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"Im Namen unbekannter Herren" - Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen 'Der Proceß' und 'Das Schloß'

Autor: Anne Thoma
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Veranstaltung: Franz Kafka: Die Romane
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Deutsches Seminar)
Tags: Namen, Herren, Zentrum, Franz, Kafkas, Romanen, Proceß, Schloß, Franz, Kafka, Romane
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 28
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 29  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 216 KB
Archivnummer: V59969
ISBN (E-Book): 978-3-638-53754-4
ISBN (Buch): 978-3-638-64285-9

Zusammenfassung / Abstract

„Je länger er hinsah, desto weniger erkannte er.“ Diese Beobachtung, die der Landvermesser K. über das Schloß anstellt, ist symptomatisch für das Verhältnis des Helden zu einer Instanz, der sein ganzes Streben gilt. Gleiches trifft auf Josef K. aus dem Proceß-Roman zu, den selbst kurz vor seinem Tod die Frage nicht losläßt, wo das hohe Gericht zu finden sei, zu dem er zeit seines Lebens nicht hat vordringen können. Franz Kafka entwirft in den 1914-1915 (Der Proceß) und 1922 (Das Schloß) entstandenen Romanen das Bild einer Welt, die im Wesentlichen von zwei Komponenten bestimmt ist: einem unscharf gezeichneten Zentrum, das die gesamte Lebenswirklichkeit durchdringt und beherrscht, sowie einem peripheren Raum, der sich um dieses Zentrum lagert und der die Dorfbewohner um K. bzw. die Menschen in Josef K.s nächster Umgebung in Kategorien einteilt: Je näher sie dem Zentrum sind, desto mächtiger und wertvoller erscheinen sie. Ich beginne mit einer Analyse der Ziele, welche die Protagonisten und ihren Schöpfer Franz Kafka antreiben, und werde dann auf die Charakteristika der entzogenen Zielinstanzen, Gericht und Schloß, eingehen. Es folgt eine Untersuchung der Rolle der ‚Helfer’, besonders der Frauen, denen Josef K. und K. begegnen. Abschließend möchte ich einige Deutungsmöglichkeiten für das Gericht und das Schloß erörtern, wobei ich Gerhard Neumanns Interpretation hervorheben werde, der in den Texten Kafkas eine Kluft zwischen Liebesordnung und Amtsordnung erkennt, die der Protagonist durch ein verbindendes Drittes vergeblich zu überbrücken versucht. Hierbei spielen Kafkas Erfahrungen mit Frauen einerseits und die innere Notwendigkeit des Schreibens andererseits eine wesentliche Rolle – ein Konflikt, der den Autor zeitlebens gleich einem inneren Prozeß begleitete. In diesem Zusammenhang gehe ich auch auf Detlef Kremers Proceß-Analyse ein, in der deutlich wird, wie stark in die Darstellung der Amtsordnung Metaphern der Schriftlichkeit einfließen und den Romanen so einen Subtext einschreiben, der vom Verfassen der Romane einerseits und von der (Un-) Möglichkeit hermeneutischen Verstehens andererseits, etwa durch die Schrift, handelt. Da die Instanzen entzogen bleiben, stellt sich schließlich die Frage, ob hier nicht ein zielgerichtetes Gehen ohne Ziel vorliegt, ein Irrweg also, für dessen Beschreitung eine unberechtigte, ja sogar sündige Hoffnung auf Erkenntnis verantwortlich gemacht werden muß.

Textauszug (computergeneriert)

Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutsches Seminar
HS: Die Romane Kafkas, SS 2006, Fachsemester: 8.

