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Autor: Alexander Zuckschwerdt
Fach: Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Lateinamerikainstitut)
Tags: Crónica, Rekonstruktion, Ehrenmordes, García, Márquez, Werk
Jahr: 2006
Seiten: 15
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 4 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 192 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-53798-8
Die Arbeit behandelt den Roman auf 14 Seiten unter dem Gesichtspunkt der Frage nach der Schuld am Tode Santiago Nasars. Die Zitate sind im Original angeführt.
Zusammenfassung / Abstract
Als eines der wichtigsten Werke des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez nimmt dessen 1981 erschienender Bestsellerroman Crónica de una muerte anunciada (CMA) dahingehend einen besonderen Stellenwert ein, als dass er, trotz seines relativ geringen Umfangs von 118 Seiten , immer wieder neue Lesarten und Interpretationsschwerpunkte geboten hat und bietet. Trotz der vermeintlichen Klarheit des Textes, der vorgibt, eine bloße Aufzeichnung geschichtlicher Ereignisse in zeitlich genauer Reihenfolge zu sein, ergeben sich während und nach seiner Lektüre zahlreiche Fragen. Die Frage nach den Mördern des Mannes, um den sich die Erzählung dreht, wird bereits im ersten Kapitel beantwortet. Sie entspräche der typischen Leitfrage, die sich der Leser eines solchen vermeintlichen Kriminalromans stellt, d. h. bevor bzw. kurz nachdem er angefangen hat ihn zu lesen. Die Frage, die sich nach erfolgter Lektüre von CMA stellen ließe, ist die nach dem damaligen Verführer der Vicario. Die Frage jedoch, die man sich nach erfolgter Lektüre und eingehender Reflexion über den Textes stellt, ist die, der ich mich im weiteren Verlaufe dieser Abhandlung vordergründig widmen werde: die Frage nach der Schuld am Tode Santiago Nasars. Natürlich ließe sich der Text auch auf eine eher simple Rezeption beschränken, dergestalt, dass man sich als Leser eines bloßen Kriminalromans begreift, in dem es ein Opfer (Santiago Nasar) und dessen Mörder (Pablo und Pedro Vicario) gibt. Da es sich jedoch um das Werk eines der renommiertesten Literaten Lateinamerikas handelt, liegt der Schluss nahe, dass der Text wesentlich mehr als eine solch vereinfachte Deutung zulässt und, darüber hinaus, erfordert. Sind die Brüder Vicario selbständig zu dem Entschluss gekommen, den vermeintlichen Entehrer ihrer Schwester (und damit der gesamten Familie) umzubringen, oder sind sie vielmehr das ferngesteuerte Werkzeug einer gesellschaftlichen Übernorm, die ihnen stumm die Pflicht oktroyiert, ein Verbrechen zu sühnen, was lediglich in ihren Köpfen als ein solches existiert...
Textauszug (computergeneriert)
Freie Universität Berlin, -Lateinamerikainstitut-
Ü/PS: “Gabriel García Márquez: Das späte Werk“
Sommersemester 2006
Crónica de una muerte anunciada oder die
Rekonstruktion eines Ehrenmordes
von: Alexander Zuckschwerdt
Als eines der wichtigsten Werke des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez nimmt dessen 1981 erschienender Bestsellerroman Crónica de una muerte anunciada (CMA) dahingehend einen besonderen Stellenwert ein, als dass er, trotz seines relativ geringen Umfangs von 118 Seiten1, immer wieder neue Lesarten und Interpretationsschwerpunkte geboten hat und bietet. Trotz der vermeintlichen Klarheit des Textes, der vorgibt, eine bloße Aufzeichnung geschichtlicher Ereignisse in zeitlich genauer Reihenfolge2 zu sein, ergeben sich während und nach seiner Lektüre zahlreiche Fragen. Die Frage nach den Mördern des Mannes, um den sich die Erzählung dreht, wird bereits im ersten Kapitel beantwortet. Sie entspräche der typischen Leitfrage, die sich der Leser eines solchen vermeintlichen Kriminalromans stellt, d. h. bevor bzw. kurz nachdem er angefangen hat ihn zu lesen. Die Frage, die sich nach erfolgter Lektüre von CMA stellen ließe, ist die nach dem damaligen Verführer der Vicario. Die Frage jedoch, die man sich nach erfolgter Lektüre und eingehender Reflexion über den Textes stellt, ist die, der ich mich im weiteren Verlaufe dieser Abhandlung vordergründig widmen werde: die Frage nach der Schuld am Tode Santiago Nasars. Natürlich ließe sich der Text auch auf eine eher simple Rezeption beschränken, dergestalt, dass man sich als Leser eines bloßen Kriminalromans begreift, in dem es ein Opfer (Santiago Nasar) und dessen Mörder (Pablo und Pedro Vicario) gibt. Da es sich jedoch um das Werk eines der renommiertesten Literaten Lateinamerikas handelt, liegt der Schluss nahe, dass der Text wesentlich mehr als eine solch vereinfachte Deutung zulässt und, darüber hinaus, erfordert.
