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11. März 2004 - Madrid im Spiegel der Presse: Eine vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattung über den Terroranschlag in den Printmedien "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Frankfurter Rundschau" und "New York Times"

Autor: Dipl.-Soz. Jan Mewes
Fach: Soziologie - Medien, Kunst, Musik

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Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 146
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 60  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 693 KB
Archivnummer: V62050
ISBN (E-Book): 978-3-638-55371-1
ISBN (Buch): 978-3-638-70986-6
Anmerkungen :
Anhand einer empirischen Inhaltsanalyse aller 267 Artikel aus den Tageszeitungen ‚New York Times’, ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung’ und ‚Frankfurter Rundschau’, die im Zeitraum vom 12. März bis 11. Mai 2004 Bezug auf den Anschlag von Madrid genommen haben, beleuchtet die Arbeit die printmediale Konstruktion des aus europäischer Sicht einschneidendsten islamistischen Terroranschlags seit dem 11. September 2001.

Zusammenfassung / Abstract

Am Morgen des 11. März 2004 detonierten in Madrid nahezu gleichzeitig Sprengladungen in vier Pendlerzügen, die zu dieser Zeit in den Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia Halt machten. Dabei kamen 191 Menschen ums Leben, weitere 1400 wurden verletzt. Ging die die damalige konservative spanische Regierung unter Aznar kurz nach dem Anschlag noch davon aus dass die baskische Untergrundorganisation ETA für den Anschlag verantwortlich zeichne, so erwiesen sich alsbald Terroristen mit islamistischem Hintergrund als Urheber der Tat. Jan Mewes geht in seiner Studie der Frage nach, wie deutsche und amerikanische Qualitätszeitungen über den schwerwiegendsten islamistischen Terroranschlag auf westlichem Boden seit dem 11. September 2001 berichten. Auf Basis einer detailreichen und vergleichenden Inhaltsanalyse aller 267 Artikel, die im Zeitraum von zwei Monaten nach dem Attentat in den Tageszeitungen "New York Times", "Frankfurter Rundschau" und "FAZ" erschienen sind, wird untersucht, welchen Ereignisaspekten besondere mediale Aufmerksamkeit zuteil wird. Das Hauptaugenmerk gilt dabei der Frage, welche Rolle der von George W. Bush ausgerufene "war on terrorism" in der journalistischen Berichterstattung spielt. Werden in den Artikeln Parallelen zwischen den Anschlägen von Madrid und 9/11 gezogen, und wenn ja, zeigen sich hier Unterschiede zwischen den untersuchten Zeitungen? Werden Tat und Täter im deutsch-amerikanischen Vergleich unterschiedlich bezeichnet? Richtet die US-amerikanische Berichterstattung ihren Fokus auf andere Themen als die der deutschen Blätter? Weiterhin untersucht der Autor, ob Printmedien auf mögliche strukturelle Hintergründe des islamistischen Terrorismus eingehen oder ob sie lediglich Schlaglichter auf die Biographien der beteiligten Täter werfen. Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt auf der Analyse der journalistischen Darstellung über die proklamierten religiösen Tatmotive. Inwiefern differenzieren die Tageszeitungen zwischen islamischem Glauben einerseits und islamistisch motiviertem Terrorismus andererseits? Um diese Fragen zu beantworten, bemüht der Autor sowohl soziologische als auch historische Erklärungsansätze des islamistischen Terrorismus und stellt diese den Realitätskonstruktionen der untersuchten Printmedien gegenüber.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Diplomarbeit

11. März 2004 -
Madrid im Spiegel der Presse:
Eine vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattung
über den Terroranschlag von Madrid in den Printmedien
′Frankfurter Allgemeine Zeitung′, ′Frankfurter Rundschau′
und ′New York Times′

eingereicht von:
Jan-Mathias Mewes

2005

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 5

Kapitel 1:Terrorismus als soziales Problem ... 7
1.1 Soziale Probleme als Zustand ... 7
1.2 Die Konstruktion sozialer Probleme ... 8

Kapitel 2: Was ist Terrorismus? ... 11

Kapitel 3: Die Bewegung des islamischen Fundamentalismus ... 17
3.1 Politologische und soziologische Antworten auf das Phänomen des islamischen Fundamentalismus ... 21
3.2 Der islamische Fundamentalismus in Europa ... 26
3.3 Warum Spanien? ... 27
3.4 Terrorismus und islamischer Terrorismus – eine Zusammenfassung der bisherigen Diskussion ... 29