"Im Namen unbekannter Herren" - Das entzogene Zentrum
in Franz Kafkas Romanen ′Der Proceß′ und ′Das Schloß′

von: Anne Thoma

 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

„Im Namen unbekannter Herren“ – Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen Der Proceß und Das Schloß

1. Rechtfertigung, Anerkennung: Josef K., K. und Franz K.

2. Charakteristika der entzogenen Zielinstanzen

3. Die Rolle der Helfer auf dem Weg zu den Zielinstanzen

4. Deutungsmöglichkeiten des Gerichts und des Schlosses: Die Gegenüberstellung von Lebensordnungen und die Frage nach einem übergreifenden Sinn und dessen Erkenntnis
Schluß

Literaturverzeichnis



 

Einleitung

„Je länger er hinsah, desto weniger erkannte er“ (S 123)1. Diese Beobachtung, die der Landvermesser K. über das Schloß anstellt, ist symptomatisch für das Verhältnis des Helden zu einer Instanz, der sein ganzes Streben gilt. Gleiches trifft auf Josef K. aus dem Proceß-Roman zu, den selbst kurz vor seinem Tod die Frage nicht losläßt, wo das hohe Gericht zu finden sei, zu dem er zeit seines Lebens nicht vordringen konnte (P 241). Franz Kafka entwirft in den 1914-1915 (Der Proceß) und 1922 (Das Schloß) entstandenen Romanen das Bild einer Welt, die im Wesentlichen von zwei Komponenten bestimmt wird: einem unscharf gezeichneten Zentrum, das die gesamte Lebenswirklichkeit durchdringt und beherrscht, sowie einem „peripheren Raum“, der „um dieses Zentrum herum radial abgestuft“ ist und die Dorfbewohner um K. bzw. die Menschen in Josef K.s nächster Umgebung umfaßt und in Kategorien einteilt – „je näher dem Zentrum, desto mächtiger, wissender, wertvoller“.2 In dieses Geflecht einer strahlenden Mitte und ihrer Kreise gelangen nun die Protagonisten und versuchen, sich Zugang zum Kern zu verschaffen mit Hilfe von Menschen, die sich in einer günstigen Nähe zu diesem Kern befinden. Wenn die Hilfe von Frauen ausgeht, nimmt die Zielgerichtetheit der Protagonisten meist ab und das Augenmerk richtet sich auf erotische Belange, an die sich die Möglichkeit einer bürgerlichen Lebensweise im Familienkreis knüpft.

Alle Hilfeversuche enden jedoch in der Hinsicht ohne Erfolg, daß sie den Protagonisten seinem Ziel nicht wirklich näher bringen. Im Zuge dieser Irrungen erahnen K. und besonders Josef K. die Verfehltheit ihrer bisherigen Lebens- und Handlungsweise. Ein explizites Geständnis jener Schuld, die der Erzähler ebenso vage hält wie die Instanz, die sie feststellt, gibt es jedoch nicht. Statt dessen ringen die Protagonisten unaufhörlich um Anerkennung ihrer Existenz, indem sie sich um Rechtfertigung vor der Instanz bemühen. Auffällig ist weiterhin, daß ihr Erreichen zwar durchweg das Ziel aller Bestrebungen bleibt, daß sie sich aber dennoch nicht davor scheuen, bestimmte Handlungsweisen der Instanz zu kritisieren.

Josef K.s Irrweg durch die Verästelungen des Gerichts endet mit seiner Ermordung im Steinbruch. Der Geschichte des Landvermessers K. bricht Kafka mitten im Satz ab, ohne daß K. bis zu diesem Punkt dem Schloß wesentlich näher gekommen wäre. In beiden Fällen scheitern die Protagonisten daran, eine Instanz zu erreichen, die Ziel ihres Strebens und Existenzbedrohung zugleich ist.

