne, die für andere nicht nachvollziehbar und somit unerreichbar wird.

Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in der Sigune-Schionatulander-Liebe. Der Mythos der Bußminne und die daraus folgende Isolation lässt Sigune aus der höfischen Gesellschaft austreten, da diese ihr Ansinnen nicht verstehen kann. Die folgende Hausarbeit will versuchen die beiden außerehelichen Liebespaare in einigen Ansätzen zu vergleichen und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschieden herausstellen. Dabei sollen das auslösende Moment der Liebe, das Paargeflecht zusammen mit der Minnekonzeption und das Ende der Partnerschaft vorgestellt werden. Ebenso soll auf die Hauptfiguren im Gefüge der Beziehung und auf einige ihrer Attribute eingegangen werden. Die hier folgenden Erörterungen können nicht vollständig sein, sie sollen vielmehr Ansätze zur weiterführenden Behandlung erbringen.

2. Die Paarzusammenführung – eigener Wille oder Opfer nichtmenschlicher Kräfte?

Im Gottfried’schen Tristan ist der Minnetrank verantwortlich für die unendliche, triebhafte und uneingeschränkte Liebe zwischen Tristan und Isolde. Sie sind Opfer einer höheren Macht, die symbolisiert durch den Minnetrank, beide einander, einmal ihrer Liebe verfallen, wieder und wieder in die Arme treibt und sie immer neue Liebesabenteuer suchen lässt. Diese tabulose Minne geschieht nicht aus freiem Willen Tristans und Isoldes, das Unerklärliche der Liebe passiert aufgrund des Einflusses von Hexerei2, in deren Zusammenhang die Herstellung des Minnetrankes fällt. Gottfried schwächt seine Bedeutung allerdings stark ab, sie liegt nun einzig im auslösenden Moment und nicht mehr in der Beendigung der Liebe. Die Entwicklung der Beziehung gestaltet sich ohne weitere Einflüsse von Hexerei und erweckt für den Leser/Hörer den Eindruck, dass alles Folgende auf dem freien Willen der zwei Minnenden geschieht3. Gottfried schildert jedoch immer wieder, und dafür steht der Anfang exemplarisch, eine Minne, die zôch si beide in ir gewalt (Tr 11715). Sie ist ähnlich übernatürlich und überwältigend wie die Hexerei4 und aufgrund dessen unumstößlich mit ihr verbunden. Damit wird das Überirdische zum ständigen Begleiter Tristans und Isoldes und zeigt, dass sie doch nicht aus freien Stücken über ihre Triebhaftigkeit entscheiden. Die Minne sleich5 sich in die herzen der beiden Protagonisten

(Tr 11707-11712) und nimmt sie wie eine Diebin in Besitz:

Nu daz diu maget unde der man,
Îsôt unde Tristan,
den tranc getrunken beide, sâ
was ouch der werlde unmuoze dâ,
Minne, aller herzen lâgaerîn,
und sleich z′ir beider herzen în.

Die Liebe als werlde unmouze erklärt dem Leser/Hörer die enorme Kraft der Minne, welche eine ganze Welt durch ihr ständiges Nachstellen nach Herzen (Tr 11711) in Unruhe versetzt. Ähnlich unruhig ist das Meer auf dem die innige Bindung zwischen Tristan und Isolde geschlossen wird. Das Wasser wird so zum tragenden Element ihrer Beziehung, dies hebt der flüssige Zustand des Minnetrankes nochmals hervor, durch den beide in die seelische und körperliche Liebesgemeinschaft eintauchen6. Auf dem Meer findet die Liebe ihren Anfang und das Meer wird die Liebenden später im weltlichen Bereich endgültig trennen. Auch bei Tristans erster Fahrt nach Irland beschreibt Gottfried die Wandlung des aufgewühlten Meeres zur ruhigen See (7493-7505). Der liehte morgen (Tr 7506) danach verweist auf die Begegnung mit der liehten Isolde, die Tristan als den Spielmann Tantris kennen lernt. Ein vorausschauendes Element, welches die Führung Tristans und damit Isoldes durch höhere Mächte symbolisiert.

In der Lehrer-Schülerin-Episode zwischen Tristan, dem verkleideten Spielmann Tantris, und Isolde bemerkt der Leser/Hörer Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten. Gottfried hebt das Talent beider im Musikbereich, vor allem im Harfenspiel (Tr 3546-3608, 8064-8067) hervor. Dazu gleichen sie sich in ihrer Intelligenz und sind somit auf geistiger Ebene bereits vor dem Minnetrank mit einander verbunden7. Nach dem Genuss des Minnetrankes wird die Beziehung zwischen Tristan und Isolde bald intim. Ohne an die Folgen zu denken, die Brangäne deutlich formuliert (Tr 11705-11706) schlafen sie miteinander:

ouwê Tristan unde Îsôt,
diz tranc ist iuwer beider tôt!

Sie bereuen nichts, auch an dem Zeitpunkt nicht als sie Brangäne bitten müssen, in der Hochzeitsnacht bei Marke zu liegen, damit er eine „jungfräuliche Isolde“ erlebt. Das Nichteinsehen ihrer gesellschaftsbezogenen Schuld begleitet sie von Beginn an und Tristan formuliert dazu (Tr 12495-12502):

[...]


1 Neuburger 1999

2 Öhlinger (2002, 57 FN 44) schreibt, dass der mittelalterliche Tristan ohne Zaubertrank nicht vorstellbar wäre. Er gibt die Legitimation zur Liebe Tristans und Isoldes. Nur so ist es denkbar, dass Gottfried ein solches Werk ohne klerikales Verbot an solch ausschweifender Minne schreiben konnte, denn seine Liebenden sind von der Sünde befreit, da sie sie nicht aus freien Stücken begingen.

3 G. Schindele (1971, 59 ff.) meint, dass Gottfried den Minnetrank aus quellenhistorischen Gründen in sein Werk einfließen lässt, da er als elementares Element der Tristan-Isolde-Geschichte nicht vernachlässigt werden darf. R. Krohn (2002, 345 f.) hingegen sieht bei Gottfried wieder eine stärkere Hinwendung zum ursprünglichen Sagenkreis, verwirft aber die dämonischen Ansätze der wahrscheinlich ältesten Vorlagen.

4 Der sie in vielen Fällen auch zugeschrieben wurde, ähnlich dem unerklärlichen Mysterium des Todes.

5 Dieses Motiv nimmt Gottfried in seinem Minnekommentar nochmals auf und erläutert es ausführlicher (Tr 12291).

6 Ausführlicher Drecoll 2000, 65. Mit dem Wasser verbunden ist für sie der Terminus swebend (Drecoll 2000, 61 ff.), der für sie bereits die Verbindung zur Minnegrotte darstellt.

7 Bei Thomas, Gottfrieds Vorlage, spricht Tristan sogar eindeutig davon, dass es schon vor dem Genuss des Minnetrankes eine amur fine e veraie (Fragment Douce 1214 ff.) gegeben hat. Ausführlicher bei Krohn 2002, 345.


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