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Die Kriminalautorin als Beobachterin der zeitgenössischen britischen Gesellschaft und Kultur

Diploma Thesis, 2006, 138 Pages
Author: Dipl.-Hdl. Katja Zimmerling
Subject: English Language and Literature Studies - Literature

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 138
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 48  Entries
Language: German
Archive No.: V60446
ISBN (E-book): 978-3-638-54121-3

File size: 557 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Bamberg

Die Kriminalautorin als Beobachterin der zeitgenössischen britischen Gesellschaft und Kultur

Katja Zimmerling

 

Inhaltsverzeichnis


1. Fragestellung und theoretische Grundlagen ... 4

1.1. Zielsetzung und Forschungslage ... 4
1.2. Allgemeines zu Kriminalroman und Detektivroman ... 9
1.2.1. Entstehungsgeschichte ... 9
1.2.2. Gattungsstruktur und Typologie ... 15

2. Gesellschaft und Kultur in den Detektivromanen von Ruth Rendell ... 17

2.1. Die Geschlechterrollen im Wandel der Zeit ... 19
2.1.1. Das Berufsleben ... 19
2.1.2. Das Privatleben ... 29
2.2. Die britische Klassengesellschaft ... 36
2.3. Metafiktion in den Detektivromanen von Ruth Rendell ... 41

3. Gesellschaft und Kultur in den Kriminalromanen von Barbara Vine ... 47

3.1. Das gesellschaftliche Leben im Wandel der Zeit ... 48
3.1.1. Die Rolle der Frau ... 48
3.1.2. Die britische Klassengesellschaft ... 59
3.2. Metafiktion in den Kriminalromanen von Barbara Vine ... 65

4. Gesellschaft und Kultur in den Kriminalromanen von Frances Fyfield ... 74

4.1. Die Rollenverteilung in der Gesellschaft ... 75
4.1.1. Das Berufsleben ... 75
4.1.2. Familie und Freundeskreis ... 83
4.2. Politik und Gesellschaft ... 100
4.3. Glaube in der Gesellschaft ... 104

5. Gesellschaft und Kultur in den Kriminalromanen von Minette Walters ... 109

5.1. Die Geschlechterrollen in den 1990er Jahren ... 110
5.2. Familie, Freundschaften und Beziehungen ... 117
5.3. Metafiktion in den Kriminalromanen von Minette Walters ... 123

6. Zusammenfassung der Ergebnisse ... 129

Bibliographie ... 136

I. Primärliteratur ... 136
II. Sekundärliteratur ... 136

 

 

1. Fragestellung und theoretische Grundlagen


1.1. Zielsetzung und Forschungslage

Bereits 1966 verfasste Richard Gerber einen Aufsatz, in dem er u.a. beschreibt, wie er während seiner Studienzeit im England der Nachkriegszeit erfuhr, dass Kriminalliteratur dort zu den drei meistgelesenen Literaturgattungen zählt: „There are only three kinds of books people read: romances, westerns and crime“1, wurde ihm von einem Buchhändler mitgeteilt. Der Kriminalautor Robert Barnard schrieb 1980, dass z. B. Agatha Christie, die ‚Queen of Crime’, mit einer halben Milliarde verkaufter Bücher nach der Bibel und Shakespeare die Autorin sei, deren Werke weltweit am meisten abgesetzt werden.2 Tatsächlich stehen auch heute noch zu dieser Gattung gehörige Bücher auf den Bestsellerlisten ganz oben. Stephen Knight bemerkt hierzu, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts und 25 Jahre nach Agatha Christies Tod bereits über eine Milliarde ihrer Romane verkauft worden seien. Außerdem zeige eine weltweit durchgeführte Schätzung, dass etwa ein Drittel der englischsprachigen Romanliteratur zum Genre der Kriminalliteratur gehöre.3 Hier lässt sich bereits ahnen, dass aufgrund der großen Vielfalt und Vielschichtigkeit der auf dem Markt vorhandenen Werke von Kriminalautoren die Definition des Genres ‚Kriminalliteratur’ sowie seiner Subgenres ein nicht gerade einfaches Unterfangen ist. Knappe Definitionsversuche wie z. B. von Richard Alewyn stoßen aufgrund zu großer Überschneidungen und Ungenauigkeiten schnell an ihre Grenzen4. Definiert man hingegen zu umfassend, geht dies auf Kosten der Übersichtlichkeit über die daraus resultierenden unzähligen Untergattungen wie u. a. bei Stephen Knight5. Aus diesen Gründen soll in der folgenden Untersuchung lediglich die Hauptgattung ‚Kriminalliteratur’ sowie die notwendigen Subgenres definiert werden, denen die behandelten Werke der ausgewählten Autorinnen zugeordnet werden können.

