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Autor: Matthias Amos Reinecke
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Tags: Oktober, Kindertheaters
Jahr: 2004
Seiten: 24
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 9 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 196 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-53756-8
Textauszug (computergeneriert)
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Ringvorlesung: Einführung in die Erziehungswissenschaft
Wintersemester 2003/2004, 2. Fachsemester
Der rote Oktober des russischen Kindertheaters
von: Matthias Amos Reinecke
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Revolutionstheater und dessen Akteure
3. Das Kindertheater
3.1 Das frühe Kindertheater
3.2 Die Situation der Kinder während der Oktober Revolution
3.3 Der Rote Oktober des Kindertheaters
4. Die Aufhebung des stofflichen Gefälles zwischen Kinder- und Erwachsenentheater am Beispiel des Textes „Timur und sein Trupp“
5. Methodik des Kindertheaters
6. Fazit und Ausblick auf die weitere Entwicklung des sowjetischen Kindertheaters
7. Bibliographie
1. Einleitung
Die Russische Revolution von 1917 stellt bis heute einen Wendepunkt in der Geschichte dar. Um die Ereignisse des „roten Oktobers“ nachvollziehen zu können, muss man sein Augenmerk auf die Herrschaft des Zaren richten, die der Oktoberrevolution zeitlich voraus ging. Hinter der Fassade der zaristischen Autokratie in Russland verbarg sich in Wahrheit ein regressives ländliches Wirtschaftsleben, welches seit der Abschaffung der Leibeigenschaft im wesentlichen keine Fortschritte durchlaufen hatte. Seit den 60iger Jahren des 19. Jahrhunderts traten in regelmäßigen Abständen terroristische Gruppierungen auf, die zum Ziel hatten, das herrschende System zu beenden. Alle waren von der staatlichen Armee blutigst niedergeschlagen worden. Als nun 1890 die Industrialisierung ihren Einzug feierte, wuchs die Zahl des sogenannten Industrieproletariats stetig an. Die Unzufriedenheit der Arbeiter über die Arbeits- und städtischen Lebensbedingungen trafen auf liberales westliches Gedankengut, welches mittlerweile auch nach Russland vorgedrungen war. Eine Folge davon waren die ersten Streiks der Fabrikarbeiter. 1898 wurde die marxistische Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands gegründet, welcher auch Lenin angehörte.
1905 kam es zur ersten russischen Revolution. Es handelte sich um eine Revolution, die aus drei Triebkräften gespeist wurde: Erster Motor waren bürgerliche Liberale und Konstitutionelle, an zweiter Stelle kamen Arbeiter und dritte Kraft waren die Bauern auf dem Land. Im Zuge der Ereignisse kam es in Petersburg zur Wahl des ersten Sowjets. Da die drei Strömungen jedoch verschiedene Zielsetzungen verfolgten und untereinander uneins waren, war es durch verfassungsrechtliche Zugeständnisse leicht möglich, die Revolution zu beenden. Als sich 1917 während des Weltkrieges eine allgemeine Kriegsmüdigkeit einstellte, die mit großer Unzufriedenheit bzgl. der Kriegsführung und der Regierung einherging, wurde die Forderung nach der Abdankung des Zaren erneut formuliert. Der Zar musste sich zurückziehen. Die Regierungsgeschäfte wurden bis auf weiteres von der auf die Duma gestützte Provisorische Regierung übernommen. Zeitgleich wurde der Petrograder Arbeiterrat zusammengestellt, welcher zur Übergangsregierung in Rivalität stand.
Die Mehrheit der Mitglieder des Arbeiterrates, sowie die Provisorische Regierung begnügten sich mit der Ansicht, dass die stattgefundene Revolution bürgerlich russischer Natur sei. Lenin jedoch war entschieden anderer Meinung. Die Überzahl der befreiten Menschen waren Arbeiter und Bauern, die überall von den Fabriken bis in die Heeresverbände Sowjets wählten. Dies war für ihn ein Zeichen dafür, dass die Macht bereits in die Hände der Unterdrückten übergegangen war, deren Interessen er durch die Bolschewisten vertreten sah. Im Juni 1917 vertrat er auf dem ersten Allrussischen Sowjetkongress die Meinung, dass die Regierungsgewalt ausschließlich von dem bolschewistischen Flügel übernommen werden könne. Seine Ansichten wurden belächelt, doch der Einfluss seiner Partei in den Fabriken und der Armee wurde grösser.
