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Autor: Tobias Lugauer
Fach: Wirtschaft - Volkswirtschaftslehre
Details
Institution/Hochschule: Universität Regensburg (Wirtschaftsgeschichte)
Tags: soziale Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack
Jahr: 2002
Seiten: 52
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 354 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-13831-4
ISBN (Buch): 978-3-638-71494-5
Zusammenfassung / Abstract
Die geistigen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft Nach den negativen Erfahrungen mit den Ordnungskonzepten des klassischen Liberalismus im 19. Jahrhundert, dem Interventionismus der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Planwirtschaft und Diktatur, wurde eine neue Idee zur Ordnung der Wirtschaft entwickelt. Diese neue Wirtschaftsordnung stellte eine Abkehr von früheren Ordnungskonzepten dar. Bei der laissez-faire-Politik des 19. Jahrhunderts stand die Entscheidung des Einzelnen im Vordergrund, die unabhängig vom Staat getroffen wurde. Um die Kosten einer Ressourcenverschwendung durch eine Anarchie zu vermeiden, wurde jedoch vom Staat ein Rechtsrahmen geschaffen, um beispielsweise die Entfaltung der Menschen durch Grundrechte zu gewährleisten. Dennoch entstand aufgrund fehlender staatlicher Überwachung eine Tendenz zu Kartellisierung und Monopolisierung der Wirtschaft. Diese Machtstrukturen führten dazu, dass eine breite Gesellschaftsschicht, die ,,Arbeiterklasse", ausgebeutet wurde, da der vorteilhafte, freiwillige Tausch, wie ihn eine funktionierende Wettbewerbsordnung beinhaltet, gelähmt wurde. Die Zentralverwaltungswirtschaft des NS-Regimes stellte keine effiziente Alternative zur Wirtschaftsordnung des 19. Jahrhunderts dar. Es fand eine staatliche bzw. zentrale Planung, Entscheidung, Lenkung sowie Kontrolle der Wirtschaft statt. Schon während des 2. Weltkrieges erkannten mehrere Ökonomen, dass Unterversorgung und akute Wirtschaftsprobleme nur teilweise durch den Krieg verursacht wurden. Die Fehllenkung der Zentralverwaltungswirtschaft führte zum Zusammenbruch der Wirtschaftskräfte1. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Aufteilung Deutschlands in die Besatzungszonen Ost und West, sollte ein sogenannter ,,dritter Weg" zwischen Sozialismus und Kapitalismus gefunden werden. Diese Lösung war ein Mittelweg zwischen dem neuen Wirtschaftsliberalismus der Freiburger Schule und dem freiheitlichen bzw. demokratischen Sozialismus.
Textauszug (computergeneriert)
Seminar im Fach Wirtschaftsgeschichte
,,Das Ordnungsprinzip Marktwirtschaft in historischer Perspektive"
,,Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft"
Universität Regensburg
Sommersemester 2002
Abgabetermin: 31.05.2002
Tobias Lugauer
Fachrichtung: VWL
Gliederung
I. Entstehung und Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft
1. Die geistigen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft
2. Wesentliche Prinzipien der Freiburger Schule
3. Alfred Müller-Armack - Begründer der Sozialen Marktwirtschaft
4. Politische Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft durch Ludwig Erhard
II. Wesentliche Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft
1. Privateigentum und Tausch
2. Die Tragödie der Allmende
3. Wettbewerb und Freiheit
4. Soziale Sicherung in Deutschland
4.1 Ausgestaltung der sozialen Sicherung am
Beispiel der gesetzlichen Krankenversicherung
4.2 Ausgestaltung der sozialen Sicherung am
Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung
5. Empirie zum Sozialstaat Deutschland
