Autor: M.A. Sabine Neureiter
Fach: Ägyptologie
Details
Jahr: 1994
Seiten: 37
Note: keine
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 211 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-54640-9
Erstmals publiziert in: Hartwig Altenmüller; Nicole Kloth (Hgg.), Studien zur altägyptischen Kultur (SAK), Bd. 21, Hamburg 1994, 219-254
Textauszug (computergeneriert)
Eine neue Interpretation des Archaismus
von
Sabine Neureiter
Erstmals publiziert in:
Hartwig Altenmüller; Nicole Kloth (Hgg.),
Studien zur altägyptischen Kultur (SAK),
Bd. 21, Hamburg 1994, 219-254
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung ... 3
1.1 Zu den Begriffen "Spätzeit" und "Archaismus" ... 5
2. Zur Anwendung von Interpretationen ... 6
2.1 Adolf Erman ... 6
2.2 Walther Wolf ... 7
2.3 John A. Wilson ... 9
2.4 Hellmut Brunner ... 11
2.5 Resumée ... 16
3. Zu den Grundlagen der neuen Interpretation ... 17
3.1 Einführung ... 17
3.2 Soziale Systeme ... 18
3.3 Kulturelle Konstanz und Tradition ... 19
3.4 Sozialer Wandel und soziale Veränderungen ... 20
3.5 Ethnozentrismus und Revitalisationsbewegungen ... 22
3.6 Resumée ... 23
4. Zu verschiedenen Aspekten der neuen Interpretation ... 25
4.1 Einführung ... 25
4.2 Zur Individualisierung innerhalb der Religion ... 26
4.3 Zur grenzmarkierenden Funktion der Körpersymbolik ... 29
4.4 Zur grenzmarkierenden Funktion der Schrift ... 31
4.5 Zur Legitimation der Herrschaftsträger ... 33
4.6 Resumée ... 36
Eine neue Interpretation des Archaismus 1
1. Einführung
Keinem Bearbeiter der altägyptischen Geschichte ist der Archaismus, d.h. das Zurückgreifen auf alte Kulturelemente, als ein Charakteristikum der Spätzeit entgangen. Es gibt so viele unterschiedliche Ansichten zum Archaismus und seinen Erscheinungsformen wie es Bearbeiter gibt, jedoch sind die Deutungen der Erscheinungsformen, wie sie in der Nachfolge so bedeutender Ägyptologen wie Adolf Erman oder Gaston Maspero schon seit der Jahrhundertwende (modifiziert) übernommen wurden, heute in erster Linie wissenschaftsgeschichtlich interessant.2 Bis zu den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts wurden zwar die Ausdrucksformen des Archaismus in Kunst oder Literatur untersucht, nicht jedoch der spätzeitliche Archaismus als kulturelles Phänomen.3
Der Spätzeit wurde seitens der Ägyptologie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar eine immer größer werdende Bedeutung zugesprochen, die Herangehensweise an den Archaismus als ägyptologischen Forschungsgegenstand ist heute dennoch grundsätzlich keine andere, als sie es vor den siebziger Jahren war. Auch in neueren, zeitlich und thematisch sehr begrenzten Untersuchungen werden die Formen des spätzeitlichen Archaismus nicht in einen größeren Kontext gebracht. Hier setzt die vorliegende Arbeit an: mittels soziologischer und ethnologischer Ansätze soll ein neuer Deutungsversuch des Archaismus dargestellt werden.
Zunächst sei der Begriff "Revitalisierung" eingeführt. Revitalisieren meint Wiederbeleben. Alte Kulturelemente werden aufgegriffen und neu belebt, d.h. sie werden mit neuen Inhalten gefüllt: "Wiederbelebung eines Vergangenen bedeutet auch bereits Umdeutung, denn ein kultureller Habitus, der nur noch in der Erinnerung besteht, ist, ′wiederbelebt′, nicht mehr mit sich identisch".4
Revitalisierungen finden sich in allen Kulturen; sie finden sich weltweit in den verschiedensten Ausformungen.5 Allein aus diesem Grund ist es zweckmäßig, sich zum Verständnis des Archaismus der Theorien der vergleichenden Kulturwissenschaften zu bedienen. So eröffnen sich Interpretationsmöglichkeiten, die rein ägyptologischer Betrachtungsweise entgehen müssen, zumal in der Ägyptologie, disziplinbedingt, kaum Theorien über kulturelle Phänomene existieren; zudem mangelt es oftmals an konkreten Begriffsbestimmungen oder ihrer korrekten Anwendung.
