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Zum Frauenbild in Neidharts Winter- und Sommerliedern

Subtitle: Ein Liedvergleich zwischen WL 9 und SL 1

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 28 Pages
Author: Vera Fischer
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: Hauptseminar:„Lyrik des hohen und späten Mittelalters“
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für ältere deutsche Literatur)
Tags: Frauenbild, Neidharts, Winter-, Sommerliedern, Hauptseminar, Mittelalters“
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 28
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V60356
ISBN (E-book): 978-3-638-54056-8
ISBN (Book): 978-3-638-66737-1
File size: 226 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit hat sich zwei Ziele gesetzt. Zum einen möchte sie dem Leser einen ersten Eindruck des mittelalterlichen Dichters Neidhart, seines Werkes und seiner Besonderheiten vermitteln. Zum anderen soll es darum gehen, vor dem Hintergrund der Frage nach einem möglichen Neidhartschen „Frauenbild“, zwei seiner Lieder detailliert zu analysieren und zueinander in Beziehung zu setzen. Warum aber stellen die Lieder Neidharts und darunter im Besondern die so genannten Sommerlieder nun einen Sonderfall dar? Entscheidend ist die Tatsache, dass Neidhart die Frau zur zentralen Figur seiner Sommerlieder macht und das Frauenlied bei ihm somit nicht als eines unter vielen erscheint, sondern in den Sommerliedern eine eigene Gattung konstituiert. Doch nicht nur die Sommerlieder erweisen sich in Bezug auf die Beantwortung einer solchen Frage als produktiv. Neidhart hat neben den Sommerliedern noch ein weiteres großes Liedcorpus hinterlassen, die so genannten Winterlieder. Diese sind wiederum so interessant für die Beantwortung der Frage, da sie durch die Verkehrung des etablierten Minneschemas des Hohen Sang einen neuen Blick auf die Rolle der Frau freilegen. Vorausgesetzt ist in bei dieser Unternehmung selbstverständlich die Tatsache, dass alle Annahmen zu Neidharts Frauenbild abgeleitet von seinem Liedcorpus nur über das in den Liedern agierende lyrische Ich zu treffen sind. Das heißt ein Neidhartsches Frauenbild ist in dieser Arbeit immer gekoppelt an eine autorbezogene Interpretation des lyrischen Ichs. Gewiss kann die vorliegende Arbeit nur einen exemplarischen Eindruck von Neidharts Werk vermitteln und das Neidhartsche Frauenbild bei weitem nicht erschöpfend thematisieren, doch erhebt sie den Anspruch, den Dichter Neidhart in seiner Vielseitigkeit präsentieren zu wollen und wenigstens eine Skizze seines individuellen Frauenbildes anzulegen.


Excerpt (computer-generated)

Zum Frauenbild in Neidharts Winter- und
Sommerliedern/Ein Liedvergleich zwischen WL 9 und SL 1

von: Vera Hammers

 


Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort 1

2. Der Dichter Neidhart – biographische und literarische Spuren 2

3. Die für Neidhart charakteristischen Liedtypen: Sommerlied und Winterlied 5

4. Zur Rolle der Frau in Neidharts Winterlied 9

5. Zur Rolle der Frau am Beispiel von Mutter- Tochterlied SL 1 15

6. Fazit 19

 


 

1. Vorwort

Die vorliegende Arbeit hat sich zwei Ziele gesetzt. Zum einen möchte sie dem Leser einen ersten Eindruck des mittelalterlichen Dichters Neidhart, seines Werkes und seiner Besonderheiten vermitteln. Dies erklärt, warum die Arbeit ein Portrait des Dichters und ein eigenes Kapitel zu den für ihn charakteristischen Liedtypen beinhaltet. Zum anderen soll es darum gehen, vor dem Hintergrund der Frage nach einem möglichen Neidhartschen „Frauenbild“, zwei seiner Lieder detailliert zu analysieren und zueinander in Beziehung zu setzen.

Neidharts Lieder eignen sich für diese Fragestellungen, da sie, wie Ingrid Bennewitz behauptet, einen Sonderfall unter den deutschen Frauenliedern darstellen.1 Allgemein ist zu vermerken, dass unter den deutschen Frauenliedern keine authentisch weiblichen Äußerungen zu finden sind, das heißt Lieder die nicht nur Frauenrollen entwickeln, sondern auch vom eben diesem Geschlecht geschrieben wurden. Alle Lieder dieses Typus’ sind also aus der Feder männlicher Dichter. Warum nun stellen die Lieder Neidharts und darunter im Besondern die so genannten Sommerlieder (eine nähere Erläuterung dieser Thematik erfolgt in Kap.4) aber nun einen Sonderfall dar? Entscheidend ist die Tatsache, dass Neidhart die Frau zur zentralen Figur seiner Sommerlieder macht und das Frauenlied bei ihm somit nicht als eines unter vielen erscheint, sondern in den Sommerliedern eine eigene Gattung konstituiert. Dieser Umstand, dass in den Sommerliedern immer wieder die Interaktion von Frauen verschiedenster Art bestimmend ist, macht sie für die Beantwortung der Frage nach einem Neidhartschen Frauenbild so fruchtbar.