III. Grenzen der Sozialen Marktwirtschaft
IV. Literaturverzeichnis
V. Eidesstattliche Erklärung
I. Entstehung und Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft
I.1 Die geistigen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft
Nach den negativen Erfahrungen mit den Ordnungskonzepten des klassischen Liberalismus im 19. Jahrhundert, dem Interventionismus der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Planwirtschaft und Diktatur, wurde eine neue Idee zur Ordnung der Wirtschaft entwickelt. Diese neue Wirtschaftsordnung stellte eine Abkehr von früheren Ordnungskonzepten dar. Bei der laissez-faire-Politik des 19. Jahrhunderts stand die Entscheidung des Einzelnen im Vordergrund, die unabhängig vom Staat getroffen wurde. Um die Kosten einer Ressourcenverschwendung durch eine Anarchie zu vermeiden, wurde jedoch vom Staat ein Rechtsrahmen geschaffen, um beispielsweise die Entfaltung der Menschen durch Grundrechte zu gewährleisten. Dennoch entstand aufgrund fehlender staatlicher Überwachung eine Tendenz zu Kartellisierung und Monopolisierung der Wirtschaft. Diese Machtstrukturen führten dazu, dass eine breite Gesellschaftsschicht, die ,,Arbeiterklasse", ausgebeutet wurde, da der vorteilhafte, freiwillige Tausch, wie ihn eine funktionierende Wettbewerbsordnung beinhaltet, gelähmt wurde. Die Zentralverwaltungswirtschaft des NS-Regimes stellte keine effiziente Alternative zur Wirtschaftsordnung des 19. Jahrhunderts dar. Es fand eine staatliche bzw. zentrale Planung, Entscheidung, Lenkung sowie Kontrolle der Wirtschaft statt. Schon während des 2. Weltkrieges erkannten mehrere Ökonomen, dass Unterversorgung und akute Wirtschaftsprobleme nur teilweise durch den Krieg verursacht wurden. Die Fehllenkung der Zentralverwaltungswirtschaft führte zum Zusammenbruch der Wirtschaftskräfte1. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Aufteilung Deutschlands in die Besatzungszonen Ost und West, sollte ein sogenannter ,,dritter Weg" zwischen Sozialismus und Kapitalismus gefunden werden. Diese Lösung war ein Mittelweg zwischen dem neuen Wirtschaftsliberalismus der Freiburger Schule und dem freiheitlichen bzw. demokratischen Sozialismus.
Jedoch waren viele Ökonomen skeptisch, was eine freie Marktwirtschaft anbetraf. In der unmittelbaren Nachkriegszeit bestanden große Versorgungsprobleme und Erinnerungen an die Große Depression und Hyperinflation der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, vor der staatlichen Wirtschaftslenkung des Nationalsozialismus wurden geweckt. Selbst Befürworter einer freien Marktwirtschaft, wie Carl Goerdeler, äußerten Zweifel am sofortigen Übergang von einer Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Goerdeler verfolgte als oberstes Ziel die gegenwärtige Lage der Nachkriegszeit zu verbessern und erst allmählich zu einer freiheitlichen Marktwirtschaft überzugehen: ,,Solange Knappheit an wichtigsten Lebensgütern und den zu ihrer Herstellung erforderlichen Rohstoffen besteht, muss die jetzige Planwirtschaft beibehalten werden. Die totale Politik des Staates auf allen Gebieten muss als Wichtigstes anstreben, dass die Mangellage so schnell wie möglich beseitigt wird. In dem Maße, in dem diese Politik Erfolg hat, wird die Planwirtschaft abgebaut, bis ihre letzten Reste eines Tages verschwinden können2".
Es existierte anfangs nur eine Minderheit, welche für die Einführung des Ordnungsprinzip einer freiheitlichen Marktwirtschaft eintrat. Sie äußerte ihre Vorstellung und Meinung aktiv in Aufsätzen, Denkschriften und Vorträgen.
