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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 53 Pages
Author: Sebastian Muthig
Subject: Sociology - Classics, Basics and Theoretical Directions
Details
Institution/College: University of Frankfurt (Main) (Gesellschaftswissenschaften)
Tags: Dialektik, Aufklärung, Unbehagen, Kultur, Charakter, Determinante, Ideologie, Präferenz, Autorität, Gehorsam, Familie, Individuation, F-Skala, Antisemitismus, Nazismus, Trieb, Freud, Fromm, Adorno
Year: 2000
Pages: 53
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13717-1
File size: 305 KB
Arbeit in Tradition der klassischen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. 419 KB
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Excerpt (computer-generated)
J.W. Goethe Universität Frankfurt/M. (WS1999/2000)
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften (Fb 03)
Seminar: ,,Die Begriffe Faschismus - Nationalsozialismus und ihre Verwendung in der Goldhagen-Kontroverse" (HS/Spsy)
Hausarbeit zum Thema:
,,Dialektik der Aufklärung"
Vorgelegt von : Sebastian Muthig
Studienrichtung: Dipl.- Soziologie
Fachsemester : 07
Inhaltsverzeichnis
Prolog 3
1. Das Unbehagen in der Kultur 6
1.1. Die Ontogenese des Realitätsprinzips 6
1.2. Ersatzbefriedigung, Religion und Sublimierung 6
1.3. Kulturanforderungen 7
1.4. Liebe und Vergesellschaftung 8
1.5. Aggressionstrieb und Kultur 9
1.6. Genese von ,,Über-Ich" und Gewissen 11
1.7. Das Unbehagen unter dem ,,Kultur-Über-Ich" 12
2. Grenzen der Aufklärung 13
2.1. Das Verhältnis der Juden zur bestehenden Ordnung 13
2.2. Antisemitismus als Ideologie eines ,,dynamischen Idealismus" 14
2.3. Die sozio-ökonomischen Ursachen des Antisemitismus 16
2.4. Die religiösen Motive des Antisemitismus 17
2.5. Die Ursachen der Idiosynkrasie als Konstituens des Antisemitismus 18
2.6. Die pathische Projektion und paranoische Reaktionsform 20
2.7. Die psychologische Enteignung der Triebökonomie der Subjekte und die ,,Ticketmentalität" als Resultat des Wirtschaftsprozesses 25
3. Der Charakter als Determinante ideologischer Präferenzen 28
3.1. Der Individuationsprozeß 29
3.2. Autorität und Familie 20
3.2. Kausalität von Ideologie und Charakter 33
3.3. Konstruktion der F-Skala/psychologische Variablen 34
4. Typologie der Vorurteilsvollen und Vorurteilsfreien Charakterstrukturen 36
4.1. Das ,,Oberflächenressentiment" und der ,,starre Vorurteilsfreie" 36
4.2. Das ,,konventionelle Syndrom" 37
4.3. Das ,,autoritäre" Syndrom 38
4.4. Der ,,Rebell" und ,,Psychopath" (Rowdy) 42
4.5. Der ,,Spinner" 44
4.6. Der ,,manipulative" Typus 44
4.7 Der ,,genuine Liberale" 46
5. Die Psychologie des Nazismus 47
5.1. Die psychologischen Bedingungen 47
5.2. Die wirtschaftlichen und politischen Ursachen 48
5.3. Die Ideologie 48
6. Epilog 50
7. Bibliographie 52
Prolog
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich am 30.1.1933 und dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, scheiterte der Versuch einer parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Die Weimarer Republik erlebte ihren Untergang mit dem Aufstieg des Faschismus und des Dritten Reiches. Mit dem Nazismus folgte die planmäßige Verfolgung und Vernichtung von 6 Millionen Juden, Hunderttausenden slawischen ,,Untermenschen", Sinti und Roma, ,,Asozialen", Behinderten, Homosexuellen, Angehörigen von religiösen Minderheiten, politisch Andersdenkenden und Intellektuellen. Diese Terrorherrschaft mündete in den Zweiten Weltkrieg mit seinen mehr als 55 Millionen Toten. Ein zentrales Thema für die damals exilierten Mitglieder der Frankfurter Schule war die nicht zu leugnende schnelle Anpassung der deutschen Arbeiterschaft an das nationalsozialistische Herrschaftssystem. Hier drängte sich eine Verbindung von sozio-ökonomischen Strukturen und sozialpsychologischen Dispositionen geradezu auf. Ein Großteil der im Exil verfaßten Werke hatten den Nazismus, Antisemitismus und allgemein Autoritätsunterwürfigkeit zum Gegenstand.