Die Provisorische Regierung sah sich durch das Erstarken der Bolschewiken in ihrer Position gefährdet und bezichtigte diese, umstürzlerische Propaganda zu betreiben. Lenin musste nach Finnland fliehen, das Zentrale Partei-Komitee ging in den Untergrund. Im Oktober kehrte Lenin verkleidet nach Russland zurück, um an einer Sitzung des Zentralkomitees der Partei teilzunehmen. Dabei gelang es ihm, seine Genossen davon zu überzeugen, dass man die Machtübernahme unmittelbar vorzubereiten habe.
Am 7. November besetzten nun Fabrikarbeiter der Roten Garde wichtige Positionen in Petrograd, weitere Einheiten rückten auf das Winterpalais vor. Die Provisorische Regierung brach widerstandslos zusammen. Der Coup war zeitlich so geplant worden, dass er mit dem zweiten Allrussischen Sowjetkongress zusammenfiel. Dort wurde die Auflösung der Übergangsregierung und der Übergang der Autorität auf die Sowjets proklamiert . Des weiteren wurde drei Dekrete veröffentlicht, die sofortige Friedensverhandlungen mit den kriegsführenden Parteien, eine Bodenreform und die Einsetzung einer provisorischen Arbeiter- und Bauernregierung zum Inhalt hatten. Die Alliierten fühlten sich von Russland im Kampf gegen das Deutsche Reich im Stich gelassen und landeten nach der Oktoberrevolution in Murmansk, die Japaner in Sibirien. Vom Westen her fielen die Deutschen ein. Die vom Zarenreich unterdrückten Völker riefen ihre Unabhängigkeit aus. Im Inland bildeten sich am Don, am Kuban und am Ural Kosakenheere, welche gegen die Rote Garde vorgingen. Zaristische Offiziere bildeten die Weiße Armee, die mit ausländischer Unterstützung zum Bürgerkrieg gegen die Revolutionäre rüstete. Die Minorität der Bolschewiki1 musste gleichzeitig die Bauernschaft für sich gewinnen, in Eile die Rote Armee und einen handlungsfähigen Verwaltungsrat aufbauen und die aus der zaristischen Herrschaft hervorgegangenen Rückstände überwinden. Voraussetzung dafür war, dass die noch abseits stehenden Massen sich der Revolution anschlossen. Dies war nur durch eine großangelegte Propagandaaktion zu bewerkstelligen. Filmvorführungen, Vorträge, Transparente, propagandatragende Einsenbahnzüge und Schiffe waren neben szenischen Mitteln die bevorzugtesten Behelfsmittel. Vorführtruppen der Roten Armee , sogenannte Agit-Trupps, machten Stimmung gegen sämtliche Gegner der Revolution.
Im Zuge der Massenpolarisierungsversuche wurden nun auch die Kinder fokussiert. Menschliches Material gab es in Hülle und Fülle, man musste es nur entsprechend formen, erziehen. Lenins pädagogisches Programm sah vor, dass die „kulturelle Hebung“2 der Bevölkerung erst nach der Revolution eintreten könne – nachdem die Voraussetzungen geschaffen worden waren. Schule sei dabei ein Werkzeug der Diktatur des Proletariats; sie solle aus den Schülerinnen und Schülern Aktivisten im Kampf gegen die Unterdrückung der Bürgerklasse machen. Dies freilich nur unter der Führung einer Erzieher-Elite, welche von den Ideen des Kommunismus durchdrungen war. Erziehung, das war die „dritte Front“, an denen die Bolschewisten zu kämpfen hatten3. Problematisch war nur, dass eben die entsprechende Erzieher-Elite fehlte, sie musste herangebildet werden. Zum anderen besuchten faktisch die wenigsten Kinder in den Jahren während und nach der Revolution eine Schule. Die Zustände waren verheerend.
Um dem Erziehungsauftrag der Partei nachkommen zu können, wurde schon sehr bald damit begonnen, sich das Theater dafür nutzbar zu machen. Und somit schuf man neben dem Proletariertheater für Erwachsene gleichzeitig eine weltweit einzigartige Institution, ein Theater, welches ausschließlich für Kinder gedacht war. Dabei sticht deutlich ins Auge, dass sich recht bald nach seiner Etablierung kein stoffliches Gefälle zum Erwachsenentheater mehr ausmachen ließ. Von diesem neuen Kindertheater, seine Initiatoren und seinem Programm soll nun im weiteren die Rede sein.
2. Das Revolutionstheater und dessen Akteure
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1 Der Einflussbereich der Arbeiter- und Bauernregierung erstreckte sich am Anfang im wesentlichen auf die großen Industriestädte und deren Umgebung.
2 Leonhard Froese: Russische und sowjetische Pädagogik, S.177, Heidelberg 1963
3 Arthur Holitscher: Das Theater im revolutionären Russland, S. 4, Berlin 1928
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