Dass für diese Arbeit die Wahl auf ausschließlich weibliche Kriminalautoren der neueren Kriminalliteratur fällt, ist einem weiteren Phänomen dieses Genres zuzuschreiben. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten wurde ein großer Teil der veröffentlichten Werke von Frauen verfasst. Dies ist nicht nur der Verdienst der Buchverlage und ihrer erfolgreichen Marketingstrategien, sondern auch des geschickten networkings von Kriminalautorinnen in Vereinigungen wie Sisters in Crime, die 1986 u. a. von Sara Paretsky gegründet wurde und 1996 das German Chapter Mörderische Schwestern hervorbrachte.6 Die Anfänge der Kriminalliteratur werden in der Fachliteratur überwiegend mit den Werken von zwei männlichen Autoren, und zwar Edgar Allen Poes The Murder in the Rue Morgue 1841 in den USA sowie Sir Arthur Canon Doyles A Study in the Scarlet 1887 in England bezeichnet. Damals dominierten generell männliche Kriminalautoren, obwohl es bereits seit den 1860er Jahren auch immer wieder Schriftstellerinnen in diesem Genre gab. Diese hatten dann vor allem im so genannten Golden Age dieser Gattung, d. h. in den 1920er und 1930er Jahren, in England größeren Erfolg als ihre männlichen Kollegen. Zu den wohl renommiertesten Vertreterinnen dieser Zeit zählen Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Margery Allingham und Josephine Tey. In den 1960er Jahren schlossen Autorinnen wie P. D. James oder Ruth Rendell nicht zuletzt wegen des Beginns der feministischen Bewegung in dieser Zeit und des damit einhergehenden Einflusses auf viele Lebensbereiche wieder an den Erfolg des oben erwähnten ‚Goldenen Zeitalters’ an. Seit den 1980er und in noch stärkerem Ausmaß seit den 1990er Jahren entwickeln britische Autorinnen wie Liza Cody, Frances Fyfield, Lynda LaPlante und Val McDermid das Genre weiter. Vor allem diese ‚neue Generation’ weiblicher Kriminalautoren bringt immer häufiger soziale und kulturelle Umbruchserscheinungen sowie damit verbundene Probleme in ihre Werke ein, anstatt den Fokus auf die bloße Klärung des Falls zu legen.7 Dies scheint auf den ersten Blick eine spezifische Entwicklung von Kriminalautorinnen zu sein, wohingegen ihre männlichen Kollegen in ihren Werken weiterhin eher die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung behandeln, d.h. die Durchsetzung der Gerechtigkeit sowie lediglich der Affirmation gesellschaftlicher Verhältnisse durch die Lösung des Falls.8

Zu derartigen Einzelaspekten in der Kriminalliteratur gibt es bis heute nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Auch Peter Nusser bemerkt in diesem Zusammenhang treffend, wie selten es Publikationen gibt, „in denen die gegenwärtigen Neuansätze eines psychologischen und gesellschaftskritischen Kriminalromans systematisch erfasst werden“.9 Dies mag, außer an den bereits erwähnten Definitionsproblemen in der Fachliteratur, zu einem großen Teil auch daran liegen, dass bis in die 1960er Jahre v. a. in Deutschland wissenschaftliche Arbeiten über Kriminalliteratur abgelehnt wurden, da diese bis dahin noch als Trivialliteratur gesehen wurde. Mittlerweile kann diese Ansicht als überwunden gelten.10 Jedoch beschränkt sich die Mehrzahl der wissenschaftlichen Arbeiten, die nicht die allgemeine Darstellung der Kriminalliteratur betreffen, bisher nur auf eine Variation der Gattung, den feministischen Kriminalroman. Knight führt hierzu allein sechs Studien an, die seit 1988 durchgeführt wurden und die er zu den bedeutendsten zählt. Als Grund hierfür erwähnt er den Anstieg von 40 Autoren in diesem Subgenre im Jahr 1980 auf 400 im Jahr 1995.11 Diese Aussage deckt sich mit der Fülle von Primär- und Sekundärliteratur, die zu diesem Thema im Rahmen der Literaturrecherche für die vorliegende Arbeit ermittelt wurden. Die Untersuchung der Behandlung der oben erwähnten sozialen und kulturellen Umbruchserscheinungen findet darin nur spärlich statt, wären aber nach Nussers Meinung „ein dringliches Desiderat“.12

 

[...]


1 Richard Gerber, „Verbrechensdichtung und Kriminalroman“, Der Kriminalroman: Poetik – Theorie – Geschichte, Hg. Jochen Vogt (München: Fink, 1998) 73.
2 Robert Barnard, A talent to deceive (New York: The Mysterious Press, 1980) 2.
3 Stephen Knight, Crime Fiction, 1800-2000: Detection, Death, Diversity (Houndmills und New York: Palgrave Macmillan, 2004) x.
4 Richard Alewyn, „Anatomie des Detektivromans“, Der Kriminalroman: Poetik – Theorie – Geschichte, Hg. Jochen Vogt (München: Fink, 1998) 53.
5 Knight, x-xv.
6 Carmen Birkle, Sabina Matter-Seibel und Patricia Plummer, „Unter der Lupe: Neue Entwicklungen in der Krimilandschaft“, Frauen auf der Spur: Kriminalautorinnen aus Deutschland, Großbritannien und den USA, Hg. Carmen Birkle, Sabina Matter-Seibel und Patricia Plummer (Tübingen: Stauffenburg, 2001) 1.
7 Birkle, Matter-Seibel und Plummer, 4-8.
8 Birkle, Matter-Seibel und Plummer, 4.
9 Peter Nusser, Der Kriminalroman, 3. Auflage (Stuttgart: Metzler, 2003) 16.
10 Michael Dunker, Beeinflussung und Steuerung des Lesers in der englischsprachigen Detektiv- und Kriminalliteratur: eine vergleichende Untersuchung zur Beziehung Autor-Text-Leser in Werken von Doyle, Christie und Highsmith (Frankfurt: Peter Lang, 1991) 10.
11 Knight, 162.
12 Nusser, 18.


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