Ich beginne mit einer Analyse der Ziele, welche die Protagonisten und ihren Schöpfer Franz Kafka antreiben, und werde dann auf die Charakteristika der entzogenen Zielinstanzen, Gericht und Schloß, eingehen. Es folgt eine Untersuchung der Rolle der ‚Helfer’, besonders der Frauen, denen Josef K. und K. begegnen. Abschließend möchte ich einige Deutungsmöglichkeiten für das Gericht und das Schloß erörtern, wobei ich Gerhard Neumanns Interpretation hervorheben werde, der in den Texten Kafkas eine Kluft zwischen „Liebesordnung und [...] Amtsordnung“ erkennt, die der Protagonist durch ein verbindendes Drittes vergeblich zu überbrücken versucht.3 Hierbei spielen Kafkas Erfahrungen mit Frauen einerseits und die innere Notwendigkeit des Schreibens andererseits eine wesentliche Rolle – ein Konflikt, der den Autor zeitlebens gleich einem inneren Prozeß begleitete. In diesem Zusammenhang gehe ich auch auf Detlef Kremers Proceß-Analyse ein, in der deutlich wird, wie stark in die Darstellung der Amtsordnung Metaphern der Schriftlichkeit einfließen und den Romanen so einen Subtext einschreiben, der vom Schreiben des Romans im Besonderen und von der (Un-) Möglichkeit hermeneutischen Verstehens andererseits, etwa durch die Schrift, handelt.4 Kafka schickt seine Protagonisten auf die Suche nach einem „gemeinsamen allgemeinen Prinzip“, das sich hinter „der Vielfalt des Besonderen“ befinden könnte.5 Josef K. und K. sehen dieses Prinzip in den hohen Herren des Gerichts und des Schlosses verkörpert. Da die Instanzen jedoch entzogen bleiben, stellt sich die Frage, ob es sich nicht um ein zielgerichtetes Gehen ohne Ziel handelt, um einen Irrweg also, für dessen Beschreitung eine unberechtigte, ja sogar sündige Hoffnung auf Erkenntnis verantwortlich gemacht werden muß.

„Im Namen unbekannter Herren“ – Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen Der Proceß und Das Schloß

1. Rechtfertigung, Anerkennung: Josef K., K. und Franz K.

[...]


1 Folgende Abkürzungen liegen dem Text zugrunde:

B = Max Brod / Franz Kafka: Eine Freundschaft. Bd. 2: Briefwechsel. Hrsg. v. Malcolm Pasley, Frankfurt a. M. 1989.
Br = Franz Kafka: Briefe 1902-1924. Lizenzausgabe v. Schocken Books New York. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1958.
ChM = Franz Kafka: Beim Bau der chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlaß. In der Fassung der Handschrift. 4. Aufl. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch, Frankfurt a. M. 1994.
H = Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1953.
J = Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt a. M. 1968.
M = Franz Kafka: Briefe an Milena. Erweiterte und neu geordnete Ausgabe. Hrsg. v. J. Born und M. Müller, Frankfurt a. M. 1983.
P = Franz Kafka: Der Proceß. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Malcom Pasley, Frankfurt a. M. 1990.
S = Franz Kafka: Das Schloß. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Malcolm Pasley, Frankfurt a. M. 1981.
SA = Franz Kafka: Das Schloß. App.-Bd. Hrsg. v. Malcom Pasley, Frankfurt a. M. 1982.
SN1 = Max Brod: 1. Nachwort zu: Franz Kafka: Das Schloß. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1951.
T = Franz Kafka: Tagebücher. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch et. al., Frankfurt a. M. 1990.

2 Jiří Strom(?)ik: Die Schuld der Schuldlosen. Das Volk im Schloßfragment. In: Das Schuldproblem bei Franz Kafka, hrsg. von der Österreichischen Franz-Kafka-Gesellschaft, Wien 1995, 79-94; 83.

3 Gerhard Neumann: Franz Kafkas Schloß-Roman. Das parasitäre Spiel der Zeichen. In: Franz Kafka: Schriftverkehr, hrsg. von Wolf Kittler und Gerhard Neumann, Freiburg im Breisgau 1990, 199-221; 212- 214.

4 Detlef Kremer: Franz Kafka, Der Proceß. In: Nach erneuter Lektüre: Franz Kafkas Der Proceß, hrsg. von Dieter Zimmermann, Würzburg 1992, 185-199; 188.

5 Strom(?)ik, 86.

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