Kapitel 4: Massenmedien und Nachrichtenselektion ... 31
4.1 Massenmedien und die Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit ... 31
4.2 Die Nachrichtenselektion ... 33
4.3 Die Nachrichtenwerttheorie ... 34

Kapitel 5: Die Darstellung von Terrorismus in den Massenmedien ... 41

Kapitel 6: Methodisches Vorgehen ... 48
6.1 Die Methode der Inhaltsanalyse ... 48
6.2 Die hier verwendeten Verfahren der Inhaltsanalyse ... 50
6.3 Stichprobe und Grundgesamtheit in der vorliegenden Inhaltsanalyse ... 51
6.4 Beobachtungszeitraum und Auswahlkriterien ... 51
6.5 Die Ziehung der Stichprobe ... 53
6.6 Die untersuchten Tagezeitungen ... 54
6.7 Hypothesen und Kategorien ... 55

Kapitel 7: Ergebnisse ... 68
7.1 Umfang und Darstellungsformen ... 68
7.2 Nachrichtenagenturen ... 72
7.3 Fotos und graphische Darstellungen ... 73
7.4 Die Thematisierung der spanischen Regierungswahlen ... 73
7.5 “war on terrorism” ... 75
7.6 Umfang der Berichterstattung ... 78
7.7 Personalisierung ... 82
7.8 Parteienbias in der deutschen Presse? ... 83
7.9 Negativismus ... 84
7.10 Motive und Ursachen bezüglich des Anschlags ... 85
7.11 Links-Rechts-Berichterstattung in der deutschen Presse? ... 90
7.12 ‘Affective labeling’ ... 91
7.13 Anonyme Quellen in der Berichterstattung ... 99
7.14 Zusammenfassung der Ergebnisse ... 101

Kapitel 8: Zusammenfassung und Diskussion ... 06

Literatur ... 109
Anhang 1: Kodierbuch ... 113
Anhang 2: Kodieranweisungen ... 137

 

Einleitung

Am Morgen des 11. März 2004 detonierten in Madrid nahezu gleichzeitig Sprengladungen in vier Pendlerzügen, die zu dieser Zeit in den Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia Halt machten. Dabei kamen 191 Menschen ums Leben, weitere 1400 wurden verletzt. Das Attentat wird gegenwärtig der ‚Marokkanischen Islamischen Kampfgruppe’ zugerechnet, die wiederum mit dem Terrornetzwerk ‚Al Qaida’ in Verbindung gebracht wird1. Nach dem 11. September 2001 war das Attentat von Madrid der erste schwere, islamischen Fundamentalisten zugerechnete, Anschlag auf ‚westlichem’ Boden und überdies die erste ernsthafte Manifestation der stets ernst genommenen ‚islamistischen’ Bedrohung in Europa. Wie kein anderer Terroranschlag hatte der amerikanische ‘9/11’ zuvor das Gedächtnis der Öffentlichkeit geprägt (vgl. Waldmann 2002, 7). Im Zuge der massenmedialen und wissenschaftlichen Perzeption des Anschlags von New York kam es dementsprechend zu einer „wahren Publikationsflut“ (Imbusch 2002b, 143). Inwiefern hat sich diese intensive Auseinandersetzung mit den Hintergründen des 11. September auf die nachfolgende massenmediale Informierung der Öffentlichkeit bezüglich terroristischer Machenschaften ausgewirkt?

Ziel dieser Studie ist es, anhand der Inhaltsanalyse ausgewählter Textmerkmale von Zeitungsartikeln über das Attentat von Madrid einen Ausschnitt der printmedialen (Re)Konstruktion des Ereignisses zu beleuchten und somit eine Antwort auf oben gestellte Frage geben zu können. Auf welche Ereignisaspekte konzentriert sich die Berichterstattung? Zeigen sich Unterschiede im Vergleich der untersuchten Tageszeitungen? Wenn ja, woher rühren diese? In dieser Arbeit erfolgt zuerst aus einer soziologischen und historischen Perspektive heraus eine Darstellung des Problems des (islamistischen) Terrorismus. Die so entwickelte Problemskizze soll im Anschluss anhand meines entwickelten inhaltsanalytischen Instruments mit der printmedialen Darstellung der Ereignisse des 11. März verglichen werden.