In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, den Archaismus im Kontext der sozialen Veränderungen der altägyptischen Gesellschaft, als Ausdruck eines Anpassungsprozesses, zu interpretieren. Einen Aspekt gilt es dabei besonders zu beachten: die Ägypter hinterließen keine Aussagen über den Archaismus, sie thematisierten ihn nicht. Dies ist methodisch bedeutungsvoll, denn aufgrund dieser Tatsache können Interpretationen prinzipiell zwar auf ihre Richtigkeit hin überprüft, jedoch nur eingeschränkt falsifiziert werden. Insofern bedeutet ein Auswerten sämtlicher zur Verfügung stehender Daten ebenso wenig eine Garantie für die Unanfechtbarkeit einer daraus resultierenden Interpretation wie eine Deutung anhand nur weniger oder sekundärer Quellen.6
Bevor im zweiten Kapitel verschiedene Interpretationen des spätzeitlichen Phänomens aufgezeigt werden, folgen im Anschluß einige Erläuterungen zu den Begriffen "Spätzeit" und "Archaismus". Danach werden im dritten Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen dargestellt, auf denen der neue Deutungsversuch des Archaismus basiert. Schließlich werden einige Veränderungen in einem von verschiedenen kulturellen Teilbereichen nachgezeichnet und dem Selbstverständnis der gesellschaftlichen Elite, d.h. den Herrschaftsträgern, nachgegangen. Von Bedeutung ist im Kontext dieser Arbeit ausschließlich die Tatsache, daß es aufgrund der hierarchischen Sozialstruktur in Altägypten eine Elite gab, und daß aus diesem Grund in irgendeiner Form untere soziale Gruppen existieren mußten. Es ist selbstredend, daß diese Elite eine soziale Minderheit darstellte; unerheblich ist die Frage, ob mit sozialen Schichten, Klassen, Kasten, Ständen oder sonstigem zu rechnen ist.
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1 Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um die Kurzfassung meiner unveröffentlichten Magisterarbeit mit dem Titel: Der spätzeitliche Archaismus, Ausdruck sozialen Wandels?, Hamburg 1993.
2 Bibliographische Details zum Archaismus und seinen Erscheinungen s. bes. H. Brunner, "Zum Verständnis der archaisierenden Tendenzen in der ägyptischen Spätzeit", in: Saeculum 21 (1970), 151ff; ders., "Archaismus", in: LÄ 1 (1975), 386ff; P. Der Manuelian, "Prolegomena zur Untersuchung saitischer ′Kopien′", in: SAK 10 (1983), 221ff; ders., Living in the Past. Studies in Archaism of the Egyptian Twenty-sixth Dynasty (1994) und I. Nagy, "Remarques sur les souci d′archaïsme en Egypte à l′époque Saïte", in: Acta Antiqua Acad. Scient. Hungar. 21 (1973), 53ff.
3 Die oben in Anm. 2 genannten Arbeiten von H. Brunner und I. Nagy sind bis heute die einzigen zum Archaismus als solchem.
4 W. E. Mühlmann, Chiliasmus und Nativismus. Studien zur Psychologie, Soziologie und historischen Kasuistik der Umsturzbewegungen, in: ders. (Hg.), Studien zur Soziologie der Revolution, Bd. 1 (21964), 11 (11961).
5 S. z.B. W. La Barre, "Materials for a History of Studies of Crisis Cults: A Bibliographic Essay", in: Current Anthropology 12 (1971), 3ff; G. Weiss, "Revitalisationsbewegungen", in: W. Hirschberg (Hg.), Neues Wörterbuch der Völkerkunde (1988), 403.
6 Vgl. H. Brunner, in: LÄ 1 (1975), 394; P. Der Manuelian, in: SAK 10 (1983), 222; ders., Living in the Past (1994), 387.
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