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Scholary Paper (Seminar), 2006, 16 Pages
Author: Julia Wiedersich
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Institution/College: University of Lüneburg
Tags: Konjunkturen, Totalitarismustheorie, Zwischen, Instrumentalisierung, Erkenntnis, Vergleichende, Extremismusforschung
Year: 2006
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-54329-3
File size: 169 KB
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Abstract
Kaum ein Streit wurde erbitterter geführt, als der Streit um die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus. Vor allem Anhänger des Marxismus wehrten sich heftigst dagegen, mit ihrem Feindbild verglichen oder gar gleichgesetzt zu werden. Der Totalitarismusansatz behandelt aber Faschismus und Kommunismus gleichermaßen, da beide auffällige Gemeinsamkeiten aufweisen und die Demokratie inklusive ihrer Werte ablehnt. Steffen Kailitz zeichnet das Bild wie folgt: „Die beiden tragenden Säulen der demokratischen Verfassungsstaaten, die Akzeptanz des Pluralismus und die unbedingte Achtung der Menschenrechte, werden bewusst negiert. Der Glaube im Besitz der objektiven Wahrheit zu sein, bedingt den Versuch einer ideologischen ‚Gleichschaltung’ der Bevölkerung; damit wird der Pluralismus zerstört. Totalitarismen bedeutet der einzelne Mensch nichts und das Kollektiv alles; das ermöglicht rücksichtslose Verletzung der Menschenrechte im Namen der ‚guten’ Sache.“ 1 Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter, in dem totalitäre Systeme in Europa entstanden und wieder untergegangen sind. Damit ist es auch das Zeitalter der Theorien über den Totalitarismus. Hierbei ist zu beachten, dass es nicht „die“ erkenntnistheoretische Theorie gibt, gleichzeitig aber viele verschiedene Ansätze, die während dieser Zeit verschiedene Phasen zwischen hoher Akzeptanz und kategorischer Ablehnung durchliefen. Diese Arbeit stellt einzelne theoretische Ansätze im Zeitverlauf vor und versucht darzustellen, welche Stadien das Totalitarismuskonzept durchlaufen hat und welche Mechanismen dabei gewirkt haben. Im Anschluss daran soll ein Überblick über die aktuelle Diskussion gegeben werden, in der sich der Totalitarismusansatz der teilweise berechtigten Kritik stellen muss, um schließlich herauszufinden, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Festhalten am Konzept der Totalitarismustheorien sinnvoll ist.
Excerpt (computer-generated)
Universität Lüneburg
Seminar: „Vergleichende Extremismusforschung“
Wintersemester 2005/06, 8. Fachsemester
Konjunkturen der Totalitarismustheorie –
Zwischen politischer Instrumentalisierung und wissenschaftlicher Erkenntnis
von: Julia Wiedersich
GLIEDERUNG
1. EINLEITUNG S. 2
2. TOTALITARISMUSTHEORIEN IM WANDEL DES 20. JH. S. 2
2.1. Die Entdeckung des neuen Phänomens S. 2
2.2. Die „Klassiker“ der Totalitarismustheorie S. 5
2.3. Die Soziologisierung des Totalitarismusansatzes S. 6
2.4. Das Wiederaufleben des Totalitarismuskonzepts S. 8
3. DIE AKTUELLE DISKUSSION S. 10
4. FAZIT S. 13
1. EINLEITUNG
Kaum ein Streit wurde erbitterter geführt, als der Streit um die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus. Vor allem Anhänger Marxismus wehrten sich heftigst dagegen, mit ihrem Feindbild verglichen oder gar gleichgesetzt zu werden. Der Totalitarismusansatz behandelt aber Faschismus und Kommunismus gleichermaßen, da beide auffällige Gemeinsamkeiten aufweisen und die Demokratie inklusiver ihrer Werte ablehnt. Steffen Kailitz zeichnet das Bild wie folgt: „Die beiden tragenden Säulen der demokratischen Verfassungsstaaten, die Akzeptanz des Pluralismus und die unbedingte Achtung der Menschenrechte, werden bewusst negiert. Der Glaube im Besitz der objektiven Wahrheit zu sein, bedingt den Versuch einer ideologischen ‚Gleichschaltung’ der Bevölkerung; damit wird der Pluralismus zerstört. Totalitarismen bedeutet der einzelne Mensch nichts und das Kollektiv alles; das ermöglicht rücksichtslose Verletzung der Menschenrechte im Namen der ‚guten’ Sache.“ 1
Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter, in dem totalitäre Systeme in Europa entstanden und wieder untergegangen sind. Damit ist es auch das Zeitalter der Theorien über den Totalitarismus. Hierbei ist zu beachten, dass es nicht „die“ erkenntnistheoretische Theorie gibt, gleichzeitig aber viele verschiedene Ansätze, die während dieser Zeit verschiedene Phasen zwischen hoher Akzeptanz und kategorischer Ablehnung durchliefen. Diese Arbeit stellt die einzelne theoretische Ansätze im Zeitverlauf vor und versucht darzustellen, welche Stadien das Totalitarismuskonzept durchlaufen hat und welche Mechanismen dabei gewirkt haben. Im Anschluss daran soll ein Überblick über die aktuelle Diskussion gegeben werden, in der sich der Totalitarismusansatz der teilweise berechtigten Kritik stellen muss, um schließlich herauszufinden, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Festhalten am Konzept der Totalitarismustheorien sinnvoll ist.