Zunächst werde ich in Kapitel 1 meine Entscheidung darlegen, Terrorismus als soziales Problem zu charakterisieren. Bezüglich der Definition des Begriffs ‚soziales Problem’ werde ich zwei Forschungstraditionen berücksichtigen: So diskutiere ich sowohl die objektivistische als auch die konstruktionistische Perspektive auf soziale Probleme, wobei sich beide Ansätze als fruchtbar für die vorliegende Arbeit erweisen.

Die Bestimmung des Begriffs ‚Terrorismus’ ist das Thema von Kapitel 2. Dabei nähere ich mich dem Phänomen aus einer historischen, psychologischen und soziologischen Perspektive heraus an. Es soll deutlich werden, dass es derzeit weder eine einheitliche und unstrittige Begriffsdefinition gibt, noch dass es eine Theorie des Terrorismus gibt, die in der Lage ist, alle als ‚Terrorismus’ bezeichneten Phänomene zu integrieren. Deshalb werde ich – dieses Kapitel abschließend – meine Entscheidung darlegen, Terrorismus als ‚modus operandi’ – als Kampfmethode – zu verstehen.

An diesen Entschluss anknüpfend beschreibe ich in Kapitel 3 die soziale Bewegung, in deren Händen die im vorigen Kapitel charakterisierte Kampfmethode am 11. März 2004 ihre grausame Wirkung entfaltet hat. Wie und wann entstand die Bewegung des islamischen Fundamentalismus, aus deren Reihen sowohl die Terroristen des 11. September 2001 als auch des 11. März 2004 hervorgingen? Bezüglich dieser Frage werde ich sowohl historische, sozialpsychologische als auch strukturelle Erklärungsansätze und Theorien beleuchten. Des Weiteren soll dieses Kapitel Aufschluss darüber geben, wie verbreitet das Phänomen des islamischen Fundamentalismus in Europa ist und warum Spanien Zielscheibe des Terrors war. In Kapitel 4 werde ich erläutern, welcher Begriff von Massenmedien in dieser Arbeit Verwendung findet. Sodann rücken die Kriterien der journalistischen Nachrichtenselektion in den Vordergrund. Wann wird ein Ereignis zur Nachricht?

Nachdem ich im Rahmen der Nachrichtenwerttheorie die allgemeinen Nachrichtenfaktoren skizziert habe, wird Kapitel 5 auf den konkreteren Fall ‚Terrorismus in den Massenmedien’ eingehen. Was macht überhaupt –zynisch gefragt– einen Terroranschlag berichtenswert? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Anzahl und Qualität von terroristischen Attentaten und massenmedialer Berichterstattung? Und, im Rahmen dieser Arbeit besonders hervorzuheben: Welche Aspekte des Problems Terrorismus rücken in den Fokus der Massenmedien? Kapitel 6 legt die Methodologie der hier durchgeführten Inhaltsanalyse dar. Einem generellen Abriss der möglichen und verwendeten inhaltsanalytischen Verfahren folgt die Beschreibung der gezogenen Stichprobe von Zeitungsartikeln. Im Anschluss stelle ich die generierten Forschungshypothesen vor, die an die vorher diskutierten theoretischen Überlegungen anknüpfen.

Finden die formulierten Hypothesen empirische Erhärtung? Wie homogen erweist sich die Berichterstattung über den 11. März, sowohl intramedial als auch intermedial? Darauf soll die Auswertung der erhobenen Daten in Kapitel 7 Aufschluss geben. Kapitel 8 schließlich fasst die wichtigsten Ergebnisse dieser Inhaltsanalyse zusammen und diskutiert diese kritisch.

Kapitel 1:Terrorismus als soziales Problem

Die Tatsache, dass beim Bombenattentat in Madrid am 11. März 2004 191 Menschen getötet wurden, kann vorschnell zu der Annahme führen, dass es sich dabei zwangsläufig um ein ‚Problem’ handeln muss. Einige nicht-soziologisch informierte Leser werden sich nun wahrscheinlich fragen, was es mit dieser –scheinbar– zynischen Aussage auf sich hat. Allein die Bemühung des quantitativen Arguments reicht hier jedoch nicht aus, denn ich möchte zu bedenken geben, dass in vielen autoritären Regimes deutlich mehr Menschen den Tod in Gefängnissen und Konzentrationslagern finden bzw. fanden, ohne dass diese Tatbestände in den betroffenen Ländern öffentlich thematisiert und problematisiert werden/wurden. Die Frage ist also, was ein soziales Problem ist und wer bestimmt, welche Phänomene in derartiger Weise zu bezeichnen sind.

