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Literaturexkurse im Vergleich aus Tristan und Isolde, Diu Crône und Willehalm von Orlens

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 25 Pages
Author: Jana Vogt
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 25
Grade: 2,1
Bibliography: ~ 27  Entries
Language: German
Archive No.: V59765
ISBN (E-book): 978-3-638-53611-0

File size: 254 KB
Notes :
Die Arbeit beschreibt zuerst die Autoren und den Inhalt des Werkes. Dann folgt der Vergleich der Literaturexkurse.



Excerpt (computer-generated)

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Seminar: Basislektüre Hochmittelalter
WS 2002/2003

Literaturexkurse im Vergleich aus Tristan und Isolde,
Diu Crône und Willehalm von Orlens

von: Jana Vogt

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autoren und ihre Werke

2.I. Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde
2.II. Heinrich von dem Türlin, Diu Crône
2.III. Rudolf von Ems, Willehalm von Orlens

3. Literaturexkurse im Vergleich

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

 


 

1. Einleitung

Schon seit dem Wiederaufkeimen des mittelalterlichen Literaturinteresses zu Beginn des 19. Jh.s wollte man nicht nur die überlieferten Texte kennen lernen sondern auch die dichterischen „Genies“ jener vergangenen Epoche. Dies gestaltete sich aber recht schwierig, noch heute weiß man über einen Hartmann von Aue oder Gottfried von Straßburg so gut wie nichts. Ein Grund dafür ist sicherlich die schlechte Überdauerung mediävistischer Schriften. Ein zweites und viel diskutiertes Motiv in der Forschung scheint das Autorenbewusstsein zu sein. In der damaligen Dichtung stand nicht der Literat im Vordergrund sondern die geschriebene oder noch besser „hoeren lesen“1 (Bumke 2002) Geschichte. Mit diesem Ausdruck wird deutlich, dass die frühen deutschen Werke nicht immer durch „eigenes Auge“ gesehen und gelesen wurden. Viel wahrscheinlicher, wenn man den einstigen Stand der Illiterati, der Analphabeten bedenke, scheint es da doch, dass sich um einen Leser eine Zuhörerschaft bildete und diese dadurch in den Genuss eines Parzivals oder Erecs kam. Wie sich solch ein „Literaturkreis“ genau abspielte, bleibt unklar, denn die Überlieferungslage ist schlecht. Bekannt ist: In einigen Büchern werden vor allem Frauen als Rezipientinnen erwähnt. Ein Beispiel aus Hartmann von Aues Iwein: „vor in beiden saz ein maget, dui vil wol,…, wälhisch lesen kunde: diu kurzte in die stunde.“ (6455 ff.) Die Frau spielte allerdings eine noch größere Rolle für die mittelalterliche Dichtkunst. Sie verkörperte, wie vielfach in Werken überliefert, ebenso die Adressatin wie Mäzenin:
„Ir vrouwen … Dirre arebeit will ich iu jehen, Wan ich ir durch iuch began" (Crô 29990. 95-96)2.

Wolfram von Eschenbachs Parzival durchzieht zum Beispiel eine immer währende Auseinandersetzung mit einer einflussreichen Dame oder sogar einer Gruppe von Frauen, von deren Wohlwollen das Werk scheinbar abhing (Bumke 2002). Ihr Einspruch schien auch der Grund für eine Unterbrechung nach dem sechsten Buch, Wolfram schrieb am Schluss:
„guotiu wîp, hânt die sin, deste werder ich in bin, op mir decheiniu guotes gan, sît ich diz maer volsprochen hân. ist daz durh ein wîp geschehn, diu muoz mir süezer worte jehn“ (Pa 827, 25-30).

Klar bringt er hier die Frau als Gönnerin zum Ausdruck, von ihr hängt das Fertigstellen seines Werkes entscheidend ab.

Ein solch episches Werk von nicht geringem Versumfang verschlang schnell Unmengen von Geld und kaum einem Autor des gesamten Mittelalters war es möglich diese Mittel aus eigener Tasche zu zahlen, denn Pergament und Tinte sowie freie Arbeitszeit bedeuteten in der früheren Zeit äußerst kostbare Güter3.

Kommen wir zurück zum Problem des Dichterbewusstseins. Wie in vielen Werken ersichtlich, möchte sich der Verfasser in eine Traditionsreihe einbinden. Dabei ist es nebensächlich, ob die Stoffvorlage aus dem Antiken oder Französischen Raum kam, wichtig ist einzig und allein, dass er vordergründig kein eigenes Gedankengut verarbeitete4. Warum? Sicher liegt ein Hauptgrund darin, dass zu Beginn der handschriftlichen Überlieferungskultur die aktiven Schreiber und damit potentiellen ersten „Autoren“ im klerikalen Bereich zu finden sind. Die Klöster waren lange Zeit die Hauptzentren der „Buchmacherei“, sie hatten die Litterati und entsprechenden Materialen, obwohl die Klosterschreiber mehr mit „Abschreiben“ als mit eigener Textproduktion zu tun hatten. Trotzdem begann verstärkt im 12. Jh. das Schreib- und Schreibertum langsam in die profane Welt zu gleiten. Die höfische Gesellschaft erkannte das Potential, welches in der Niederschrift eines gern gehörten Textes steckte. Diese Laienbildung manifestiert sich zu erst vor allem in Frankreich5 und über dessen Grenzen verbreitete sich langsam das Ansinnen, Gehörtes bzw. Gedichtetes aufzuschreiben, um es für längere Zeit nutzbar zu machen6. Selbst wenn wir wüssten ob Dichtungen – insbesondere epische – komplett vorgetragen wurden, bleibt doch weiterhin im Dunkeln, welche Techniken Mann oder Frau bei dem Epenvortrag (Bumke 2002) anwandten. Fachleute glauben, dass in der Regel eine vorliegende Handschrift rezitiert worden ist, obwohl auch das auswendige Können eines solchen Textes für geübte Rezitierende kein Problem gewesen sein dürfte.