Doch nicht nur die Sommerlieder erweisen sich in Bezug auf die Beantwortung einer solchen Frage als produktiv. Neidhart hat neben den Sommerliedern noch ein weiteres großes Liedcorpus hinterlassen, die so genannten Winterlieder. Diese sind wiederum so interessant für die Beantwortung der Frage, da sie durch die Verkehrung des etablierten Minneschemas des Hohen Sang einen neuen Blick auf die Rolle der Frau freilegen. Vorausgesetzt ist in bei dieser Unternehmung selbstverständlich die Tatsache, dass alle Annahmen zu Neidharts Frauenbild abgeleitet von seinem Liedcorpus nur über das in den Liedern agierende lyrische Ich zu treffen sind. Das heißt ein Neidhartsches Frauenbild ist in dieser Arbeit immer gekoppelt an eine autorbezogene Interpretation des lyrischen Ichs. Die Notwendigkeit, sich bei der Analyse von Frauenbildern auch immer auf die Rolle des auktorialen Ichs zu beziehen, betont auch Edith Wenzel in ihrem Vortrag zum Thema: „hêre frouwe und übelez wîp: Zur Konstruktion von Frauenbildern im Minnesang.“, in dem sie sagt: „Eine Untersuchung der Frauenrollen in der Lyrik muß […] auch immer die Rolle des auktorialen Ichs miteinbeziehen, um die Konstruktionsmechanismen in der Perspektivierung der dargebotenen Rollen zu erkennen.“2 Gewiss kann die vorliegende Arbeit nur einen exemplarischen Eindruck von Neidharts Werk vermitteln und das Neidhartsche Frauenbild bei weitem nicht erschöpfend thematisieren, doch erhebt sie den Anspruch, den Dichter Neidhart in seiner Vielseitigkeit präsentieren zu wollen und wenigstens eine Skizze seines individuellen Frauenbildes anzulegen.

2. Der Dichter Neidhart – biographische und literarische Spuren

Begegnet einem der Name des Dichters zum ersten Mal, so trifft man ihn oft in dreifacher Form an. Einmal ist von „Nîthart“ die Rede, ein andermal heißt er „Neidhart von Reuental“, dann wird nur er „Neidhart“ genannt. Insgesamt ist das Leben und Wirken dieses vielseitigen Dichters nur innerliterarisch zu fassen. So findet sich eine erste Nennung des Namens in Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“, wo Rennwart zu Tische verlauten lässt: „man muz des sîme swerte jehen, hel ez hêr Nîthart gesehen über sînen geubühel tragen, er begundez sinen friunden klagen.“ (v. 312,11)

Über 50 Nennungen des Autors in verschiedenen literarischen Zusammenhängen belegen, dass jener mhd. Lyriker zu seiner Zeit wohl nur unter dem Namen „Nîthart“ bekannt war.3 Seit der Ausgabe von Moritz Haupt aus dem Jahre 1858 wurde dem Dichter jedoch oft der ständische Beiname „von Reuental“ gegeben, den man aus seinem literarischen Werk zu gewinnen versuchte. In der Tat fällt die Ortsbezeichnung Reuental sehr häufig in Neidharts Dichtung, mögliche realhistorische Orte könnten Reuental im Freising bzw. Landshut sein. Dies erklärt sich jedoch daraus, dass es ein poetisches Spezifikum Neidharts ist, in seinen so genannten Sommerliedern einen Protagonisten mit Namen „knappe“ oder „ritter von Riuwental“ auftreten zu lassen. Diese von ihm geschaffene Kunstfigur des Ritters von Riuwental für eine persönliche Biographie des Dichters zu Grunde zu legen ist hingegen kurzschlüssig. Dass die Ortsbezeichnung „von Riuwental“ Neidharts Herkunft dokumentiert, bleibt fragwürdig und ist als das Produkt einer biographistischen Germanistik einzustufen. Nicht auszuschließen ist nämlich auch die allegorische Bedeutung der Ortsbezeichnung „Riuwental“, das man mit Jammertal von mhd. riuwen – in Betrübnis versetzen, reuen, verdrießen (z.n. Lexer, Matthias. 38. Aufl. S.170) übersetzen kann. Nicht zuletzt ist es sogar möglich, im Namen „Nîthart“ einen fiktiven Dichternamen zu sehen, so ist dessen negative Bedeutung doch „Neidling“ oder „Teufel“, was sich durchaus auf manche Liedinhalte Neidharts beziehen lässt. Am unverfänglichsten ist es wohl im Zusammenhang mit dem Dichter schlicht von Neidhart zu sprechen.

[...]


1 Vgl. Bennewitz, Ingrid: "Wie ihre Mütter"? : zur männlichen Inszenierung des weiblichen Streitgesprächs in Neidharts Sommerliedern. In: Sprachspiel und Lachkultur / hrsg. von Angela Bader ... 1994 S.178

2 Wenzel, Edith: „hêre frouwe und übelez wîp – Zur Konstruktion von Frauenbildern im Minnesang“. In: Manlîchiu wîp, wîplîch man: Zur Konstruktion der Kategorien ’Körper’ und ’Geschlecht’ in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hg. von Ingrid Bennewitz und Helmut Tervooren. Berlin 1999 (=Beihefte zur ZfdPh 9), S. 281

3 Vgl. Schweikle, Günther: Neidhart. Stuttgart 1990 (SM 253) S.51


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