Diesbezügliche wissenschaftliche Ansätze lassen sich hinsichtlich ihrer Definition von sozialen Problemen in sehr generalisierender Weise in zwei ‚Lager’ aufteilen: In diejenigen, die soziale Probleme als Zustände behandeln (‚Objektivisten’), und in solche, die soziale Probleme als Resultate von Konstruktionsprozessen (‚Konstruktionisten’) auffassen.

1.1 Soziale Probleme als Zustand

In dieser Perspektive erscheint ein soziales Problem “[as] some ‘thing’ that may be studied, measured, and, in one way or another, manipulated or changed” (Hartjen 1977, 6). Ein solcher Ansatz erlaubt, neben der Möglichkeit der deskriptiven Erfassung der ‚Problemlage’, die Erforschung von Ursachen und Lösungsmöglichkeiten. Außerdem steht bei dieser Sichtweise auch stets die Frage im Vordergrund, wie sich ein –womöglich latentes– soziales Problem von einem ‚Nichtproblem’ oder einem Scheinproblem unterscheiden lässt. In der Tradition Fuller/ Myers’ lässt sich diese Unterscheidung treffen, indem man fragt, ob der ins Auge gefasste ‚Zustand’ “defined by a considerable number of persons as a deviation from some social norms which they cherish” (Fuller/ Myers 1941, 320) ist. Erst dann könne von einem sozialen Problem die Rede sein. Fraglich bleibt aber, was es bedeutet, wenn die Autoren von einer bedeutenden Anzahl von Personen reden.

Die meisten Ansätze dieser Forschungstradition verstehen unter dem Begriff ‚soziales Problem’ also die Erfassung eines objektiven Problemzustands und dessen subjektive Definition in der Gesellschaft. Hinsichtlich der Frage, wer die Identifikation des jeweiligen ‚objektiv’ problematischen Sachverhalts leisten kann, divergieren die Auffassungen beträchtlich. Fuller/ Myers verweisen dabei z.B. auf einen „unparteiischen und geschulten Beobachter“ (zit. nach Albrecht 1977, 146). Am weitesten geht dabei wohl Manis, der der Wissenschaft eine herausragende Rolle bezüglich der Identifikation von sozialen Problemen zuschreibt: “Social problems are those social conditions identified by scientific inquiry and values as detrimental to human well-being” (1976, 25).

Manis’ Vorschlag macht somit eine Richtlinie möglich, die es erlaubt, Scheinprobleme von tatsächlichen zu unterscheiden. Des Weiteren entlässt eine derartige Perspektive die Wissenschaftler aus ihrer –limitierten– „Rolle als ‚Diagnostiker“ (Albrecht 1977, 157). Zweifelsohne bieten Ansätze, die soziale Probleme als Zustände betrachten, den Vorteil kausaler Problemanalysen. Von der Annahme ausgehend, dass islamistische Terroristen tatsächlich für die Madrider Attentate verantwortlich zeichnen, werde ich deshalb später das soziale Problem des islamischen Fundamentalismus beleuchten, in dessen ‚Dunstkreis’ islamistische Terrororganisationen entstehen. Damit werde ich sozusagen den Problem-‚Zustand’ beschreiben, wie ihn ausgewählte Historiker, Religionswissenschaftler und Soziologen als gegeben betrachten. Hingegen eignen sich für die hier vorgestellte Inhaltsanalyse Ansätze, die soziale Probleme als Zustände verstehen, weniger gut als die nachfolgend dargestellten konstruktionistischen Perspektiven. Diese Überlegung erklärt sich insbesondere aus Manis’ Forschungsperspektive: Einrichtungen der Massenmedien operieren eben nicht mit dem Code des Wissenschaftssystems2. Nach Manis aber können Nachrichten und Magazine nur dazu beitragen, von der Wissenschaft bereits identifizierte soziale Probleme aufzugreifen, zumindest solange es sich dabei um tatsächliche soziale Probleme handelt.

Obschon ich mir bewusst bin, dass ich mit Manis den in dieser Hinsicht ‚strengsten’ der ‚Objektivisten’ für meine Argumentation bemühe, denke ich, dass die Dringlichkeit der Analyse von massenmedialen Thematisierungsprozessen und -routinen augenfällig ist. Denn ob es sich bei den dort dargestellten Sachverhalten um tatsächliche oder um scheinbare Probleme handelt, ist egal, solange das Publikum die massenmedial mitgeteilten Informationen nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleicht. Bevor ich dazu später auf die Nachrichtenselektion im Journalismus eingehe, möchte ich mich im Folgenden konstruktionistischen Ansätzen in der Soziologie sozialer Probleme zuwenden.