Wie schon oben kurz erörtert, sind einige Verfasserbezüge verloren gegangen, da es zu Beginn der Schriftlichkeit nicht üblich war, dass sich der Dichter selbst in sein Werk hineinschrieb. Erst mit der Blütezeit der mittelalterlichen Dichtung7 gab es einen gewissen Umbruch im Bewusstsein der Autoren, das Verhältnis zum Publikum wurde lockerer und vielfältiger (Wehrli 1997). Nun schrieben sie sich, wenn auch manchmal in einem Akrostichon8 versteckt, in ihre Bücher ein. Heinrich von dem Türlin zum Beispiel baute es in die Verse 182 bis 216 ein. Dort heißt es: „HEINRICH/VON/DEM/TURLIN/HAT/MICH/ GETIHTET“.

Auf der anderen Seite waren sie sehr selbstbewusst und ließen den Leser und/oder Hörer direkt wissen, wem sie dieses Werk zu verdanken hatten. Hartmann von Aue etwa notierte im Armen Heinrich: „Ein ritter sô gelêret was … der was Hartman genant, dienstman was er zOuwe.“ (1-5). Aber alle betonten sie, dass nichts Erfindung sondern bloße Findung (Reclam, 1991) sei. Ein Widerspruch, welcher sich vielleicht daraus erklären lässt, dass mit der Erwähnung von Althergebrachtem das Publikum an andere Werke und dem dortigen Geschehen erinnert werden sollte, um eine Assoziation mit der folgenden Erzählung zu erlangen. Nun stellt sich die Frage, inwiefern man eine Vorbildung des Auditoriums voraussetzen darf? Diese wiederkehrenden Erzählstrukturen dienten gewiss dem vertiefenden Aufzeigen der damaligen Normen und Werte, welche, in eine bekannte Struktur eingebettet, viel evidenter für den (hörenden) Leser waren. Auf diese Weise diente der Autor der Gesellschaft in einem höheren Bewusstsein: er verbreitete Idealvorstellungen in schöngeistiger Literatur verpackt.

Eine weitere Erklärung für jenes antithetische Verhalten könnte man mit dem Dienstgedanken erläutern. Der Dichter war letztendlich niemand anderes als ein „dienstman“, der im Auftrag seines Herrn Unterhaltung verfasste, dieser Umstand verbat es, dass Poeten sich allzu selbstbewusst gaben. Die Erklärung: Alles ist von anderen Werken entlehnt, entspricht einer Art Heischegestus, geradeso als müsste der Verfasser vom Publikum und seinem Mäzen die Erlaubnis für sein Fortfahren erhalten. Durch die immerwährenden Wiederholungen merkte sich die Zuhörerschaft Inhalte und Aussagen der Texte. Wie behielt man währenddessen die Autoren im Gedächtnis? Schließlich muss man davon ausgehen, dass die Werke mit der Zeit nur fragmentarisch weitergegeben bzw. erneut abgeschrieben wurden und logisch folgernd konnten die Verfasser in ihrer Anonymität dadurch untergehen9. Erst mit den Handschriftensammlungen des Spätmittelalters wie etwa der Manessischen Liederhandschrift10 wurden Werke Dichtern zu gewiesen11.

[...]


1 Gottfried von Straßburg im Tristan-Roman (230) und Rudolf von Ems im Alexander (20656) benutzten diese Wortkombination bereits.

2 Vgl. Bumke 2002, S. 704 ff.

3 Dies änderte sich erst mit der gesteigerten Papierherstellung des 14. Jh.s und nicht zuletzt mit der Erfindung des Buchdrucks.

4 Damit tritt auch der Autor in seiner Bedeutung zurück.

5 Vgl. Bumke 2002 und Grundmann 1958

6 Bis ins 12. Jh. spielte der Kaiserhof eine vorherrschende Rolle im Mäzenatentum und erst in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s begannen weltliche Fürsten als Gönner und Auftraggeber in Erscheinung zu treten (Bumke 2002, S. 639, 654).

7 seit dem Ende des 12. Jh.s bzw. seit Anfang des 13. Jh.s

8 Welches nur vom Leser allein erschlossen werden konnte.

9 Urkundliche Erwähnungen gab es in den seltensten Fällen und sind zu dem heute in schlechter Überlieferungslage.

10 Auch Codex Manesse oder Große Heidelberger Liederhandschrift: um 1300 bis 1340 in der Schweiz entstand und aus 425 Pergamentblättern bestehend

11 Teilweise umstritten wie „Der Mantel“ von Heinrich von dem Türlin zeigt. Überliefert ist er im Ambraser Heldenbuch.


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