Hauptsächlich entwickelte sich die wirtschaftspolitische Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft aus den Leitideen des Ordoliberalismus der Freiburger Schule, dem neuen Wirtschaftsliberalismus um Walter Eucken. Als weiterer wichtiger Hauptvertreter und Begründer des Begriffs und Inhalts der Sozialen Marktwirtschaft ist Alfred Müller-Armack zu nennen. Er konstruierte den Begriff ,,sozial" als Vertreter der christlichen Soziallehre. ,,Sie (die Soziale Marktwirtschaft, Anm. des Verf.) steht für eine theoretische Konzeption, die ein Leitbild beinhaltet, das - einem Wegweiser vergleichbar - in eine bestimmte ordnungspolitische Richtung weist, aber natürlich nicht ohne weiteres mit einer bestimmten wirtschaftlichen Realität gleichgesetzt werden kann. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Stilgedanken im Sinne eines durchgängigen, die verschiedenen Erscheinungsformen einer Zeit prägenden Gestaltungsprinzips3". Die politische Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft erfolgte durch Ludwig Erhard. Jedoch lassen sich Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack nicht zur Freiburger Schule rechnen, obwohl ihr Konzept von den Vorstellungen der Freiburger Schule deutlich geprägt ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nicht nur ökonomische Überzeugungen, sondern vielmehr vier Forschungsgebiete zur Entstehung des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft beigetragen haben4. Diese werden im folgenden erläutert:
1. Eine wesentliche Richtung war die nachmarxistische Kapitalismusforschung, die zwischen 1900 und 1930 einzuordnen ist. Die Theorie von Karl Marx, der für eine kommunistische Gesellschaft eintrat, in der jeder nach seinen Fähigkeiten für das Gemeinwohl sorgte und dafür nach seinen Bedürfnissen entlohnt werden sollte, unterlag scharfer Kritik. Die Kapitalismusforschung untersuchte wissenschaftlich seine Theorien und Theoreme und konnte sie eindeutig widerlegen, wie beispielsweise die Ausbeutungstheorie5. Daraufhin wandten sich die Anhänger von Karl Marx stärker seiner Ideologienlehre zu. Die nachmarxistische Kapitalismusforschung konnte aber auch positive Erkenntnisse erlangen, die Ansätze für spätere Wirtschaftsordnungen, -stile und -verfassungen lieferten6. Als Beispiel lässt sich der österreichische Nationalökonom Josef Alois Schumpeter aufführen, der sich mit der Funktionsanalyse des dynamischen Unternehmers befasste, welcher mit Innovationen einen Konjunkturaufschwung herbeiführen kann7. In seinem berühmten Werk ,,Capitalism, Socialism and Democracy", versuchte er die Perspektiven des Marxismus mit seinen eigenen ökonomischen Vorstellungen in Beziehung zu setzen.
2. Ebenso wichtiger Ansatzpunkt der Sozialen Marktwirtschaft ist das Menschenbild unserer Gesellschaft, das von der wissenschaftlichen und philosophischen Anthropologie beeinflusst wurde. Die Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen, die sich mit seinem Ursprung, seiner Entwicklung und Natur, sowie auch seiner Kultur befasst. Die wissenschaftliche Anthropologie betrachtete den Menschen weder rein idealistisch, also nur vom Geiste bestimmt, noch ausschließlich naturalistisch, wie beispielsweise Charles Darwin und Karl Marx8, die den Menschen fest an eine Klasse, Nation oder die Natur gebunden sahen. Die philosophische Anthropologie untersucht Natur und Wesen des Menschen hinsichtlich seiner Beziehung zur Umwelt, sowie dem Sinn und Ziel seiner Existenz. Der Mensch wird als Subjekt und nicht als Objekt verstanden. Die Anthropologie sieht den Menschen in eine reale, geschichtliche Situation hineingeboren, die er sich nicht aussuchen kann. Jedoch besteht die Möglichkeit die Situation als frei handelndes Wesen durch eigenes Zutun zu verändern. Der Mensch kann prinzipiell seine Zukunft selbst gestalten9.
[...]
1 Vgl. Grosser, D. u.a. (1988), S.6.
2 Goerdeler, C. (1941): Das Ziel: Beseitigung der Kollektivwirtschaft (1941), zitiert nach: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Grundtexte zur sozialen Marktwirtschaft, Stuttgart 1981, S.13-14.
3 Grosser, D. u.a. (1988), S.1-2.
4 Vgl. Grosser, D. u.a. (1988), S.6-7.
5 Diese Theorie besagt, dass eine positive Wertdifferenz besteht, indem was eine Arbeiter leistet und produziert und was ein Kapitalist für die Arbeitskraft bezahlt. Die Ausbeutung besteht im Mehrwert dieser Differenz, die der Kapitalist behält, aber rechtmäßig dem Arbeiter zusteht. Daraus folgerte Marx die Ausbeutung der Arbeiterklasse.
6 Vgl. Grosser, D. u.a. (1988), S.7.
7 Schumpeter war der Meinung, dass eine statische Theorie das Wirtschaftsleben nur ungenügend abbildete. Für ihn spielte der Unternehmer in einer dynamischen Wirtschaft eine wichtige Rolle. Der Unternehmer bewirkt durch Innovationen eine wirtschaftliche Entwicklung und somit einen Fortschritt. Kostenvorteile und letztendlich Gewinn versucht der dynamische Unternehmer durch Kombination von Produktionsfaktoren zu erzielen.
8 Im Marxismus wird das Bewusstsein des Menschen durch die Wirklichkeit geprägt und nicht umgekehrt.
9 Vgl. Grosser, D. u.a. (1988), S.8.
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