2. TOTALITARISMUSTHEORIEN IM WANDEL DES 20. JH.
2.1. Die Entdeckung eines neuen Phänomens
Bereits 1919 charakterisierte der Moskauer Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ Alfons Pacquet den neuentstandenen Bolschewismus in Russland als „revolutionären Totalismus Lenins“. Der Begriff fand zu dieser Zeit aber noch keine weitere Verwendung.2 Dieses änderte sich jedoch mit der faschistischen Machtübernahme in Italien. Der Liberale Giovanni Amendola bezeichnete 1923 das als neuartig empfundene System Mussolinis als „sistema totalitario“. Mussolini selbst übernahm diesen Begriff 1925 für sein Herrschaftssystem und konnte ihm anfangs damit auch eine positive Bedeutung verleihen. 3
Ab Mitte der zwanziger Jahre zeigten sich vereinzelt erste vergleichende Betrachtungen von Bolschewismus und italienischem Faschismus, anfangs eher politischer Natur waren. Doch hob bereits 1926 der Liberaldemokrat Francesco Nitti neben den untrüglichen ideologischen Differenzen zwischen Bolschewismus und italienischem Faschismus die Gleichartigkeit der beiden Systeme hervor und bezeichnete sie als die „zwei vollkommenen Verleugnungen des liberalen Systems und der Demokratie.“ 4
Nach der Machtübernahme Hitlers wurde auch in wissenschaftlichen Studien vermehrt die Gleichartigkeit zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus erkannt und untersucht. So stellte beispielsweise Eric Voegelin bereits 1938 in „Die politischen Religionen“ fest, dass totalitäre Ideologien religionsähnliche Elemente aufwiesen. Mit Hilfe dieser „Ersatzreligion“, verbunden mit den zugehörigen pseudoreligiösen Riten, konnten Nationalsozialismus sowie Bolschewismus die Massen der säkularisierten Gesellschaft vereinnahmen. 5 Doch Nationalsozialismus und Kommunismus wurden nicht nur als gleichartig, sondern auch als zunehmende Bedrohung für demokratische Staaten, empfunden. Auf dem ersten großen Symposium über den „totalitären Staat“ hielt Carlton J.H. Hayes die Merkmale dieses neuen Phänomens - des „Totalitarismus“ – fest: Danach zeichneten sich sowohl Faschismus als auch Kommunismus durch die Monopolisierung aller Gewalten, die Einbindung der Massen, neue Formen der Propaganda, die missionarische Kraft der Ideologie, sowie die Eigendynamik der Gewalt aus.6 Zuvor hatten Hitler und Stalin einen Nicht- Angriffspakt geschlossen, was den Teilnehmern des Symposiums als Beweis für die Verwandtschaft der beiden Systeme und ihrer Verbrüderung gegen den liberalen Westen gleichkam.7 Bezeichnend für diese Auffassung stellte der Sozialforscher Franz Borkenau in seiner 1940 erschienenen Schrift „The Totalitarian Enemy“ den liberalen Staaten die totalitären Kräfte Deutschland und Sowjetunion gegenüber. Hier tritt nun auch die „polare Verwendung des Totalitarismusbegriffs am deutlichsten […] hervor“.8
[...]
1 Kailitz, Steffen, Der Streit um den Totalitarismusbegriff. Ein Spiegelbild der politischen Entwicklung, in: Jesse, Eckhard/ Kailitz Steffen (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 219.
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. Jesse, Eckhard, 1998: Die Totalitarismusforschung und ihre Repräsentanten. Konzeptionen von Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, Eric Voegelin, Ernst Nolte und Karl Dietrich Bracher, in: ApuZ, Bd. 20, S. 4 f.
4 Nitti, Francesco, 1926: Bolschewismus, Faschismus und Demokratie, München, S. 69, zit. in: Kailitz, Steffen, 1997, S.222.
5 Wippermann, Wolfgang (Hg.), 1997: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt, S. 22 f.; Jesse, 1998, S. 12 f.
6 Vgl. Jesse, 1998, S. 5.
7 Vgl. Backes, Uwe/ Jesse, Eckhard, Totalitarismus und Totalitarismusforschung. Zur Renaissance einer lange tabuisierten Konzeption, in: Jesse, E. /Kailitz, St. (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 85 f.
8 Vgl. Kraushaar, Wolfgang, Sich aufs Eis wagen.Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie, in: Jesse, Eckhard (Hg.), 1999: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. Aufl., Bonn, S. 493.;
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