Ganz in dieser Tradition der Frankfurter Schule erschien 1944 das Werk die ,,Dialektik der Aufklärung"1 von Horkheimer und Adorno, welche beide im Exil existentiell am Holocaust gelitten hatten. In diesem Buch wird die von Ohnmachtsgefühlen begleitete Skepsis und der tiefe Pessimismus in den Analysen besonders deutlich. Wie in allen im Exil entstandenen Werken, zeugt auch dieses von der Überzeugung der Autoren, daß das Schicksal der Menschengesellschaft ein schlimmes Ende nehmen wird. Es geht nicht länger um die Verhinderung des Schlimmsten, um die Befreiung der Menschen, sondern nur noch um die Verhinderung des Schlimmsten, nämlich eine Verhinderung des Holocaust in einer faschistischen Welt. In der ,,Dialektik der Aufklärung" wird von beiden Autoren der Versuch unternommen, die psychologischen Elemente des Antisemitismus zu bestimmen und zu analysieren. Im Verlauf ihrer Analyse kommen beide Autoren zu dem Schluß, daß sich das Postulat der Aufklärung (Autonomie und Freiheit durch logischen Rationalismus) als des ,,Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" mittels der Devise ,,Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" (Kant) als Trugschluß erwiesen hat. ,,Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten." (Vgl. Horkheimer u. Adorno, Dialektik der Aufklärung; S.16f.). Aus dem ,,stahlharten Gehäuse" der Moderne (Max Weber) war eine ,,Wirklichkeit als Hölle" geworden. In Teil 2 dieses Exposés werde ich den Versuch unternehmen ihre zentrale philosophisch rationalitätskritische, dialektische Sicht der Aufklärung in bezug auf den Holocaust zu rekonstruieren.
Adornos ,,Studien zum autoritären Charakter"2 entstanden 1950 vor dem Hintergrund der allgemeinen, vor allem aber der sozialpsychologischen, Erklärungsversuche hinsichtlich der Anfälligkeit von Individuen für faschistische Ideologien, mit der Absicht solchen Phänomenen entgegenarbeiten zu können. Er orientierte sich an der Hypothese, daß politische, ökonomische und soziale Überzeugungen Einfluß auf die Charakterstrukturbildung nehmen, welche sich in potentiell antidemokratischen oder faschistischen Tendenzen äußern. Zu beantworten versuchte Adorno die Fragen: Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Determinanten liegen dem zugrunde? Wie sieht das potentiell faschistische Individuum aus? Warum gibt es Personen, denen solches Denken nicht eigen ist? Er gelangte zu der Einsicht, daß eine Korrelation zwischen den fundamentalen strukturellen Familienverhältnissen und dem ,,autoritären Charakter" besteht. Die allgemeine Aufgeschlossenheit der Eltern, vor allem die dem Kind durch die Mutter entgegengebrachte Liebe sind die bedeutendsten Faktoren, die für die Ausbildung einer ,,vorurteilsfreien" Charakterstruktur verantwortlich sind. Da seiner Auffassung nach eine solche Analyse nur durch eine sozialwissenschaftlich bezogene Psychoanalyse gewährleistet werden kann, lag das Hauptgewicht seiner Erklärungsversuche der Charakterstrukturen auf der spezifischen Lösung der ödipalen Konfliktsituation3 und ist somit stark an Freud orientiert. Bei den direkt zu messenden und zu beobachtenden Aspekten der Charakterstruktur folgt er dagegen in erster Linie der akademischen Psychologie.
In Teil 3 werde ich somit eine Einführung in die soziologischen, sozialpsychologischen und psycho-analytischen Grund- und Ausgangsüberlegungen geben um anschließend in Teil 4 schließlich zu einer Typologie der (anti-) autoritären Charaktere finden.
Freuds Auffassung von den menschlichen Beziehungen entspricht folgender: Der Einzelne ist mit biologischen Trieben ausgestattet, welche unbedingt befriedigt werden müssen. Für die Triebbefriedigung tritt das Individuum mit Objekten in Interaktion, wobei die Beziehung stets Mittel zum Zweck, aber niemals Selbstzweck ist. Durch die gesellschaftliche Unterdrückung von bestimmten Trieben kommt es zu deren Sublimierung in kulturell wertvolle Strebungen. Die Relation des Einzelnen zur Gesellschaft ändert sich nur soweit, als es durch die verstärkt gesellschaftliche Repression der Triebe (um so eine weiter stärkere Sublimierung zu erzwingen) oder die vermehrte, sozial legitimierte Triebbefriedigung (und dafür Kultur opfert) es dazu in der Lage ist. Da Freuds psychoanalytische Kulturtheorie4 den psychoanalytischen Bezugspunkt der Arbeit des Instituts darstellt, erscheint es mir aus heuristischer Sicht notwendig diese zu Beginn im 1. Teil zu skizzieren, da sie den Ausgangspunkt der weiteren sozialpsychologischen und -philosophischen Reflexionen darstellt.