Sind die Brüder Vicario selbständig zu dem Entschluss gekommen, den vermeintlichen Entehrer ihrer Schwester (und damit der gesamten Familie) umzubringen, oder sind sie vielmehr das ferngesteuerte Werkzeug einer gesellschaftlichen Übernorm, die ihnen stumm die Pflicht oktroyiert, ein Verbrechen zu sühnen, was lediglich in ihren Köpfen als ein solches existiert. Immerhin gibt es niemanden, der physischen, ja nicht einmal psychischen Schaden aus der heimlichen Liaison zwischen Santiago Nasar und Ángela Vicario – insofern es diese überhaupt gegeben hat – trägt. Die Entehrung einer Frau und die damit einhergehende Diffamierung der Familie der Frau lassen sich in mehreren Kulturkreisen feststellen. Jedoch werden diese Kulturen, zumindest aus westlicher Sichtweise beurteilt, als archaisch und sehr fragwürdig in Bezug auf die Wahrung der Menschenrechte wahrgenommen. So ließe sich beispielsweise in einem westeuropäischen Land ein solcher „Ehrenmord“ unter keinen Umständen rechtfertigen, was man z. B. an dem Fall der in Berlin-Tempelhof am 13. Februar 2005 von dem jüngsten ihrer drei Brüder getöteten Türkin Hatin Sürücü (23) und der daraus resultierenden Haftstrafe für den Täter (insofern ihm die Schuld nachgewiesen werden kann) sehen kann3. Im Gegensatz zu dem Fall Ángela Vicario richtete sich die Rache der türkischstämmigen Brüder (alle drei sollen den Mord geplant haben) jedoch direkt an ihre Schwester. Die Brüder sollen die „unmoralische“ westliche Lebensweise ihrer Schwester verurteilt und daraus ihre Rechtfertigung für den Mord gezogen haben. Das Tatmotiv und vor allem die Absicht, die dem Mord vorausgingen, waren allerdings in beiden Fällen vergleichbar: Es sollte die beschmutzte Ehre der gesamten Familie wieder rein gewaschen werden, nur dass in unserem literarisch verarbeiteten (aber weder rein fiktiven noch fiktionalen4) Beispiel die Entehrte, also Ángela Vicario, weiterhin als Teil der Familie gesehen wird, wohingegen die junge Türkin als Abtrünnige und Ausgestoßene in den Augen ihrer Brüder galt.
Dass die Brüder Vicario kein persönliches Bereicherungsmoment in ihrer Tat sehen, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, wie oft im Text der Umstand erwähnt wird, dass sie zahlreichen Bewohnern des namenlosen Ortes in den anderthalb Stunden erzählte Zeit ihr Vorhaben anvertrauen. Selbst nachdem sie bereits vom Bürgermeister Lázaro Aponte entwaffnet worden sind, woraufhin sie sich neue Messer beschaffen, erzählen sie samt dem Bruder des Erzählers (Luis Enrique5) noch dreizehn weiteren Personen, die an diesem Morgen in den Milchladen von Clotilde Armenta kommen und von denen wiederum einige die Nachricht weiter tragen, von dem bevorstehenden Mord. Nicht zu unrecht stellt der Erzähler fest: Nunca hubo una muerte más anunciada6.
[...]
1 García Márquez, Gabriel (¹⁵1991): Crónica de una muerte anunciada. Madrid: Mondadori.
2 Definition des Wortes Chronik aus: Duden Fremdwörterbuch (2005). Hg. von Matthias Wermke (Vors.). Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG.
3 Vergleiche hierzu: www.rafranke.blogspot.com/2005/02/nach-tdlichen-schssen-auf-der-strae.html
4 CMA basiert in der Tat auf einem wahren, dem Autor widerfahrenen Ereignis, welches sich knapp 28 Jahre vor der Niederschrift des Romans in Sucre zutrug. García Márquez und einige seiner Familienmitglieder waren selbst in die Vorgänge involviert und erscheinen auch im Roman unter Nennung ihrer realen Namen. CMA lässt sich also als Rekonstruktionsversuch der damaligen Geschehnisse verstehen und erhebt durch die tatsächlich stattgefundene Recherchearbeit des Autors einen hohen Anspruch auf Authentizität.
5 Luis Enrique ist der Name des Bruders des Autors, genauso wie auch Jaime der Name eines Bruders des Erzählers und Autors ist, was nur ein Anhaltspunkt dafür sein soll, dass man im Falle von CMA eine Gleichung aufstellen kann, die normalerweise strikt zu vermeiden ist (außer natürlich in Biographien), nämlich: Erzähler = Autor. Es tauchen darüber hinaus noch weitere Namen einiger Familienangehörigen von García Márquez in dem Roman auf, u. a. der seiner Mutter und seiner Großmutter.
6 García Márquez, Crónica de una muerte anunciada, S. 55.
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