1.2 Die Konstruktion sozialer Probleme

Die Schwierigkeiten der oben genannten Perspektiven auf soziale Probleme bestehen darin, dass die Soziologie sozialer Probleme in der Gefahr ist, „unhinterfragt entweder normative Standards zu übernehmen oder diese willkürlich zu setzen“ (Groenemeyer 2001, 6). Konstruktionistische Forschungsansätze blenden deshalb die Wertideen, die Konflikten zwischen Gruppen mit verschiedenen Werten und Ideen zugrunde liegen, bei ihrer Analyse der Problemkarrieren aus (ebd., 7).

In einem gemäßigten konstruktionistischen Ansatz kann man sich nun fragen, auf welche Formen institutionalisierten Handelns das jeweils zu analysierende Problem zurückzuführen ist (vgl. z.B. Berger/ Luckmann 2003). Noch ergibt sich hier eine Schnittstelle zu oben genannten Perspektiven, die soziale Probleme als Zustände beschreiben. Dieser Bezug lässt sich anhand einer Aussage Durkheims vergegenwärtigen: „Tatbestände [frz. faits] einer gewissen Ordnung wie Dinge [frz. ‚choses’] zu behandeln, bedeutet also nicht, sie in diese oder jene Kategorie des Seienden einzureihen, es bedeutet nur, dass man ihnen gegenüber eine bestimmte geistige Haltung einnimmt“ (Durkheim 1976, 90; Hinzufügungen J.M.). Das betrachtete ‚Problem’, ein soziologischer Tatbestand in diesem Sinne, ist in der Lage, „auf den einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben“ (ebd., 114). Dieser Erkenntnis tragen auch die meisten ‚Objektivisten’ Rechnung, vor allem, wenn sie sich im Rahmen der empirischen Sozialforschung mit den „sehr realen Folgen“ soziologischer Tatbestände beschäftigen, „die man nicht beliebig wegdefinieren kann“ (Albrecht 2001, 143).

In der vorliegenden Analyse beziehe ich mich jedoch auf den weniger gemäßigten Ansatz Schetsches. Seine Definition eines sozialen Problems umfasst „alles, was von kollektiven Akteuren, der Öffentlichkeit oder dem Wohlfahrtsstaat als solches angesehen und bezeichnet“3 wird (nach Groenemeyer 1999, 17). Schetsche nennt acht Typen kollektiver Akteure: Betroffene, Advokaten, Experten/ Professionelle, Problemnutzer (Verbände, Parteien, Interessengruppen), soziale Bewegungen, Moralunternehmer, Massenmedien und den (Wohlfahrts- )Staat. Den Massenmedien sowie den sozialen Bewegungen misst Schetsche jeweils die größte Bedeutung hinsichtlich ihrer Definitionsmacht bei (nach Groenemeyer 1999, 19). Ich möchte betonen, dass ich Schetsches Definition sozialer Probleme lediglich verwende, um mich deren massenmedialen Konstruktionen zuwenden zu können.

Diese Perspektive lenkt also den Blick auf die Definitionsprozesse bzw. Diskurse, die darüber entscheiden, ob ein soziales Problem vorliegt, wie gravierend es ist und was sich daraus als Konsequenz ergibt. Soziale Probleme sind für Konstruktionisten mithin “claims-making activities“ (J. Best, zitiert nach Albrecht 2001, 120).

[...]


1 So das Fazit der in dieser Arbeit untersuchten Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und der New York Times.

2 Im Luhmannschen Sinne lässt sich sagen, dass die gesellschaftliche Funktion des Systems der Wissenschaft im Aufbau und in dem Gewinn neuer Erkenntnisse besteht, wobei das System vermittels des Kommunikationsmediums der Wahrheit operiert (vgl. Baraldi/ Corsi/ Esposito 1999, 211). Dahingegen ist der Code des Systems der Massenmedien die Unterscheidung von Information und Nichtinformation (Luhmann 1996, 36).

3 Mir scheint nicht ganz klar, wieso Schetsche sich lediglich auf den Wohlfahrtsstaat bezieht.

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