Von Freuds Interpretationshaltung weicht Erich Fromms Standpunkt in seinem Werk ,,Die Furcht vor der Freiheit"5 ab. ,,Die These dieses Buches lautet, daß der modernen Mensch, nachdem er sich von den Fesseln der vorindustrialistischen Gesellschaft befreite, die ihm gleichzeitig Sicherheit gab und Grenzen setzte, sich noch nicht an die Freiheit - verstanden als die positive Verwirklichung seines individuellen Selbst - errungen hat; d.h., daß er noch nicht gelernt hat, seine intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Möglichkeiten voll zum Ausdruck zu bringen. Die Freiheit hat ihm zwar Unabhängigkeit und Rationalität ermöglicht, aber sie hat ihn isoliert und dabei ängstlich und ohnmächtig gemacht. Diese Isolierung kann der Mensch nicht ertragen, und er sieht sich vor die Alternative gestellt, entweder der Last seiner Freiheit zu entfliehen und sich aufs neue in Abhängigkeit und Unterwerfung zu begeben oder voranzuschreiten zur vollen Verwirklichung jener positiven Freiheit, die sich auf die Einzigartigkeit und Individualität des Menschen gründet." (Fromm, Erich; ibid.; S.7f.). Seine Analyse gründet auf der Überzeugung, daß das Hauptproblem der Psychologie nicht die Befriedigung oder Nicht-Befriedigung von triebhaften Bedürfnissen an sich ist, sondern die spezifische Art der Bezogenheit des Individuums zur Außenwelt. An Stelle der ödipalen Konfliktsituation und deren spezifischen Lösung (bei Adorno) postuliert Fromm das Primat des Individuationsprozesses, - die Loslösung von den primären Bindungen -, dessen weitreichende Auswirkungen zu einer potentiell autoritären Charakterstrukturbildung führen können. Im Gegensatz zu Freud stehen seiner Meinung nach Triebbefriedigung und Kultur in einem umgekehrten Verhältnis: je größer die soziale Repression desto größer ist die Kultur und die Disposition zu neurotischen Störungen. In Bezug auf die Relation Gesellschaft - Individuum differiert Fromms Vorstellung einer dynamischen Beziehung im Kontrast zu Freuds statischer: die Gesellschaft hat nicht nur die Aufgabe der Unterdrückung von Bedürfnissen, sondern auch kreative Funktionen. So sind jene Triebe, welche die Unterschiede im Charakter der Menschen bedingen (z.B. Liebe, Haß, das Streben nach Macht und das Verlangen sich zu unterwerfen, etc.), Produkte des gesellschaftlichen Prozesses. Neben der Beantwortung der bereits oben angeführten Fragen gilt mein Interesse im 5. Teil desweiteren der Psychologie des Nationalsozialismus selbst: Was war so besonderes an dieser Ideologie, daß ihr Millionen Menschen bereitwillig folgten? Wie ist es zu erklären, daß sich eine so offensichtlich irrationale Ideologie solcher Popularität erfreuen und manifestieren konnte?
Kurzum, es geht mir um eine Analyse des Phänomens der Autoritätsunterwürfigkeit aus einer freudo-dialektischen Perspektiven vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Faschismus.
1. Das Unbehagen in der Kultur
1.1. Die Ontogenese des Realitätsprinzips
[...]
1 Horkheimer, Max (1944); Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente; Gesammelte Schriften, Bd. 3; Suhrkamp, Frankfurt/M. 1973.
2 Adorno, Theodor W. (1950); Studien zum autoritären Charakter; Frankfurt a. M. 1973.
3 In der ödipalen, der Latenz vorausgehenden infantilen, Entwicklungsphase sind nach psychoanalytischer Auffassung inzestuöse, aus der libidinösen Bindung an den jeweils gegengeschlechtlichen Elternteil herzu-leitende Triebregungen vorherrschend, deren (Un-) Befriedigung oft als Ursache später auftretender Neurosen, Perversionen oder der sexuellen Inversion betrachtet wird. Die ödipale Komponente entwickelt sich im Alter zwischen 3 und 6 Jahren, wobei die diadische (Mutter-Kind) von der triadischen (Vater-Mutter-Kind) Interaktion abgelöst wird.
4 Freud, S.; Das Unbehagen in der Kultur; in: Gesammelte Werke Bd. XIV. Werke aus den Jahren 1925-1931.
5 Fromm, Erich (1941); Die Furcht vor der Freiheit; München, 1990.
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